Literaturbesprechungen


Zu dieser Rubrik

Der Aphorismus hat es – wem sagen wir das? – auch in der kritischen Berichterstattung schwer. Dem wollen wir mit einer neuen Rubrik auf unserer Website entgegenwirken. Sie soll zugleich der kritischen Information unserer Mitglieder dienen. In unregelmäßigen Abständen werden Sie an dieser Stellen mal kurze Anzeigen, mal größere Rezensionen zu dem, was sich in der Welt an Aphoristischem tut, lesen.

Wir vom Vorstand stellen hier das eine oder andere ein. Wir laden aber besonders alle Mitglieder ein, sich an dieser Seite zu beteiligen. Was wir uns allerdings dabei wünschen: keine Gefälligkeitsrezensionen, keine sachlich verbrämten Animositäten.

 
Heimito Nollé zu:
Heinrich Wiesner, insbesondere sein Buch „Lakonische Zeilen“. Mit Zeichnungen von Celestion Piatti
Lenos Verlag 2015, Basel

Zum Tod von Heinrich Wiesner reichte es in der Neuen Zürcher Zeitung immerhin zu einer Agenturmeldung. Der Schweizer Schriftsteller, der am 27. Februar diesen Jahres im Alter von 93 Jahren verstorben ist, begann in den 50er Jahren als Lyriker, bevor er sich der literarischen Kurzform zuwandte. Seine Bändchen «Lakonische Zeilen» (1965), «Lapidare Geschichten» (1967) und «Neue lakonische Zeilen» (1972) kursierten als «Kürzestgeschichten»; de facto handelte es sich um nichts anderes als Aphorismen (gab es damals schon eine Gattungsscham?).

Zwei dieser Publikationen, nämlich die beiden «Lakonischen Zeilen», hat der Lenos-Verlag zum neunzigsten Geburtstag des Autors vor vier Jahren als Taschenbuch neu herausgegeben. Das Bändchen ist von dem bekannten Grafiker Celestino Piatti illustriert und enthält vierzehn Kapitel mit insgesamt rund 600 Aphorismen. Wie liest es sich heute?

Wiesner gehörte zu den Schweizer Intellektuellen, die sich in den 60er und 70er Jahren vermehrt politischen Themen zuwandten und dabei aus einer dezidiert linken Position heraus schrieben. In den «Lakonischen Zeilen» nehmen Gedanken zu Krieg, Militarismus und Patriotismus einen verhältnismässig grossen Raum ein, ebenso wie die Kritik an den Institutionen Staat, Kirche und Kapital. Konkrete tagespolitische Bezüge sind häufig, etwa in Aphorismen über Vietnam, die atomare Aufrüstung oder die Jugendunruhen der 68er. Daneben findet Wiesner aber auch Platz für die traditionelleren Themen der Aphoristik: Ein Kapitel ist den menschlichen Beziehungen gewidmet, ein anderes stellt so etwas wie eine Typologie der Charaktere auf; zahlreich sind schliesslich die Aphorismen über die Conditio Humana im weitesten Sinn, über Leben und Sterben, Krankheit, Liebe, Religion und das Schreiben.

Formal löst Wiesner das Versprechen des Titels ein: Seine Aphorismen sind selten länger als ein bis zwei Sätze, manchmal auch auf wenige Wörter verdichtet. «Gott. Ist einsilbig» heisst es da zum Beispiel, eine Aussage, die gleichermassen auf Wiesner zutrifft. Solche Wortdefinitionen, in denen ein Begriff vorangestellt wird und dann die satirische Beschreibung folgt, sind häufig in dem Buch. In seiner Neigung zur Kürze, zur Zuspitzung und zur Wortspielerei ist Wiesner wie so viele neuere Aphoristiker ein Schüler von Stanislaw Jerzy Lec.

Aphoristiker wissen, wie es schwer es ist, ein Bändchen mit klugen Sätzen zu füllen. Da ist die Versuchung, einen Einfall für einen Gedanken auszugeben, nicht fern. Das allzu naheliegende Wortspiel ist auch bei Wiesner anzutreffen, und das leider nicht zu selten. Sätze wie «Was zutage tritt, tritt nicht zutage», «Als sie sich nicht mehr trauten, trauten sie sich» oder «Was ihm zufiel, war ihm bald zuviel» möchte man eigentlich nicht lesen; genauso wenig wie bemüht wirkende Konstruktionen von der Art: «Um die Ungleichheit aller gleich zu behandeln, ist die Ungleichheit aller ungleich zu behandeln».

Vor Kalauern ist Wiesner ebenfalls nicht gefeit; einiges ist schlicht veraltet und wirkt heute nur noch befremdlich. «Zwei schwitzende Neger nehmen einander den Geruch nicht übel» kann kommentarlos übergangen werden; ebenso wie dieser Altherren-Witz: «Er teilte mit ihr Bett und Tisch. Den Nachtisch nahm er woanders».

Ärgerlich sind schliesslich jene Aphorismen, in denen das Vorbild Lec zu deutlich spürbar wird. Manches bei Wiesner wirkt arg epigonal, sei es thematisch oder bis in die Formulierung hinein. Der Satz «Sein Gewissen war ruhig. Da es schlief» kennen wir in der Version von Stanislaw Lec «Sein Gewissen war rein. Er benutzt es nie». Nicht viel mehr als eine Lec-Variation ist auch der Aphorismus «Ich schreibe nur noch längere Sachen, sagte der Schriftsteller X., für kürzere fehlt mir der lange Atem.»

Doch genug der Nörgelei, schliesslich findet sich in dem Bändchen auch viel Gelungenes. Witz und satirischen Biss beweist Wiesner in seinen Aphorismen über den Krieg. Der folgende Satz über den Vietnamkrieg bezieht seine Stärke aus dem Kontrast zwischen einem ernsten Thema und seiner wortspielerischen Behandlung: «Da Nang. Na Palm. Vietnamesische Orte.» Die Absurditäten der Geopolitik zeigt ein weiter Vietnam-Aphorismus auf: «Vietnam. Nord und Süd geteilt in Ost und West.» Bei beiden Beispielen verblüfft die Leichtigkeit, mit der Wiesner Worte für ein komplexes Geschehen findet. Sarkasmus ist ihm dabei ein probates Mittel, um die Wahrheit ans Licht zu heben: «Krieg. Der Soldat erweist sich als blutiger Laie.», oder: «Der Krieg erschliesst brachliegendes Heldentum.»

Zur Zielscheibe werden Wiesner Kriegstreiber jeder Couleur, ob sie nun Staat, Kirche oder Kapital heissen. Der patriotische Festredner («Festredner sind Männer mit Kopf. Mit Kehlkopf.») kriegt sein Fett dabei ebenso weg wie der politische Mitläufer («Der Opportunist besitzt eine reiche Garderobe.») oder die unheilige Allianz von Politik und Religion («Sonntagmorgen. Glocken und Schüsse bezeugen die friedliche Ehe zwischen Kirche und Staat.»).

Lesenswert sind schliesslich jene Aphorismen, die Wiesners Herkunft aus der Lyrik bezeugen. Wiesner hat ein feines Händchen für überraschende Bilder und poetische Momentaufnahmen. «Hagel. Der Regen bekam Gänsehaut» ist ein Beispiel für diese Texte im Grenzbereich von Aphorismus und Lyrik. Sie bewegen sich zwischen Naturbetrachtung («Schilf unter Schnee. Das Schlanke ist das Zähe.») und Selbstbeobachtung («Im Spiegel. Dein Komplize, seitenverkehrt.»). Schön in seiner Schlichtheit ist dieser Satz: «Winter. Mein Atem beschlägt das Fenster. Ich lebe.»


 
Friedemann Spicker zu:
Michael Rumpf: Was nützt es, wenn ein Chamäleon Farbe bekennt?,
Mödling: Bellaprint 2019

Das neue Buch von Michael Rumpf erscheint nicht bei Manutius, sondern im österreichischen Bellaprint Verlag, mit dem wir auch in bestem Kontakt sind, es trägt eine für diesen Autor eher ungewöhnliche sprachspielerische Frage im Titel, und es sind auch nicht alles neue Texte: „444 Aphorismen, viele bisher unveröffentlicht“.

Um mit dem Äußeren zu beginnen: Das Format, die Typographie, insbesondere die übergroß gesetzten linken Seiten mit je einem Aphorismus (so leicht kann man „Größe“ nicht herstellen!), die diversen floralen graphischen Elemente zwischen den je fünf Aphorismen auf den rechten Seiten, all das will nicht recht zu der gedanklichen Klarheit passen, die Rumpfs Texte in seinem zehnten Aphorismenband (von Essays, Gedichten, Übersetzungen abgesehen) wieder auszeichnet.

Kennt man einen Aphorismenband, in dessen Wein nicht auch Wasser wäre? Es kommt auf die Anteile an. Der relativ kleine Anteil Wasser, das sind die Texte, in denen das Wortspiel im Vordergrund steht. Wer unter unseren Autor(inn)en-Mitgliedern kennte diese Versuchung nicht? Nicht nur „Geflügelte Worter müssen oft notlanden. In Kalau“ (47). Da erscheint die Pointe als „Spitzfindling“ (85), da steckt jemand „in Launenhaft“ (59), da ist der„Flirt: ein Charme-mützel“ (131) und Neige – Neide (33) oder Marotte – Marionette (139) scheinen eher von der Freude am Klangspiel gesteuert. Die herkömmlichen syntaktischen Muster sind auch bei Rumpf erkennbar oft verbraucht, so „Wer…, der…“ („Wer selber denkt, hat Heimvorteil“, 31,vgl. 19, 27, 57, 75, 81, 135) oder „Lieber x als y“ („Lieber zwischen den Stühlen sitzen als zwischen den Fronten stehen“, 97) oder „Wenn…, dann…“. Aber da trägt der Gedanke das alte Muster noch einmal, da sind wir schon beim reinen Wein: „Wenn die Konventionen sterben, treten Launen die Erbschaft an“ (27).

Wir bekommen bei Rumpf Gedanken und nicht nur Einfälle. Aphoristische Grundkategorien wie die Selbst- und Menschenbeobachtung („Um sich zu erkennen, muss man die anderen beobachten“, 92) und das Ineinander von Gedanke und Gefühl werden neu bedacht: „Ein Gedanke wird nicht gern daran erinnert, dass ihn ein Gefühl erzeugte“ (11), „Gedanken seien frei? Sie zappeln im Netz der Gefühle“ (66), die großen alten Themen: Glück, Liebe („Die Ehe bewahrt die Liebe, indem sie sie verwandelt“ 49), Hoffnung, Traum werden, mit Goethe zu sprechen, ,angefrischtʻ. Das recht eigentlich Bezeichnende ist darüber hinaus – bei durchgehendem Bilddenken („Hoffnungen sind Wünsche in Ausgehkleidung“, 79) – die Art, wie er rhetorisch schmucklos und in einfachster Syntax entfernteste Kategorien zusammenspannt:

„Das Unnütze ist der Widerschein des Vergeblichen“ (39)
„Im Beifall hallt die Kraft des Segnens nach“ (72)
„Wie viel Langeweile wohnt der Sehnsucht inne?“ (83)
„Schönheit erlöst von der Vielfalt“ (87)
„Maßstäbe kann man zum Prügeln benutzen“ (45)

Wenn der Leser zustimmt, dann nicht mit einem platten „genau!“, sondern mit Erkenntnisgewinn, so bei dieser auf Erleben beruhenden Einsicht: „Stille gibt Weite“ (145), dieser von empathischer Menschenkenntnis geprägten Aussage: „Die tiefste Einsicht in einen Menschen ist die in seine Notwendigkeit“ (121) oder dieser Grundsatzkritik, die ihre Wirkung gerade aus ihrer thetischen Kürze gewinnt: „Spaß ist Surrogat für Sinn“ (51).

Auch im Widerspruch, und da erst recht, bleibt der Leser nicht ohne Gewinn: Gibt es, „wo nichts heilig ist, […] keine Gemeinschaft“ (23)? Ist es nicht unstatthafte Vereinseitigung zu sagen: „Gesellschaftskritik schützt vor Selbstkritik“ (21)? Ist Liebe wirklich „das wertvollste Naherholungsgebiet“ (62) oder nicht auch genauso oft das Gegenteil? „Verstehen heißt einverstanden sein“ (101). (Ich habe während meiner langen Auslandsjahre angesichts kultureller Differenzen gerade darin einen Unterschied zu machen gelernt und würde es gern mit dem Autor diskutieren.)

Erkenntniszugewinn statt mechanischer Anwendung in der Regel auch dort, wo die bewährten Mittel zu erkennen sind, die Antithese („Sinnlos, sich über die Welt aufzuregen. Schamlos, es nicht zu tun“, 137) oder die Umkehrung („Nicht, wenn dir jemand fehlt, vereinsamst du, sondern wenn du niemandem fehlst“, 9). Im eher schwachen Gegenbeispiel wird erst recht klar, wie die Einfachheit dort aus Substanz geschöpft ist: „Geduld ist das Schlüsselwort der Erziehung“ (35).

Genug der Beispiele: Anders als beim Wein steht es hier jedem Leser frei, die kleinen Wasser-Anteile zu eliminieren. Und für jeden wird ein denkbar ertragreiches Tröpfchen übrigbleiben!


 
Jürgen Wilbert zu:
Rainer Kohlmayer: „Schnakenstiche, Kichererbsen, bittere Pillen“,
in: „Schnake – Zeitschrift für Sprachkritik, Satire, Literatur“, Nr. 49+50 (Germersheim – Oktober 2019)

Der Autor Rainer Kohlmayer, geboren 1942 in der Nähe von Kaiserslautern, ist für uns von DAphA kein Unbekannter, nahm er doch bereits an zwei der vergangenen Aphoristikertreffen als Referent teil, so 2010 mit einem Vortrag über „Sprachspiele als Übersetzungsprobleme“. Kurz zu seiner Vita: Er war von 2001 bis 2013 als Professor der Universität Mainz im Fachbereich „Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft“ am Germanistischen Institut in Germersheim tätig. Als Autor und Übersetzer von Theaterstücken gibt er seit 1982 die Zeitschrift „Die Schnake“ heraus und veröffentlicht darin in unregelmäßiger Folge eigene aphoristische Kurztexte. Dieser Doppelband der „Schnake“ (von Oktober 2019) umfasst laut Vorwort des Autors „fast alle bisherigen Schnakenstiche, es handelt sich um rund 500 Kurztexte, die „kaum unter dem strengen Gattungsnamen APHORISMUS“ gefasst werden können.

Alle Texte kennzeichnet nach eigener Aussage „die kritische und ironische Einstellung“. Er selbst bezeichnet sich als „eigensinniger Einzelkämpfer“. Diese Note kommt in sehr vielen seiner „Schnakenstiche bestens zum Ausdruck. Sie sind in XIII. Kapitel eingeteilt, darunter solche Überschriften wie „Sprache und Sprachspielereien“, „ Bildung und Bildungswesen“, „Philosophie und Erkenntnisse“ und „Soziales und Politik“. Auf die letztgenannte Rubrik werde ich mich im Folgenden vor allem konzentrieren – nicht zuletzt auch im Hinblick auf das Leitthema unseres nächsten Aphoristikertreffens: „Streitbar und umstritten“.

Viele seiner Kurztexte sind nach Nietzsche-Manier mit einer Überschrift versehen, z.B. in dieser seiner Definition des „Pluralismus. – Im Land herrscht Demokratie, in der Gesellschaft Darwinismus, im Betrieb Oligarchie, im Bewusstsein Konformismus, im Unterbewusstsein Anarchie.“ Bisweilen spürt man in seinen Texten überdeutlich den moralischen Zeigefinger, wie etwa in einer längeren Passage mit dem Titel „Übliche Widersprüche“. Darin finden wir diese Zeilen: „Parteien, deren Kampf für die freie Marktwirtschaft durch Bestechungsgelder motiviert wird. (…)“

In manchen Texten dominiert zweifelsohne die Sprachspielerei, mitunter als Kalauer: „Sieg nach Punkten. – Nach einem Gespräch unter vier Augen war er wieder k.o.operationsbereit.“ In einigen Notaten gelingt es ihm, Tiefgründigkeit, Prägnanz und Originalität optimal zu verknüpfen, wie in diesem Einzelsatz: „Schule der Nationalisten.- Uniformiert und uninformiert.“ An anderer Stelle folgen die „Schnakenstiche“ dem Schema des Chiasmus, wie etwa hier: „Die Arbeitsteilung geht so weit, dass diejenigen, die das Sagen haben, nichts mitteilen, und diejenigen, die etwas mitzuteilen haben, nichts zu sagen haben.“ Oder sie unterliegen dem Bauplan als Kontradiktion: „Bürgerlicher Gehorsam. – Druck von unten erzeugt Druck von oben.“

Am überzeugendsten gelingen Kohlmayers „Schnakenstiche“ als „bittere Pillen“, wenn sie mit originellem Wortwitz und reichlich Sarkasmus gewürzt sind, wie in: „Vorübergehende Beziehung.- Als sich die Liebe nicht einstellte, wurde sie eingestellt.“ Auch unser „Verband der Aphoristiker e.V.“, den er ja persönlich kennenlernen konnte, bekommt sein Fett weg und wird m.E. arg hinkend mit „Trappistenklöstern, Suizid-Chats, Selbstmordanschlags-Organisationen, Junggesellentreffs usw.“ verglichen. Kohlmayers etwas abseitige Quintessenz lautet hier: „Der Mensch verlässt die Herde immer nur um einer anderen Herde willen.“ Manches Mal erliegt der Autor seinem stark ausgeprägten Hang zu , ja zynischen Wortspielereien – vor allem in solchen „Kichererbsen“: „Tragik des Alters: Man wird zum Dunstgreis.“ / „Der Tod läuft mit. – In „leichtfüßig“ steckt bereits „leichfüßig“.

Insgesamt betrachtet, bietet diese Doppelausgabe der „Schnake“ eine Fülle von gleichermaßen humor- und geistvollen aphoristischen Kurztexten und stellt somit für sprachbewusste und gesellschaftskritische Zeitgenossen eine unterhaltsame wie anregende Lektüre dar. Dem / der Lesenden sei zudem das Kapitel 1 „Sprache und Sprachspielereien“ empfohlen, da hier ganz besonders die professionelle und profunde Lehr- und Lebenserfahrung des Autors zum Ausdruck kommt. Zum Abschluss meiner Zeilen daher hier ein Text aus dieser Rubrik: „Entsprechend dem Wort REDEWENDUNGEN für direkte, anschauliche Ausdrücke könnte man das Wort REDEWINDUNGEN für verlogene Umschreibungen verwenden.“

JWD, Düsseldorf, 27.10.2019


 
Friedemann Spicker zu:
Rolf Friedrich Schuett: „Philosophischer Gehalt in literarischer Gestalt. Sentenzenschleifer: Dichter und Denker in Personalunion.“,
Norderstedt: Books on demand 2019.

Rolf Friedrich Schuett hat sich in den letzten Jahren primär wie sekundär vielfach in Sachen Aphorismus zu Wort gemeldet. (Die Neuerscheinungen in der dapha-depesche verzeichnen die Titel.) Er ist derzeit einer der produktivsten Aphoristiker überhaupt.

Hier legt der Philosoph Schuett in einem stattlichen Band von 324 Seiten eine Sammlung älterer Arbeiten vor, eine veritable Summe von nicht weniger als 26 längeren und kürzeren Beiträgen. Bei der Fülle der Ansätze ist es nicht anders denkbar, als dass es auch zu manchen Wiederholungen kommt. „Frag-Mentalität“ (165): das bezeichnet nicht nur seine Gegenstände, sondern auch die eigene Vorgehensweise in unzusammenhängenden, aber nicht unverbundenen Reflexionen auf der Grundlage stupender Belesenheit. Sie alle sind von der Grundüberzeugung getragen: „Für mich war der Aphorismus von Anfang an keine randständige Literaturgattung.“ (35) Was für ihn im Fokus steht, ist, mit dem Titel einer seiner Aufsätze, der „philosophische Gehalt in literarischer Gestalt (111): „Ich verstand immer den Aphorismus als philosophischen Gehalt in poetischer Gestalt, als Gegensatz-Einheit von existenziellem „Bild“ und essentiellem „Begriff“ (36). Die Stoßrichtung, auf dem Buchrücken dokumentiert: „gegen den zu lustiger Blödelei oder seichtem Gesinnungsspruch heruntergekommenen Aphorismus“. In der Diktion wechseln der Philosoph, in dessen Terminologie man sich einlesen muss („Der Aphorismus ist die paradoxe Einheit von produktiver Setzung und distanzierender Absetzung“, 128) und der überraschend-verknappende, antithetisch zuspitzende Aphoristiker miteinander ab („Bei Hippokrates wird die Medizin zum Aphorismus, bei Kant der Witz zur Medizin.“ 131); der Philosoph behält aber hier eindeutig die Oberhand.

Schon in seiner „Kurzgeschichte des Aphorismus. Subjektiver Lesebericht“ zeigt sich Schuett auf wenig mehr als 20 Seiten als der überlegene Gattungskenner, der anregende, betont subjektive kurze Notizen zu Autoren von Hippokrates über Chamfort und Lichtenberg bis Czernin festhält (etwa zu Kraus: auch Aphorismen, „die schlechter sind als sein Ruf“; zu Deschner: „linke Gesinnung ersetzt nicht immer das aphoristische Können“), mit Angabe der „Trefferquote“ und mit Beispielen. Die „Fragmente der Nachsokratiker in der europäischen Philosophie“ (145) nehmen diese Tour dʼhorizon unter Einbeziehung der Sekundärliteratur (z. B. Schalk, Wehe, Fedler, besonders oft Neumann) auf.

Ich greife einige weitere Beiträge heraus. Hinter der „Phänomenologie des Geistreichen“ (31) verbirgt sich eine kleine aphoristische Autobiographie. Schuett geht von der Wirkung aus und macht keinen Unterschied zwischen isoliert gedachten Aphorismen und Exzerpten; er lernt den genuinen Aphorismus, den Feind aller Systeme, recht eigentlich über dessen Gegner, Hegel, kennen. Der unerreichte Höhepunkt liegt für ihn in den Jahrzehnten um 1800. Der Essay „Aphoristische Existenz oder existenzphilosophische Aphoristik?“ (50) gipfelt in der Frage: „Sind Aphoristiker also die wahren Existenzphilosophen, ohne dass die Existenzialisten nun die wahren Aphoristiker sein müssten?“

„Dichter und Denker“ in Personalunion?“ geht von der These aus: „Die Philosophie hat noch lange nicht ausgeschöpft, was sie von europäischer Moralistik profitieren könnte.“ (242) Der Aufsatz „Gnomologisches Denken“ (58) diskutiert in der für ihn typischen Form unverbundener Absätze (Fragmente?) das Denken in kurzen Sprüchen, vor allem auf der Grundlage der Arbeiten des „Kieler Neophänomenologen“ Hermann Schmitz, besonders seines Begriffes „Witzverhalt“, der leider an der spezifisch aphoristischen Sache vorbeiargumentiere (83).

„Geistreicher Witz und Geisteswissenschaft“ (177) hält ein Plädoyer für Esprit und lakonische Prägnanz. „Moralistik oder „moral sciences“? (188) plädiert zum wiederholten Male für das aphoristische Philosophieren in seinem Sinne: „Aber hat Hegel den bösen Schlegel jemals widerlegt?“ (198) „Dichter und Denker“ in Personalunion?“ (242-320) legt ausgehend von der These: „Die Philosophie hat noch lange nicht ausgeschöpft, was sie von europäischer Moralistik profitieren könnte.“ (242) seinen Ansatz im Durchgang von Heraklit über Kant, die Frühromantiker und Hegel („Hegel war die Regel, Schlegel war der Flegel“) bis zu „Lichtenberg, Schlegel, Nietzsche und Adorno, den vier vielleicht bedeutendsten aphoristischen Philosophen“ (307), mit vielen Zitaten aus der Sekundärliteratur noch einmal breit dar, was hier nur anzuzeigen, aber nicht eigentlich zu rezensieren ist.

Der Band fordert dem Leser und der Leserin einiges ab. Es ist Arbeitsbuch, auch geistiger Steinbruch. Aber jeder, der sich darauf einlässt, wird von den Überlegungen, Zitaten und Kommentaren Schuetts, auch im produktiven Widerspruch, profitieren können, der eine vielleicht durch die ausführliche Diskussion mit dem Gattungstheoretiker Fricke (222-228), der andere durch die Statistik über Alter, Auskommen, Beruf und politischen Standort unterschiedlichster Aphoristiker (234), wie sie sich in dem zunächst rätselhaften Abschnitt „Rätselhafte Zwerg-Satiren“ (200) verstecken (um nur zwei Beispiele zu nennen).

Wir würden gern eine Diskussion über das Buch oder Einzelheiten daraus eröffnen und laden ausdrücklich zu einer Zweitrezension von betont philosophischer Warte aus ein.


 
Jürgen Wilbert zu: „Die schönsten deutschen Aphorismen“,
hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Philip Kovce, 2019 im Insel Verlag Berlin erschienen (Insel-Bücherei Nr. 1461)

Vor einigen Wochen ist im Insel Verlag eine neue Aphorismen-Anthologie erschienen; sie trägt den vollmundigen Titel „Die schönsten deutschen Aphorismen“. Herausgeber ist Philip Kovce (geboren 1986), der am Basler Philosophicum und an der Universität Witten-Herdecke tätig ist. Er schreibt selbst Aphorismen und ist den Verantwortlichen von DAphA kein Unbekannter, hat er doch vor Jahren auch an einem unserer Aphoristikertreffen teilgenommen. Es sind bereits zwei Aphorismenbände von ihm erschienen: „Der freie Fall des Menschen ist der Einzelfall“ (2015) und „Ich setze Ich-Sätze“ (2016).

Der Titel des neuen Bändchens trägt mit dem Superlativ „…schönsten…“ eher den merkantilen Zielen der Marketingabteilung des Verlags Rechnung als der satirisch-kritischen Note der kurzen Gattung. Der Herausgeber bezeichnet seine Sammlung im Nachwort selbst als „Blütenlese“; und dieser Charakter wird durch das mit Merian-Blumen verzierte Cover gleichsam untermalt. Es handelt sich um eine recht „eigenwillige Auswahl“ (Nachwort auf S. 82). Durch diese Texte von 36 Autoren hat sich Kovce „auf diese oder jene Weise getroffen“ gefühlt. (S. 82) Diese Weisen für seine subjektive Auswahl werden jedoch nicht weiter erläutert. Waghalsig finde ich diese Behauptung von ihm, „dass damit zugleich ein historischer Längs- und thematischer Querschnitt vorliegt“ (S. 82). Wie soll / kann so etwas Strukturiertes aus einer derart subjektiven, beliebigen und zudem noch schmalen Auswahl überhaupt entstehen? Es findet sich übrigens kein Hinweis auf andere, systematisch angelegte Anthologien wie etwa die von Fieguth „Deutsche Aphorismen“ (Stuttgart: Reclam 1994) und die 2012 bei Reclam erschienene Auswahl „Deutsche Aphorismen“, die von F. Spicker herausgegeben wurde.

Durchweg bleibt bei der Lektüre der rhapsodische Eindruck der willkürlichen, Auswahl erhalten. Dies betrifft auch die Auswahl der jeweiligen „schönsten“ Einzelaphorismen. So vermisse ich beispielsweise bei Jean Paul dessen prägnante Definition des Aphorismus: „Sprachkürze gibt Denkweite“.

Was man dem Bändchen keineswegs absprechen kann, ist seine „motivische und stilistische Vielfalt.“ (S. 82) Für den Leser jedoch ist ärgerlich, dass der Herausgeber kein Wort über das hochtrabende Auswahlkriterum im Titel, den Begriff „schön“ verliert. Was soll denn die „schönsten Aphorismen“ auszeichnen? Handelt es sich eher um gedanklich-inhaltliche oder sprachlich-stilistische Qualitäten? Es geht hier wohl in erster Linie um die Verlockung eines ungetrübten Verschenk- und / oder Lesevergnügens wie bei anderen solchen Spruch- und Weisheitsbändchen auch, vgl. etwa das Reclam-Bändchen „Für alle Lebenslagen. Kleine Weisheiten (Stuttgart 2008), hrsg. von Evelyne Polt-und Christine Schmidjell.

Wozu dient eigentlich vorab der themenbezogene Mottoaphorismus von Peter Handke über die Liebe? Hier wäre m. E. zur gattungsspezifischen Einstimmung eher die Auswahl der „Aphorismen über Aphorismen“ angebracht.

Bei der Auswahl der Autoren / Autorinnen hat sich Kovce weitestgehend vom bestehenden Kanon der Aphoristik leiten lassen; keine Frage, Lichtenberg, Goethe, Seume, Jean Paul, Schlegel, Novalis, Hebbel, Nietzsche, Schnitzler, Morgenstern, Hofmannsthal, Kraus, Kafka, Tucholsky, Jünger und Canetti sind hier unbestritten. Doch wieso fehlen Börne, Brecht und Adorno? Für mich nicht nachzuvollziehen ist auch die Entscheidung für Gabriel Laub. Hier hätte eher Stanislaw Jerzy Lec einen Platz verdient. Was macht beispielsweise diesen tautologischen Satz von Laub zu einem der „schönsten Aphorismen“? „Wer etwas verstehen will, muss verstehen wollen.“

Erfreulich hervorzuheben ist, dass der Herausgeber mit Varnhagen, von Ebner-Eschenbach, Mayreder drei bedeutende Aphoristikerinnen aufgenommen hat.

Besonders heikel und umstritten stellt sich naturgemäß die Begründung bei der Auswahl der Gegenwartsaphoristiker dar. Hier sei nur auf die Anthologie von Eilers und Grüterich „Neue Deutsche Aphorismen“ (Edition Azur: Dresden) verwiesen. Und ob sich einige der aufgenommenen eher gesellschaftskritisch und philosophisch ausgerichteten Autoren wie Benyoetz, Seel, Sloterdijk und Steffens (hier kommt übrigens keine Frau mehr vor) darüber freuen, dass ihre ausgewählten Aphorismen zu den „schönsten“ gezählt werden, möchte ich bezweifeln.

Kurzum: ein weiteres Bändchen mit mehr oder minder erbaulichen Lebensweisheiten / Gedankensplittern ist in der Welt, das wieder mal mehr Fragen aufwirft als es beantwortet. Aber das ist schließlich ja auch ein Wesensmerkmal des Aphorismus.

JWD, Düsseldorf, 15.10.2019
 


 
Jürgen Wilbert zu:
Volker W. Degener: „Lichtung und Wahrheit“, Hundert denkwürdige Aphorismen. edition virgines, Düsseldorf 2019

Dieses Bändchen mit Illustrationen von H.-D. Gölzenleuchter aus Bochum umfasst, locker gesetzt, auf 77 Seiten 100 neue Aphorismen des Herner Schriftstellers Volker W. Degener. Bekannt geworden ist der Autor insbesondere durch seine KInder- und Jugendbücher. (Sein literarischer Werdegang ist am Ende des Buches gleich zweimal abgedruckt worden.)

Laut Vorwort von Hannes Krauss (emeritierter Literaturwissenschaftler der Universität Duisburg-Essen) „hat dieser Autor (…) im Alter Spaß an der literarischen Kurzform gefunden.“ Dies habe „nichts mit Konditionsschwäche zu tun. Es ist eher ein Zeichen der Reife.“ Um mein Fazit vorwegzunehmen: Nach eingehender Lektüre bin ich nur selten auf reife Aphorismen gestoßen bin.

Gleich der erste Aphorismus auf Seite 15 weist eine verblüffende Nähe zu einem der klassischen Aphorismen von Marie von Ebner-Eschenbach auf: „Menschen, denen ich eine Stütze bin, verleihen mir Haltung.“ Das Original lautet: „Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, die geben uns den Halt im Leben.“ Auf Seite 36 stößt der aphorismenversierte Leser auf eine weitere erstaunliche Affinität: „Wer mich bewundert, kann kein Dummkopf sein.“ (so die verknappte Fassung bei Degener.) Bei Ebner-Eschenbach lesen wir: „Es ist nicht leicht, den, der uns bewundert, für einen Dummkopf zu halten.“ Nach dem gleichen Strickmuster ist hier in Degeners Kurzfassung das „wir“ durch „ich“ ersetzt worden. Derartige Parallelen trüben dann doch das Lesevergnügen erheblich.

Ist bei diesen „inspirierten Aphorismen“ noch gedanklicher Tiefgang zu erkennen, so fällt es bei der überwiegenden Mehrzahl der anderen Kürzesttexte schwer, eine überzeugende inhaltliche wie sprachlich-stilistische Pointierung zu finden. Stattdessen stößt man auf eine Fülle banaler, ja abgedroschener Aussagen wie z.B.: „Ein fleißiger Schriftsteller kann nicht anders als vielseitig sein.“ / „Schriftsteller tragen nicht nur Verantwortung für Wortwahl und Satzbau.“ Oder: „Nur der Mensch kann lesen. Aber nicht alle wissen das zu schätzen.“ Degener schreckt auch nicht vor einem solchen Allgemeinplatz zurück: „Gesundheit ist ein Privileg, dessen man sich erst in schlechten Tagen bewusst ist.“ Bei solchen Kalendersprüchen bleibt der/dem Lesenden nur das selbstredende Abnicken. Den meisten Texten fehlen halt die gattungsspezifischen Merkmale der Zuspitzung und des Sprachwitzes. Kurzum: Ich vermisse durchgehend den aphoristischen Biss.

Auch die folgende Wortneuschöpfung erscheint mir reichlich konstruiert (Rach für Rache?): „Was trägt mehr zur Sicherheit bei, der Rauchmelder oder der Rachmelder?“ Bestenfalls gut gemeint ist ferner dieser moralische Appell mit Blick auf den Umgang mit Flüchtlingen: „Für jeden Menschen die richtigen Worte finden, egal in welcher Sprache.“

Zu häufig spürt man das schematische Bauprinzip der Kontradiktion: „Mit Grenzkontrollen geraten wir unkontrolliert an unsere eigenen Grenzen.“ / „In der Diktatur gibt es einfache Regeln. In der Demokratie schwierige Lösungen.“ / „Das Wort Tugend klingt ziemlich tot. Wie soll es dann gelebt werden?“

Bei weiteren Textbeispielen ergeben sich – wie bereits in einem Vorgängerbändchen, das 2008 im Brockmeyer-Verlag Bochum erschienen ist – frappante Ähnlichkeiten zu bereits veröffentlichten Aphorismen der Recklinghäuser Autorin Edith Linvers. Hier seien nur zwei der markantesten Beispiele erwähnt: „Wenn jemand aus dem Rahmen fällt, sind wir im Bilde.“ (Degener, S. 15) Bei Linvers heißt es: „Als er aus dem Rahmen fiel, war ich im Bilde.“ / „Für jeden Menschen die richtigen Worte finden, egal in welcher Sprache.“ (Degener, S. 60) Vgl. Linvers: „Eigene Worte finden, egal in welcher Sprache.“

Mein Resümee: Entgegen der äußerst positiven Einschätzung von Hannes Krauss im Vorwort „befördert“ das Buch keine „überraschenden, betörenden und erschreckenden Einsichten“. Insgesamt unterbietet Degener mit diesem neuen Aphorismenband sein bisher auf anderen literarischen Feldern unter Beweis gestelltes Niveau. Die Gattung der Aphoristik ist offensichtlich nicht sein genuines Betätigungsfeld.

JWD, Düsseldorf, 27.9.2019
 

Artikel zum Thema Urheberrecht

Nachtrag vom 15.10.2019

Der Uschtrin-Verlag informiert

In der Rubrik „Fragen Sie Professort Lutz!“ informiert der Uschtrin-Verlag über »Aphorismen und das Urheberrecht im Netz« – ein sehr lesenswerter und informativer Artikel.

>> weiterlesen (PDF des Artikels)

 

 


 
Friedemann Spicker zu:
Arndt-Michael Meyer: Die Macht der Kürze. Das 1×1 der Realität. Norderstedt: BoD 2004.

Ein anmaßendes Buch. Es ist nach eigenem Bekunden „Meilenstein“ und „Revolution“ (6). Meyer reklamiert die „Realität“ in diesem kleinen „1×1“ ganz allein für sich und beruft sich dabei auf die Funktionsweise des Gehirns, die er allein mit seiner GUToP (Great Unified Theory of Philosophy) versteht. „Die einzige Absicht des Buches ist der Erklärung der GUToP.“ (7)

Und was hat dieses Sektierertum mit dem Aphorismus und mit DAphA zu tun? Das Buch, im Übrigen voller Fehler in Interpunktion, Grammatik usf., „interpretiert“ „circa 300 Zitate von bekannten Denkern“ in Kapiteln von „Natur“ bis „Humor“. Und dieses „Interpretieren“ geht zum Beispiel so:

„Wer sich ständig von Vernunft leiten lässt, ist nicht vernünftig.“
Charles Tschopp, schweizerischer Aphoristiker, 1899-1982
Wahrheitsgehalt: 0%
Fehler: Das Zitat fordert zum Nachdenken über unser Handeln nach. Allerdings ist das Zitat in sich falsch.
Man sollte seinen Gefühlen nachgehen. Allerdings nur wenn das dann nicht zu einer Situation führt welche ins Unglück führt. […] (21)

Oder so:
„Die Schönheit brauchen wir Frauen, damit die Männer uns lieben, die Dummheit, damit wir die Männer lieben.“
Coco Chanel, französische Modeschöpferin, 1883-1971
Wahrheitsgehalt: 95%
Fehler: keiner [es folgt ein Kommentar] (22)
Der Ansatz, sich Zitat und Aphorismus kritisch zu nähern, ist nicht zu kritisieren. Die Umsetzung: mathematisch-oberlehrerhaft nach fein differenzierten, exakten „Wahrheits“-Prozenten und „Fehler“haftigkeit ist indiskutabel. Wie ergeht es beispielsweise Lichtenberg unter solchem Regiment?

„Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen.“
Wahrheitsgehalt: 95%
Fehler: keiner.
Perfekt. [es folgt ein Kommentar] (94)
Andererseits:
„Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt.“
Wahrheitsgehalt: 50%
Fehler: Die weitaus größere Gefahr für die Wahrheit geht vom emotionalen Wunsch nach einer bestimmten „Wahrheit“ aus. Hierbei ist es aber praktisch unbedeutend, ob diese Unwahrheit eine große Lüge ist, oder nur schlecht recherchiert ist. […] (115)

Stichproben bei den Großen:

Kraus: drei Aphorismen, Wahrheitsgehalt: 0%, 95%, 99%. Natürlich interessiert der 0%-Totalversager besonders: „Das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung hat versagt.“ Kraus; Meyer: „Fehler: Alles ist in perfekter Harmonie. […]“ (120)

Ebner-Eschenbach: neun Aphorismen, Wahrheitsgehalt: zweimal 50%, sonst 95-99%!

Nietzsche: sechs Aphorismen, Wahrheitsgehalt: dreimal 95%, des Weiteren 80%, 75%, 10%.

Goethe: fünf Aphorismen, Wahrheitsgehalt: 99%, 90%, 70% (zweimal), 50%. Dass den Autor Gattungsfragen überhaupt nicht interessieren, versteht sich. Also muss sich der ungeneigte Leser auch darauf gefasst machen, ein solches Zitat verarbeitet zu sehen: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst – nicht mir!“ (96)

Das Verfahren ist, wie die Beipiele zeigen, mehr als anfechtbar. Trotzdem ist das Buch nicht nur oft ärgerlich, zuweilen dabei nicht ohne Unterhaltungswert, es kann im Einzelnen in der Auseinandersetzung mit den Kommentaren auch anregend sein (es gibt ein Autorenverzeichnis). – Zum Schluss zitiert der Autor drei eigene Zitate: Wahrheitsgehalt 95%, Fehler: keiner“ (164f.). Wer hätte das gedacht?

 


 

Friedemann Spicker zu:
Franz Kafka: „Du bist die Aufgabe.“ Aphorismen. Hrsg., kommentiert und mit einem Nachwort von Reiner Stach. Göttingen: Wallstein 2019.

Kafkas Aphorismen haben wie sein gesamtes Werk vielfältigstes Interesse gefunden. Reiner Stach, durch seine dreibändige Kafka-Biographie auf das Beste ausgewiesen, legt jetzt „die erste kommentierte Ausgabe“ dazu vor, wie es zurückhaltend auf dem Rückumschlag heißt. (Trotzdem steht er auch auf den Schultern früherer Interpreten von Felix Weltsch 1954 bis zu Gray, Robertson, Dietzfelbinger, Hoffmann, Binder und anderen.)

In seinem Nachwort geht der Autor nach einem Seitenblick zur „Sonderstellung“ dieser „Aphorismen“, einer „definitorischen Verlegenheit“, auf Kafkas „Doppel- und Dreifachleben“ im Jahre 1917 in Zürau nach dem Ausbruch der Tuberkulose sowie auf ihre Entstehungsgeschichte ein: die beiden dort entstandenen Oktavhefte und die daraus exzerpierten 105 nummerierten Zettel. Er erläutert deren Rezeption seit 1931 durch Brod und die Nachfolgenden, als die Texte zu „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg“ werden.

Stach befreit die Texte mit ihren unscharfen Begriffen wie „das Gute“ oder „die Wahrheit“ von jedem Bezug zu überlieferten Religionskonzepten; stattdessen gehe es um ein „ehrfurchtsfreies Hantieren mit mythischen Bausteinen“ (248). Seine Interpretation entwickelt von zwei Kernfragen her ihr Konzept: „Lässt sich hier so etwas wie ein Kern herausschälen? Ein systematischer Gedanke?“ (248) Es gebe keine konsistente Theorie, die Bilder seien seine Argumente. „Diese Fallhöhe zwischen extremer Abstraktion und fortwährend bezwingender Bildhaftigkeit zählt zu den wesentlichen intellektuellen Reizen der Aphorismen.“ (250)

Am Schluss arbeitet er den Zusammenhang der Aphorismen mit dem Spätwerk, besonders dem „Schloss“, heraus: „Am Ende also versucht Kafka die beiden losen Enden wieder miteinander zu verknüpfen, begriffliches und bildliches Denken mit literarischen Mitteln und in eindringlichen Denkbildern zu synthetisieren.“ (251)

Stachs Kommenter ist so angelegt, dass sich links die Nummern 1-109 des Textes finden (es gibt Unregelmäßigkeiten in Kafkas Zählung) und jeweils rechts Kommentar und Materialien: Datierung, Querverbindungen untereinander sowie zum übrigen Werk und den Briefen. (Die – vielfach spekulative – Sekundärliteratur arbeitet er zu Recht nicht explizit ein.) So zieht er zum Beispiel zu dem bekannten Aphorismus Nr. 22 „Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.“ nach einer Reflexion über „Du bist“ statt „Du hast“ einen Brief an Max Brod aus dem gleichen Zeitraum, die Briefe an Felice, eine weitere Notiz in dem Oktavheft und einen Tagebucheintrag von 1922 heran und verweist auf Beziehungen zu Aphorismus Nr. 94. Das ist wohltuend knapp, aber so faktengesättigt wie kernfragengeleitet.

Damit ist dieser Kommentar in jedem Fall die Grundlage für jede neuerliche Beschäftigung mit Kafkas Aphoristik.