Literaturbesprechungen


Zu dieser Rubrik

Der Aphorismus hat es – wem sagen wir das? – auch in der kritischen Berichterstattung schwer. Dem wollen wir mit einer neuen Rubrik auf unserer Website entgegenwirken. Sie soll zugleich der kritischen Information unserer Mitglieder dienen. In unregelmäßigen Abständen werden Sie an dieser Stellen mal kurze Anzeigen, mal größere Rezensionen zu dem, was sich in der Welt an Aphoristischem tut, lesen.

Wir vom Vorstand stellen hier das eine oder andere ein. Wir laden aber besonders alle Mitglieder ein, sich an dieser Seite zu beteiligen. Was wir uns allerdings dabei wünschen: keine Gefälligkeitsrezensionen, keine sachlich verbrämten Animositäten.


 

Übersicht der Besprechungen

 



Jürgen Wilbert zu:
Christian Uri Weber: „Gedanken auf Glatteis – Neue Aphorismen und Bilder, Notschriften Verlag, Radebeul 2019. ISBN 978-3-945481-75-2

Der Autor, geboren in Dresden, studierte 1964 bis 1970 Theologie und klinische Psychologie und war ab 1973 beim Aufbau und der Leitung einer Einrichtung des Gesundheitswesens in kirchlicher Trägerschaft tätig. Seit 1984 lebt und arbeitet Weber in Radebeul. Er ist freischaffend als Literat und bildender Künstler tätig und hat Kurzgeschichten, Gedichte und Aphorismen in verschiedenen Verlagen veröffentlicht. In seiner jüngsten Veröffentlichung sind wieder eigene Bilder, schwarz-weiß und farbig, abgedruckt. Das in den Kurztexten aphoristisch beackerte Themenfeld ist breit gefächert: von prinzipiellen Erziehungsfragen bis hin zu aktuellen Problemen des Weltgeschehens. So kritisiert er „Parteien, die gegen Flüchtlinge hetzen“ , denn sie sind für ihn „Trojanische Pferde im eigenen Land; weil sie Leute, die als Freunde kommen, zu Feinden machen.“ (S. 42) Zur Erziehung äußert er sich so: „Die Fehler der Erziehung des ersten Kindes versucht man beim zweiten durch andere zu korrigieren.“ (S. 32) Systemkritisch beklagt er den „Untergang des Abendlandes“: „- die Wegweiser der Kirchtürme werden von denen der Banken abgelöst.“ (S. 44) Die moderne Netzgesellschaft wird von ihm gleichermaßen realitätsnah wie wortwitzig aufs Korn genommen: „Es ist schon mancher verloren gegangen, weil er im Netz seine Heimat fand.“ (S. 44)
Zu seinem ureigenen Themenbereich KUNST / KÜNSTLER sind ihm solche prägnanten Aphorismen eingefallen: „Ein Künstler ist wie eine Kerze – Wachs und Docht sind sein Talent – Inspiration die Flammen.“ (S. 54) „Privatmuseen sind armselige Versuche, sich selbst heilig zu sprechen.“ (S. 56) Nicht immer passen jedoch das Bild und die Texte so gut zusammen wie auf den Seiten 62 und 63: „Das Überraschende am Alter ist, dass man sich selbst näher kommt, als man eigentlich wollte.“ (Beachte dazu die Abbildung „Die Kunst, Verborgenes zu sehen“)
Auch wer das Themenfeld der zwischenmenschlichen Beziehungen favorisiert, kommt mit Webers Aphorismen-Bändchen auf seine Kosten: „Es gibt so innige Liebesbriefe, als hätte sie der Absender an sich selbst geschrieben.“ (S. 4) Das Thema des Alterns wird ebenfalls selbstironisch, aber gleichsam mit Augenzwinkern kommentiert: „Kein Tag geht an uns vorüber, immer durch uns hindurch.“ (S. 6) Ein meines Erachtens eher gewöhnungsbedürftiges Bild wählt er im folgenden Notat: „Um nicht zu vergessen, wer wir sind, sollten wir die Nabelschnur ständig um den Hals tragen.“ (S. 16) Etwas vereinfachend kommt dieser Aphorismus daher: „Die Welt ist nicht krank – nur ihr Geist ist gestört.“ Und rein wortwitzig, ja kalauernd ist dieser Satz zu verstehen: „Für die einen sind es Gedankensprünge – für die anderen ein Sprung in der Schüssel.“
Was die Bildauswahl betrifft, so fallen manche S-W-Zeichnungen – etwa die auf den S. 9, 21, und 37 – doch ab im Vergleich zu den ausdrucksstarken farbigen Abbildungen z. B. auf den S. 7, 27 und vor allem zu dem Titelbild „Wirrwarr“ auf dem Cover. Für den Schreibenden wie Lesenden besonders wohltuend, da entlastend, ist diese aphoristische Definition: „Perfektion ist der Versuch, Anerkennung zu erzwingen.“ (S. 16) Am Ende des Buches auf S. 58 finden wir diverse denkwürdige Sinnsprüche zum Thema RELIGION, hier nur zwei Beispiele: „Eine fehlende Religion ist wie eine Amputation – die meisten suchen sich Prothesen.“ / „ Im Zweifel – für den Glauben.“
Mit diesem Aphorismus (S. 32) wagt Weber einen eher düsteren Blick in die Zukunft: „Unsere Kinder sollten es in Zukunft besser haben – jetzt haben sie es besser, aber die Zukunft hat sich verabschiedet.“
Das ansprechend gestaltete Bändchen umfasst 65 Seiten und ist 2019 im Radebeuler Verlag „NOTschriften“ erschienen (www.notschriften.com).

JWD / 17.02.20

 

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Alexander Eilers über:
Späne von der Werkbank – Volker Brauns Handstreiche

Blühende Landschaften, wo einst Fabriken standen. Das ist die Welt, in die uns der schon zu DDR-Zeiten auf beiden Seiten der Mauer gelesene Dramatiker, Erzähler und Lyriker Volker Braun in seinen 2019 bei Suhrkamp erschienenen Handstreichen entführt. In drei Abschnitte aufgeteilt, dreht sich der 90 Seiten starke Band um den „Sinn und Unsinn der Arbeit“ sowie um das „Machwerk der Menschheit“, wobei die Kurzgeschichte „Die Flut in der Leidsestraat“ als Bindeglied zwischen den 2005–2007 und 2015–2017 entstandenen Hauptkapiteln dient.
Enthält das erste „Worte aus der Werkzeugtasche“, die zum zeitgleich verfassten Schelmenroman Machwerk. Oder: Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer (2008) gehören, so kommt es im zweiten zu „Ausschreitungen auf dem Papier“. Gemeinsam bilden sie eine Sammlung aphorismenartiger Kurztexte variierender Länge. Obwohl sie Vertrautheit mit der Form erkennen lassen, was die Bezugnahme auf klassische Gattungsvertreter wie Joubert, Rivarol, Kafka oder Benjamin beweist, handelt es sich bei ihnen nicht um „Maximen[, n]och weniger um Refexionen“ (S. 14). Stattdessen begreift sie der in fortwährendem Dialog mit seiner Romanfigur Flick stehende Autor mal als „Handgriffe, Fingerzeige, Rippenstöße“ (ebd.), mal – und hier darf man sich an einen fast gleichnamigen Band von Ulrich Erckenbrecht erinnert fühlen – als „Maximen und Moritzen“ (ebd.). Hinzu kommt, dass der bewusst auf die Genrebezeichnung ‚Aphorismen‘ verzichtende Buchtitel Peter Handke entlehnt wurde (vgl. S. 34), der sich in seinem Gedankentagebuch Am Felsfenster morgens (1997) in ähnlicher Weise von der moralistischen Tradition distanziert hat: „Maximen und Reflexionen? Nein, eher Reflexe; Reflexe, unwillkürliche, gleichwohl bedachtsame; Reflexe, die aus einer Bedachtsamkeit kommen, einer grundsätzlichen, und in deren Folgen hin und wieder ausschwingen, auch ausschwingen wollen, über den bloßen Reflex hinaus, soweit der Atem reicht.“
Was Braun vorlegt, sind also keine Gedankensplitter, sondern Späne von der Werkbank. In mehrfacher Hinsicht als ‚aufhebenswert‘ erachtet, dokumentieren sie zum einen die Arbeit an einem größeren literarischen Projekt, zum anderen die Suche nach neuem Erzählstoff: „Einen großen Satz machen, über das Ende der Zeile hinaus. In eine andere Geschichte“ (S. 25). So kommt es nicht von ungefähr, dass Meister Flick, ein umtriebiger, unfreiwillig in den Ruhestand versetzter Tagebau-Dispatcher aus der Niederlausitz, zu Brauns Alter ego avanciert: „Kohlevorkommen, Sprachvorkommen: die Ausbeute“ (S. 14). Denn wie dieses ‚Arbeitstier‘, das bei Havarien „ruhig Hand anlegt[e]“ (S. 10), um die Bagger, Eimerketten und Förderbänder wieder zum Laufen zu bringen, erträgt es der Georg-Büchner-Preisträger von 2000 nicht, wenn etwas stehen- oder liegenbleibt – sei es das eigene Werk, sei es der Umbau der Gesellschaft. Entsprechend gibt er in Handstreiche nicht nur eine Anekdote wieder, in der ihn sein Altersgenosse Handke – auf einer Treppe hockend – mit der rückhaltlos-doppelbödigen Frage „Was fangen wir nun an?“ (S. 58) konfrontiert. Vielmehr geht der Verfasser auch auf die Motive seiner „Unrast“ (S. 36) ein: „Das Verändernwollen! Damit dann Ruhe ist. Die bessere Welt. Das ganze Treiben aus Trägheit, Bequemlichkeit“ (S. 36).
Hatte er aber noch Mitte der siebziger Jahre, z.B. in der Notatesammlung Es genügt nicht die einfache Wahrheit (1975), von der ‚arbeitenden Geschichte‘ gesprochen, in der sich der „entfremdete Mensch“ (Marx) weniger als Produkt denn als Produzent der sozialen Umstände wähnen durfte, so ist nun – nach dem Fall der Mauer – Ernüchterung eingekehrt. In der von Stilllegung und Abriss beherrschten „Folgelandschaf[t], und -gesellschaf[t]“ (S. 14) fühlt er sich Braun ebenso nutzlos wie die Titelfigur seines Romans: „Wir stehen an der Abbruchkante der Geschichte. Unsere Erfahrung: die Verwerfung“ (S. 12). Obwohl die „Apparatur“ der beiden „soweit in Ordnung [ist]“, sind sie „moralisch verschlissen“ (S. 22), weshalb sie sich als „alt[e] Narren“ (ebd.) nach Zeiten zurücksehnen, in denen Widersprüche noch Hoffnungen und Utopien noch Oasen waren: „Wir kannten nützliche und schädliche Arbeit und wußten beizeiten, aber zu spät zu unterscheiden. Seit aber die Proteste verraucht sind wie der Staat und alle seine Zeichen, wird das Elend gewürdigt als Naturereignis. Man schuckt den Dreck und nimmt das Gift“ (S. 16).
Doch bei allen Gemeinsamkeiten existieren auch Unterschiede zwischen den beiden. Nicht nur, dass der Autor um die unüberbrückbare Kluft von Hand- und Kopfarbeit weiß: „Flick bringt die Sache in Ordnung, ich bringe sie durcheinander. Er sucht die Teile zusammen, ich die Gegenteile. Paradox!“ Seiner Solidaritätsadresse an die Werktätigen ist ebenfalls das schlechte Gewissen beigemischt, als Schriftsteller nicht aktiv am Traum der „andere[n] Arbeit“ (S. 16) mitgewirkt zu haben: „Flick machte, wie wir wußten, nicht viel Worte. Darin war er Meister. Wir redeten natürlich zu viel, ganze Sätze. Wir Stifte“ (S. 62).
Ob jedoch der marode Arbeiter- und Bauernstaat zu erneuern gewesen wäre, wenn Braun die Feder gegen eine Werkzeugtasche eingetauscht hätte, ist zu bezweifeln. Schließlich herrschte im Osten kein Mangel als Produktivkräften, wohl aber ein Mangel an Produktionsmitteln, so dass alle Eingriffe in das System „Reparaturen, Flickwerk, Rettungsversuche der unheilen Welt“ (S. 15) geblieben wären. Zwar ehrt es Braun, dass er sich „in Wendezeiten“ als „Grader“ (S. 17 ) erwies – besonders, als er in seiner Elegie „Das Eigentum“ (1990) den Exodus aus den Neuen Bundesländern mit den vielzitierten Worten „Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen / KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN“ beklagte –, doch sind viele seiner Handstreiche keine „überlegte Handlungen“ (S. 34), sondern ‚ostalgische‘ Reminiszenzen: „Was denn für ein Hunger? Wir hatten andere Appetite, als man mit einer Banane abspeist“ (S. 17). Zu kritisieren ist ferner, dass er sich trotz seines hohen stilistischen Niveaus den einen oder anderen Kalauer erlaubt – „Was war meine Schuld? Ein Leben in Saus und Graus (S. 30) –, dass er zusammengehörige Reflexionen ohne Not typographisch auseinanderreißt – „In meinem ersten Raum war ich glaubenslos. Ich vertraute. Da war ich selig. // Als ich gläubig war, war ich gottverlassen“ (S. 67) – und dass er in Palimpsesten wie „Von einer Aufgabe träumen. Mitten im Unterricht“ (S. 82) deutlich hinter dem Beziehungsreichtum der Vorlage zurückbleibt: „Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit“ (Franz Kafka).
Aus aphoristischer Sicht bieten die Handstreiche daher wenig Bemerkenswertes. Zu sehr sind die enthaltenen Beiträge mit dem Machwerk-Roman verflochten, als dass sie ihren äußeren Zusammenhang vergessen machten. Im Zeitpolitischen verhaftet, erreichen sie nur selten die „Form der Ewigkeit“, die Friedrich Nietzsche zum Qualitätsmerkmal der Sentenz erhoben hat. Und so bleibt zu befürchten, dass selbst allgemeingültige Einzeiler aus dem vorliegenden Band dasselbe Schicksal ereilt wie die abgewickelten, von Flora und Fauna zurückeroberten DDR-Kombinate: „Natürlich bleibt nichts. Nichts bleibt natürlich“ (S. 89).

 

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Friedemann Spicker über:
Elazar Benyoëtz: Feindeutig. Eine Lesung. Würzburg: Königshausen und Neumann 2018, 239 S.
Gottik. Eine Lesung. Würzburg: Königshausen und Neumann 2019, 330 S.;
Nadelind. Prosamen. Würzburg: Königshausen und Neumann 2019, 190 S.;
Der eingeschlagene Umweg. Würzburg: Königshausen und Neumann 2020, 360 S.

Elazar Benyoëtz ist uns vom Deutschen Aphorismus-Archiv vielfach verbunden; zuletzt haben wir unsere Skizze über „Deutschsprachige jüdische Aphoristik“ man eine seiner Lesungen anschließen dürfen: „Auch Kürze hat ihre Maßlosigkeit“ (Brockmeyer 2015). Er hat in den letzten vier Jahren in seinem neuen Verlag Königshausen und Neumann eine rege Publikationstätigkeit entwickelt, und es ist höchste Zeit, dass wir seine jüngsten Arbeiten an dieser Stelle zumindest anzeigen. Zum Teil schließen sie an die Reihe der „Lesungen“ an, wie sie Benyoëtz seit 2012 vermehrt publizierte („Sandkronen“, 2012; „Am Anfang steht das Ziel und legt die Wege frei“, 2015; „Das Feuer ist nicht das ganze Licht“, 2015; „Beteuert und gebilligt“, 2016; „Das Kommende ist nicht in Eile“, 2017; „Was sich ereignet, findet nicht statt“, 2017; „Zitat und Zeugenschaft“, 2017; „Allsamkeit“, 2018), zum Teil sind sie ohne diese Grundlage konzipiert. Formal sind sie alle so gehalten, wie es der Benyoëtz-Leser in den letzten Jahren gewohnt ist: eine Mischung aus Lyrik, Aphorismus, Zitat, zusammen mit der Variation älterer Texte um die Mittelachse angeordnet, thematisch vertraut um Biblisch-Jüdisches, um Glaube und Zweifel, um Erinnerung, Wort und Sprache kreisend und immer wieder auch den Aphorismus selbstreferenziell bedenkend und auf den Weg des eigenen Werkes zurückblickend. Wiederaufbereitetes steht neben Lyrisch-Verrätseltem und großartigen aphoristischen Einsichten, bedingungsloses Wortspiel neben bemerkenswerten Selbstaussagen in einer Fülle, die ich im Detail nur exemplarisch an dem Letzterschienenen, „Der eingeschlagene Umweg“, zeigen kann. Der Band ist Vermächtnis und Altersrückblick, ist Impuls zur Reflexion und biblische Betrachtung, aphoristische Selbstreferenz und Poetologie, er ist von Wortgläubigkeit und Meditation wie auch von weiterführender Variation und Intertextualität geprägt und scheut auch mit Stichworten wie Islam, Judentum und Antisemitismus nicht den aktuellen Bezug; auch hier muss ich mich auf wenige Aspekte beschränken. Ich greife den autobiografischen, den intertextuellen, den poetologischen und nicht zuletzt natürlich den aphoristischen Aspekt heraus.
Für die Autobiographie, die der Autor ja bisher in sehr vielen Bruchstücken, aber nicht in einer zusammenhängenden epischen Form geboten hat, bietet der neue Band, schon durch seinen Rahmen von „Sprachlaub, urwüchsig“ (S. 7-12) bis zum „Nachwort“ (S. 334) akzentuiert, wertvolles neues Material. Stellenweise nimmt er mit seinen „Altersgedanken“ (S. 55) fast Vermächtnis-Charakter an (z. B. „Nachruf, Nachlass, Nachwelt“, S. 320). Durch die Emigration seiner Eltern auf diesen „Umweg“ gebracht (S. 7), sieht Benyoëtz sein „Schriftwerk, / in seinem Immer-von-vorn begründet“ (S. 8). Er ist mit seinem „Jerusalemdeutsch“ (S. 12) „froh, unter deutscher Dichtatur / nicht leben zu müssen“ (S. 28) und behauptet zu Recht seine singuläre Stellung zwischen den beiden Sprachen. Unaufhörlich umspielt der „Trohubadohu“, der „Buchstabelist“, ein „Dennochide“ (S. 328f.), seine dichterische Existenz, um deren Kern zu begreifen und zu vermitteln,
Der Autor stellt früheste Texte in einen neuen Zusammenhang, indem er einen herausgreift, z. B. „Sinn hat nur das Zwecklose“ (S. 187) aus „Einsätze“ (1975, S. 10), indem er zwei übernimmt (S. 196 aus „Einsätze“, 1975, S. 13) oder nur einen aus der frühen Anordnung streicht (S. 206 aus „Einsätze“, 1975, S. 20) oder auch, indem der Aphorismus jetzt gewissermaßen als Überschrift oder Thema einer Seite nicht nur grafisch mehr Gewicht bekommt, z. B. „Die Vernunft reicht nicht aus, sie genügt aber“ (S. 91) aus „Einsprüche“ (1973, S. 11) oder „Gehörig – mit Schweigen bedacht“ (S. 83) aus „Vielleicht – Vielschwer“ (1981, S. 20).Was das für die relative Isolierbarkeit des Aphorismus und eine zweite Lesung im neuen Ko-Text zu bedeuten hat, das zu analysieren, wird im Einzelnen späteren Arbeiten vorbehalten sein, hier nur ein Beispiel: „Rom wie Jerusalem / sind nur noch / über Auschwitz zu erreichen“ (S. 165), der Aphorismus, der mehrfach in seinem Werk verwendet ist („Einsprüche“, 1973, S. 60; „Einsätze“, 1975, S. 40; „Das Mehr ist gespalten“, 2007, S. 90), wird in dem Zusammenhang einer Seite, die Wilhelm Michel mit Georg Groszʼ „Christus mit der Gasmaske“ sowie die Apostelgeschichte 23, 11 zitiert, mit neuen Assoziationen angereichert. (Dort heißt es: „Wie du mich in Jerusalem bekannt hast, musst du mich auch in Rom bekennen.“; in der Übersetzung Luthers: „Denn wie du für mich Zeuge warst in Jerusalem, so mußt du auch in Rom Zeuge sein.“)
Der intertextuelle Aspekt bezieht sich natürlich in erster Linie auf fremde Texte. Mit der (variierenden) Wiederaufnahme eigener Texte kann der Autor ebenso ein Alleinstellungsmerkmal beanspruchen wie mit seiner Zitattechnik. Die Bedeutung des Zitats in der Literatur Benyoëtzʼ muss nicht eigens betont werden. (Vgl. Friedemann Spicker: „Das gerichtete Wort“ oder „Briefeschreiben als Passion und Schule“. Epistolographie und Aphoristik bei Elazar Benyoëtz. In: Elazar Benyoëtz – Korrespondenzen. Hg. von Bernhard Fetz, Michael Hansel und Gerhard Langer. Wien 2014, S. 213-227, hier S. 219-221) Zitate gehören nach eigener Aussage zu den „Eckpfeilern“ seiner Poetik („Allerwegsdahin“, 2001, S. 179). Den zahlreichen Zeugnissen für die besondere Bedeutung, die er seinem Zitieren gibt, fügt er hinzu: „Zitat – Ein Satz im Auftrag“ und reflektiert unter dieser Überschrift diverse Aspekte, so das Große im Kleinen und das Zeugnis (S. 138). Zitate beanspruchen hier nun nicht weniger als ganze Seiten-Einheiten, von einer Überschrift perspektiviert. So folgt dem Aphorismus „Meine Gedanken sind nicht meiner Meinung“ nichts als ein Zitat aus den Briefen Alexander von Villersʼ (S. 74), so steht ein Zitat des Dichters Gustav Schüler (1868-1938) ganz für sich auf einer Seite (S. 183). Schon diese beiden Namen beweisen, dass der Autor mit seinen Zitat-Zeugen höchst eigene Wege geht. Da sind Entdeckungen möglich (wenn man sich denn seine Kritik bewahrt). Richard von Schaukal (S. 269, 289, 293) etwa gehört gewiss nicht in die erste Reihe der deutschsprachigen Aphoristiker des 20. Jahrhunderts.
Für seine Poetologie, die wie stets in vielen Ansätzen Wort, Satz und Sprache, Sprechen und Schweigen reflektiert, kann ich in dem Rahmen einer kurzen Rezension nur auf den Johannes-Bezug („Im Anfang war das Wort“, Joh 1, 1-4) verweisen, der hier besonders deutlich wird und sich durch das ganze Buch zieht (S. 6-67, 82, 152, 158, 238, 274, 304).
Der aphoristische Aspekt sollte dagegen in unserem Rahmen zum Schluss betont werden. Auch mit ihm schließt der Autor an seine regelmäßigen selbstreferenziellen Texte seit den 70er Jahren an. ,Klassikerʻ der diesbezüglichen Benyoëtz-Interpetation wie „Der Aphorismus nimmt den Widerspruch vorweg, der Spruch setzt ihn voraus.“ (S. 81) etwa konnte man schon 1973 und 2000 lesen. Wieder sind das Verhältnis von „Sprachkürze und Denkweite“ (Jena Paul) („Der Aphorismus / weist den längsten Weg / und bahnt ihn mit wenigen Silben“, 86), die Ambivalenz der Genauigkeit („Alle Täuschung / beruht auf Genauigkeit“, S. 19) sowie das fraglich Apodiktische einerseits („Der Aphorismus hat alle Argumente für sich / und führt keinen einzigen an“, S. 287; „Thesen sind das Militär der Aphoristik“, S. 277) und das fraglos gefährliche Ungefähre andererseits („Am Vielleicht / verkommt die Aphoristik“, S. 259) die Aspekte, die ihn dabei unaufhörlich umtreiben: „Ein Aphorismus kann nicht / auf Biegen und Brechen stimmen, / er muss biegen und brechen“ (S. 27f.)
Dreierlei, zwei davon in schärfstem Widerspruchsverhältnis zueinander, wird künftige Interpretation dabei immer zusammenzudenken haben, Judentum, Poesie, Moralistik; in seinen eigenen Worten: „Mein Denken kommt aus der Synagoge“ (S. 56); „Es gibt kein Denken jenseits von Singen und Sagen“ (S. 51); „Das scharfe, argumentlose Denken heißt Moralistik“ (S. 51).

 

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Jürgen Wilbert über:
Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger „APHONITIONEN – Aphoristische Definitionen“ (Königshausen & Neumann: Würzburg 2019)

Der Autor, 1939 in Insterburg (Ostpreußen) geboren, ist Chemiker im Ruhestand und war in zahlreichen Wissenschaftsorganisationen tätig. Nach diversen Fachbüchern veröffentlicht er auch Aphorismenbände.
Darin kommt laut Vorwort in seinem jüngsten Buch „seine lebenslange Leidenschaft für Aphorismen“ zum Ausdruck. Nach „ Aphorismen & Zitate über Natur und Wissenschaft“ (WILEY-VCH Verlag 2013) und „K(l)eine Weisheiten“ (Brockmeyer-Verlag 2015) ist nun sein neues Buch „APHO-NITIONEN“ im Verlag Königshausen & Neumann erschienen. Fasziniert von den vielfältigen Möglichkeiten der deutschen Sprache, „der Vielfalt der Kombinationsmöglichkeiten der … Chemie nicht unähnlich“ (laut Vorwort S. 4), legt er hier eine üppige Auswahl von „Wort-Molekülen“ oder „WortSinnThesen“ vor. Nach einem solchen Prinzip entstand auch der originelle Titel „APHONITIONEN – Aphoristische Definitionen“. Damit knüpft er an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Aphorismus“ im Griechischen an: etwas auf den Punkt bringen, zusammenfassen, definieren“. So ist kein streng systematisches Lexikon entstanden, sondern eine Sammlung von Worten / Wortkombinationen, die der Intention folgt, „ aphoristisches Denken mit sprachspielerischer Experimentierfreude zu verbinden“. (S. 5) Darüber hinaus möge es „die Lesenden (…) zum kreativen Weiterdenken“ anregen. (Randnotiz: Auch der bekannte Aphoristiker und Essayist Erwin Chargaff war Chemiker und zeitlebens von der kurzen Gattung fasziniert. Von ihm stammt diese Notate: „Wir haben den Glauben verloren, weil wir Berge versetzen können.“ / „ Die Natur ist unerbittlich beiläufig.“)
In der Tat, die Lektüre des Buches bereitet immer wieder Lesevergnügen, wenn man z.B. über solche Wörter „stolpert“ wie „Fleißeslust“ (für „Arbeitsfreude“). Bei der Fülle der aphoristischen Definitionen – zumeist in der Form von Einwortsätzen – verweise ich im Folgenden lediglich exemplarisch auf einige besonders originelle Beispiele. So bezeichnet er die Aphoristik als „EinSatzKunst“ und Aphoristiker als „Verballistiker, die gern ins Schwarze treffen“. Weniger überzeugend hingegen ist die Variante „Wort-Spielzeug“. Gelungen, da wortwitzig und hintergründig zugleich, ist auch die Umschreibung der „Adipositas: die guten Vorsätze werden immer wieder untergebuttert“. Rein kalauernd kommt die Definition der „Agentin“ daher: „versucht zu lockvögeln“. Stellenweise erinnert mich das Buch an das bissige „Wörterbuch des Teufels“ von Ambrose Bierce, etwa bei diesen Begriffen: „Abendprogramm, Fernsehen: grenzt oft an Hausfriedensbruch“. Oder: „Abwesenheit: angenehmste Eigenschaft von Mitmenschen“. Beim Stichwort „Liebe“ und den entsprechenden Komposita finden wir eine Menge von Definitionen, von denen nicht alle überzeugen können, doch bei dieser Fülle von Wortkreationen ist das nicht weiter verwunderlich. (Vergleiche „Sexamen“ für „Liebesprüfung“.) Im Bierceschen Sinne geglückt ist diese Umschreibung für „Liebe: biologischer Ausnahmezustand wegen turbulenter Hormonlage“. Der prachtvolle Hardcover-Band mit vielen graphischen Auflockerungen ist zweifelsohne das Ergebnis langjähriger kreativer Wortschöpfungsarbeit. Zum Abschluss als „Appetithappen“ nur noch wenige prägnante Textbeispiele, mal ernsthaft – mal humorig: „Konsum: KaufKraftSport“ / „Vorsicht: ist geboten – wer bietet mehr?“ / „Zeit: Besitz, der sich nicht anhäufen lässt“. Fazit: Alles in allem stellt dieser Band eine wahre Fundgrube für WortSpielFreunde dar und bietet in üppiger Form Anlass für die Erprobung eigener aphoristischer Wortschöpfungen.

JWD, Düsseldorf, Januar 2020

 

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Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger über:
Jürgen Wilbert: SinnBilder, erschienen 2019 im Düsseldofer Verlag „edition virgines“

An den in jeder Hinsicht vielfältigen Aphorismen von Jürgen Wilbert haben die Freunde dieser Form von Literatur durch seine Bücher schon lange ihre Freude. Nun hat er wieder einen Band vorgelegt mit vielen neuen und einigen überarbeiteten Aphorismen. Der Titel „SinnBilder“ ist dabei in doppeltem Sinne programmatisch. Er bezieht sich sowohl auf die Aphorismen als auch auf die fotografischen Bilder von Rainald Hüwe, die diesen Band quasi kongenial schmücken und durchgehend begleiten. Ganz anders als die landläufigen Geschenkbücher und Kalender sind es keine idyllischen Blumen und Landschaften, sondern ehrliche, nicht nachbearbeitete Fotografien, in die die Aphorismen optisch und perspektivisch hineinragen. Die lockere Anordnung der Aphorismen lässt nicht nur räumlich, sondern auch gedanklich Spielraum für kontemplative Betrachtung und mitdenkendes Hineinfühlen. Die 40 Kapitel beginnen jeweils mit einem Leit-Aphorismus, dem ein assoziatives Foto zugeordnet ist. Dann folgt eine Doppelseite mit jeweils acht thematisch angeglichenen Aphorismen. Die Schrift ist lesefreundlich groß und dennoch kommen 300 Aphorismen zusammen. Für unsere von Bildern überflutete Zeit liegt hier ein ansprechendes Konzept vor, denn reine Textbücher werden zunehmend als „Wortwüsten“ empfunden. Da Aphorismen-Bücher ohnehin nicht durchgängig gelesen werden, sondern Lektüre für zwischendurch und immer mal wieder sind, ist die hier vorliegende Form durchaus zu empfehlen.

Das Niveau der Aphorismen ist, wie es bei dem Autor zu erwarten war, hoch, ohne jedoch abgehoben oder gar elitär zu sein. Es ist das normale Leben, sozusagen der Alltag, der stets hindurchscheint. Das gilt auch für die Sprache. Eine besondere Stärke des Autors besteht darin, mit einfachen Worten Interessantes, Nachdenkliches oder auch Pfiffiges zu sagen. Auf Modernismen und Fremdwörter verzichtet er geradezu asketisch. Der klare Stil lässt die langjährige Erfahrung in der Erwachsenenbildung erkennen.

Inhaltlich bleibt sich der Autor seiner kritisch distanzierten Betrachtungsweise der Gesellschaft und der Welt treu. Aber er ist kein Zyniker und kein Weltverbesserer, vielmehr bestimmen Ironie und Humor seine Betrachtungen und Gedanken. Hinzu kommen Kreativität und Freude am Wortspiel. So karikiert er die überbordende Bürokratisierung unserer Gesellschaft, wodurch alle Vorhaben nur noch kriechend vorankommen, knapp und präzise: „Der Dienstweg: Teststrecke für den aufrechten Gang“. Selbst an alte, semantisch abgeschliffene Sprichwörter wagt er sich kreativ und sprachspielerisch heran. Aus der Volksweisheit „Durch Schaden wird man klug“ macht er “Viele werden nur durch Scheitern gescheiter“.

Das erste Kapitel trägt den inhaltlich wegweisenden Titel “Aphorismen sind Stolpersteine für landläufige Meinungen“. Nach der Lektüre möchte man ergänzen: „…und gängige Betrachtungsweisen“. Jürgen Wilbert zeigt, dass der Aphoristiker anders denkt und auch Alltägliches anders sieht, wobei ihm Rainald Hüwe optische Hilfe leistet. So ist ein ansprechendes Buch entstanden, dem man weite Verbreitung wünscht. Es ist aus mehreren Gründen zu empfehlen: zum Lesen, zum Nach- und Mitdenken, zur Anregung und vor allem zum Verschenken, denn jeder wird etwas darin finden, was ihn anspricht und anregt, als auch worüber er nachdenken oder lachen wird.

Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger Januar 2020

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Alexander Eilers über:
Hans Magnus Enzensberger: Album. Berlin: Suhrkamp 2011.
Hans Magnus Enzensberger: Fallobst. Nur ein Notizbuch. Berlin: Suhrkamp 2019.

„Poetik der Aneignung“ – H.M. Enzensbergers Aphorismen in Album und Fallobst

Der Ruhm hat sich zu den Klassikern ins Grab gelegt. Doch damit sind weder die Erwartungen der Leserschaft noch die Ansprüche der Autoren an sich selbst gesunken. Wer nämlich in dem fast unüberschaubaren Literaturbetrieb der Gegenwart zu den Großschriftstellern gehören will, muss gleich mehrere Genres bedienen.

Ein solcher ‚Hans Dampf in allen Gassen‘ ist zweifellos H. M. Enzensberger. Nicht nur, dass er sich schon früh mit seinen Radio-Essays, Gedichten und Bühnenwerken einen Namen gemacht hat. Vielmehr ist der Büchner-Preisträger von 1963, den sein Hausverlag Suhrkamp im 90. Lebensjahr zu „einem der einflussreichsten und weltweit bekannten deutschen Intellektuellen“ erklärt, ebenfalls als Biograph, Verfasser von Kinderbüchern, Hörspielen oder Filmskripten sowie als Übersetzer in Erscheinung getreten. Hinzu kommt, dass er viele Jahre das legendäre Kursbuch edierte, die Kulturzeitschrift TransAtlantik mitherausgab und zusammen mit Franz Greno die bibliophile Buchreihe Die Andere Bibliothek begründete. Gerade letztere, die ein buntes Spektrum an wiederentdeckten Klassikern, zu Unrecht in Vergessenheit geratenen literarischen Kostbarkeiten und Erstausgaben von im deutschen Sprachraum unbekannten Schriftstellern präsentiert, zeugt von seiner Vielseitigkeit.

Kein Wunder also, dass sich der Herausgeber von Chamforts Ein Wald voller Diebe (1987), Montaignes Essais (1998) oder Gómez Dávilas Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten (2006) seit einiger Zeit auch zunehmend der kürzeren Form annimmt. So versammelt etwa das 2011 bei Suhrkamp erschienene Album, das sich selbst als „scrap-book“ (S. 5) ausgibt, auf knapp 300 unpaginierten Seiten unzählige Aufsätze, Gedichte, Notate, Anekdoten, aber auch Sprichwörter, Zitate sowie Aphorismen. Diese stammen entweder als Trouvaillen von klassischen Gattungsvertretern (Lichtenberg, Novalis, Jean Paul, Goethe, Hebbel, Montesquieu, Rivarol, Bacon, Shaftesbury, Chesterton etc.) oder aus eigener Feder, wobei die Fremdproduktion zahlenmäßig eindeutig überwiegt. Wer nun aber glaubt, Enzensberger hätte das von Franz Greno meisterhaft gestaltete – oder besser ‚inszenierte‘ – Buch mit Gedankensplittern lediglich auffüllen wollen, irrt, da ihm ein klares Konzept zugrunde liegt. Es besteht in der produktiven Aufnahme fremden Gedankenguts, wie gleich zu Beginn deutlich wird, wo sich der Autor unter Berufung auf Wolfram von Eschenbach mit einer diebischen Elster vergleicht, die „mit allem, was sie findet, und sei noch so unscheinbar, ihr Nest schmückt“ (ebd.). Gerne hole sie glitzernde Dinge hervor – gleichgültig, ob es sich um „Straß oder Diamant“ (ebd.) handle. Entsprechend sind in das „Sammelsurium“ (ebd.) Einfälle unterschiedlichster Natur (bzw. Güte) aufgenommen worden, wobei unter strenger Beachtung der alten Rechtschreibung Grüblerisches – „Die Mode ist die Schwester des Todes“ (Giacomo Leopardi) – neben Satirisch-Paradoxem – „Auch wenn Gott die Vergangenheit nicht ändern kann, die Historiker sind dazu imstande“ (Samuel Butler) – oder Moralistisch-Anthropologischem steht: „Geiz ist eines der verläßlichsten Anzeichen tiefen Unglücklichseins“ (Franz Kafka). Enzensbergers eigene Beiträge wirken dagegen oft epigonal, gelegentlich sogar so, als hätte man sie irgendwo schon einmal gelesen: „Daß Marx kein Marxist war, steht fest; er hat sich derart üble Nachrede verbeten. Ebensowenig waren Charles Darwin Darwinist und Freud Freudianer. Nur Dummköpfe sind Anhänger ihrer selbst“ (S. 31). Dies sei aber kein Mangel, wie der Autor betont, sondern ein Vorzug. Denn wenn er schreibt, dass sich, „[w]er beeindrucken will, […] mit fremden Federn schmücken [sollte, da einem] die eigenen […] allzu bekannt [vorkommen]“ (S. 88), formuliert er seine an T.S. Eliot geschulte Poetik: „Immature poets immitate, mature poets steal.“ Dichtung sei nämlich so sehr in den gesamtkulturellen Kontext eingebunden, dass Individualität letzten Endes auf Konformität hinauslaufe. Demzufolge komme es – um Eschenbachs Eingangsbild erneut aufzurufen – nicht darauf an, dem ‚finsteren, treulosen Schwarz der Elsternfarben nachzudenken‘, sondern ihrem ‚Weiß‘ (vgl. S. 5). Das ist insofern relevant, als diese Farbe auch für den gleißenden Einband gewählt wurde. Zudem schließt das Buch mit einer „Meditation über alles, was weiß ist“, in der Enzensberger unter Bezugnahme auf das von Malern benutzte Bleicarbonat – allegorisch verschlüsselt – vor einem Übermaß an Originalität warnt:

„So geht das schönste Weiß aus einem Metall hervor, das der Wirkung von Mist ausgesetzt wird, und das Resultat ist eine ebenso kostbare wie gefährliche Substanz. Bleiweiß gehört zu den giftigsten Farben, die wir kennen. Vorsicht ist geboten: Wer sich auf das weißeste Weiß einläßt, kann darin umkommen“ (S. 335).

Doch ergeben sich noch weitere Korrespondenzen zwischen Einband und Dichtungstheorie. Schließlich ist auf dessen Innenseite eine mit „Vorratskammer HME“ betitelte und schwarz unterlegte Computertomographie von Enzensbergers Gehirn abgedruckt. Sie liefert dahingehend Aufschluss über den Plan des in wildem Durcheinander gehaltenen Albums, dass unser Nervenzentrum „ein undiszipliniertes Organ ist, das sich an keine Reihenfolge hält, ohne Inhaltsverzeichnis auskommt und keine Chronologie kennt“ (S. 6). Folglich genüge es, wenn andere gescheit sind, so dass man kein Lichtenberg zu sein brauche, um sich an Sudelbüchern zu weiden (vgl. ebd.). Was hier also vorliegt, versteht sich nicht als ein eigenständiger Essay- oder Aphorismenband, sondern als eine randvoll gefüllte „Wundertüte“ (ebd.).

Dasselbe gilt für die kürzlich erschienene Sammlung Fallobst (Suhrkamp, 2019). In drei ‚Körbe‘ aufgeteilt, präsentiert sie – wie es im einleitenden Gedicht heißt – ‚Liegengelassenes‘, das „vielleicht […] als Dünger [taugt]“ (S. 6) und das man gerne aufsammelt, „solange es nicht verfault ist“ (ebd.). Hierbei handelt es sich um Texte verschiedenster Art. Sie reichen von Beobachtungen, Kurzessays, Erinnerungen über Dialoge und Verse bis zu Gedankensplittern. Allen gemein ist, dass sie dem Zeitgeist auf den Zahn fühlen und kritisch auf das Selbstbewusstsein der Finanzastrologen, das Kauderwelsch der Tageszeitungen oder die Mythenmodelle der modernen Kosmologie zu sprechen kommen. Was aber auf den ersten Blick wie eine Zusammenstellung älterer, bislang unveröffentlichter Beiträge aussieht, erweist sich bei genauerem Hinsehen als eine Fortsetzung des Albums. So ist Fallobst zwar nicht so reich bebildert wie das Vorläuferbuch, doch stellen die Vignetten von Bernd Bexte eine eindeutige Beziehung zwischen den beiden her. Schon auf dem Einband ist die stilisierte Darstellung eines Kopfes zu sehen, in dem sich ein Labyrinth von Nervensträngen befindet. Darüber hinaus sind die geistreich-verspielten Zeichnungen bestens zur Illustration von Enzensbergers Lieblingsthemen geeignet, zu denen Fragen der Ökonomie, des technischen Fortschritts, der Literatur und der Intelligenzforschung zählen. Parallel dazu kommt es zu inhaltlichen Überschneidungen – etwa, wenn der Autor erneut auf das lyrische Oeuvre von Diktatoren eingeht oder wenn er seinen im Feuilleton kontrovers diskutierten Vergleich zwischen Saddam Hussein und Adolf Hitler weiterspinnt. An manchen Stellen stößt man sogar auf altbekannte Texte, wie z. B. den Aufsatz „Über die unaufhaltsame Verbesserung der Welt“, der sowohl im Album als auch in Fallobst vertreten ist.

Doch damit nicht genug: Selbst in Punkto Aphorismus sind sich die beiden Bände ähnlich. Nicht nur, dass beim Abdruck von Lesefrüchten weitgehend aus denselben Quellen (Lichtenberg, Goethe, Kafka, Leopardi, Chesterton etc.) geschöpft wurde. Vielmehr befinden sich Enzensbergers eigene Sentenzen auch hier deutlich in der Unterzahl und wirken genauso epigonal wie im vorigen ‚Sudelbuch‘. Als Beispiele seien das Marx-Echo „Fußball ist kein Opium, sondern Ecstasy, Amphetamin und Crack fürs Volk“ (S. 208) sowie der auf Samuel Becketts berühmtem Motto „Try again. Fail again. Fail better“ beruhende Satz „Unbefangen weiter straucheln, bis zum letzten Atemzug“ (S. 72) genannt. Dass sie qualitativ nicht mit den zahlreichen Zitaten aus Philosophie, Literatur und Wissenschaft mithalten können, wird spätestens dann klar, wenn sie einem direkten Vergleich unterzogen werden. Infolgedessen finden sich unter den eingegliederten – man möchte schon fast sagen ‚anthologisierten‘ – Einfällen und Aussprüchen wahre Schätze wie „Das Leben steckt in Begriffen wie ein ausgewachsenes Kind in zu kurzen Kleidern“ (Joseph Roth) oder „Es gibt nichts Schöneres, als einem dummen Menschen beim Schweigen zuzuhören“ (Helmut Qualtinger), während Enzensbergers eigene Aphorismen nicht selten banal – „Die wirksamsten Aphrodisiaka sind immer noch Liebe, Macht und Geld – in absteigender Reihenfolge“ – oder bemüht anmuten: „Man tut gut daran, alles abzusagen, was angesagt ist“ (S. 119). Nur selten erreichen seine Denksprüche die Qualität eines „Privilegiert sein heißt, niemanden über und niemanden unter sich zu haben“ (S. 132), weshalb man als Liebhaber der Gattung nicht beklagen sollte, dass Fallobst den Untertitel „Nur ein Notizbuch“ trägt. Denn die Tendenz von Großautoren, ihre Sammlungen nicht den Zusatz „Aphorismen“ zu geben, was man etwa bei Peter Handke, Martin Walser, Botho Strauß oder Günther Kunert beobachten kann, ist nicht unbedingt ein Hinweis auf den schlechten Leumund des Genres. Enzensbergers Entscheidung, seine neuste Publikation ‚Notizbuch‘ zu nennen, hat wohl eher damit zu tun, dass man die enthaltenen Beiträge tatsächlich nicht einer bestimmten Textsorte zuordnen kann. Wer also vom Album oder von Fallobst „eine ganze Milchstraße voller Einfälle“ (Lichtenberg) erwartet, wird enttäuscht. Ertragreich ist die Lektüre gleichwohl dann, wenn man sich auf Enzensbergers ‚Poetik der Aneignung‘ einlässt. Ob sie ihm das von T. S. Eliot beschworene Einrücken in den Überlieferungskontext gewährt, wird die Zukunft zeigen. Der Heinrich-Heine-, Ludwig Börne- und Frank-Schirrmacher-Preisträger scheint – wie er in seinem Album ausführt – diesbezüglich aber eher skeptisch zu sein: „Der Ruhm ist der Kondensstreifen, den ein Werk hinterläßt. Anfangs nimmt er zu, dann läßt er allmählich nach und verschwindet in der Atmosphäre“ (S. 209).

 

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Friedemann Spicker zu:
Ben Grant: The aphorism and other short forms.
London: Routledge 2016.

Mit Grants Buch, an der Universität von Kent entstanden, liegt eine höchst eigenwillige Einführung in die Gattung vor. Es hat weniger den Aphorismus im engen Sinne als das Aphoristische und Fragmentarische in vielerlei Form zum Thema.

Im Hintergrund stehen die französischen Theoretiker Maurice Blanchot, Jean Baudrillard, Roland Barthes („Der Tod des Autors“) und Jacques Derrida mit seiner aphoristischen Überspitzung „toute écriture est aphoristique”, die ein Maximum an Universalitätsanspruch mit einem Minimum an inhaltlicher Substanz erkauft. Der Autor will den Aphorismus doppelt verstanden wissen: „as a specific short form and as the general term for all short forms.“ (2) Er gibt im ersten Kapitel einen historischen Überblick; in den Kapiteln 2 bis 7 behandelt er verschiedene und verschiedenartige Aspekte wie Kürze, Weisheit oder Paradox, „The aphorism today“ schließt das Buch ab, vor Glossar, Bibliographie und Index.

Schon der historische Überblick birgt manche Überraschung, die sich allenfalls durch Grants übermäßig weites Begriffsverständnis erklären lässt. So werden im Abschnitt über The Medieval Anthology Chaucers „Canterbury Tales” abgehandelt, in The Age of whit, das für ihn von 1650-1750 reicht, nur zwei Autoren genannt: La Rochefoucauld und Pascal (La Bruyere, Vauvenargues und Chamfort nimmt er nicht zur Kenntnis), in The Romantic Fragment (1780-1850) erscheint als das berühmteste britische romantische Fragment Coleridges Gedicht „Kubla Khan”, während Schlegel und Novalis nur gestreift werden. In The Making of America lernt der verwunderte Leser den Dramatiker Royall Tyler (1757-1826) und Philip Stanhope, Earl of Chesterfield (1694-1773) mit den Briefen an seinen Sohn kennen. Ähnlich nach einem Abschnitt zu Friedrich Nietzsche das Unterkapitel Modernism, in dem Eliots berühmtes Gedicht „The Waste Land” und Wallace Stevens‘ Gedicht „Dreizehn Möglichkeiten, eine Amsel zu betrachten“ mit seinen haiku-artigen Strophen die Referenzwerke sind. Im letzten Abschnitt Postmodern Decentring sieht Grant die Transformation des Aphorismus verwirklicht: „the aphorism has become part of an important new critical idiom for thinking not just about writing and literature, but also about the nature of a decentred, fragmented world”. Exemplarisch behandelt er hier Margaret Atwoods Gedicht „Progressive insanities of a pioneer” und die Fraktal-Poesie Alice Fultons (geb. 1952).

Zu den systematisch orientierten Kapiteln nur einige exemplarische Beobachtungen, die alle in dieselbe Richtung führen. Der Leser erfährt (neben dem Vergleich Bacon – Joubert) etwas über Freud („Brevity“), über Buddha und Zhuangzi („Wisdom”), über Zitat und Definition, Bierce und Misogynie am Beispiel von Virginia Woolfs „Ein Zimmer für sich allein” („Authority”), über Matsuo Basho und das Haiku („ein exemplarischer Aphorismus) (in „Thoughts and impressions”), im Kapitel „Enigma and paradox” etwas über Borges, Eco, Lewis Carroll und das zenbuddhistische Koan (die Sammlung „Mumonkan”). Nicht nur große außer-englische Gattungsautoren wie Goethe, Lec, Renard, Kafka, Tuwim oder Gómez Dávila, auch wichtige englische Autoren wie Shaw, Swift oder Butler, für Kenner der wohl bedeutendste englische Aphoristiker des späten 19. Jahrhunderts: sie werden dagegen mit keinem Wort gewürdigt; Hazlitt, Canetti und Valéry werden gerade einmal erwähnt.

Man erinnert sich wehmütig an die ältere deutsche Einführung Harald Frickes („Aphorismus“, 1984): in kluger Beschränkung auf die deutsche Sprache, theoretisch innovativ, solide und fokussiert. Grant bietet durch seine weit ausgreifenden Referate breite Information, mag hier und da auch anregend sein, eine solide Einführung in die Gattung kann er aber mit diesem Überblick über Theorie und Erscheinungsformen der literarischen Kürze nicht bieten.

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Friedemann Spicker zu:
Alexander Eilers: Kiesel. Aphorismen. Nebst diverser Freundesgaben.
Mit einem Vorwort versehen von Klaus Steintal.

Der Aphorismus: eine Altherrengattung? Dass das nicht zur Gänze stimmt, daran ist Alexander Eilers (geb. 1976) maßgebend beteiligt. Immerhin publizierte er seinen „Aberwitz“ schon 2005, also im aphoristisch zarten Alter von „unter 30“. Und er ist dem Aphorismus treu geblieben nicht nur als Autor, sondern auch als Anthologist, Herausgeber und Rezensent, treu auch in dem engeren Sinne einer besonderen Gattungstreue.

Ist es eine Art Verschämtheit angesichts so vieler Kalendertexte voll banaler Lebenshilfe, ist es die (verständliche) Suche nach einem Markterfolg, die auffällig viele Autoren heute zu Mischtexten führt, in denen Aphorismen nur eingelagert sind, so zu Tagebüchern (Frank Witzel: Uneigentliche Verzweiflung. Metaphysisches Tagebuch, 2019), zu Notizbüchern (Hans Magnus Enzensberger: Fallobst. Nur ein Notizbuch, 2019), zu Notizen (Peter Sloterdijk: Neue Zeilen und Tage. Notizen 2011-2013, 2018) und Aufzeichnungen (Thomas Stölzel: Zur Sprache gebracht. Aufzeichnungen, Notate und eine historische Phantasie, 2018; Norbert Wokart: Schattenträume. Aufzeichnungen 2017-2018, 2019), wenn sie denn nicht überhaupt auf Gattungshinweise verzichten (unterschiedlichste Beispiele: Martin Walser: Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung, 2018; Martin Seel: Nichtrechthabenwollen. Gedankenspiele, 2018; auch Volker Braun: Handstreiche, 2019, mit einem nicht-aphoristischen Mittelteil)?

Dass Eilers „gattungstreu“ geblieben ist, mag auch der Schule Ulrich Horstmanns geschuldet sein, der erst im verflossenen Jahr den gewichtigen Band „Das Gesamtwerk. Werke III. Gedichte und Aphorismen“ vorgelegt hat und dem vorliegenden Band unter Pseudonym ein metapherngesättigtes Vorwort mit auf den Weg gibt.

Für den schönen Titel bietet der Band gleich drei Assoziationsfelder von drei verschiedenen Autoren. Wenn Eilers selbst voransetzt „Aphorismen – Kiesel auf einem Reihengrab“ (13), hält er den Leser in der Ambivalenz zwischen dem Singulären und dem Nivellierenden, zwischen dem Stein, mit dem der Einzelne buchstäblich einen „Anteil“ nimmt zum Gedenken an diese(n) einzelnen Verstorbenen, und eben dem in keiner Weise herausgehobenen „Reihengrab“. In dem Motto „Zur Einstimmung“ aus dem Gedicht „Dover Beach“ (Matthew Arnold) erinnert „das Malmen der Kiesel“ in einem benachbarten Sinnfeld an „den ewigen Klang der Trauer“ (15). Mit dem versteckten Kommentar Michael Rumpfs „Kiesel bieten einen festen Untergrund, eignen sich jedoch nicht für Mauern.“ (60) dagegen sind wir wohl mit der Spannung zwischen einer (soliden?) Basis und einem (gewagten?) Gebäude im vertraut Aphoristischen.

Entscheidend ist hier unter anderem das Miteinander von Einfall und Gedanke. Die Kernfrage, die jeder Leser für sich im Einzelfall zu beantworten hat, lautet jeweils: nur Einfall oder auch Gedanke? Oft genug wird man da bei Eilers zufriedengestellt, ob er, ohne große Worte, große Worte („Zeichen“, „Sinn“) in Beziehung setzt („Wir feiern das Zeichen wie einen Sinn.“ (41), ob er mit minimalsten Abweichungen überraschend Neues erzeugt („Die Theorie in der Praxis überführen.“, 40) Dabei sind es weniger die Mittel, die überraschen, als die Art und Weise, wie sie der Autor auf einen neuen Gedanken hin anzuwenden versteht: die Umkehrung („Das Kostüm spielt die Rolle.“, 27; „Der Sphinx bleibt der Mensch ein Rätsel.“, 27); das Wortspiel („Manche halten Hochgestochenes für erhaben.“, 17) und die Sprichwortabwandlung („Bescheidenheit ziert sich.“, 34; „Mit Köpfchen durch die Wand.“, 36); die Definition („Geschichte: Kompass ohne Nadel.“, 26) und das Paradoxon, das es denkmöglich macht, zum Überbau zu erniedrigen (31).

Nicht verschwiegen sei, dass es – wie sollte es anders sein? – auch Leichtgewichte darunter gibt („Uns erleuchtet nur noch das Handy-Display.“, 37; „Eigentlich macht schon die Geburt alle gleich.“, 46). Man wird – natürlich – an Traditionen erinnert, an Lec („Seit Erfindung des Lots steht alles schief.“, 17), („Wie sicher ist noch das Amen in der Kirche?“, 25), im Einzelfall und zu nahe an Kraus („Jedes wahre Bild portätiert seinen Maler.“; Kraus: „An einem wahren Porträt muß man erkennen, welchen Maler es vorstellt.“) oder an Ebner-Eschenbach („Was wir könnten, können wir nicht.“; Ebner-Eschenbach: „Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.“). In jedem Fall bietet der Band aber anregend Weiterführendes genug, dass er den Ruf des Autors als eines der Bemerkenswerteren unter den gegenwärtigen Aphoristikern zu festigen vermag. Und wenn man weniger finden wird als die auf dem Rückumschlag versprochene „Bilanz zwischen erkalteten Verheißungen und verwunschenen Hoffnungen“, dann ist das der üblicherweise anpreiserischenTextsorte Klappentext geschuldet. Reicht es nicht auch schon, wenn man für das eigene Denken angeboten bekommt, was das Wesen der Zeit ist (20), woran man Lügen erkennt (21) und wohin eine Laufbahn führt (44)?

Nachtrag: Kurioserweise sind „Freundesgaben“ beigegeben. Sie machen den Band dann doch zu einer Mischung, nämlich von Eigenem und Fremdem. Da sie solcherart versteckt sind, hier für diejenige oder denjenigen, der gerade auch sie suchen möchte, die Namen: Tobias Grüterich, Franz Hodjak, Ulrich Horstmann, Vytautas Karalius, Hermann Rosenkranz, Michael Rumpf, Hans-Horst Skupy, Andreas Steffens, Elisabeth Turvold.

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Jürgen Wilbert zu:
Markus Mirwald: Mensch zu sein. Wesentliches in wenigen Worten, Band 3
Eigenverlag, Wölbling 2019

Markus Mirwald, 1982 in Vorarlberg geboren, legt hier den dritten Band in seiner Aphorismen-Reihe „Wesentliches in wenigen Worten“ vor. Angeregt durch viele weltweite Reiseerfahrungen begann er – eigener Aussage zufolge – „sich mit dem Wesen des Mensch-Seins und des sozialen Miteinanders zu beschäftigen“. Zudem wandte er sich dem Studium der Soziologie zu. Er lädt die Leser/innen zum „Perspektivenwechsel“ ein und möchte recht ambitioniert „die Grenzen des Denk- und Machbaren (…) verschieben.“ Sein Anliegen formuliert er ferner so: „(Mein) Schreiben folgt dem Gedanken: Verändern wir unseren Alltag, wandelt sich unser ganzes Leben.“

Das Buch ist sehr ansprechend, weil originell im Querformat gestaltet. Die individuelle Note kommt auch dadurch bestens zur Geltung, dass jeder Aphorismus auch handschriftlich abgedruckt ist. Erwähnenswert auch, dass der Band mit dickeren Seiten und einem Lesebändchen ausgestattet ist.

Die fünfzig Aphorismen, – ausgehend von den ersten beiden Bänden der Serie, folgerichtig durchnummeriert von 101 bis 150, berühren allgemein-existenzielle und konkret-lebenspraktische Themen des Menschen gleichermaßen – von der alltäglichen Gestaltung von Beziehungen und der Suche nach Glück und Erfolg bis hin zu übergreifenden ethischen Fragen der Freiheit und sozialen Verantwortung. Dazu sei auf zwei Textbeispiele verwiesen: „Manche werden scheinbar von allem verschont – auch vom Glück, sich dessen gewahr zu werden.“ / „Die Freiheit, die wir zu leben wagen, bringt jene Verantwortung mit sich, an der wir wachsen.“

Manchen dieser Gedankenanstöße haftet deutlich der moralische Appellcharakter an, wie etwa im Kurztext 120 über das Bewusstsein: „Erst das Bewusstsein, für die Folgen unseres Tuns Verantwortung zu tragen, macht uns zu mündigen Menschen.“ So ähnlich auch in Nr. 116: „Um gegenwärtige Chancen ergreifen zu können, gilt es zunächst, die Vergangenheit loszulassen.“ Hier und in anderen Fällen überwiegt des Selbstverständliche der Aussage, es fehlt der überraschende, pointierte Erkenntniszugewinn . Somit verbleiben viele seiner Aphorismen im Umkreis wohlwollender, ratgebender Kalendersprüche oder reiner Wortspielereien (so z.B. 106 / 109 / 111 / 150). Dies gilt auch für die Nr. 134: „Erst die Liebe schenkt der Berührung Inhalt – und bringt die Welt zum Leuchten.“ Der zweite Teil verdirbt durch sein Pathos den durchaus gelungenen ersten. Hier wäre also eine weitere Verknappung angeraten.

Wesentlich tiefgründiger sind dann solche kontradiktorischen Denkanzettelungen wie Nr. 148: „Es entspricht dem Paradox des Lebens, dass wir in der Leere die Fülle entdecken und in der Weite uns selbst finden.“ (Hier hätte ich gut auf das letzte Wort „finden“ verzichten können.) Wir stoßen auch auf einige anregende und denk-würdige Ratschläge, die aus eigener persönlicher Lebenserfahrung erwachsen sind, vorzugsweise zu den Themen „Erfolg“ und „Hoffnung“: „Manch einer berauscht sich an der Intensität seiner Bemühungen, ohne deren Erfolg nüchtern zu betrachten.“ (129) Und: „Es ist eine vergebliche Hoffnung, woanders hinzugehen, ohne etwas zurückzulassen – und ein anderer zu werden, ohne sich zu ändern.“ (128). Wir finden durchgängig verschiedene elementare Bauprinzipien des aphoristischen Schreibens: u.a. die (Schein-)Definition (z.B. 107 / 110 / 130) / die Übertreibung (125 / 142) / das (vermeintlich) Widersprüchliche (111 / 123 / 124 / 126 / 147). Der Autor zeigt eine Vorliebe für die syntaktischen Formen „Wer…, der…“ und „Manche…“ bzw. „Manch einer…“ Bisweilen gerät der Satz dann zum berechenbaren, reinen Wortwitz – wie in: „Wer sich allzu ernst nimmt, macht sich lächerlich.“ (126) / „Manch einer verliert aus Angst, das Gesicht zu verlieren, den Kopf.“

Am überzeugendsten sind meines Erachtens Mirwalds Aphorismen, wenn ihre Konstruktionsmerkmale nicht so offenkundig zutage treten. Dazu zählen diese Beispiele: „Ideen wachsen, indem wir sie teilen.“ (139) / „Unsere Ausreden entfalten in uns selbst die größte Wirkung.“ (112) Und schließlich: „Das Offensichtliche verstellt stets den Blick auf das Ungeahnte.“ In solchen Kürzesttexten wird er auch seinem eigenen Anspruch gerecht, der im „Klappentext“ wie folgt formuliert ist: „Seine Aphorismen werfen ein neues Licht auf Vertrautes und laden zum spielerischen Umgang mit den vermeintlichen Grenzen des Möglichen ein.“ Der Autor (Jahrgang 1982) zählt sicherlich noch zu den hoffnungsvollen Novizen in der Aphoristik; wie in anderen Aphorismen-Sammlungen sorgt insgesamt die Mischung der Texte für die Wirkung bei der Leserschaft, und diese Auswahl in Band 3 “Mensch zu sein“ gibt der Erwartung Nahrung, dass wir in Zukunft noch mit weiteren gelungenen, vielleicht noch raffinierteren Texten rechnen dürfen.

Weitere Informationen / Leseproben unter wesentliches.at (Klick)

JWD, Düsseldorf, 02.12.2019

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Jürgen Wilbert zu:
Gerd Meyer-Anaya: „Kurze Sätze – L a n g e Wirkung“
LATROS-Verlag & Services GmbH, Sonnefeld: 2019 (ISBN 978-3-86963-684-9)

Dieses kleine Buch – ungefähr im Reclam-Format mit ähnlich gelber Farbgebung – trägt den etwas länglichen, aber vielsagenden Untertitel: „Das Hand- und Hosentaschenbuch, nicht nur für Psychotherapeut*innen, Klient*innen und Paare in allen Lebens-, Liebes- und Sterbenslagen.“

Der Autor ist seit vierzig Jahren als Psychotherapeut und Weiterbildner tätig. Hier legt er eine Sammlung kurzer aphoristischer Sätze vor, – er nennt sie in seinem Nachwort „Interventionen“ , die, „häufig provokativ oder auch scheinbar komisch wirken“. Als Zielgruppe bezeichnet er den in obigem Untertitel genannten Personenkreis, namentlich wendet er sich an alle „an Veränderung Interessierten“. Er möchte „Denk- und mehr noch Fühlanstöße“ geben, um „Blickrichtungen zu verändern und neue Lösungen (…) aufzuspüren.“ In besonderer Weise fühlt er sich gedanklich dem Stoiker Epiktet verpflichtet; er verweist folglich auf dessen Kernaussage auf dem rückseitigen Cover: „ Es sind nicht die Dinge, die uns krank machen, sondern die Sicht der Dinge und für die sind wir selbst verantwortlich.“

Dieses „Handbüchlein“ umfasst 95 Seiten und ist in diese 5 Kapitel gegliedert: Psychologisches / Zwischenmenschliches / Sexuelles / Familiäres / Sterbliches. Insgesamt erwartet den Leser / die Leserin rund 800 aphoristische Kürzesttexte, wobei die Bandbreite der Gestaltung von selbsterklärenden, rein sprachspielerischen Sätzen bzw, Kommentaren bis zu tiefgründigen, bisweilen paradoxen Denkanstößen reicht. Man vergleiche bloß diese beiden Beispiele aus der ersten Rubrik „Psychologisches“: „Neurosen blühen deutlich länger als jede andere Rosenart.“ Und: „Sich verändern, heißt nicht, ein anderer zu werden.“ An manchen Stellen stößt man auf bereits bekannte Gedankensprünge, z.B. „Die Raupe von heute ist der Schmetterling von morgen.“ Oder das abgewandelte Sprichwort, den altbekannten Sponti-Spruch: „Was lange währt, wird endlich Wut.“ Laut Redensarten-Index (im Internet) soll dieser Satz von Hans-Hermann Kersten stammen.

Bei einer themengleichen Anhäufung von aphoristischen Anmerkungen / Anleitungen hätte ich mir eine qualitativ begründete Auswahl gewünscht, z.B. beim Thema „Angst“ auf den Seiten 18-20. So aber findet man neben erhellenden so manchen eher belanglosen, ja allzu naheliegenden Wortwitz, etwa: „Wer sich vor Angst in die Hose macht, muss mit dem Gestank leben lernen.“ Demgegenüber steht dann das durchaus überzeugende Sprachbild: „Die Mauern des Schweigens werden aus Angst gebaut.“ Der Autor verweist selber auf diese Gefahr aphoristischer Überladung, ja möglicherweise Überforderung oder gar Übersättigung: „Mit wenigen Worten sagt man mehr als mit vielen Sätzen“ (S. 29).

In der Rubrik „Zwischenmenschliches“ finden sich insbesondere zum Themenkreis „Liebe“ bedenkenswerte, mitunter paradoxe Denkanstöße: „Wer lieben will, muss auf das Verliebtsein verzichten.“ Und: „Liebe ist, das Undenkbare zu fühlen.“ Andererseits stößt man immer wieder auch auf banale Aussagen, die allein der Lust am Wortspiel geschuldet sind, wie: „Beziehung verlangt Bezug.“ (S. 32) Und: „Versprechen sind manchmal Versprecher.“ (S. 51).

Die wortwitzige, nicht selten arg kalauernde Note durchdringt vor allem die Texte im Kapitel „Sexualität“, was sicherlich mit der thematischen Zone „unterhalb der Gürtellinie“ zu tun hat. Hier nur zwei der originelleren Beispiele: „Schlafzimmer oder Schlaffzimmer?“ (S. 63) / „Tod beim Sex: Ein Kommen und Gehen.“ (S. 64). Und schließlich als Variante einer Redewendung oder als „Antisprichwort“ (nach Mieder): „Geil allein macht auch nicht glücklich.“ (S. 67)

Mein Fazit: Das anhaltende Gefühl, sich mitten in einem therapeutischen Dialog zu befinden, wird durch die häufige Verwendung der Frageform, verstärkt, so auf S. 31: „Fühlen Sie sich wert, zu lieben und geliebt zu werden?“ / „Warum wollen Sie unbedingt, Ihre Ehe reanimieren?“ Außerdem auf S. 56: „Was ist der Ertrag einer guten Ehe?“.

Im Grunde beinhaltet das Buch eine Fülle von kurzen, lebenspraktischen Kommentaren, Ratschlägen, Empfehlungen und Fragestellungen, die aus der langjährigen therapeutischen Arbeit des Autors erwachsen sind. Die Bandbreite reicht von weitverbreiteten Meinungen und Ansichten bis zu durchaus ungewöhnlichen Erkenntnissen und Denkanzettelungen. Der Autor spricht hier im hinteren Klappentext von „…häufig provokativen oder auch komisch wirkenden Interventionen…“. Dem / der Lesenden sei in jedem Falle angeraten, diese geballte Ladung von Kurztexten mit anteiligem Rezeptcharakter nur dosiert zu sich zu nehmen.

JWD, Düsseldorf, 19.11.2019

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Heimito Nollé zu:
Heinrich Wiesner, insbesondere sein Buch „Lakonische Zeilen“. Mit Zeichnungen von Celestion Piatti
Lenos Verlag 2015, Basel

Zum Tod von Heinrich Wiesner reichte es in der Neuen Zürcher Zeitung immerhin zu einer Agenturmeldung. Der Schweizer Schriftsteller, der am 27. Februar diesen Jahres im Alter von 93 Jahren verstorben ist, begann in den 50er Jahren als Lyriker, bevor er sich der literarischen Kurzform zuwandte. Seine Bändchen «Lakonische Zeilen» (1965), «Lapidare Geschichten» (1967) und «Neue lakonische Zeilen» (1972) kursierten als «Kürzestgeschichten»; de facto handelte es sich um nichts anderes als Aphorismen (gab es damals schon eine Gattungsscham?).

Zwei dieser Publikationen, nämlich die beiden «Lakonischen Zeilen», hat der Lenos-Verlag zum neunzigsten Geburtstag des Autors vor vier Jahren als Taschenbuch neu herausgegeben. Das Bändchen ist von dem bekannten Grafiker Celestino Piatti illustriert und enthält vierzehn Kapitel mit insgesamt rund 600 Aphorismen. Wie liest es sich heute?

Wiesner gehörte zu den Schweizer Intellektuellen, die sich in den 60er und 70er Jahren vermehrt politischen Themen zuwandten und dabei aus einer dezidiert linken Position heraus schrieben. In den «Lakonischen Zeilen» nehmen Gedanken zu Krieg, Militarismus und Patriotismus einen verhältnismässig grossen Raum ein, ebenso wie die Kritik an den Institutionen Staat, Kirche und Kapital. Konkrete tagespolitische Bezüge sind häufig, etwa in Aphorismen über Vietnam, die atomare Aufrüstung oder die Jugendunruhen der 68er. Daneben findet Wiesner aber auch Platz für die traditionelleren Themen der Aphoristik: Ein Kapitel ist den menschlichen Beziehungen gewidmet, ein anderes stellt so etwas wie eine Typologie der Charaktere auf; zahlreich sind schliesslich die Aphorismen über die Conditio Humana im weitesten Sinn, über Leben und Sterben, Krankheit, Liebe, Religion und das Schreiben.

Formal löst Wiesner das Versprechen des Titels ein: Seine Aphorismen sind selten länger als ein bis zwei Sätze, manchmal auch auf wenige Wörter verdichtet. «Gott. Ist einsilbig» heisst es da zum Beispiel, eine Aussage, die gleichermassen auf Wiesner zutrifft. Solche Wortdefinitionen, in denen ein Begriff vorangestellt wird und dann die satirische Beschreibung folgt, sind häufig in dem Buch. In seiner Neigung zur Kürze, zur Zuspitzung und zur Wortspielerei ist Wiesner wie so viele neuere Aphoristiker ein Schüler von Stanislaw Jerzy Lec.

Aphoristiker wissen, wie es schwer es ist, ein Bändchen mit klugen Sätzen zu füllen. Da ist die Versuchung, einen Einfall für einen Gedanken auszugeben, nicht fern. Das allzu naheliegende Wortspiel ist auch bei Wiesner anzutreffen, und das leider nicht zu selten. Sätze wie «Was zutage tritt, tritt nicht zutage», «Als sie sich nicht mehr trauten, trauten sie sich» oder «Was ihm zufiel, war ihm bald zuviel» möchte man eigentlich nicht lesen; genauso wenig wie bemüht wirkende Konstruktionen von der Art: «Um die Ungleichheit aller gleich zu behandeln, ist die Ungleichheit aller ungleich zu behandeln».

Vor Kalauern ist Wiesner ebenfalls nicht gefeit; einiges ist schlicht veraltet und wirkt heute nur noch befremdlich. «Zwei schwitzende Neger nehmen einander den Geruch nicht übel» kann kommentarlos übergangen werden; ebenso wie dieser Altherren-Witz: «Er teilte mit ihr Bett und Tisch. Den Nachtisch nahm er woanders».

Ärgerlich sind schliesslich jene Aphorismen, in denen das Vorbild Lec zu deutlich spürbar wird. Manches bei Wiesner wirkt arg epigonal, sei es thematisch oder bis in die Formulierung hinein. Der Satz «Sein Gewissen war ruhig. Da es schlief» kennen wir in der Version von Stanislaw Lec «Sein Gewissen war rein. Er benutzt es nie». Nicht viel mehr als eine Lec-Variation ist auch der Aphorismus «Ich schreibe nur noch längere Sachen, sagte der Schriftsteller X., für kürzere fehlt mir der lange Atem.»

Doch genug der Nörgelei, schliesslich findet sich in dem Bändchen auch viel Gelungenes. Witz und satirischen Biss beweist Wiesner in seinen Aphorismen über den Krieg. Der folgende Satz über den Vietnamkrieg bezieht seine Stärke aus dem Kontrast zwischen einem ernsten Thema und seiner wortspielerischen Behandlung: «Da Nang. Na Palm. Vietnamesische Orte.» Die Absurditäten der Geopolitik zeigt ein weiter Vietnam-Aphorismus auf: «Vietnam. Nord und Süd geteilt in Ost und West.» Bei beiden Beispielen verblüfft die Leichtigkeit, mit der Wiesner Worte für ein komplexes Geschehen findet. Sarkasmus ist ihm dabei ein probates Mittel, um die Wahrheit ans Licht zu heben: «Krieg. Der Soldat erweist sich als blutiger Laie.», oder: «Der Krieg erschliesst brachliegendes Heldentum.»

Zur Zielscheibe werden Wiesner Kriegstreiber jeder Couleur, ob sie nun Staat, Kirche oder Kapital heissen. Der patriotische Festredner («Festredner sind Männer mit Kopf. Mit Kehlkopf.») kriegt sein Fett dabei ebenso weg wie der politische Mitläufer («Der Opportunist besitzt eine reiche Garderobe.») oder die unheilige Allianz von Politik und Religion («Sonntagmorgen. Glocken und Schüsse bezeugen die friedliche Ehe zwischen Kirche und Staat.»).

Lesenswert sind schliesslich jene Aphorismen, die Wiesners Herkunft aus der Lyrik bezeugen. Wiesner hat ein feines Händchen für überraschende Bilder und poetische Momentaufnahmen. «Hagel. Der Regen bekam Gänsehaut» ist ein Beispiel für diese Texte im Grenzbereich von Aphorismus und Lyrik. Sie bewegen sich zwischen Naturbetrachtung («Schilf unter Schnee. Das Schlanke ist das Zähe.») und Selbstbeobachtung («Im Spiegel. Dein Komplize, seitenverkehrt.»). Schön in seiner Schlichtheit ist dieser Satz: «Winter. Mein Atem beschlägt das Fenster. Ich lebe.»

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Friedemann Spicker zu:
Michael Rumpf: Was nützt es, wenn ein Chamäleon Farbe bekennt?,
Mödling: Bellaprint 2019

Das neue Buch von Michael Rumpf erscheint nicht bei Manutius, sondern im österreichischen Bellaprint Verlag, mit dem wir auch in bestem Kontakt sind, es trägt eine für diesen Autor eher ungewöhnliche sprachspielerische Frage im Titel, und es sind auch nicht alles neue Texte: „444 Aphorismen, viele bisher unveröffentlicht“.

Um mit dem Äußeren zu beginnen: Das Format, die Typographie, insbesondere die übergroß gesetzten linken Seiten mit je einem Aphorismus (so leicht kann man „Größe“ nicht herstellen!), die diversen floralen graphischen Elemente zwischen den je fünf Aphorismen auf den rechten Seiten, all das will nicht recht zu der gedanklichen Klarheit passen, die Rumpfs Texte in seinem zehnten Aphorismenband (von Essays, Gedichten, Übersetzungen abgesehen) wieder auszeichnet.

Kennt man einen Aphorismenband, in dessen Wein nicht auch Wasser wäre? Es kommt auf die Anteile an. Der relativ kleine Anteil Wasser, das sind die Texte, in denen das Wortspiel im Vordergrund steht. Wer unter unseren Autor(inn)en-Mitgliedern kennte diese Versuchung nicht? Nicht nur „Geflügelte Worter müssen oft notlanden. In Kalau“ (47). Da erscheint die Pointe als „Spitzfindling“ (85), da steckt jemand „in Launenhaft“ (59), da ist der„Flirt: ein Charme-mützel“ (131) und Neige – Neide (33) oder Marotte – Marionette (139) scheinen eher von der Freude am Klangspiel gesteuert. Die herkömmlichen syntaktischen Muster sind auch bei Rumpf erkennbar oft verbraucht, so „Wer…, der…“ („Wer selber denkt, hat Heimvorteil“, 31,vgl. 19, 27, 57, 75, 81, 135) oder „Lieber x als y“ („Lieber zwischen den Stühlen sitzen als zwischen den Fronten stehen“, 97) oder „Wenn…, dann…“. Aber da trägt der Gedanke das alte Muster noch einmal, da sind wir schon beim reinen Wein: „Wenn die Konventionen sterben, treten Launen die Erbschaft an“ (27).

Wir bekommen bei Rumpf Gedanken und nicht nur Einfälle. Aphoristische Grundkategorien wie die Selbst- und Menschenbeobachtung („Um sich zu erkennen, muss man die anderen beobachten“, 92) und das Ineinander von Gedanke und Gefühl werden neu bedacht: „Ein Gedanke wird nicht gern daran erinnert, dass ihn ein Gefühl erzeugte“ (11), „Gedanken seien frei? Sie zappeln im Netz der Gefühle“ (66), die großen alten Themen: Glück, Liebe („Die Ehe bewahrt die Liebe, indem sie sie verwandelt“ 49), Hoffnung, Traum werden, mit Goethe zu sprechen, ,angefrischtʻ. Das recht eigentlich Bezeichnende ist darüber hinaus – bei durchgehendem Bilddenken („Hoffnungen sind Wünsche in Ausgehkleidung“, 79) – die Art, wie er rhetorisch schmucklos und in einfachster Syntax entfernteste Kategorien zusammenspannt:

„Das Unnütze ist der Widerschein des Vergeblichen“ (39)
„Im Beifall hallt die Kraft des Segnens nach“ (72)
„Wie viel Langeweile wohnt der Sehnsucht inne?“ (83)
„Schönheit erlöst von der Vielfalt“ (87)
„Maßstäbe kann man zum Prügeln benutzen“ (45)

Wenn der Leser zustimmt, dann nicht mit einem platten „genau!“, sondern mit Erkenntnisgewinn, so bei dieser auf Erleben beruhenden Einsicht: „Stille gibt Weite“ (145), dieser von empathischer Menschenkenntnis geprägten Aussage: „Die tiefste Einsicht in einen Menschen ist die in seine Notwendigkeit“ (121) oder dieser Grundsatzkritik, die ihre Wirkung gerade aus ihrer thetischen Kürze gewinnt: „Spaß ist Surrogat für Sinn“ (51).

Auch im Widerspruch, und da erst recht, bleibt der Leser nicht ohne Gewinn: Gibt es, „wo nichts heilig ist, […] keine Gemeinschaft“ (23)? Ist es nicht unstatthafte Vereinseitigung zu sagen: „Gesellschaftskritik schützt vor Selbstkritik“ (21)? Ist Liebe wirklich „das wertvollste Naherholungsgebiet“ (62) oder nicht auch genauso oft das Gegenteil? „Verstehen heißt einverstanden sein“ (101). (Ich habe während meiner langen Auslandsjahre angesichts kultureller Differenzen gerade darin einen Unterschied zu machen gelernt und würde es gern mit dem Autor diskutieren.)

Erkenntniszugewinn statt mechanischer Anwendung in der Regel auch dort, wo die bewährten Mittel zu erkennen sind, die Antithese („Sinnlos, sich über die Welt aufzuregen. Schamlos, es nicht zu tun“, 137) oder die Umkehrung („Nicht, wenn dir jemand fehlt, vereinsamst du, sondern wenn du niemandem fehlst“, 9). Im eher schwachen Gegenbeispiel wird erst recht klar, wie die Einfachheit dort aus Substanz geschöpft ist: „Geduld ist das Schlüsselwort der Erziehung“ (35).

Genug der Beispiele: Anders als beim Wein steht es hier jedem Leser frei, die kleinen Wasser-Anteile zu eliminieren. Und für jeden wird ein denkbar ertragreiches Tröpfchen übrigbleiben!

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Jürgen Wilbert zu:
Rainer Kohlmayer: „Schnakenstiche, Kichererbsen, bittere Pillen“,
in: „Schnake – Zeitschrift für Sprachkritik, Satire, Literatur“, Nr. 49+50 (Germersheim – Oktober 2019)

Der Autor Rainer Kohlmayer, geboren 1942 in der Nähe von Kaiserslautern, ist für uns von DAphA kein Unbekannter, nahm er doch bereits an zwei der vergangenen Aphoristikertreffen als Referent teil, so 2010 mit einem Vortrag über „Sprachspiele als Übersetzungsprobleme“. Kurz zu seiner Vita: Er war von 2001 bis 2013 als Professor der Universität Mainz im Fachbereich „Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft“ am Germanistischen Institut in Germersheim tätig. Als Autor und Übersetzer von Theaterstücken gibt er seit 1982 die Zeitschrift „Die Schnake“ heraus und veröffentlicht darin in unregelmäßiger Folge eigene aphoristische Kurztexte. Dieser Doppelband der „Schnake“ (von Oktober 2019) umfasst laut Vorwort des Autors „fast alle bisherigen Schnakenstiche, es handelt sich um rund 500 Kurztexte, die „kaum unter dem strengen Gattungsnamen APHORISMUS“ gefasst werden können.

Alle Texte kennzeichnet nach eigener Aussage „die kritische und ironische Einstellung“. Er selbst bezeichnet sich als „eigensinniger Einzelkämpfer“. Diese Note kommt in sehr vielen seiner „Schnakenstiche bestens zum Ausdruck. Sie sind in XIII. Kapitel eingeteilt, darunter solche Überschriften wie „Sprache und Sprachspielereien“, „ Bildung und Bildungswesen“, „Philosophie und Erkenntnisse“ und „Soziales und Politik“. Auf die letztgenannte Rubrik werde ich mich im Folgenden vor allem konzentrieren – nicht zuletzt auch im Hinblick auf das Leitthema unseres nächsten Aphoristikertreffens: „Streitbar und umstritten“.

Viele seiner Kurztexte sind nach Nietzsche-Manier mit einer Überschrift versehen, z.B. in dieser seiner Definition des „Pluralismus. – Im Land herrscht Demokratie, in der Gesellschaft Darwinismus, im Betrieb Oligarchie, im Bewusstsein Konformismus, im Unterbewusstsein Anarchie.“ Bisweilen spürt man in seinen Texten überdeutlich den moralischen Zeigefinger, wie etwa in einer längeren Passage mit dem Titel „Übliche Widersprüche“. Darin finden wir diese Zeilen: „Parteien, deren Kampf für die freie Marktwirtschaft durch Bestechungsgelder motiviert wird. (…)“

In manchen Texten dominiert zweifelsohne die Sprachspielerei, mitunter als Kalauer: „Sieg nach Punkten. – Nach einem Gespräch unter vier Augen war er wieder k.o.operationsbereit.“ In einigen Notaten gelingt es ihm, Tiefgründigkeit, Prägnanz und Originalität optimal zu verknüpfen, wie in diesem Einzelsatz: „Schule der Nationalisten.- Uniformiert und uninformiert.“ An anderer Stelle folgen die „Schnakenstiche“ dem Schema des Chiasmus, wie etwa hier: „Die Arbeitsteilung geht so weit, dass diejenigen, die das Sagen haben, nichts mitteilen, und diejenigen, die etwas mitzuteilen haben, nichts zu sagen haben.“ Oder sie unterliegen dem Bauplan als Kontradiktion: „Bürgerlicher Gehorsam. – Druck von unten erzeugt Druck von oben.“

Am überzeugendsten gelingen Kohlmayers „Schnakenstiche“ als „bittere Pillen“, wenn sie mit originellem Wortwitz und reichlich Sarkasmus gewürzt sind, wie in: „Vorübergehende Beziehung.- Als sich die Liebe nicht einstellte, wurde sie eingestellt.“ Auch unser „Verband der Aphoristiker e.V.“, den er ja persönlich kennenlernen konnte, bekommt sein Fett weg und wird m.E. arg hinkend mit „Trappistenklöstern, Suizid-Chats, Selbstmordanschlags-Organisationen, Junggesellentreffs usw.“ verglichen. Kohlmayers etwas abseitige Quintessenz lautet hier: „Der Mensch verlässt die Herde immer nur um einer anderen Herde willen.“ Manches Mal erliegt der Autor seinem stark ausgeprägten Hang zu , ja zynischen Wortspielereien – vor allem in solchen „Kichererbsen“: „Tragik des Alters: Man wird zum Dunstgreis.“ / „Der Tod läuft mit. – In „leichtfüßig“ steckt bereits „leichfüßig“.

Insgesamt betrachtet, bietet diese Doppelausgabe der „Schnake“ eine Fülle von gleichermaßen humor- und geistvollen aphoristischen Kurztexten und stellt somit für sprachbewusste und gesellschaftskritische Zeitgenossen eine unterhaltsame wie anregende Lektüre dar. Dem / der Lesenden sei zudem das Kapitel 1 „Sprache und Sprachspielereien“ empfohlen, da hier ganz besonders die professionelle und profunde Lehr- und Lebenserfahrung des Autors zum Ausdruck kommt. Zum Abschluss meiner Zeilen daher hier ein Text aus dieser Rubrik: „Entsprechend dem Wort REDEWENDUNGEN für direkte, anschauliche Ausdrücke könnte man das Wort REDEWINDUNGEN für verlogene Umschreibungen verwenden.“

JWD, Düsseldorf, 27.10.2019

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Friedemann Spicker zu:
Rolf Friedrich Schuett: „Philosophischer Gehalt in literarischer Gestalt. Sentenzenschleifer: Dichter und Denker in Personalunion.“,
Norderstedt: Books on demand 2019.

Rolf Friedrich Schuett hat sich in den letzten Jahren primär wie sekundär vielfach in Sachen Aphorismus zu Wort gemeldet. (Die Neuerscheinungen in der dapha-depesche verzeichnen die Titel.) Er ist derzeit einer der produktivsten Aphoristiker überhaupt.

Hier legt der Philosoph Schuett in einem stattlichen Band von 324 Seiten eine Sammlung älterer Arbeiten vor, eine veritable Summe von nicht weniger als 26 längeren und kürzeren Beiträgen. Bei der Fülle der Ansätze ist es nicht anders denkbar, als dass es auch zu manchen Wiederholungen kommt. „Frag-Mentalität“ (165): das bezeichnet nicht nur seine Gegenstände, sondern auch die eigene Vorgehensweise in unzusammenhängenden, aber nicht unverbundenen Reflexionen auf der Grundlage stupender Belesenheit. Sie alle sind von der Grundüberzeugung getragen: „Für mich war der Aphorismus von Anfang an keine randständige Literaturgattung.“ (35) Was für ihn im Fokus steht, ist, mit dem Titel einer seiner Aufsätze, der „philosophische Gehalt in literarischer Gestalt (111): „Ich verstand immer den Aphorismus als philosophischen Gehalt in poetischer Gestalt, als Gegensatz-Einheit von existenziellem „Bild“ und essentiellem „Begriff“ (36). Die Stoßrichtung, auf dem Buchrücken dokumentiert: „gegen den zu lustiger Blödelei oder seichtem Gesinnungsspruch heruntergekommenen Aphorismus“. In der Diktion wechseln der Philosoph, in dessen Terminologie man sich einlesen muss („Der Aphorismus ist die paradoxe Einheit von produktiver Setzung und distanzierender Absetzung“, 128) und der überraschend-verknappende, antithetisch zuspitzende Aphoristiker miteinander ab („Bei Hippokrates wird die Medizin zum Aphorismus, bei Kant der Witz zur Medizin.“ 131); der Philosoph behält aber hier eindeutig die Oberhand.

Schon in seiner „Kurzgeschichte des Aphorismus. Subjektiver Lesebericht“ zeigt sich Schuett auf wenig mehr als 20 Seiten als der überlegene Gattungskenner, der anregende, betont subjektive kurze Notizen zu Autoren von Hippokrates über Chamfort und Lichtenberg bis Czernin festhält (etwa zu Kraus: auch Aphorismen, „die schlechter sind als sein Ruf“; zu Deschner: „linke Gesinnung ersetzt nicht immer das aphoristische Können“), mit Angabe der „Trefferquote“ und mit Beispielen. Die „Fragmente der Nachsokratiker in der europäischen Philosophie“ (145) nehmen diese Tour dʼhorizon unter Einbeziehung der Sekundärliteratur (z. B. Schalk, Wehe, Fedler, besonders oft Neumann) auf.

Ich greife einige weitere Beiträge heraus. Hinter der „Phänomenologie des Geistreichen“ (31) verbirgt sich eine kleine aphoristische Autobiographie. Schuett geht von der Wirkung aus und macht keinen Unterschied zwischen isoliert gedachten Aphorismen und Exzerpten; er lernt den genuinen Aphorismus, den Feind aller Systeme, recht eigentlich über dessen Gegner, Hegel, kennen. Der unerreichte Höhepunkt liegt für ihn in den Jahrzehnten um 1800. Der Essay „Aphoristische Existenz oder existenzphilosophische Aphoristik?“ (50) gipfelt in der Frage: „Sind Aphoristiker also die wahren Existenzphilosophen, ohne dass die Existenzialisten nun die wahren Aphoristiker sein müssten?“

„Dichter und Denker“ in Personalunion?“ geht von der These aus: „Die Philosophie hat noch lange nicht ausgeschöpft, was sie von europäischer Moralistik profitieren könnte.“ (242) Der Aufsatz „Gnomologisches Denken“ (58) diskutiert in der für ihn typischen Form unverbundener Absätze (Fragmente?) das Denken in kurzen Sprüchen, vor allem auf der Grundlage der Arbeiten des „Kieler Neophänomenologen“ Hermann Schmitz, besonders seines Begriffes „Witzverhalt“, der leider an der spezifisch aphoristischen Sache vorbeiargumentiere (83).

„Geistreicher Witz und Geisteswissenschaft“ (177) hält ein Plädoyer für Esprit und lakonische Prägnanz. „Moralistik oder „moral sciences“? (188) plädiert zum wiederholten Male für das aphoristische Philosophieren in seinem Sinne: „Aber hat Hegel den bösen Schlegel jemals widerlegt?“ (198) „Dichter und Denker“ in Personalunion?“ (242-320) legt ausgehend von der These: „Die Philosophie hat noch lange nicht ausgeschöpft, was sie von europäischer Moralistik profitieren könnte.“ (242) seinen Ansatz im Durchgang von Heraklit über Kant, die Frühromantiker und Hegel („Hegel war die Regel, Schlegel war der Flegel“) bis zu „Lichtenberg, Schlegel, Nietzsche und Adorno, den vier vielleicht bedeutendsten aphoristischen Philosophen“ (307), mit vielen Zitaten aus der Sekundärliteratur noch einmal breit dar, was hier nur anzuzeigen, aber nicht eigentlich zu rezensieren ist.

Der Band fordert dem Leser und der Leserin einiges ab. Es ist Arbeitsbuch, auch geistiger Steinbruch. Aber jeder, der sich darauf einlässt, wird von den Überlegungen, Zitaten und Kommentaren Schuetts, auch im produktiven Widerspruch, profitieren können, der eine vielleicht durch die ausführliche Diskussion mit dem Gattungstheoretiker Fricke (222-228), der andere durch die Statistik über Alter, Auskommen, Beruf und politischen Standort unterschiedlichster Aphoristiker (234), wie sie sich in dem zunächst rätselhaften Abschnitt „Rätselhafte Zwerg-Satiren“ (200) verstecken (um nur zwei Beispiele zu nennen).

Wir würden gern eine Diskussion über das Buch oder Einzelheiten daraus eröffnen und laden ausdrücklich zu einer Zweitrezension von betont philosophischer Warte aus ein.

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Jürgen Wilbert zu: „Die schönsten deutschen Aphorismen“,
hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Philip Kovce, 2019 im Insel Verlag Berlin erschienen (Insel-Bücherei Nr. 1461)

Vor einigen Wochen ist im Insel Verlag eine neue Aphorismen-Anthologie erschienen; sie trägt den vollmundigen Titel „Die schönsten deutschen Aphorismen“. Herausgeber ist Philip Kovce (geboren 1986), der am Basler Philosophicum und an der Universität Witten-Herdecke tätig ist. Er schreibt selbst Aphorismen und ist den Verantwortlichen von DAphA kein Unbekannter, hat er doch vor Jahren auch an einem unserer Aphoristikertreffen teilgenommen. Es sind bereits zwei Aphorismenbände von ihm erschienen: „Der freie Fall des Menschen ist der Einzelfall“ (2015) und „Ich setze Ich-Sätze“ (2016).

Der Titel des neuen Bändchens trägt mit dem Superlativ „…schönsten…“ eher den merkantilen Zielen der Marketingabteilung des Verlags Rechnung als der satirisch-kritischen Note der kurzen Gattung. Der Herausgeber bezeichnet seine Sammlung im Nachwort selbst als „Blütenlese“; und dieser Charakter wird durch das mit Merian-Blumen verzierte Cover gleichsam untermalt. Es handelt sich um eine recht „eigenwillige Auswahl“ (Nachwort auf S. 82). Durch diese Texte von 36 Autoren hat sich Kovce „auf diese oder jene Weise getroffen“ gefühlt. (S. 82) Diese Weisen für seine subjektive Auswahl werden jedoch nicht weiter erläutert. Waghalsig finde ich diese Behauptung von ihm, „dass damit zugleich ein historischer Längs- und thematischer Querschnitt vorliegt“ (S. 82). Wie soll / kann so etwas Strukturiertes aus einer derart subjektiven, beliebigen und zudem noch schmalen Auswahl überhaupt entstehen? Es findet sich übrigens kein Hinweis auf andere, systematisch angelegte Anthologien wie etwa die von Fieguth „Deutsche Aphorismen“ (Stuttgart: Reclam 1994) und die 2012 bei Reclam erschienene Auswahl „Deutsche Aphorismen“, die von F. Spicker herausgegeben wurde.

Durchweg bleibt bei der Lektüre der rhapsodische Eindruck der willkürlichen, Auswahl erhalten. Dies betrifft auch die Auswahl der jeweiligen „schönsten“ Einzelaphorismen. So vermisse ich beispielsweise bei Jean Paul dessen prägnante Definition des Aphorismus: „Sprachkürze gibt Denkweite“.

Was man dem Bändchen keineswegs absprechen kann, ist seine „motivische und stilistische Vielfalt.“ (S. 82) Für den Leser jedoch ist ärgerlich, dass der Herausgeber kein Wort über das hochtrabende Auswahlkriterum im Titel, den Begriff „schön“ verliert. Was soll denn die „schönsten Aphorismen“ auszeichnen? Handelt es sich eher um gedanklich-inhaltliche oder sprachlich-stilistische Qualitäten? Es geht hier wohl in erster Linie um die Verlockung eines ungetrübten Verschenk- und / oder Lesevergnügens wie bei anderen solchen Spruch- und Weisheitsbändchen auch, vgl. etwa das Reclam-Bändchen „Für alle Lebenslagen. Kleine Weisheiten (Stuttgart 2008), hrsg. von Evelyne Polt-und Christine Schmidjell.

Wozu dient eigentlich vorab der themenbezogene Mottoaphorismus von Peter Handke über die Liebe? Hier wäre m. E. zur gattungsspezifischen Einstimmung eher die Auswahl der „Aphorismen über Aphorismen“ angebracht.

Bei der Auswahl der Autoren / Autorinnen hat sich Kovce weitestgehend vom bestehenden Kanon der Aphoristik leiten lassen; keine Frage, Lichtenberg, Goethe, Seume, Jean Paul, Schlegel, Novalis, Hebbel, Nietzsche, Schnitzler, Morgenstern, Hofmannsthal, Kraus, Kafka, Tucholsky, Jünger und Canetti sind hier unbestritten. Doch wieso fehlen Börne, Brecht und Adorno? Für mich nicht nachzuvollziehen ist auch die Entscheidung für Gabriel Laub. Hier hätte eher Stanislaw Jerzy Lec einen Platz verdient. Was macht beispielsweise diesen tautologischen Satz von Laub zu einem der „schönsten Aphorismen“? „Wer etwas verstehen will, muss verstehen wollen.“

Erfreulich hervorzuheben ist, dass der Herausgeber mit Varnhagen, von Ebner-Eschenbach, Mayreder drei bedeutende Aphoristikerinnen aufgenommen hat.

Besonders heikel und umstritten stellt sich naturgemäß die Begründung bei der Auswahl der Gegenwartsaphoristiker dar. Hier sei nur auf die Anthologie von Eilers und Grüterich „Neue Deutsche Aphorismen“ (Edition Azur: Dresden) verwiesen. Und ob sich einige der aufgenommenen eher gesellschaftskritisch und philosophisch ausgerichteten Autoren wie Benyoetz, Seel, Sloterdijk und Steffens (hier kommt übrigens keine Frau mehr vor) darüber freuen, dass ihre ausgewählten Aphorismen zu den „schönsten“ gezählt werden, möchte ich bezweifeln.

Kurzum: ein weiteres Bändchen mit mehr oder minder erbaulichen Lebensweisheiten / Gedankensplittern ist in der Welt, das wieder mal mehr Fragen aufwirft als es beantwortet. Aber das ist schließlich ja auch ein Wesensmerkmal des Aphorismus.

JWD, Düsseldorf, 15.10.2019

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Jürgen Wilbert zu:
Volker W. Degener: „Lichtung und Wahrheit“, Hundert denkwürdige Aphorismen. edition virgines, Düsseldorf 2019

Dieses Bändchen mit Illustrationen von H.-D. Gölzenleuchter aus Bochum umfasst, locker gesetzt, auf 77 Seiten 100 neue Aphorismen des Herner Schriftstellers Volker W. Degener. Bekannt geworden ist der Autor insbesondere durch seine KInder- und Jugendbücher. (Sein literarischer Werdegang ist am Ende des Buches gleich zweimal abgedruckt worden.)

Laut Vorwort von Hannes Krauss (emeritierter Literaturwissenschaftler der Universität Duisburg-Essen) „hat dieser Autor (…) im Alter Spaß an der literarischen Kurzform gefunden.“ Dies habe „nichts mit Konditionsschwäche zu tun. Es ist eher ein Zeichen der Reife.“ Um mein Fazit vorwegzunehmen: Nach eingehender Lektüre bin ich nur selten auf reife Aphorismen gestoßen bin.

Gleich der erste Aphorismus auf Seite 15 weist eine verblüffende Nähe zu einem der klassischen Aphorismen von Marie von Ebner-Eschenbach auf: „Menschen, denen ich eine Stütze bin, verleihen mir Haltung.“ Das Original lautet: „Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, die geben uns den Halt im Leben.“ Auf Seite 36 stößt der aphorismenversierte Leser auf eine weitere erstaunliche Affinität: „Wer mich bewundert, kann kein Dummkopf sein.“ (so die verknappte Fassung bei Degener.) Bei Ebner-Eschenbach lesen wir: „Es ist nicht leicht, den, der uns bewundert, für einen Dummkopf zu halten.“ Nach dem gleichen Strickmuster ist hier in Degeners Kurzfassung das „wir“ durch „ich“ ersetzt worden. Derartige Parallelen trüben dann doch das Lesevergnügen erheblich.

Ist bei diesen „inspirierten Aphorismen“ noch gedanklicher Tiefgang zu erkennen, so fällt es bei der überwiegenden Mehrzahl der anderen Kürzesttexte schwer, eine überzeugende inhaltliche wie sprachlich-stilistische Pointierung zu finden. Stattdessen stößt man auf eine Fülle banaler, ja abgedroschener Aussagen wie z.B.: „Ein fleißiger Schriftsteller kann nicht anders als vielseitig sein.“ / „Schriftsteller tragen nicht nur Verantwortung für Wortwahl und Satzbau.“ Oder: „Nur der Mensch kann lesen. Aber nicht alle wissen das zu schätzen.“ Degener schreckt auch nicht vor einem solchen Allgemeinplatz zurück: „Gesundheit ist ein Privileg, dessen man sich erst in schlechten Tagen bewusst ist.“ Bei solchen Kalendersprüchen bleibt der/dem Lesenden nur das selbstredende Abnicken. Den meisten Texten fehlen halt die gattungsspezifischen Merkmale der Zuspitzung und des Sprachwitzes. Kurzum: Ich vermisse durchgehend den aphoristischen Biss.

Auch die folgende Wortneuschöpfung erscheint mir reichlich konstruiert (Rach für Rache?): „Was trägt mehr zur Sicherheit bei, der Rauchmelder oder der Rachmelder?“ Bestenfalls gut gemeint ist ferner dieser moralische Appell mit Blick auf den Umgang mit Flüchtlingen: „Für jeden Menschen die richtigen Worte finden, egal in welcher Sprache.“

Zu häufig spürt man das schematische Bauprinzip der Kontradiktion: „Mit Grenzkontrollen geraten wir unkontrolliert an unsere eigenen Grenzen.“ / „In der Diktatur gibt es einfache Regeln. In der Demokratie schwierige Lösungen.“ / „Das Wort Tugend klingt ziemlich tot. Wie soll es dann gelebt werden?“

Bei weiteren Textbeispielen ergeben sich – wie bereits in einem Vorgängerbändchen, das 2008 im Brockmeyer-Verlag Bochum erschienen ist – frappante Ähnlichkeiten zu bereits veröffentlichten Aphorismen der Recklinghäuser Autorin Edith Linvers. Hier seien nur zwei der markantesten Beispiele erwähnt: „Wenn jemand aus dem Rahmen fällt, sind wir im Bilde.“ (Degener, S. 15) Bei Linvers heißt es: „Als er aus dem Rahmen fiel, war ich im Bilde.“ / „Für jeden Menschen die richtigen Worte finden, egal in welcher Sprache.“ (Degener, S. 60) Vgl. Linvers: „Eigene Worte finden, egal in welcher Sprache.“

Mein Resümee: Entgegen der äußerst positiven Einschätzung von Hannes Krauss im Vorwort „befördert“ das Buch keine „überraschenden, betörenden und erschreckenden Einsichten“. Insgesamt unterbietet Degener mit diesem neuen Aphorismenband sein bisher auf anderen literarischen Feldern unter Beweis gestelltes Niveau. Die Gattung der Aphoristik ist offensichtlich nicht sein genuines Betätigungsfeld.

JWD, Düsseldorf, 27.9.2019

 


Artikel zum Thema Urheberrecht

Nachtrag vom 15.10.2019

Der Uschtrin-Verlag informiert

In der Rubrik „Fragen Sie Professort Lutz!“ informiert der Uschtrin-Verlag über »Aphorismen und das Urheberrecht im Netz« – ein sehr lesenswerter und informativer Artikel.

>> weiterlesen (PDF des Artikels)

 

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Friedemann Spicker zu:
Arndt-Michael Meyer: Die Macht der Kürze. Das 1×1 der Realität. Norderstedt: BoD 2004.

Ein anmaßendes Buch. Es ist nach eigenem Bekunden „Meilenstein“ und „Revolution“ (6). Meyer reklamiert die „Realität“ in diesem kleinen „1×1“ ganz allein für sich und beruft sich dabei auf die Funktionsweise des Gehirns, die er allein mit seiner GUToP (Great Unified Theory of Philosophy) versteht. „Die einzige Absicht des Buches ist der Erklärung der GUToP.“ (7)

Und was hat dieses Sektierertum mit dem Aphorismus und mit DAphA zu tun? Das Buch, im Übrigen voller Fehler in Interpunktion, Grammatik usf., „interpretiert“ „circa 300 Zitate von bekannten Denkern“ in Kapiteln von „Natur“ bis „Humor“. Und dieses „Interpretieren“ geht zum Beispiel so:

„Wer sich ständig von Vernunft leiten lässt, ist nicht vernünftig.“
Charles Tschopp, schweizerischer Aphoristiker, 1899-1982
Wahrheitsgehalt: 0%
Fehler: Das Zitat fordert zum Nachdenken über unser Handeln nach. Allerdings ist das Zitat in sich falsch.
Man sollte seinen Gefühlen nachgehen. Allerdings nur wenn das dann nicht zu einer Situation führt welche ins Unglück führt. […] (21)

Oder so:
„Die Schönheit brauchen wir Frauen, damit die Männer uns lieben, die Dummheit, damit wir die Männer lieben.“
Coco Chanel, französische Modeschöpferin, 1883-1971
Wahrheitsgehalt: 95%
Fehler: keiner [es folgt ein Kommentar] (22)
Der Ansatz, sich Zitat und Aphorismus kritisch zu nähern, ist nicht zu kritisieren. Die Umsetzung: mathematisch-oberlehrerhaft nach fein differenzierten, exakten „Wahrheits“-Prozenten und „Fehler“haftigkeit ist indiskutabel. Wie ergeht es beispielsweise Lichtenberg unter solchem Regiment?

„Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen.“
Wahrheitsgehalt: 95%
Fehler: keiner.
Perfekt. [es folgt ein Kommentar] (94)
Andererseits:
„Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt.“
Wahrheitsgehalt: 50%
Fehler: Die weitaus größere Gefahr für die Wahrheit geht vom emotionalen Wunsch nach einer bestimmten „Wahrheit“ aus. Hierbei ist es aber praktisch unbedeutend, ob diese Unwahrheit eine große Lüge ist, oder nur schlecht recherchiert ist. […] (115)

Stichproben bei den Großen:

Kraus: drei Aphorismen, Wahrheitsgehalt: 0%, 95%, 99%. Natürlich interessiert der 0%-Totalversager besonders: „Das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung hat versagt.“ Kraus; Meyer: „Fehler: Alles ist in perfekter Harmonie. […]“ (120)

Ebner-Eschenbach: neun Aphorismen, Wahrheitsgehalt: zweimal 50%, sonst 95-99%!

Nietzsche: sechs Aphorismen, Wahrheitsgehalt: dreimal 95%, des Weiteren 80%, 75%, 10%.

Goethe: fünf Aphorismen, Wahrheitsgehalt: 99%, 90%, 70% (zweimal), 50%. Dass den Autor Gattungsfragen überhaupt nicht interessieren, versteht sich. Also muss sich der ungeneigte Leser auch darauf gefasst machen, ein solches Zitat verarbeitet zu sehen: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst – nicht mir!“ (96)

Das Verfahren ist, wie die Beipiele zeigen, mehr als anfechtbar. Trotzdem ist das Buch nicht nur oft ärgerlich, zuweilen dabei nicht ohne Unterhaltungswert, es kann im Einzelnen in der Auseinandersetzung mit den Kommentaren auch anregend sein (es gibt ein Autorenverzeichnis). – Zum Schluss zitiert der Autor drei eigene Zitate: Wahrheitsgehalt 95%, Fehler: keiner“ (164f.). Wer hätte das gedacht?

 

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Friedemann Spicker zu:
Franz Kafka: „Du bist die Aufgabe.“ Aphorismen. Hrsg., kommentiert und mit einem Nachwort von Reiner Stach. Göttingen: Wallstein 2019.

Kafkas Aphorismen haben wie sein gesamtes Werk vielfältigstes Interesse gefunden. Reiner Stach, durch seine dreibändige Kafka-Biographie auf das Beste ausgewiesen, legt jetzt „die erste kommentierte Ausgabe“ dazu vor, wie es zurückhaltend auf dem Rückumschlag heißt. (Trotzdem steht er auch auf den Schultern früherer Interpreten von Felix Weltsch 1954 bis zu Gray, Robertson, Dietzfelbinger, Hoffmann, Binder und anderen.)

In seinem Nachwort geht der Autor nach einem Seitenblick zur „Sonderstellung“ dieser „Aphorismen“, einer „definitorischen Verlegenheit“, auf Kafkas „Doppel- und Dreifachleben“ im Jahre 1917 in Zürau nach dem Ausbruch der Tuberkulose sowie auf ihre Entstehungsgeschichte ein: die beiden dort entstandenen Oktavhefte und die daraus exzerpierten 105 nummerierten Zettel. Er erläutert deren Rezeption seit 1931 durch Brod und die Nachfolgenden, als die Texte zu „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg“ werden.

Stach befreit die Texte mit ihren unscharfen Begriffen wie „das Gute“ oder „die Wahrheit“ von jedem Bezug zu überlieferten Religionskonzepten; stattdessen gehe es um ein „ehrfurchtsfreies Hantieren mit mythischen Bausteinen“ (248). Seine Interpretation entwickelt von zwei Kernfragen her ihr Konzept: „Lässt sich hier so etwas wie ein Kern herausschälen? Ein systematischer Gedanke?“ (248) Es gebe keine konsistente Theorie, die Bilder seien seine Argumente. „Diese Fallhöhe zwischen extremer Abstraktion und fortwährend bezwingender Bildhaftigkeit zählt zu den wesentlichen intellektuellen Reizen der Aphorismen.“ (250)

Am Schluss arbeitet er den Zusammenhang der Aphorismen mit dem Spätwerk, besonders dem „Schloss“, heraus: „Am Ende also versucht Kafka die beiden losen Enden wieder miteinander zu verknüpfen, begriffliches und bildliches Denken mit literarischen Mitteln und in eindringlichen Denkbildern zu synthetisieren.“ (251)

Stachs Kommenter ist so angelegt, dass sich links die Nummern 1-109 des Textes finden (es gibt Unregelmäßigkeiten in Kafkas Zählung) und jeweils rechts Kommentar und Materialien: Datierung, Querverbindungen untereinander sowie zum übrigen Werk und den Briefen. (Die – vielfach spekulative – Sekundärliteratur arbeitet er zu Recht nicht explizit ein.) So zieht er zum Beispiel zu dem bekannten Aphorismus Nr. 22 „Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.“ nach einer Reflexion über „Du bist“ statt „Du hast“ einen Brief an Max Brod aus dem gleichen Zeitraum, die Briefe an Felice, eine weitere Notiz in dem Oktavheft und einen Tagebucheintrag von 1922 heran und verweist auf Beziehungen zu Aphorismus Nr. 94. Das ist wohltuend knapp, aber so faktengesättigt wie kernfragengeleitet.

Damit ist dieser Kommentar in jedem Fall die Grundlage für jede neuerliche Beschäftigung mit Kafkas Aphoristik.

 

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