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Jürgen Wilbert über:
Winfried Schindler: Spitzen und Spitzfindigkeiten. Göppingen: Bader 2022.
Der Autor legt hier nach „Die Paradoxie der Wahrheit“ (2020) – darüber ist auf der DAphA-Homepage eine ausführlichere Besprechung erschienen – seinen siebten Aphorismenband vor. Darin stellt er seinen eigenen Kurztexten erneut ausgewählte Fremdaphorismen voran, darunter bezeichnenderweise dieses Zitat von Rainer Malkowski: „Nichts steht weniger im Widerspruch zur Wirklichkeit als ein Paradox.“ Schindlers Auffassung vom Wesen des Aphorismus wird dieses Mal im Klappentext erläutert, indem er auf ein Zitat von Friedrich Nietzsche verweist: „Das Unvollständige als das Wirksame. – Wie Relieffiguren dadurch so stark auf die Phantasie wirken, dass sie gleichsam auf dem Wege sind, aus der Wand herauszutreten und plötzlich […] Halt machen“. Für Schindler verbindet die Aphoristik zwei gegensätzliche Schreibweisen: die Philosophie und die Dichtung. Man vergleiche in diesem Zusammenhang bloß die bildhaft-originelle Definition von Gerhard Branstner: „Der Aphorismus ist ein gewitztes Kerlchen, das Kunst und Philosophie in Liebe gezeugt haben: von der Philosophie hat es die Art zu fragen, von der Kunst zu antworten.“
Die neue Publikation umfasst 131 Seiten mit insgesamt weit über 400 aphoristischen Kurztexten. Erfreulicherweise ist das Buch wieder in themenorientierte Kapitel gegliedert. Im ersten Abschnitt „statt eines Vorworts“, sozusagen zur Einführung in die Gattung, finden wir „Aphorismen über den Aphorismus“. Zwei der in meinen Augen gelungensten Definitionen lauten: „Der Aphorismus grenzt ab und entgrenzt zugleich.“ (S. 8) / „Der Aphorismus ist eine paradoxe Denkform, die sich dem Undenkbaren stellt.“ (9) In diesem Einstiegskapitel kritisiert der Autor den „modernen Aphorismus“, weil er „in Gefahr [ist], sich ohne große Gegenwehr zu Tode zu kalauern.“ (10) Dennoch scheut er dann und wann auch selber nicht vor schalen Wortwitzen oder Kalauern zurück, wie etwa auf der letzten Seite (131): „Paradox ist, wenn ein Antialkoholiker für voll genommen wird.“ Zugegeben, diese Beispiele finden sich in erster Linie im Kapitel VII, das vorzugsweise Sprachspielerisches enthält (übrigens häufig nach dem Wer…, der…- Schema), wie zum Beispiel: „Wer nichts zu sagen hat, macht umso mehr Worte.“ (122)
Doch der Reihe nach: Im Kapitel I geht es wie im Vorgängerbuch hauptsächlich um philosophisch-existenzielle Fragen wie Wahrheit, Sinn, Wirklichkeit, Leben und Tod. Hier stoßen wir auf diese nachdenkenswerte Metapher: „Die Hohlheit eines Gefäßes demonstriert die Nützlichkeit des Nichts.“ (34) Gern werden vom Autor vermeintlich widersprüchliche Gedanken präsentiert: „Nichtstun ist eine gewaltige Leistung.“ (33) Oft (zu oft?) zieht sich Schindler auf die Position des In-Frage-Stellens zurück: „Müssen wir sterben, weil wir nicht gelernt haben zu leben?“ (26) Oder: „Welcher Ort verdient den Namen HEIMAT?“ (25) Dies ruft möglicherweise bei der/dem Lesenden einen gewissen Ermüdungseffekt hervor. Elazar Benyoëtz spricht sinnigerweise von einer „ermüdenden“, eben „nicht erschöpfenden Kürze“ des Aphorismus.
Im Kapitel II werden Themen des Zwischenmenschlichen, im Kern die Liebe behandelt. Hier finden sich neben lyrisch-pathetischen Kürzesttexten wie „In der Sprache der Liebe werden Wörter zu Rosen.“ (S. 52) (Dieser Aphorismus ist bereits in der Veröffentlichung aus dem Jahr 2020 abgedruckt!) oder „In der Liebe umarmen sich zwei Seelen.“ S. 47) auch tiefenpsychologisch orientierte Kommentare: „Schlägt alles Erotische ins Neurotische um?“ (55) – oder Behauptungen: „Liebe ist nicht formulierbar.“ / „Liebe ist Lust am Fremden.“ (36) Auch in diesem Themenabschnitt wird der / die Lesende allerdings wieder mit zu vielen Fragen Liebe betreffend konfrontiert, die im Unverbindlichen verhaftet sind, so etwa auf S. 55: „Wie kann man seine verlorene Liebe wiederfinden?“
Dem neuen Band liegt der gleiche Bauplan zugrunde, denn auch hier wendet sich der Autor im Kapitel III den Fragen des Religiösen zu. Durch diese inhaltliche Bündelung fällt natürlich in stärkerem Maße auf, wie nah die Aussagen so mancher Aphorismen am Sinngehalt der Nachbar-Aphorismen zu verorten sind, so stehen zum Beispiel auf S. 62 diese beiden Sätze direkt hintereinander: „Konstruieren sich die verschiedenen Religionen ihren je eigenen Gott?“ Und: „Ist für jede Religion Gott ein anderer?“ Der Autor weicht hier ebenfalls eindeutigen Festlegungen aus; dies heißt somit gemäß der eigenen Aussage auf dem Klappentext, „dass der Leser in besonderem Maße aufgerufen ist, sich in die ihm vom Verfasser gebotenen Spielräume einzubringen.“ Hier wünschte ich mir als Leser jedoch eher klarere Positionen anstelle solcher wiederkehrenden Fragen: „Hat es Gott nötig, auf uns zu warten?“ (70) Und: „Ist der Tod ein Agent Gottes?“ (69) Gemäß bewährtem Bauplan handelt auch der folgende Abschnitt IV von Themen rund um die Kunst. Auch hier erwartet die Leserin / den Leser eine Fülle von aphoristischen Definitionen und Aussagen, die mal tiefsinnig und erkenntnisfördernd sind, mitunter aber auch selbstredend oder schlichtweg banal. Man vergleiche nur diese beiden Textbeispiele: „Kunst: ein großes Vielleicht.“ (74) Demgegenüber: „Kunstwerke vermögen uns so zu faszinieren, dass wir uns vergessen.“ (80) Auffallend auch hier, wie sehr Schindler insbesondere das Antithetische, Kontroverse und Paradoxe reizen: „Kunst: dargestellte Nicht-Darstellbarkeit.“ (75) Im Einzelfall klingt der Kurztext jedoch allzu konstruiert, wie hier bei der Begriffsbestimmung der Dichtung: „Im Ausgesprochenen Unaussprechliches ansprechen.“ (81) Zu den überzeugendsten Beispielen zählen meiner Ansicht nach diese Aphorismen: „Musik gibt der Stille Form.“ (83) / „Philosophie nimmt der Welt ihr Geheimnis, Poesie stattet sie mit ihm aus.“ (89)
In der Rubrik V finden sich Aphorismen einzig und allein zum Sinnbild des Spiegels, während sich im Folgekapitel der Autor vorzugsweise selbstreflexiv mit dem Menschsein, dem Selbstbewusstsein und der Selbstverwirklichung beschäftigt, wobei häufig die schwer fassbare Kategorie der Seele herangezogen wird (auf den Seiten 112 ff.). Hier bleiben die Aphorismen folglich vage: „Was kommt hinter der Seele?“ (113) / „Unsere Seele ist Fragment eines anderen Seins.“ (112) Es werden vom Autor mal wieder mehr Fragen aufgeworfen als Antworten formuliert, seien sie auch aphoristisch-apodiktischer Art. Dieser Eindruck des Unverbindlichen, mitunter Schwammigen trübt aus meiner Sicht das Gesamtbild; dazu passt exemplarisch die folgende Meeresmetapher: „Die Seele ist das Meer, auf dem das Ich hin- und hergeworfen wird.“ (113) Wie der Autor bereits in seinem Band „Die Paradoxie der Wahrheit“ aus dem Jahr 2020 so passend formuliert hat, steht derjenige, der „mit der Sprache spielt“, in der Gefahr, „zu ihrem Spielball [zu werden].“ (Ebenda, S. 80)
Als Rezensent fühlte ich mich bei der Lektüre auch mehrfach hin- und hergeworfen – zwischen positiver Würdigung und kritischer Beurteilung. Denn neben gelungenen, prägnanten und zugespitzten Aphorismen – wie „Wer mich schont, verletzt mich.“ (116) – stößt man immer wieder auf zwar wohlklingende, aber im Kern versponnene, ja nichtssagende Beispiele wie: „Die Seele ist metaphysisch durchhaucht.“ (117) Im letzten Kapitel VII, das Sprachspielerisches beinhaltet, wird man wieder etwas versöhnt durch intelligente und wortwitzige Variationen unserer Alltagssprache: „Reisende werden verrückt.“ (122) / „Wer nur seine Heimat kennt, ist sitzen geblieben.“ (123)
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