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Michael Wollmann über:
Detlef Träbert: An der DenkBAR. Erfrischende Gedankencocktails. Deep Thought Hopping mit Aphorismen. Dreieich: MEDU Verlag 2026.
Der Kölner Diplom-Pädagoge Detlef Träbert (*1953) hat dieser Tage nach einer zwölfjährigen Pause seinen mittlerweile vierten Aphorismenband „An der DenkBAR“ vorgelegt. Da das Schreiben von Aphorismen bei Träbert vor allem eine Methode ist, „um sich die gute Laune zu bewahren“, verwundert die humorige Aufmachung des Bandes nicht, der uns „100% KI-frei“ erfrischende Gedanken-Cocktails anbieten möchte. An dieser Stelle sei an einen anderen bekannten Kölner Aphoristiker erinnert: Träbert scheint mit Gerhard Uhlenbruck eine gewisse „joviale“ Kölner Art zu teilen, die ihn von anderen Aphoristikern unterscheidet, die ihre Profession eher mit einem gewissen Ernst betreiben oder aber einen vorzugsweise lyrischen Zugang zur Aphoristik haben.
Gleich mehrere, teilweise etwas weitschweifig-enthusiasmierte „Vorworte“ im Buch beschreiben Träberts Vorgehensweise bei der Arbeit an seinen Aphorismen. Exemplarisch sei sein erstes kurzes Vorwort vollständig wiedergegeben: „An der Denkbar wandern als Zutaten Philosophie, Menschliches, Politik, Soziales und mehr in den Mixbecher, wo sie mit manchmal gecrushten Wörtern auf Syntax geschüttelt werden“ (S. 7). Auffällig ist hier – neben dem breitgefächerten Repertoire an aphoristischen „Zutaten“ und einer unverkennbaren Wortverspieltheit – Träberts Hang zu Anglizismen, der bereits im Untertitel des Buchs „Deep Thought Hopping mit Aphorismen“ deutlich wird: Auch wenn der Autor sich dadurch wohl erhofft, modern und unverbraucht zu klingen, ist es dann doch etwas ernüchternd zu erfahren, dass er mit seinem „deep thought hopping“ eigentlich nur das „Stöbern in Aphorismen“ meint, die nach ihm „in den social media zahlreich zu finden“ (S. 9) seien.
Nach den „Vorworten“ folgen insgesamt 16 weitere kurze Kapitel mit Aphorismen, die teilweise durch ihre Benennung bereits Aufschluss darüber geben, was der Leser thematisch zu erwarten hat. In „Vorgedanken“ lassen sich dabei zum Thema Denken und Selbsterfahrung einige eher grundsätzliche Aphorismen finden, die durch die Umkehrung von Descartes „Cogito, ergo sum“ eingeleitet werden: „Ich bin, also denke ich“ (S. 13). Bei aller sichtbaren Bemühung um Paradoxie wissen diese oftmals wortverspielten Aphorismen insgesamt eher wenig zu überzeugen: „Wenn ich mich erst mal eingedacht habe, kann ich mir vieles ausdenken.“; „Undenkbar, was alles denkbar ist.“ (S. 13)
Das anschließende Kapitel „Aphorismen über Aphorismen“ bietet einige grundsätzliche Überlegungen zur Gattung, die teilweise selbstwidersprüchlich sind (was aber kein Vorwurf sein soll, da der Aphorismus ja bekanntlich vom (Selbst-)Widerspruch lebt). Manches wirkt skurril-humorig („Aphorismen sind das Viagra des Geistes.“, S. 20), manches in seiner apodiktischen Gewissheit durchaus zweifelhaft („Nicht jedes Gedankenspiel ist ein Aphorismus, wohl aber jeder Aphorismus ein Gedankenspiel.“, S. 22), manches andere wiederum durchaus treffend: „Ein Aphorismus ist ein Denkmal, geformt aus Sprache“ (S. 23).
Im Kapitel „Weltanschauung“ gibt Träbert Einsicht in sein Selbstverständnis und seine von humanistischen Werten getragene Weltanschauung. Er zeigt sich dabei aktivistisch-demokratisch, pazifistisch und nachhaltig. Dabei rennt er des Öfteren offene Türen ein und lässt sich zu wenig paradoxen Wendungen hinreißen: „Die Erde für Menschen lebenswert zu erhalten, schließt aus, Menschenleben zu vernichten.“ Eine etwas naiv-euphemistische Weltanschauung geht dabei teilweise in ein ziemlich platt daherkommendes Moralisieren über: „Wer sein Leben in vollen Zügen genießt, sollte nicht vergessen, dass jede Bahnlinie ihre Endstation hat“; „Gerade aufrechte Menschen vermögen eher ihr Haupt in Demut zu neigen“ (S. 32).
Besonders auffällig kommt dieser Moralismus mit demokratischem Anspruch im Kapitel „Demokratur“[1] zum Vorschein, in dem sich wiederum gänzlich unparadoxe, salbadernde Wendungen wie „Freundschaft für die Friedlichen, aber klare Kante gegen Despoten!“ oder „Die Vielfältigkeit der Menschen in unserem Land reduzieren zu wollen, ist extrem einfältig“ (S. 35) finden lassen. Offensichtlich humorvoll gemeinte Einschübe wie „Tränengas gegen friedliche Demonstranten macht die Demokratie weinen“ (S. 36) oder „Diktatoren sind wie Ostereier: hart gesotten und schwer verdaulich“ (S. 37) wirken in diesem Kontext eher unpassend. Auch die Bildhaftigkeit einzelner Aphorismen wirkt oft bemüht und weit hergeholt: „Der Diktator will sich der Welt als akzeptabel präsentieren – sein Scheinheiligenschein leuchtet blutrot“ (S. 39).
Das Kapitel „Nonsens, oder?“ bietet einige Aphorismen, bei denen nicht ganz klar ist, wie ernst sie zu verstehen sind. Als krasser Gegensatz zu den vorangegangenen demokratischen Haltungsnoten des Autors sticht dabei besonders der folgende Satz ins Auge: „Die Titel der Bücher auf den vorderen Plätzen der Bestsellerlisten sprechen nicht unbedingt für die Einführung von mehr plebiszitären Elementen in der Demokratie“ (S. 51). Manche Sätze sind hier abgedroschen und nicht sonderlich bemerkenswert: „Das Lesen von Gedanken animiert zum Nachdenken“ (S. 54).
Im Kapitel „Medienwelt“ lassen sich einige kulturkritische Aphorismen finden. Wirklich aus der Zeit gefallen wirkt dabei Träberts Kritik an der Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes: „Die Symbole der Weihnacht werden durch Dekoware ersetzt, ihre Rituale durch Shows, und die Weihnachtsgeschichte wird vom prominent besetzten TV-Dreiteiler abgelöst“ (S. 59). Die Gegenüberstellung des „guten“ (?) Buches mit dem Internet wirkt ebenfalls reichlich konstruiert und unzulänglich: „In Bücher kann man versinken, im Internet kann man versumpfen“ (S. 61). Auch in diesem Kapitel fehlt es nicht an humorig zu verstehenden Wortwitzeleien („Fehlinformation aus dem Smartphone: von der App veräppelt“; S. 61) und zum Teil wirklich schräger Bildhaftigkeit: „Die Hexe unserer Tage ist das Handy. Es verhext schon kleine Kinder und raubt sie ihren Eltern, um sie im Ofen der Medienwelt zu garen“ (S. 62).
Im Kapitel „Krieger – Frieder“ werden die pazifistischen Positionen des Autors teilweise wiederholt und weiter ausgeführt. Er bekennt: „Sprachspiele zum Krieg wollen nicht das Herz erfreuen, sondern zum Nachdenken herausfordern, wie Frieden wieder hergestellt werden könnte“ (S. 67), scheut sich aber dennoch nicht, im Anschluss alberne Wortspiele wie „Machtmenschen wollen HERRschen“ (S. 70) anzuführen. Fast schon ärgerlich zu nennende Salbadereien wie „Die Menschheit hat dringend anderes zu erledigen, als Kriege zu führen“ (S. 71) bleiben wenig zielführend. Schwierig und reichlich unterkomplex scheint mir bei allem nachvollziehbaren Pazifismus auch, weisungsgebundene Soldaten (wie Kurt Tucholsky vor langer Zeit) mit Mördern zu vergleichen: „Ein Mensch, der andere Menschen tötet, ist ein Unmensch; wer das als Soldat tut, ist ein Unmensch in Uniform“ (S. 73).
Im Kapitel „Denken – längs und quer“ kommt Träbert schließlich auf echte und vermeintliche „Querdenker“ zu sprechen: Die Sätze „Die ‚Querdenker‘, die wegen Corona auf die Straße gingen, konnten nicht geradeaus denken.“ (S. 75) sowie „Zu den Gedankengängen eines ‚Querdenkers‘ finde ich keinen Zugang“ (S. 81) stellen nur Polemik ohne aphoristischen Mehrwert dar. Darüber hinaus zeigt der schon viel zu oft wiederholte Glaubenssatz „Wer glücklich ist, zieht positives Denken an, und das Glück zieht an, wer positiv denkt“ (S. 81) vielleicht Träberts pragmatische Grundhaltung zum Leben, aber kein eigenständig-originelles Denken an.
In den nun nachfolgenden Kapiteln lassen sich durchaus weitere vereinzelte aphoristische Perlen finden, vor allem aber wiederholen sich handwerkliche Schwächen. Ein Hang zum Religiösen wird immer stärker deutlich: „Gewalt ist die Abkehr des Menschen von der Schöpfung“ (S. 97); „Das jüngste Gericht wird verhandeln, was der Mensch angerichtet hat“ (S. 124). Zudem drängt sich eine Vielzahl altbekannter Sätze im nur teilweise neuen Gewand dem Leser immer wieder auf.[2]
Um dem Autor und Diplom-Pädagogen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wäre es vielleicht ratsam, ihn mit einigen älteren Aphoristikern und Pädagogen wie Johann Caspar Lavater, Johann Heinrich Pestalozzi und Lorenz Kellner zu vergleichen, die in ähnlicher Weise pädagogisch fruchtbringend zur „Herzensbildung“ beitragen wollten und dabei die Originalität oftmals zurückstellten, um ihre eigentliche Botschaft zu transportieren. Und tatsächlich steht bei Träbert am Ende das Bekenntnis zu einer Aphoristik des Herzens („Die Qualität deiner Gedanken hängt nicht nur von deinem Gehirn ab, sondern auch von deinem Herzen.“, S. 140), die dem aphoristischen Gedankensplitter kritisch gegenübersteht, da dieser „die Seele verletzen könnte“ (S. 141). Jedenfalls ist es nicht so, dass Träbert wie versprochen als „Aphoristiker an der Denkbar […] alle Gedanken ins Wanken“ (S. 145) bringt. Denn er arbeitet mit unhintergehbaren Setzungen und wohlmeinenden Ansichten zur Lebensweisheit, die ihm als Pädagogen aber sicherlich auch gestattet sein mögen.
[1] Wenn Träbert schreibt: „Rechtsextreme Kräfte im demokratisch gewählten Parlament stehen für Demokratur“ (S. 42), dann will er wohl darauf hinaus, dass ein solches demokratisches System faktisch bereits gescheitert ist. Tatsächlich ist es so, dass Rechtsextreme selbst gerne den problematischen Begriff „Demokratur“ verwenden, um das demokratische System an sich zu delegitimieren (unabhängig davon, dass sie daran partizipieren können). Insofern ist Träberts Verwendung des Begriffs „Demokratur“ durchaus problematisch zu nennen, da er Rechtsextremen ungewollt Vorschub dabei leisten kann, das demokratische System durch die bloße Verwendung des Begriffs „Demokratur“ zu delegitimieren.
[2] „Wenn die Sonne tief steht, werfen auch kleine Menschen große Schatten“ (S. 97; vgl. mit dem Satz „Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.“, der immer wieder Karl Kraus zugeschrieben wird). Oder auch „Wer bedacht vorgeht, muss nicht im Regen stehen“ (S. 106), was von Manfred Hinrich in der paradoxen Wendung „Wir haben nicht alles bedacht, es regnet rein“ schon besser zum Ausdruck gebracht wurde.
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