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Tobias Grüterich über:
Frederike Frei: Freisprüche. Weinheim: Achter Verlag 2025 (2022). 87 S. 15,00 €
Ralph Findeisen: Der Spaziergänger von Sanssouci. Aphorismen. Wien: Passagen Verlag 2025. 125 S. 17,00 €
Bei den meisten Autoren, deren Bücher auf dieser Seite vorgestellt werden, dominiert im jeweiligen Gesamtwerk der Aphorismus. Häufig wird der dritte, vierte oder sonst wievielte Sentenzenband besprochen. Daneben gibt es Schriftsteller, die sich jahrelang anderen literarischen Gattungen gewidmet haben und dann überraschend in der kürzesten Prosaform debütieren. Die folgende Rezension möchte auf zwei aktuelle Beispiele dieser Art näher eingehen: die „Freisprüche“ von Frederike Frei und Ralph Findeisens „Der Spaziergänger von Sanssouci“.
Frederike Frei (* 1945), bürgerlich Christine Golling, begann als Lyrikerin. 1977 erschien ihr erster Gedichtband „Losgelebt“, dessen Gesamtauflage nach zehn Jahren beachtliche 22.000 Stück erreichte. Bekannt wurde sie mit politischen Aktionen und ungewöhnlichen Publikationsformen. Unter der Überschrift „Lyrik im BaUCHLADEN“ verkaufte sie auf der Frankfurter Buchmesse einzelne Blätter mit sogenannten „Lesezeichen-Gedichten“. Einige griffen der aphoristischen Form voraus: „Am Abgrund / kommt es allein / auf die Haltung an.“ Aber erst 2022 – nach vielen weiteren Veröffentlichungen, unter anderem auch von Kurzgeschichten und eines Kinderbuchs – wandte sich Frei der Aphoristik zu. Die ursprüngliche Auflage der „Freisprüche“ ist bereits vergriffen. Dem Verfasser liegt die Neuausgabe vor, die im Januar 2025 zum 80. Geburtstag der Autorin, nunmehr versehen mit eigenen Illustrationen, herauskam. Thematisch wie qualitativ öffnet sich ein weites Spektrum. Allzumenschliches kommt in den schlechteren Fällen dröge als psychologische Binsenweisheit daher: „Was man bei anderen ablehnt, mag man an sich selber nicht“ (S. 25). Mehr Temperament erlaubt das Wortspiel: „In Retourkutschen fahren nur Kleingeister“ (S. 9). Wurde zu Armut und Reichtum nicht schon alles gesagt? Frei gelingt eine originelle Ergänzung: „Ich bin so reich, wie ich kann, und so arm, wie ich muss“ (S. 26). Das Phänomen des Kitsches haben Philosophen und Soziologen umfangreich erörtert – zunächst aus neomarxistischer Perspektive verdammt, zuletzt in den geweiteten Kunstbegriff ironisch eingemeindet. Auch hier ließe sich einwenden, das Feld sei längst abgegrast. Offenbar nicht vollständig, wie diese nachdenklich machende Einsicht zeigt: „Wer seine Gefühle versteckt, dem entweichen sie als Kitsch“ (S. 53). Auf unterschiedlichen Niveaus nehmen die Konflikte zwischen den Geschlechtern einen breiten Raum ein. Autonomie ist offenbar ein großer Wert für Frei. Den Tod weist sie in die Schranken – allerdings nicht wie Elias Canetti im Bewusstsein des höchsten existenziellen Ernstes, sondern auf kokette, fast frivole Weise: „Ich hab nichts gegen den Tod. Theoretisch“ (S. 72) oder „Ich tot? Wär’n Gag“ (S. 77). Poetologische Gedanken beschließen den Band. Die Postmoderne definiert sie witzig und treffend als „das Gegacker des Huhnes, das ein ausgepustetes Ei gelegt hat“ (S. 84). Trotz eines Kapitels zur Macht und ihrer bewegten aktionistischen Vergangenheit finden sich keine dezidiert politischen Positionierungen. Ebenso spielt die Religion keine Rolle, was insofern bemerkenswert ist, als die Autorin außer Germanistik und Theaterwissenschaft immerhin auch einmal Theologie studiert hatte. Die auf den gängigen Online-Plattformen hinterlegte Beschreibung des „Produktes“, selbiges sei „vor allem als Geschenk für Frauen ab 30 Jahren geeignet“, darf man wahlweise ignorieren oder belächeln.
Welche Aphoristiker Frei gelesen hat, bleibt unklar. Ausdrückliche Bezüge, seien sie zustimmend oder zurückweisend oder verballhornend, fehlen genauso wie unterschwellige Andeutungen bestimmter Lektüren.
Hierin besteht eine Parallele zu Ralph Findeisen (* 1967). Der in der DDR aufgewachsene Autor von Essays, Zeitschriftenbeiträgen und Romanen, von den einige laut seiner Website noch unveröffentlicht sind, hat Philosophie, Kunstgeschichte und (wie Frei) Theaterwissenschaft studiert. In seinem Band „Der Spaziergänger von Sanssouci“ (2025), der das Kondensat eines Jahrzehnts (2014–2024) aufnimmt, fächert sich eine bunte Palette auf. Diese beginnt mit der Werttheorie von Karl Marx (S. 12), der einsamen Hütte von Henry David Thoreau (S. 14), Martin Heideggers Begriffsschöpfung „Ek-sistenz“ (S. 16), Pippi Langstrumpf als Übermensch (S. 17) und endet mit der Atombombe (S. 123). Dieser martialische Schlusspunkt unterstreicht eines der Hauptthemen: die Sorge um das Überleben der Menschheit angesichts der zunehmenden ökologischen Probleme. Der zynische Gegenwind verschärft die Lage. Wer heute Worte wie eben „Menschheit“ oder „Gesellschaft“ gebraucht, der „erzeugt den Eindruck von Peinlichkeit“ (S. 16). Es passt ins Gesamtbild, dass die Religion sich nur noch „als Simulation ihrer selbst zu begreifen“ hat (S. 19). Ein paar Mal geht es um den Aphorismus als solchen (S. 12, 13, 15 u. 18). Ausgewiesene Gattungsvertreter kommen, wie weiter oben schon vorweggenommen, im Buch nicht vor. Auch Joseph Kessel, Autor des Romans „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ (1936), oder Romy Schneider, Hauptdarstellerin in der gleichnamigen Verfilmung (1982), werden nicht erwähnt. Das verblüfft. Ob der Titel auf diese Buch- bzw. Filmvorlage anspielt, bleibt somit eine offene Frage, aber eine naheliegende: Immerhin erinnert die unmittelbar vorausgehende Veröffentlichung, der lange Essay „Die Kunst, der Sex, das Geld und der Müll“ (2022), zweifellos an Rainer Werner Fassbinders Theaterstück von 1975. Diese Irritation findet eine Entsprechung im Buch selbst: In einem Standbild des belgischen Videokünstlers David Claerbout, das dem Autor lange als Desktophintergrund diente, wird plötzlich „der nie zuvor bemerkte Schatten eines Mannes auffällig“ (S. 12). Man liest es und rätselt: Gleicht das nicht allzusehr dem zentralen Motiv in Antonionis „Blow up“ (1966)? Oder besteht die Anspielung in der bewussten Nichterwähnung dieses Films, die erst den Raum schafft für eine spätere, eher zufällige Entdeckung auf den zweiten Blick? Qualitativ reicht der Band von literarisch anspruchslosen Statements, denen derartige Doppelbödigkeiten abgehen („Die Technikfreaks von Silicon Valley sind in der Überzahl“, S. 40), über längere, oft sechs- bis zehnzeilige Notizen, die auch ohne konzise Zuspitzung lesenswert sind, bis hin zu Einsichten, die sowohl inhaltlich als auch in ihrer Knappheit überzeugen – etwa der Hinweis auf den kulturgeschichtlichen Anachronismus „Dass Wagner nach Büchner kam, ist schwer nachzuvollziehen“ (S. 36) oder die Mini-Soziologie eines heute mehr denn je problematischen Menschentyps: „Optimisten sind entweder naiv oder neigen zur Macht“ (S. 114).
Mit Frederike Frei und Ralph Findeisen haben zwei gestandene, jedoch höchst unterschiedliche Autorenpersönlichkeiten den Schritt in die Aphoristik gewagt. Damit war nicht zu rechnen. Eine doppelte positive Überraschung!
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