Veranstaltungen


Das 9. Aphoristikertreffen

ist am 5.&.6.11.21 mit begrenzter Personenzahl erfolgreich über die Bühne gegangen.
Siehe im Folgenden den kurzen Tagungsbericht und den Presseartikel in der WAZ vom 8.11.2021 über den abschließenden Kabarettabend.


 

„In der Streitbar.“
Tagungsbericht zum 9. Aphoristikertreffen am 5. & 6. 11. 2021

 

Soviel „-bar“, soviel „hairlich“ war nie wie gegenwärtig; wir erleben im öffentlichen Raum, in Werbung und Geschäftsleben eine Konjunktur des Wortspiels, oft arg an den „Hairen“ herbeigezogen. Das mag den untermittelmäßigen Titel unseres Tagungsberichts erklären oder sogar entschuldigen. Immerhin können wir auf diese Weise die Beiträge als Cocktails servieren.

Am Ende stand eine Enttäuschung: Streit, wie er nach der klassischen Lehre der Einheit von Inhalt und Form auf einer Tagung unter dem Titel „Streitbar und umstritten“ vielleicht zu erhoffen gewesen wäre, gab es nämlich nicht. Dafür wurde viel gelacht. Man muss nicht unbedingt Nietzsches „Fröhliche Wissenschaft“ noch einmal herbeizitieren, als Stimmungsbarometer für das Treffen eignet sich diese Tatsache trotzdem.

Aber ein Glas nach dem andern: Den Aperitif als Begrüßung und Eröffnung bestritten (!), übrigens ganz harmonisch, die stellvertretende Landrätin Sabine Kelm-Schmidt und Dr. Jürgen Wilbert als der Vorsitzende des Fördervereins DAphA. Nach Rot- oder Weißwein, erfreulich unmetaphorisch, und Schnittchen gab es 14 „Kurze“: die Lesung der Aphoristiker/innen zum Tagungsthema „Streitbar und umstritten“. Damit konnte man, um im Bild zu bleiben, trefflich vorglühen. Das klassische Gitarrenduo „WeimerSisters“ konnte die Zuhörer/innen mit ihrer lebendigen und virtuosen Darbietung abermals begeistern.

Am nächsten Vormittag gab es mit Friedemann Spickers Streifzug durch die Gattungsgeschichte „Parteiisch! Mit Aphorismen streiten“ ein erstes Mixgetränk. Er rührte Diverses aus der Gattungsgeschichte hinein, stellte – jetzt bar jeden Bildes – im Krebsgang Oppositionspaare einander gegenüber und inszenierte in der Vorstellung Streitgespräche mit ihren Aphorismen: so in der Gegenwart Martin Walser und Peter Handke, zu „1968“ Nikolaus Cybinski und Hans Kasper, für die DDR André Brie und Horst Drescher, die Jahre der Emigration Franz Werfel und Bertolt Brecht, für die Weimarer Republik Gerhart Hauptmann und Kurt Tucholsky sowie im 19. Jahrhundert Karl Gutzkow und Marie von Ebner-Eschenbach und im 18. Jahrhundert Johann Wolfgang Goethe und Georg Christoph Lichtenberg, einerseits die (scheinbar) „Sanften“, in der „Streitbar“ gewissermaßen alkoholfrei, andererseits, hochprozentig, die bewusst streitbaren, sozialkritischen Autoren, Kategorisierungen, das machte die Diskussion bald deutlich, die einerseits verfälschen, andererseits aber auch klärend wirken. Sanfter Widerstand, das wäre doch im dialektischen Sinne hochwillkommen. Haben die einen „ihre Umdrehungen“ nur unter den Scheffel gestellt (mehr Bildbruch geht nicht), sind also in ihrer konservativen Friedfertigkeit höchst anstößig, wenn man statt der Produktionsseite die Rezeptionsseite in den Blick nimmt? Waren die andern bissig, oder haben sie sich nur verbissen? Und wie entwickeln sie sich im Glas? Trocknen sie aus? Ändern sie ihren Geschmack; bleiben die „schönen“ Farben übrig, wenn die politische Essenz sich verflüchtigt hat?

Klaus Hansens Vortrag „Der Aphorismus als Randerscheinung in der politischen Sprache und als Medium der politischen Bildung“ entwickelte nach einer kurzen Definition von Politik einerseits, Aphorismus andererseits vier „Arenen“ des Kampfes um Wörter und unterschied zwischen Bedeutungskonkurrenz (etwa beim Begriff „Imperialismus“ im Duden der DDR und dem der Bundesrepublik), Bewertungs-konkurrenz (der Konnotationssteuerung oder dem „framing“), Besetzungskonkurrenz und Bewertungsumkehr (der Entwendung eines Fahnenwortes wie „Pazifismus“). Die semantischen Eigentümlichkeiten der politischen Sprache wiederum führte er in drei Dimensionen des Politischen vor, 1. polity: die Verfassung, 2. policy: die verschiede-nen Politikfelder, 3. politics: die prozessurale Dimension mit der Macht im Mittelpunkt. Zu 1. überraschte er mit einer Lesart, die die ersten Sätze des Grundgesetzes als Basta-Aphorismen und Amtsaphoristik las. In der policy ist für Aphorismen kein Platz, hier geht es um Technolekte und Steuerung durch Begriffe wie „Respektrente“ oder „das Geordnete-Rückkehr-Gesetz“. In der Sprache der politics findet die sprachpolitische Auseinandersetzung statt, in der es der Aphorismus schwer hat und in der Gegnerschaft ohne Verfeindung möglich sein muss. Aber die Grenzen der Sagbarkeit sind enger geworden. Ein Überblick in vier Schritten über den „Aphorismus als Medium der politischen Bildung“ rundete den Vortrag ab. Ein Cocktail, der in der Theorie hochprozentig war und aufs Angenehmste belehrte, aber durch die vielen anschaulichen Beispiele (so vier Kurztexte zu „Demokratie“) und die Art der Darbietung auch äußerst bekömmlich und anregend war, wie die Diskussion bewies.

Christopher Busch hatte einen mit Spannung erwarteten Vortrag über „Rechtspopulistisches im Aphorismus der Gegenwart“ angekündigt, erkrankte aber leider kurzfristig. Dafür servierte Jürgen Wilbert am frühen Nachmittag als Longdrink einen Streifzug durch die Geschichte des politischen Kabaretts von 1900 bis heute unter dem von Robert Gernhardt enlehnten Titel: „Kabarette sich wer kann!“ – Arbeitstitel: „Der Stellenwert des Aphorismus im politischen Kabarett Deutschlands“. Er vermied es, zu viel Eis dazuzutun, sprich: zu breit auszuführen, indem er sich auf den Grenzbereich zwischen Wortkabarett und Aphorismus beschränkte. Auch profilierte neuere Vertreter/innen (Volker Pispers, Georg Schramm, Max Uthoff, Lisa Eckhart u. a.) kamen dabei zu Wort. Wo sind die Grenzbereiche bei dem – schriftlichen Aphorismus und dem – mündlichen Kabaretttext mit seinen diversen im Gattungssinne ‚unreinen‘ Formen (Lyrisches, Szenisches)? So lautete die eine Grundfrage des Vortrags wie der anschließenden Diskussion. Die andere: Will und kann der Kabarettist reale Verhaltensänderung erreichen, oder bleibt es bei folgenloser Belustigung und Bestätigung?

Einen Spezialdrink mixte Lutz von Rosenberg-Lipinskys Bericht aus der Werkstatt eines Kabarettisten mit dem Titel „Streitbare Aphoristik und politisches Kabarett“. Er
fürchtete, einen Kopf kürzer gemacht zu werden von Aphoristikern, die immer alles verkürzen, und war damit schon mitten in seinem Sprach-Metier. Er bekannte, vor allem von Kraus und Cioran beeinflusst zu sein, umriss aber auch den Unterschied zwischen beidem mit dem Bild von Punkt (Aphorismus) und Linie (Kabarett). Er reflektierte die jeweilige Zielgruppe und die unterschiedliche Rezeption. Passen die beiden überhaupt zusammen? Und Denken? Etwa so: „Störungen. Die helfen beim Denken.“ „Wenn, dann nicht für, sondern immer dagegen.“ „Gedanken bitte nur einzeln denken.“ Seine omnipräsente Sprachsensibilität bewies der Vortrag ebenso wie erst recht dann sein neues Programm „Demokratur. Die Wahl der Qual“, Abschluss und Höhepunkt des Aphoristikertreffens, zu dem auch eine coronabedingt schmale Auswahl ‚externer`Gäste hinzukam (insgesamt maximal 50 Personen).

Die WAZ vom darauf folgenden Montag (Lokalteil Hattingen) hob es entsprechend heraus. „Alles gut!“ Auch diese Floskel ließ niemand niemandem unkritisch durchgehen. Sachlich stimmte es hingegen aufs Haar. Auch der scheinbar verlorene Mantel fand sich zu guter (!) Letzt wieder ein.

Und das Schönste: kein Kater, im Gegenteil: Auf die Ergebnisse der Beurteilungsbögen konnten die Veranstalter privatim anstoßen. Die Tagung wird insgesamt als „gelungen“ und „sehr gut organisiert“ bezeichnet. Hervorgehoben werden eigens die „angenehme Atmosphäre“, „die kollegiale Stimmung“, „der konzentrierte Programmablauf“, „die gute Moderation“, ferner „die gute Versorgung mit Essen und Trinken“. Hier einige Zitate: „Alle drei (Vorträge) überaus anregend“; „nachhaltig inspirierend“; „substanzreich“; „attraktiv auch für Aphorismus-Laien“; „kreative, streitbare Diskussion“. Insgesamt: „Ein Feuerwerk an Geistesblitzen“; „Purer Hochgenuss!“; „Der Tag ist wie im Flug vergangen.“ Über diese längeren und aufbauenden Anmerkungen freuen sich die Veranstalter besonders und fühlen sich ermuntert, ein weiteres, dann 10. Aphoristikertreffen in zwei Jahren ins Auge zu fassen: „Dieser fast vergessene Hunger (nach fachlichem Austausch) wurde auf´s Schönste gestillt, zumindest ein wenig – aber nicht für lange!“ Und abschließend: „Danke für Ihren Mut, die Veranstaltung stattfinden zu lassen. Denn es gibt wenig Literaturgattungen, die über so wenige Möglichkeiten verfügen, sich auszutauschen. Deshalb: DAphA ist weiterhin ein Glücksfall für alle, die dieser Literaturgattung fröhnen!“
– Das musste dann doch mal zitiert werden!

 

>> Dieser Artikel als PDF zum Herunterladen

 



Artikel in der WAZ

vom 8.11.2021 über den abschließenden Kabarettabend:

Kabarettabend zum Abschluß des 9. Aphoristikertreffens (WAZ-Artikel)

 

>> PDF-Version des Artikels (besser lesbar)