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Michael Wollmann über:
Hans-Horst Skupy: Stille Reserve. Aphorismen. Nebst einer Handvoll Memorabilien und Freundesgaben. Würzburg: Königshausen & Neumann 2026.

 

Der Journalist, Reiseschriftsteller, Herausgeber und Sammler Hans-Horst Skupy (*1942) ist dieser Tage als Koryphäe auf dem Gebiet des Aphorismus nach 14 Jahren der Abstinenz mit einer neuen Auswahl an eigenen Aphorismen in Erscheinung getreten, die anlässlich seines 83. Geburtstags von Alexander Eilers besorgt wurde.

Vorab einige Worte zum Herausgeber Skupy, dessen nennenswertes Verdienst vor allem darin besteht, mit seinem immer wieder neu aufgelegten „Das große Handbuch der Zitate von A-Z“ (1993, 4. Sonderausgabe 2021), 25.000 nach Stichwörtern gegliederte Kurztexte (worunter sowohl Zitate als auch Aphorismen zu verstehen sind) einem breiteren Kreis an Lesern zugänglich gemacht und dabei vorzugsweise auch – im Gegensatz zu anderen vergleichbaren Anthologien – viele Texte zeitgenössischer Autoren präsentiert zu haben. Kritisch sei an dieser Stelle angemerkt, dass das Zitaten-Handbuch im Vergleich zu anderen modernen Nachschlagewerken wie dem doppelt so umfangreichen „Lexikon der Sprichwörter und Zitate“ von Harenberg (1997) seit dem Erstdruck ohne Quellenangaben und weitere Hinweise zu den zitierten Autoren (fehlende Lebensdaten, etc.) publiziert wird und teilweise sogar falsche Zuschreibungen enthält, die sich wohl auf die Verwendung unzuverlässiger Sekundärliteratur zurückführen lassen. So geht beispielsweise das Zitat „Kinder schauen mehr darauf, was die Eltern tun, als was sie sagen.“ (Skupy 1993, S. 77) nicht wie bei Skupy unterlegt auf Marie von Ebner-Eschenbach zurück, sondern es handelt sich vielmehr um ein altes Sprichwort, das sich in ähnlicher Form („Kinder sehen mehr darauff, was die Eltern thun, als was sie sagen.“, zit. nach Wander 1870) bereits bei Christoph Lehmann (1568-1638) nachweisen lässt. Trotz solcher Mängel im Grundgerüst bleibt das Nachschlagewerk für Freunde der Aphoristik eine echte Fundgrube, auch weil es von Google bislang noch nicht digitalisiert wurde, um wahrhaft „begriffen“ zu werden also nach wie vor zur Hand genommen werden muss.

Der Aphoristiker Skupy ist demgegenüber seit seiner Erstveröffentlichung „Aphorismen – abgeleitete Geistes-Blitze. Ein ‚Aber-Glaubensbekenntnis‘ in Aphorismen, Metaphern, Parabeln“ (1975) mit meistenteils schmalen aphoristischen Veröffentlichungen in Erscheinung getreten, wozu nunmehr auch die „Stille Reserve“ zu rechnen ist. In diesem Fall wurden aus einem Fundus von über 1900 Aphorismen aus neuester Zeit vom Herausgeber Eilers gerade einmal knapp 250 Texte ausgewählt, wobei leider kein Aufschluss darüber gegeben wird, welche qualitativen oder sonstigen Maßstäbe zu einer solchen begrenzten Auswahl geführt haben. Angesichts der Tatsache, dass es sich um die „vermutlich letzte gebundene Veröffentlichung“ (S. 13) des Autors Skupy handelt, hätte ich mir als Leser jedenfalls mehr Textproben aus der Gedankenwerkstatt des Aphoristikers erhofft.

Schmerzlich vermisst habe ich in diesem Fall auch einige einleitende Worte des Autors selbst. Der Herausgeber Eilers gibt zwar auf sieben Seiten einige sachkundige Hinweise zu Skupys diversen Sammeltätigkeiten, seinem Schaffen und der literaturwissenschaftlichen Rezeption seines aphoristischen Werks durch Wolfgang Mieder oder Friedemann Spicker, doch liefert letzten Endes fast nur in merkwürdigen Wendungen, die auf den Buchtitel Bezug nehmen, ominöse Gründe für die jetzige Veröffentlichung: „Dass die Sammlung gerade jetzt erscheint, hat wie in betrieblichen Rechnungsabschlüssen mit dem Bilanzstichtag zu tun. So ist nämlich eine Bewertungsrücklage keine dauerhafte Größe, weshalb sie schon im Umsatzprogramm aufgelöst wird.“ (S. 13). Der ökonomische Bezug des Buchtitels – der ja nur eine mögliche Lesart darstellt – wird von Eilers sogar noch auf die zu erwartende Rezeption durch den Leser ausgeweitet, was das gesamte Schaffen des Autors letztlich einer fraglichen Verwertungslogik unterwirft: „Inwieweit hiermit Bilanzklarheit geschaffen wurde, ist vom Leser zu entscheiden. Er muss die Frage für sich beantworten, ob die Auflösung der stillen Reserve einen Gewinn gebracht hat oder ob dadurch bloß operative Verluste gedeckt wurden.“ (S. 15).

Untergliedert sind Skupys Aphorismen nunmehr in zehn Unterkapitel zu grundlegenderen Themen wie Philosophie, Religionskritik, Moral, Liebe, Charaktere, Gesellschaft, Politik, Krieg/Frieden, Tod/Sterben und Literatur, die teilweise paradox anmutende Titel wie „Blindheit Glaube“, „Sündenpfuhl Moral“ oder „Spiegelkabinett Diktatur“ tragen, dabei mit einem passenden aphoristischen Motto versehen sind sowie jeweils einer visuell dazu passenden farbigen Collage von Elisabeth Turvold aufwarten.

Der Autor arbeitet seither mit vorzugsweise kurzen, paradoxen Wendungen, die durch Auslassungen und Gedankenstriche ihr aphoristisches Potenzial oftmals gut entfalten können und den Leser zum Nachdenken anregen. So ist die Frage „Wer ist eigentlich für meine Träume verantwortlich?“ (S. 20) sicherlich in ähnlicher Weise anregend wie die paradox anmutenden Aussagesätze „Die Sitten wurden im Paradies verdorben.“ (S. 27) oder „Steuerparadiese – wie geschaffen für Sünder.“ (S. 50). Ein religionskritischer Satz wie „Alle Religionen glauben an sich.“ (S. 27) mag zunächst lapidar erscheinen, ist aber tiefgreifend genug, dass sich längere Zeit über die Folgen dieses behaupteten Umstands nachdenken lässt. Übrigens wird auch das Spiel mit ähnlich lautenden Sprichwörtern von Skupy virtuos beherrscht, kommt aber vergleichsweise spärlich zur Anwendung: „Die neuen Bösen fegen gut.“ (S. 57).

Die allgemeine Crux der bevorzugt kurzen aphoristischen Form liegt freilich darin, dass sich in bestimmten Einzelfällen teilweise mehr in einzelne Sätze hineinlesen lässt, als sich der Autor selbst gedacht hat, was er an einer Stelle aber auch selbst zu bedenken gibt: „Unglaublich, was alles in einen Aphorismus hineingedichtet werden kann!“ (S. 74). In jedem Fall handelt es sich bei Skupys Aphorismen um „mahnend-nachdenkliche[], bisweilen um Fassung ringende[] Reflexionsspäne“ (S. 14) wie Eilers richtig anmerkt, wobei mir ein gewisser Pessimismus in der Grundtonalität unverkennbar zu sein scheint, was angesichts der Entwicklungen in der jüngsten Vergangenheit sicherlich wenig verwunderlich ist: „Wahrheit sprießt wie Unkraut auf dem Feld der Lüge.“ (S. 55); „Man kann Probleme auch unter einen Bombenteppich kehren.“ (S. 62); „Beim militanten Pazifismus geht der Schuss nach hinten los.“ (S. 63).

Bemerkenswerte Aussagen wie „Sozialismus: Eine Idee verfing sich im Stacheldraht.“ (S. 56) geben verdeckt Aufschluss über biographische Hintergründe des Autors, der seinerzeit ein Befürworter der ‚Neuen Ostpolitik‘ von Willy Brandt war. Zudem geben Sätze wie „In Potemkinschen Dörfern kann man getrost auf Zäune verzichten.“ (S. 57) und „Wer bei Lec lacht, lacht beim Besten.“ (S. 73) Hinweise auf den großen Einfluss, den die osteuropäische bzw. vorzugsweise polnische Aphoristik auf Skupys eigenes aphoristisches Schaffen ausgeübt hat. Diesbezüglich stellt auch der mitabgedruckte Aufsatz Skupys „Die Renaissance des Aphorismus“ aus dem Jahr 1977 ein bemerkenswertes zeithistorisches Dokument dar, das neben der rezeptionsgeschichtlichen Bedeutung der Aphoristik Stanisław Jerzy Lecs dankenswerterweise auch Aufschluss über Skupys (nach wie vor aktuelles?) aphoristisches Verständnis gibt: „Die Richtung [der Aphoristiker] ist bekannt: gegen die Zwänge der Gesellschaft, der Systeme, der Parteien, gegen Ignoranz und Borniertheit, für Freiheit und Gleichheit und – welch ein Pathos in einem revolutionären Wort – für Brüderlichkeit, gleichsam gegen Kumpanei“ (S. 81). Durchaus fraglich bleibt meines Erachtens allerdings Skupys abschließende These, dass der Aphorismus [der 1970er-Jahre?] „aus dem Bedürfnis nach Freiheit und individueller Gleichheit geboren wurde“ (S. 92).

Abgerundet wird der Band mit Illustrationen von Miroslav Barták sowie diversen Freundesgaben von Elazar Benyoëtz, Alexander Eilers, Tobias Grüterich, Klaus D. Koch, Rupert Schützbach, Friedemann Spicker, Gunter Preuß, Márton Rádkai, Elisabeth Turvold und Jürgen Wilbert. Beigefügt ist auch noch eine ausführlichere Vita des Autors mit diversen Fotos und Erinnerungsstücken.

 

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