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Friedemann Spicker über:
Dieter Lamping: Ein vollkommenes Leben und andere Gelegenheiten zum Nachdenken. Düsseldorf: onomato 2025.
Dieter Lamping (geb. 1954), von 1993 bis 2019 Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, ist auf verschiedensten Gebieten, von der Komparatistik bis zu Editionsarbeit und Literaturkritik, hervorgetreten. Dabei gilt sein Interesse unter anderem auch besonders dem Aphorismus. Hier hat er neben Aufsätzen zu verschiedenen Autoren (zusammen mit seiner Frau) eine Anthologie herausgegeben[1] und z. B. einen soliden Handbuchartikel zur Gattung beigesteuert.[2] Seine Rezeptionsgeschichte zu Lichtenberg von 1992[3] ist die oft konsultierte Grundlage für manche weitergehende Einzeluntersuchung, wie sie in den letzten Jahrzehnten vorgenommen wurde. Lamping übersteigt mit diesem Bändchen nicht zum erstenmal die Grenze zwischen Literaturwissenschaft und Literatur; 2011 erschien sein erster Lyrikband. Und er ist auch bei weitem nicht der erste Literaturwissenschaftler, der sich gewissermaßen „hinüber wagt“. Allein, was den Aphorismus und im Weiteren die kurze Prosaform betrifft, so gehen ihm unter anderem Helmut Arntzen, Klaus von Welser und Ulrich Horstmann voraus.
In drei Kapiteln ordnet er seine Texte an: „Das Leben, vollkommen, unvollkommen“ (7-48),
„Menschen, tot oder lebendig“ (48-84), „Kunst und Künstler“ (85-111). Der kritischen Betrachtung dieser Kurzreflexionen im Einzelnen, „Bagatellen“ in dem Sinne, wie er sie abschließend selbst nennt („Das Kleine zählt nicht, außer in der Kunst. Ihr ist alles wichtig. Sie kann aus allem etwas machen. […]“, 116), müssen Bemerkungen zur Gattungseinordnung vorausgehen.
Nicht nur, wenn man auf Texte „Am Rande“ stößt (34f.) (die im Übrigen auf einenTitel Alfred Polgars anspielen), wird man im aphoristischen Umkreis an die Marginalie erinnert, eine der Wurzeln der Begriffsgeschichte. Gerade in den (sprach-)kritischen Texten des dritten Teils drängt sich auch assoziativ die Glosse auf. Stellenweise denkt man auch an Adornos „Minima moralia“ als formgebendes Vorbild, erst recht dort, wo die kurzen Texte, wie nicht selten, in eine finale Pointierung auslaufen, wie in „Etwas fehlt“ (9) oder „Überdenken“ (26). Insgesamt ist ein Aspekt am relativ stärksten vertreten: der des Porträts, vor allem im zweiten Kapitel („Der Primus“, 57; „Der Pilger“, 59), aber auch im letzten Kapitel: „Der Charakterlose“ (74), „Der Lacher“ (75), „Der Macher“ (78). Das Porträt repräsentiert einen ganzen Zweig der Gattungsgeschichte des Aphorismus, angefangen von La Bruyère über Lichtenberg und in der Neuzeit Kafka, Tucholsky, Schnitzler bis nach 1945 etwa bei Hans Arndt und vor allem, unvergleichlich, bei Elias Canetti. „Er“ bezeichnet im aphoristischen Porträt eine eigene Person zwischen verdecktem Persönlichen und beobachtetem Fremden, es wird zum Vermittlungsglied zwischen unverwechselbar Privatem und distanziert Objektivem.[4] Bei Lamping nun ist das Er-Porträt mal näher an jenem („Aus der Vor- und Frühgeschichte eines Philologen“, 61), mal näher an diesem Pol anzusiedeln („Eine unverstandene Persönlichkeit“, 63). Und wenn es noch eines Beweises bedürfte, dass seine Texte durchaus zumindest in das Umfeld der aphoristischen Gattung gehören, dann findet man ihn in den prototypischen Ein-Satz-Ausformungen in „Über Freunde und Feinde“ („Man sollte sich nicht so ernst nehmen, wie es Feinde tun.“, 37) oder in der „Stöberkiste“: „Ein Pazifik der Worte: ein großer Roman.“ (102)
Das erste Kapitel „Das Leben, vollkommen, unvollkommen“ bedenkt die conditio humana in kleinen bezeichnenden Einzelheiten, mal mit Einbezug des Schreibers in der ersten Person Plural („Wir“), mal unpersönlich-allgemein („Manche Menschen…“). Hervorheben möchte ich nur drei dieser Reflexionen. Zunächst: „Über den Verfall der guten Sitten“ (31) mit den abschließenden Sätzen: „Wahrscheinlich ging es den guten Sitten immer schlecht. Was kann man nur für sie tun? Am besten verlieren wir über sie kein Wort mehr.“ Zu den für mich schönsten Texten gehört „Was wir in der Natur suchen“ (41), das in den Schluss ausläuft: „Deshalb können wir in ihr zu dem kommen, wozu wir da sind: uns selber kennenzulernen.“ (41) „Ein vollkommenes Leben“ (47), die Titelgeschichte, beschreibt im Perspektivenwechel und mit kompletter Erwartungsstörung das vollkommene Leben einer Stubenfliege und hat dabei exemplarisch gewinnbringend das Kleine im Blick. Unnötig zu sagen, dass – für mich – nicht alle Texte diese Höhe erreichen. Es stellen sich durchaus auch kritische Fragen („Die Nachtruhe“, 11), und Widerspruch wird geweckt („Über das viele Reisen (und das Reisen der Vielen“ (32), aber die titelgebende Anweisung „Nachdenken“ schließt eben auch solche Reaktionen ein.
Auch „Menschen, tot oder lebendig“ verlangt nach kritischer, d. h. sondernder Wertung. Auf der einen Seite etwa „Der Wortsteller“, schon mit dem gelückten Neologismus im Titel (80): „Das Wort gilt? Nicht einmal für ihn.“ Auf der anderen Seite „Unsere Toten“ (50) mit dem nur tröstlichen, aber in keiner Weise denkaktivierenden Schluss: „Dort ruhen die Toten. In uns lassen wir sie weiterleben.“ Auf „Pastor und Kaplan“ könnte ich ganz verzichten (60), während „Eine unverstandene Persönlichkeit“ (63) einen anregenden Blick in die Gefühlswelt eines Torwarts erlaubt. Nicht selten werden – ohne jede falsche Sentimentalität – auch verschiedenste Aspekte des Früher und des Heute bedacht (46, 70, 83).
Dem Kapitel „Kunst und Künstler“ sieht man mit besonderer Spanung entgegen. Werden die besondere Kompetenz und sein professioneller Stil dem Autor im Wege stehen? Wie wird sich die kurzessayistische Umsetzung von Themen gestalten, in denen er „zu Hause“ ist? Vorweg: Der Wissenschaftler kommt dem Autor nicht in die Quere, auch wenn es um „Briefroman“ (94), „Bestseller“ (98) und „Fußnoten“ (101) geht, weil er gewissermaßen leichtfüßig und konkret bildlich vorgeht („Die Kunst, für alle“, 87). Das kommt seiner Satire „Wie man ein bekannter Schriftsteller wird“ (96) ebenso zugute wie seiner Sprachkritik, die sich zum Beispiel auf den verlorenen Artikel (112) oder „eine der Lieblingsphrasen unserer Zeit“ (113) richtet. Wenn er die „Die korrekt Redenden“ (110) und „die ebenso Schreibenden“, „in der Mehrzahl Substantivierendc“, ebenso wie die „Sprachregelnden“, „Regierenden“ und „Zuhörenden“ in einen scheinbar zeitgemäßen Tanz „substantivierender Partizipien“ zwingt, wünschte man sich mehr solcher Glossen.
Aus der hier knapp entfalteten Gattungsüberlegungen heraus (Marginalie, Glosse, Porträt) gehört Lampings Buch zu den Rändern der Gattung in der Gegenwart, von denen eher als von ihrem „klassischen“ Zentrum her ihre Weiterentwicklung und Erneuerung zu erwarten sind.
[1] Simone Frieling, Dieter Lamping (Hg.): Aphorismen der Weltliteratur aus fünf Jahrhunderten. Köln: Anaconda 2008.
[2] Dieter Lamping: Der Aphorismus. In: Otto Knörrich (Hg.): Formen der Literatur in Einzeldarstellungen. 2., überarbeitete Aufl. Stuttgart: Kröner 1991, S. 21–27.
[3] Dieter Lamping: Lichtenbergs literarisches Nachleben. Eine Rezeptions-Geschichte. Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 1992.
[4] Friedemann Spicker: Das aphoristische „Er“. Zu einem bemerkenswerten Gebrauch des Pronomens, dargestellt am deutschsprachigen Aphorismus. In: Lichtenberg-Jahrbuch 2020, S. 93-139.
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