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Jürgen Wilbert über:
Gerd Künzel: Anmaßende Kürze. Dresden: Edition Freiberg 2022.

 

Der Dresdener Autor Gerd Künzel, geboren 1945 in Zwickau, legt 2022 nach diversen Veröffentlichungen (u. a. Fabeln, Erzählungen, Roman, Zeitschriftenbeiträge) mit „Anmaßende Kürze“ seinen zweiten Aphorismenband vor. 2009 erschien „wieder und wider“ im Dresdener Sandsteinverlag. Künzel ist für das Deutsche Aphorismusarchiv kein Unbekannter, denn in fast allen Anthologien zu den Aphorismenwettbewerben ist er vertreten: zuletzt 2022 als 4. Preisträger beim Wettbewerb zum Thema „Wahrheit – Lüge – Täuschung“. Einer der drei eingereichten Aphorismen, die die Jury überzeugten, lautet: Die Pächter der Deutungshoheit lassen uns den Pachtzins zahlen. (Im Buch abgedruckt auf S. 71.)

Der Titel des neuen Bandes ist in meinen Augen gut gewählt, ist er doch einfallsreich und vielsagend zugleich, verweist er doch auf die problematische Seite so mancher hochtrabender Aphorismen. Er umfasst fast 400 Aphorismen und ist leider nicht nach Themengebieten gegliedert, was das Lesevergnügen etwas schmälert, denn so tauchen Aphorismen zu Kernthemen wie Wahrheit, Freiheit, Frage / Antwort verstreut immer wieder, und das manchmal nur leicht abgewandelt, auf. Das Spektrum der Inhalte ist breit, es reicht von A wie Anfang oder Angst bis Z wie Zeit bzw. Zeitgeist: Geschürte Angst diszipliniert. (6) Ich bekenne: Ich habe die Zeit tot geschlagen. Nun habe ich keine Zeit mehr. (9) Und als prägnanter Kommentar: Der Zeitgeist – von allen guten Geistern verlassen. (45)

Überhaupt stoßen wir häufig auf Variationen von Redensarten, so etwa: Suchen wir nicht manchmal den Heuhaufen, nachdem wir die Nadel fanden? (8) Denkanregend ist diese Abwandlung: Mitunter machen wir aus unserer Tugend die Not anderer. (37) Demgegenüber ist das folgende Bild schon etwas fader, da abgenutzter: Nachdem er Federn gelassen hatte, schmückte er sich mit fremden. (66) Insgesamt scheut Künzel hier und da nicht vor kalauernden Wortspielen zurück, wie in diesen Beispielen: In eine weiche Birne prägen sich keine Gedanken. (8) Oder: Er fühlte sich wie ein Laternenpfahl: Oben leuchtete er und unten pinkelten ihn die Hunde an. (30)

Viele Texte zeigen, wie aufmerksam der Autor das gesellschaftlich-politische Leben kritisch, vorzugsweise auch sprachkritisch beobachtet: Diese öffentlichen Bekundungen, viel zu oft stammen sie vom Wühltisch der Floskeln! (6) Oder an anderer Stelle sehr anschaulich mit Begriffen aus dem Supermarkt formuliert: Im Warenregal der Sprache liegen die Floskeln, Stanzen und Phrasen in Griff- und Sichthöhe. Zum guten Deutsch muss man sich bücken oder strecken. (24) Den letzten appellativen Nachsatz hätte es eigentlich gar nicht gebraucht, ebenso wie im folgenden Aphorismus: Die gute Absicht produziert die meisten Fehler. – Nieder mit den guten Absichten. (60)

Durchweg und auffallend oft finden sich im Band Aphorismen in Frageform, manchmal eher in belangloser Form: Sind es wirklich deine Maßstäbe, die dir gesetzt werden, von wem auch immer? (19) Dann wieder mal in überraschend denkanstößiger und pointierter Weise: Er hat sich gut verkauft. Und wem gehört er jetzt? (45) Und: Wie viel Verschweigen ist notwendig, um das Sagen zu haben? (62)

Künzel variiert versiert die unterschiedlichen aphoristischen Stilmittel; hier überzeugt die originelle Metapher: Es gibt Leute, die drücken ihre Gedanken wie eine Zigarette aus. (33) An anderer Stelle ist es der gelungene Chiasmus: Mancher Geistfreie wähnt sich als Freigeist. (36) Oder: Willst du in Würde alt werden, musst du das Alter würdigen. (9) Von seinen aphoristischen Definitionen des Aphorismus gefällt mir diese in sich paradoxe am besten: Der Aphorismus verschweigt, was er sagt. (12) Eine kreative und zudem aussagekräftige Wortschöpfung finden wir auf S. 18: Dein Vorurteil, ist es nicht deine Selbstwertprothese? (18) Etwas konstruiert, ja gequält ist hingegen dieser Versuch: Es geht nicht ohne QUALität. (18) Bisweilen erliegt der Autor der Verlockung einer antithetischen Aussage: Manchem geht erst ein Licht auf, wenn es dunkel wird. (27) Und ein Satz wie der folgende ist schon so oft benutzt worden, um selbst als Allgemeinplatz gelten zu können: Ware ist nicht immer das Wahre. (71) Zu dieser Definition von „Werbung: die Unschuld der Wörter“ (63) möchte ich nachfragend kommentieren, ob in diesem Falle die Wörter nicht längst ihre Unschuld verloren haben.

Bei all diesen kritischen Anmerkungen ist der textreiche Band generell geeignet, der / dem Aphorismus zugeneigten Lesenden ein intelligentes Lektürevergnügen zu bereiten. Dazu trägt auch am Ende der amüsante dialogische Prosatext „Über die Schwierigkeit, einen Aphorismus zu schreiben“ bei. Die zwölf Abbildungen vom Autor in Schwarz-weiß aus der Werkgruppe „Gerissen“ sorgen für passende ästhetisch reduzierte Besinnungspausen. Gefragt nach meinem Lieblingsaphorismus, entscheide ich mich für diesen: Seine Meinung verkneifen, weil der Gegner applaudieren könnte – das ist Selbstverstümmelung. (70)

 

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