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Friedemann Spicker über:
Bernd Bohmeier: Farben des Staubs. Fragmente. Würzburg: Königshausen & Neumann 2026.

 

Viele Hunderte dieser schmalen, kartonierten Bände mit erwartbar Klugem oder Witzigem habe ich gelesen, die sich oft schon im Untertitel als Aphorismen ausweisen oder metaphorische Möglichkeiten ausschöpfen, um das Unverbundene ihrer Kurztexte zum Ausdruck zu bringen, das sie kennzeichnet. Und dann ergreift einen ein solches Buch, das zudem noch unerwartet den Weg an den Lesesessel gefunden hat, und zwingt den Rezensenten, persönlich zu werden und unverstellt und ohne jeden Anschein von überpersönlicher Geltung von sich zu sprechen! War es der Hinweis, den der Autor Bernd Bohmeier neben den üblichen Daten: „geb. 1943, Maler und Schriftsteller in Köln, Veröffentlichungen von Prosa und Lyrik“ in seiner Kurzbiographie für nötig hält, er habe „mit seiner Frau 50 Sommerhalbjahre in der Vulkaneifel“ verbracht? War es der ungewöhnliche, poetische Erwartungen weckende Titel „Farben des Staubs“? War es das Motto von Roberto Juarroz (1925-1995), einem argentinischen Dichter: „Es gibt Worte, die wir nicht sagen und ungesagt in die Dinge legen. Und die Dinge bewahren sie.“ Ganz sicher war es nicht der präzise beschreibende und dezent werbende Text auf der Rückseite, den ich erst später zur Kenntnis nahm und der (notwendigerweise) vergleichsweise zu explizit ist: „Ein alternder Dichter hat sich nach dem plötzlichen Tod seiner Frau aufs Land zurückgezogen. […] Die Kraft der genauen Beschreibung von Bewegungen der Figuren, des Spiels der Farben und des Lichts, des Gesehenen, Geschehenden, Gefühlten, Gelesenen führt zu einem still ergreifenden Stück Literatur.“ Spontan erinnerte ich mich an Marieluise Kaschnitz’ (1901-1974) Aufzeichnungen „Wohin denn ich“, die nach dem Tod ihres Mannes 1963 erschienen sind und die ich kurz darauf gelesen habe. Sie sind mir nachhaltig geblieben, während Hunderte Titel (bestenfalls scheinbar) im Vergessen ruhen.

Das Diktum des einstmals berühmten Germanisten Emil Staiger: „Begreifen, was uns ergreift“ ist längst, längst in der Literaturwissenschaft ‚überholt‘; von dauernder Geltung scheint es mir trotzdem. Nach dem Ergriffensein nun also unbedingt das Begreifen, das bin ich mir und der Leserin und dem Leser schuldig. Es beginnt damit, die Identifikationsgefahr zu reflektieren: Ein alter Mann rezipiert einen alten Mann. Es setzt sich fort mit der Beschreibung dieser Fragmente. Nebeneinander stehen – wechselweise in der zweiten und dritten, dann auch in der ersten Person – Erinnerungen an das gemeinsame Leben im Haus und in der Landschaft (in denen auch Sexualität eine nicht unbedeutende Rolle spielt), oft von Dingen hervorgerufen, der Brille, dem Pullover; Alltagsverrichtungen; Beobachtungen des Altersverfalls; Reflexionen mit „Phantomschmerzen im Gehirn“ (26); Szenen mit toten Tieren (Mardern, Kröten, Spinnen); Träume; geschärfte Sinneswahrnehmungen; Naturbetrachtungen und poetische Momente in dem alten Bauernhaus mit seinem Garten; Gedichtfragmente; seltene Begegnungen mit Menschen. Es ist im Ganzen eine Meditation über Trauer, Verlust, die eigene Todesnähe und … Staub: „Staub von dir wirbelt noch auf; der Staub von morgen werde ich sein.“ (35) Sie hat ihren Ausgangspunkt vielleicht in solchen Gesprächen mit der Ehefrau: „Die Sprache der Dinge muss der Staub sein, in dem sie wortlos kommunizieren. Der Staub, fragtest du, oder der Schatten, den sie werfen?“ (11); „Du sagtest: Wir könnten Staubsorten, vielfarbig, in Reagenzgläsern sammeln.“ (54) Der Autor nun sammelt die Staubsorten nicht in Reagenzgläsern, er knüpft die Staubfäden in die Textur seiner Fragmente ein. Er beobachtet „Spuren im Staub“ (59) und Spatzen, die „in Mulden aus Erdstaub baden“ (43). Er nimmt „eine Staubfahne über dem abgeernteten Stoppelfeld“ ebenso wahr wie giftigen Hausstaub, Kreidestaub, kosmischen Staub oder „farbigen Flügelstaub“ (19), zu dem der Schmetterlingsflügel zerfällt. Er reflektiert, auch bis ins unstatthaft Generalisierte hinein: „Alles Stoffliche beginnt und endet mit Staub. Staub ist Ursprung und Zerfall.“ (17, vgl. 21, 83); „Staub ist die Spur des Lebens: Blütenstaub – Sternenstaub.“ (54); „Staub ist Zerfall. Der Zerfall ist unumkehrbar.“ (73); „Der Staub ist die Welt.“ (21) Den Grundakkord in diesem tragenden Motiv bildet natürlich das biblische „Pulvis es, et in pulverem reverteris“ ( „Du bist Staub, und zum Staub wirst du zurückkehren.“; Gen 3, 19) (das im Übrigen nirgendwo zitiert wird). Zum kritischen „Begreifen“ gehört auch, dass man sich den Blick für gelegentliche stilistische Schwächen nicht verstellt, sei es der etwas angestrengte Ton hier: „Ich bin eine Versuchsanordnung des Todes.“ (30), sei es die Nähe zum allzu banal Formulierten dort: „Ich hatte in der Welt einen Platz gefunden. Der war neben dir. Jetzt bist du weg.“ (75)

Erst recht gehört der Rekurs auf die Form dazu, denn die fragmentarische Form, die kunstvolle Komposition der verschiedenartigen Staub-Partikel, wie sie oben beschrieben sind, ist es recht eigentlich, die das Ergriffensein bewirkt: „Meine Textfragmente sind nur noch Fußnoten zu einer Lebensarbeit, die sich nicht mehr fortschreibt.“ (42) Ihr folgt die literarhistorische Einordnung. Sie kann allerdings hier mit Verweis auf das romantische Fragment, vor allem aber die notwendig fragmentarische Gestalt des Ästhetischen in der Moderne und das „Fragment als Leitmetapher der ästhetischen Moderne“ (Eberhard Ostermann) nur angedeutet werden.

Wenn auch Bohmeiers „Fragmente“ auf den ersten Blick nichts mit dem gewöhnlichen und gewohnten Aphorismus zu tun haben, so nehmen sie bei genauerem Hinsehen am äußersten Ende innerhalb der Bandbreite des Schreibens in unverbundenen Sätzen einen bedeutsamen Platz ein.

 

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