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Katarina Yngborn über:
Alexander Eilers, Elisabeth Turvold (Hg.): Trollhaufen. Norwegische Aphorismen. Übersetzungen von Elisabeth Turvold. Würzburg: Königshausen & Neumann 2025.

 

Die Herausgeber Alexander Eilers (promovierter Literaturwissenschaftler, Übersetzer, Aphoristiker, außerdem Englisch- und Philosophielehrer) und Elisabeth Turvold (Mitarbeiterin beim Förderverein der Arbeitsstelle Holocaustliteratur der Universität Gießen, Übersetzerin, Aphoristikerin und Lyrikerin) haben sich mit ihrer im letzten Jahr erschienenen Anthologie „Trollhaufen. Norwegische Aphorismen“ einer Mammutaufgabe angenommen:

„Trollhaufen“ widmet sich der norwegischen Aphoristik von ihren Anfängen, also den Aphorismen von Arne Garborg, Kristofer Uppdal, Olaf Bull und Alf Larsen, bis in die Gegenwart, zu Texten der 1996 geborenen Aphoristikerin Anneli Helen Ulriksen. Somit enthält die Sammlung eine Auswahl an Aphorismen von insgesamt 30 AphoristikerInnen, die allesamt zweisprachig – auf Norwegisch und in deutscher Übersetzung – wiedergegeben werden. Diese Primärtexte sind nach Autoren und Autorinnen geordnet (chronologisch nach Geburtsjahr). Darauf folgen zwei Kapitel mit thematischen Schwerpunkten: Das erste „ist als Ergänzung und Ausdruck der Vielfalt [der Aphorismen] zu verstehen“, wie Elisabeth Turvold in ihrer Einleitung zum Buch schreibt, wobei man sich eine kurze Erläuterung gewünscht hätte, welche Vielfalt genau gemeint ist, etwa thematische Vielfalt oder unterschiedliche Gattungsverständnisse. Das zweite thematisch zentrierte Kapitel widmet sich dem selbstreflexiven Aphorismus, wodurch noch einmal die Anziehungskraft dieser vielfältigen Untergattung vor Augen geführt wird.

Auf diesen Hauptteil mit Primärtexten folgt ein ausführliches, von Alexander Eilers verfasstes Kapitel zur Entstehungsgeschichte der Gattung: „Landvermessung. Zur Genese der norwegischen Aphoristik“ (S. 137-325). Am Ende der Anthologie finden sich außerdem Biogramme zu den AphoristikerInnen, die neben biographischen Angaben jeweils eine detaillierte Bibliographie enthalten. Außerdem enthält das Buch eine umfassende Bibliographie zur norwegischen Aphoristik (und darüber hinaus), und zwar sowohl Primär- wie Sekundärliteratur.

Die der Anthologie zugrunde liegende Definition des Aphorismus, ist – wie in der Auswahl der Texte und in Eilers‘ Kapitel zur Genese der norwegischen Aphoristik ersichtlich (siehe insbes. S. 142-145) – eine sehr weit gefasste: Sie entspricht der aktuellen Aphorismus-Forschung, und es werden v. a. die inzwischen als klassisch geltenden Definitionen von Harald Fricke und Friedemann Spicker herangezogen. Die Verwendung einer weiten Gattungsdefinition ist eine sinnvolle Entscheidung, da somit Texte von Autoren wie Arne Garborg, Olaf Bull oder Olav H. Hauge aufgenommen werden können, die zwar niemals explizit ‚Aphorismen‘ publiziert haben, deren Werke aber, wie auch die Anthologie bestätigt, zum Besten gehören, was die norwegische Aphoristik zu bieten hat. Doch auch weniger bekannte AutorInnen und Texte lassen sich in dieser wunderbaren Anthologie entdecken, und es ist ein besonderes Verdienst der HerausgeberInnen, dass die Texte zweisprachig wiedergegeben werden. Für die Übersetzung zeichnet insbesondere Elisabeth Turvold verantwortlich (siehe S. 1/Fußnote 11; vereinzelt sind auch Übersetzungen von Alexander Eilers und Wolfgang Butt enthalten). Nur an einzelnen Stellen hätte die Nähe zum Original aufgegeben und eine etwas freiere Übersetzung gewagt werden dürfen, um das Deutsche etwas natürlicher klingen zu lassen.

Sowohl in der Auswahl als auch insbesondere in Eilers‘ Beitrag zur Gattungsgenese zeigt sich, dass die HerausgeberInnen bestens vertraut sind mit der Aphorismus-Forschung – der Gattungsdiskussion im Allgemeinen sowie der skandinavischen Aphoristik im Besonderen. Eilers stellt die Geschichte des norwegischen Aphorismus dar, von dessen Vorläufern im Mittelalter – etwa der Hávamál – über die „vier Pioniere […] des norwegischen Aphorismus“ (S. 163), d. h. die Autoren Arne Garborg und Olaf Bull, den Zoo- und Ethologen Thorleif Schjelderup-Ebbe und den Journalisten und Schriftsteller Kristofer Uppdal – bis hin zu den modernistischen AphoristikerInnen im 20. und 21. Jahrhundert.

Besonders erfreulich ist, dass innerhalb der Gattungsgeschichte von Eilers beständig textnahe Lektüren erfolgen, die die mannigfaltigen Ausprägungen des Aphorismus bei verschiedenen AutorInnen und zu unterschiedlichen Zeiten nachvollziehen lassen. Zu würdigen ist hier auch, dass immer wieder Verbindungen zu skandinavischen Nachbarländern und dem europäischen Ausland gezogen werden, die norwegische Aphoristik also nicht isoliert, sondern in einem Gesamtkontext betrachtet wird.

In der Anthologie mit dem wunderbaren Titel „Trollhaufen“ (über dessen Namensgebung man allerdings gerne in ein oder zwei Sätzen etwas aufgeklärt worden wäre – denn was verbindet Trolle oder aber die Stöckchen des Trollhaufens und Aphorismen genau?) lassen sich viele interessante Entdeckungen machen, um nur einige Beispiele zu nennen: Erling Aadlands ‚uekte aforismer‘ (‚unechte Aphorismen‘), die Texte des Jazzpianisten, Komponisten und Essayisten Helge Iberg, die des in verschiedenen Bereichen arbeitenden Aphoristikers Erik Lerdahl, die des Autors und Politikers Carl Johansen oder die Texte der Aphoristikerinnen Marion Berntzen Koksvik, Cindy Haug und Anneli Helen Ulriksen.

Bedauerlich ist, dass aufgrund von Lizenzschwierigkeiten keine Aphorismen von Gunvor Hofmo aufgenommen werden konnten, der norwegischen Lyrikerin, Essayistin und Aphoristikerin, die auch als Partnerin der österreichischen Jüdin Ruth Maier bekannt geworden ist, die nach Norwegen emigrierte und schließlich im KZ Auschwitz verstarb (s. S. 229-234).

Bei der Lektüre des Buches fällt besonders ins Auge, dass immer wieder eine Affinität zwischen Aphoristik und bildender Kunst besteht – insofern ist es schön, dass dieser Besonderheit ein eigenes Unterkapitel gewidmet wird, das zugleich auf Werke dänischer und finnlandschwedischer AphoristikerInnen hinweist.

Am Ende seines Beitrags zur norwegischen Aphoristik betont Eilers, dass der norwegische Aphorismus eine „eigenständige, von anderen europäischen Nationalliteraturen weitgehend unabhängige Entwicklung durchgemacht“ (S. 318) hat und insofern „aus gattungsgenetischer Perspektive einen Sonderfall bildet“ (324). Nach Lektüre dieser Anthologie gewinnt man dennoch den Eindruck, dass die norwegische Aphoristik, auch wenn sie eine eigene Entstehungsgeschichte aufweist, viele Parallelen und Verbindungen zur Aphoristik der anderen skandinavischen Länder sowie weiterer europäischer Länder aufweist. Vermutlich bestimmt die jeweilige Perspektive, ob eher das Verbindende oder aber das Trennende sichtbar wird.

Zusammenfassend lässt sich hervorheben, dass überaus erfreulich ist, dass Elisabeth Turvold und Alexander Eilers sich dieses gewaltigen Projekts angenommen haben: Mit der Fülle an interessanten Texten und der ebenso fundierten wie informativen Gattungsdarstellung lässt sich die Anthologie als Einführung in den und auch als Nachschlagewerk zum norwegischen Aphorismus (und darüber hinaus zur norwegischen Literaturgeschichte) lesen. Aus Sicht der an Aphoristik interessierten Leserschaft und der Aphoristik-Forschung kann man nur wünschen, dass noch mehr solcher Aphorismus-Anthologien auch für andere Nationalliteraturen entstehen.

 

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