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Friedemann Spicker über:
Vittorio Hösle: Im Dialog mit Gómez Dávila. Gegenaphorismen, Variationen, Korollarien. Springe: Zu Klampen 2022.

 

„Aphoristikern kann nichts Besseres geschehen, als dass sie auf Gegenaphoristiker treffen.“ (190) Mit diesem Satz drückt Vittorio Hösle in seinem „Dialog mit Gómez Dávila“ eine für den Aphorismus wohlbekannte und bedeutsame Tatsache pointiert aus und formuliert zugleich einen Gegenaphorismus zu dem Autor, indem er dessen Aphorismus weiterführt: „Thesen werden nur dann mit Klarheit dargelegt, wenn es ihnen passiert, daß ein intelligenter Mensch sie darlegt, der sie nicht teilt.“ Die besondere Disposition des Aphorismus zur aktiven Rezeption erweist sich hier ein weiteres Mal. Sie ordnet sich im weiteren Sinne dem gattungsspezifischen Antithetischen unter; „Sätze und Gegensätze“ haben es schon bei Erich Brock (1970) und Elazar Benyoëtz (1977) zu Titelehren gebracht (allerdings jeweils von ein und demselben Autor). Auch in anderer Hinsicht nimmt Hösle mit den „Gegenaphorismen“ Gattungstraditionen auf: Nicht selten haben ja Aphoristiker in kreativ-weiterführender Weise auf ihre Vorgänger reagiert. Von dem Besserwisserischen nach Art von „Hier irrt Goethe“, wie es zum Beispiel bei Karlheinz Deschner in seinem Verhältnis zu Lichtenberg mitunter begegnet, ist dieser Autor dabei freilich weit entfernt, in der Haltung und im intellektuellen Rang. Die drei Begriffe des Untertitels „Gegenaphorismen, Variationen, Korollarien“ treffen es sehr genau. „Variationen“ und „Korollarien“, also „Zugaben“, die sich ohne großen Beweisaufwand ergeben, die aber in der Regel auch weniger bedeutend sind (wie uns wikipedia belehrt); das trifft den Sachverhalt genau. Die „Gegenaphorismen“ aber wollen näherer Betrachtung unterzogen sein. Auf dem Waschzettel heißt es: „Sie begründen zugleich ein neues literarisches Genre.“ Das ist zumindest der Texsorte entsprechend vollmundig, denn schon bei Gottscheds Übersetzung von Bayles Wörterbuch (1741-1746) (und seither) steht auch eine weitgehende Synonymie zu „Noten“ oder „Anmerkungen“ im Vorstellungshintergrund, wenn er den Begriff „Aphorismus“ in seinem Alamos-Artikel ins Deutsche überführt.

Einige notwendige und notwendig pauschale Worte zu den Akteuren. Nicolás Gómez Dávila (1913-1994), geboren als Sohn wohlhabender kolumbianischer Grundbesitzer und erzogen im Geiste des französischen Katholizismus, vertritt einen kompromisslosen geistigen Elitarismus und kämpft gegen Liberalismus und Marxismus gleichermaßen, gegen den Zeitgeist und jede Art von „Fortschritt“. Er definiert für seine Person damit den Reaktionär positiv um und gilt allgemein als der bedeutendste aphoristische Denker nach Nietzsche. Für seine Etablierung im deutschen Sprachraum sind, wie immer wieder, auch von Hösle, hervorgehoben wird, Martin Mosebach und Botho Strauß maßgebend gewesen. Aus dem Umkreis der Neuen Rechten hat man sich ihm seither verständlicherweise besonders häufig genähert.

Vittorio Hösle (geb. 1960), katholischer Philosoph, lehrt in den USA und ist als „herausragender Vertreter der philosophischen Richtung des objektiven Idealismus“, wie er vorgestellt wird, Verfasser zahlreicher Publikationen. Er übt Kritik an der Geistlosigkeit der modernen Welt, ihrem Materialismus und Konsumismus, an ihrer Verdrängung eines Absoluten (Gott) und der Ideologisierung der Idee des Fortschritts, um nur wenige Stichworte zu nennen, die seine philosophische Position nur ungenügend beschreiben können, aber ausreichen, um zu zeigen, dass von ihm alles andere als eine Fundamentalkritik an dem „Skandalon“ (Werner Helmich) Gómez Dávila zu erwarten ist. Mit dem Aphorismus hat er sich insbesondere im Zusammenhang mit Nietzsche intensiv beschäftigt, der die Gattung für ihn zu einer in der deutschen Philosophie nicht erreichten Vollendung gebracht hat. Mit dem Werk Gómez Dávilas ist er seit zwanzig Jahren vertraut.

In einer umfangreichen Einleitung (53 Seiten) macht er den Leser mit dem Mythos einer Gegenfigur der Moderne von gewaltiger internationaler Wirkung, ihrem Leben in Grundzügen, der sagenhaften Bibliothek von annähernd 30000 Bänden und schließlich mit dem Werk vertraut, den „Notas“, für Hösle „das faszinierendste der drei Bücher“ (34), den „Textos“ und den fünf Bänden der „Escolios“. Grundsätzliche Sympathie bringt er dem selbsternannten „Reaktionär“ entgegen, scharfen Widerspruch finden hingegen Gómez Dávilas Antipathie gegen die Demokratie, seine Herablassung gegenüber Frauen, sein Hass gegen den sozial engagierten modernen Klerus (33). Den „Notas“ und den „Textos“ widmet Hösle sodann detaillierte und textnahe Einführungen, die jeweils eine philosophische Einordnung leisten (Kierkegaard, Heidegger, Husserl usw.) und die epistemologisch-ontologischen, die ethischen und die politischen Grundüberzeugungen (38) im Einzelnen stringent herausarbeiten; letzteren bringt er besondere Vorbehalte entgegen.

Den Hauptteil bildet der „Dialog“ mit ausgewählten Aphorismen der „Escolios“. In den Erwägungen, die die einzelnen Bände einleiten (55, 80, 105f., 137, 156f.), reflektiert er den philosophischen Aphorismus in seinen positiven wie negativen Aspekten: in der Spannung von Reduktion und Simplifizierung, Form und Inhalt, Implizität und Explizität, System und Fragment, (der Aphoristiker als der Physiotherapeut des Systematikers, 106). Er begründet von daher insbesondere seine (Hösles) Form des Gegenaphorismus grundsätzlich, wertvolle Überlegungen, die zukünftig bei allen Gattungsdiskussionen einbezogen werden sollten.

Hösles Antworten, um es zunächst neutral zu formulieren, bedienen sich aller erdenklichen dialogischen Konsensformen: der schlichten Zustimmung („Das stimmt“, 114), der Erläuterung („Und zwar“, 65; „die vier oder fünf unverwundbaren philosophischen Propositionen; diese fünf Propositionen sind:“, 127), der Weiterführung, auch durch das Gegenteil („trocknen aus“ – „ersaufen“, 120), der Ergänzung („Der Mensch ist ein Tier, das sich einbildet, Mensch zu sein. Und es ist gerade diese Einbildung, die ihn zu einem wirklichen Menschen macht.“ 69; „zudem“, 172) und Erweiterung („Eine andere Strategie“, 160), der Begründung („Und zwar deswegen“, 63), auch in Verbindung mit Zustimmung („Das ist richtig, denn“, 107), der Folgerung („Also“, 67), der Umkehrung (der intelligente Ungläubige – der intelligente Katholik, 177), der Präzisierung ( „Eine Form dieses Ehebruchs“, 72) und Spezifizierung („Die größte Infamie des logischen Positivismus“, 117), schließlich der Fortschreibung (was für Gómez Dávila die Revolution ist, ist für Hösle der „gegenrevolutionäre Populismus“, 168), besonders durch ökologische Aspekte, und der Aktualisierung („Trump“, 129, 133). Sie reichen im Einzelfall bis zum Kurzessay (so über Preis und Wert in der Kunst, 137f.). Auf ebenso vielfältige Weise setzt sich Hösle aber auch von Gómez Dávila ab: Das Vorbild wird kritisch kommentiert („Der Vergleich hinkt“, 103); es finden sich Formen der Einschränkung („Nur dann“, 94; „Nur solange“, 111, „freilich“, 176 et pass.) und Verschärfung („Noch mehr“, 66; „Größer noch“, 104; „Schlimmer noch“, 180), des Zugeständnisses („Es mag sein“, 116) und der Relativierung: „Alles, was auf ein System zurückgeführt werden kann, endet in dummen Händen. Man unterschätze den Griff der Dummheit nicht – er erstreckt sich auch auf Aphorismen.“ (184) Schließlich konstatiert man auch Korrektur („Besser:“, 122; „eher noch“, 135) und Widerspruch („Nein“, 57; „Aber“, 64; „Doch“, 118/150), der sich auf gedankliche („falscher Gegensatz“, 158) wie auch auf formale Aspekte bezieht (irreführende Metapher, 136), er mag vorsichtig formuliert („Jede Revolution vergrößert die Übel, gegen die sie antritt. Und gerade dadurch mag sie einen Fortschritt bewirken, der alle überrascht.“, 96) und nur implizit erkennbar oder auch als scharfe Kritik („Treibsand des Fideismus“, 93; „absurd“, 164) und explizite Gegenposition („Fortschrittler“ – „Reaktionär“, 127) geäußert sein, etwa wenn Hösle auf die ‚partiell korrekte Idee‘ im Ausgangsaphorismus antwortet, die „stilistisch elegant eingekleidete“ „partielle korrekte Idee“ wie bei Gómez Dávila sei besonders gefährlich (160).

Dialog, Variationen, Korollarien, aber wie steht es mit Gegenaphorismen? Die diversen Kohärenzsignale stehen den Texten als Gegenaphorismen oft im Weg. Der unterschiedliche sprachliche Gestus ist in aller Regel unverkennbar und wird durch das kurzphasige Nebeneinander nur deutlicher: dort thetisch-aphoristisch, hier – bei der Antwort – argumentativ-diskursiv (also „es ist“ dort, hier „es mag sein“), wenn auch durchaus zugestanden sei, dass Hösle auch über bildhaft eingängige Sprache verfügt: „Dem Gras hilft man beim Wachsen nicht, wenn man es zupft.“ (161) Dessenungeachtet ist die Zahl substanzieller Gegenaphorismen nicht klein. Um nur drei von ihnen zu zitieren. „Jede Kritik an der Moderne ist seicht, wenn sie in ihr nicht die Spur des Absoluten entdeckt.“ (57); „Das Verstummen der versachlichten Natur ist ihre subtilste und grausamste Rache an der modernen Naturwissenschaft.“ (75); „Es ist die Ehre des Geistes, dass es stets er selbst ist, der der letzte Ursprung seines eigenen Untergangs ist.“ (139) Im Zusammenhang mit dem Ausgangsaphorismus liest man dann etwa: „Bei der Scheidung von Religion und Ästhetik weiß man nicht, welche zuerst verdirbt. Religion ohne Kunst wird süßlicher Kitsch, Kunst ohne Religion frivoles Spiel.“ (148) Und auch Phraseologismus (z. B. die oft, unter anderem von Lec, variierte Redewendung „gegen den Strom schwimmen“, 132) und Metaphorik stehen dem Philosophen dabei zur Verfügung: „Wer weder ersticken noch stinken will, muss sich manchmal die alten Kleider vom Leibe reißen, bevor er sich neue anzieht.“ (92) Ich kann es mir nicht versagen, auf die selbstreferenziellen Aphorismen gesondert hinzuweisen und sie ausführlich zu zitieren: „Aphorismen erziehen nur den, der sie nicht als Aphorismen liest, sondern sie in ein System zu integrieren weiß.“ (59); „Die Inkonsistenz ist die Strafe des brillanten Aphoristikers, der nie systematisch zu denken gelernt hat.“ (94) Und im pointierten Spiel von Ausgangs- und Gegenaphorismus: „Die Wahrheit wohnt in der unbestimmten Zone, in der sich entgegengesetzte Prinzipien kreuzen und wechselseitig korrigieren. Es ist der Park, in dem Aphorismen und Gegenaphorismen wuchern.“ (150); „Die Philosophien beginnen als Philosophie und enden als Rhetorik. Philosophische Aphorismen beginnen als Geistesblitze und enden als die Ideologie, nach der es nur fragmentarisches Denken geben könne.“ (175)

Auf ein Letztes ist dabei hinzuweisen: In den Antworten Hösles wird seine philosophische Position, gewissermaßen das System hinter dem Aphoristiker, so unmissverständlich deutlich wie seine Gegenposition, besonders der logische Positivismus und die Postmoderne. „Ich habe die Philosophie allmählich die Skepsis verdrängen und den Glauben neu aus sich generieren sehen.“ (187), sagt jemand, der selbstverständlich von der Existenz Gottes ausgeht („Selbst wenn es Gott nicht gäbe“, 77, 92; „Der Atheismus wird nur interessant, wenn er als Position in der Selbstentfaltung Gottes begriffen wird.“, 70) und für den „der gegenwärtige Niedergang Europas“ (119) und die „Verschmutzung der geistigen Umwelt“ (124) genauso selbstverständliche Fakten sind. Dieses „System“ zeigt sich im Kleinen, wenn er sich „ergriffen“ zeigt von einer philosophischen Idee (132), wie im expliziten, pointierten Selbstverständnis in direkter Antwort auf Gómez Dávila: „Und ich bin ein mittelalterlicher Theologe, der ad majorem Dei gloriam zu verstehen versucht, was Gott mit der Moderne vorhat.“ (88)

Um resümierend auf den Waschzettel zurückzukommen: „unverzichtbarer Beitrag zum Verständnis des ‚katholischen Reaktionärs aus den Anden‘“? Volle Zustimmung!

 

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