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Friedemann Spicker über:
Manfred Rumpl: Stundenbuch eines Skeptikers. Würzburg: Königshausen & Neumann 2026.
Der österreichische Autor Manfred Rumpl (geb. 1960) hat bisher zahlreiche Prosaveröffentlichungen vorgelegt und ist dafür auch mit diversen Literaturpreisen geehrt worden. Was hingegen die kurze Gattung betrifft, so ist das „Stundenbuch eines Skeptikers“ darin sein Debüt. Der Titel verlangt mehrfache Erläuterung: „Stundenbuch“, so heißt ein im Aufbau dem Brevier der römisch-katholischen Kirche nachempfundenes Gebet- und Andachtsbuch für das Stundengebet. Ist diese Anspielung eine verfehlte Assoziation? Ist sie der Ausdruck eines zu hohen stilisierten Anspruchs? Das bescheidene „Tagebuch“ trifft die Sache wohl besser. „Skeptiker“: Skepsis gehört zu den klassischen Ingredienzen des Genres. Ich erinnere nur mit Schlagworten an Systemskepsis, Sprachskepsis, Fortschrittsskeptizismus und konkret etwa an Nietzsche: „Letzte Skepsis. – Was sind denn zuletzt die Wahrheiten des Menschen? – Es sind die unwiderlegbaren Irrtümer des Menschen.“ Nicht nur von daher ist das Buch schon nach kurzer, erster Lektüre fraglos als ein aphoristisches Tagebuch zu erkennen, auch wenn kein Untertitel es deutlich einer Gattung zuordnet. Die Definitionen in dem Band selbst sind allerdings nicht hilfreich: „Der Aphorismus ist eine Philosophie des Krankenbetts.“ (24); „Der Aphorismus ist wie eine Katerphilosophie der homöopathischen Verhältnisse.“ (24) Die erste (bei der ein altes literaturwissenschaftliches Klischee anklingt, Klassik sei das Gesunde, Romantik das Kranke) ist leicht angreifbar, die zweite in beiden Bestandteilen nicht recht deutlich: Meint „Katerphilosophie“, dass der Aphorismus jetzt nicht krank ist, sondern ein Folge übermäßigen Alkoholgenusses? Sind die „homöopathischen Verhältnisse“ Verhältnisse im Kleinen? Wäre das ein Ausschlusskriterium?
Rumpls Kapiteleinteilung nimmt die üblichen Themenkomplexe der Gattung auf, auch wenn das auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist. Im ersten Kapitel „Art“ (frz., engl. für „Kunst“) ist die Literatur selbst das Thema (11-66), im zweiten Kapitel „Selbst“ (67-100) geht es um Selbstbeobachtung. Es folgen, auch terminologisch ganz gattungstraditionell, „Beobachtungen und Bemerkungen“ (101-142), während das letzte Kapitel „Eis, Wasser, Gas“ (143-189) mit den drei Aggregatzuständen in ansprechender Konkretion eine Restkategorie „Verschiedenes“ sammelt, hier im Wesentlichen philosophische Fragmente, auch solche zu Tod und Traum, die sich bisweilen auch zum Kurzessay und zur „Mikrogeschichte“ (160) erweitern.
„Art“ sammelt zumeist unterschiedlichste Lektüre-Aphorismen, etwa zu Robert Walser, Witold Gombrowicz, Hermann Nitsch, Susan Sontag, Cesare Pavese, besonders durchgängig zu Marcel Proust, allerdings im Einzelnen ohne rechten pointierten Zugriff und zum Teil nur herbeizitiert: „X hat es so formuliert“ (23); „wie X es einmal ausdrückt“ (35; „sagt X so treffend“ (55). Auch auf Lichtenberg beruft sich Rumpl mehrfach (F 557, F 582, H 131). Das große aphoristische Vorbild für ihn ist aber vor allem der französische Autor Jules Renard (1864-1910), der von 1872 bis zu seinem Tode ein Reflexionstagebuch in 54 Heften verfasste, das, stark redigiert und mit Streichungen, erst nach 1925 veröffentlicht wurde und für die Gattungsreflexion des modernen Aphorismus von grundlegender Bedeutung war. Seine Bewunderung ist freilich für meinen Geschmack überinstrumentiert: „Es ist ein wundbarer Grund, sich nicht das Leben zu nehmen, weil man dann nie mehr darin lesen könnte.“ (62f.) Mit dem Abschluss des Kapitels: „J. Renard: ‚Man muss leben um zu schreiben, nicht schreiben um zu leben.‘ Damit ist alles gesagt.“ (66) zitiert er einen geläufigen Chiasmus, bei dem man für „schreiben“ ebenso „essen“, „arbeiten“ usw. einsetzen könnte. Die Größe und Eigenart des Autors kann er damit leider kaum vermitteln. Sie offenbart sich eher in solchen Kurztexten: „Wenn Sie das Leben kennen, geben Sie mir doch bitte seine Anschrift.“ oder: „Tu etwas Mond an das, was du schreibst.“ und (große Ironie in Rumpls Literatur-Kontext!): „Jedesmal wenn ich mich an die Arbeit setze, werde ich von der Literatur gestört.“ Daneben geht es hier um die Reflexion des eigenen Schreibens, und es liegt an der Leserin oder dem Leser, zu scheiden zwischen produktiv anregenden Fragen („Können wir uns am Faden der Kausalität am Ende auch aufhängen?“, 14), einem Konstatieren, das die gedankliche Diskussion mehr („Kunst bedeutet, beweist aber nichts.“, 20; „Pathos, dem jede höhere Ordnung fehlt, ist Kitsch.“, 33) oder, mangelnder Originalität wegen, weniger lohnt: „Das Provinzielle einer Kunst steckt selten im Stoff, aber fast immer in der Form.“ (41), zwischen dem reinen Bonmot („Die Kritik der befleckten Vernunft.“, 44), schließlich einer Formulierung, die allzu bemüht auf Wirkung schielt („Stringenz ist die Figur der Methode.“, 32; „Kunst ist androgyn. Das Androgyne will sich selbst befruchten.“, 36) und sich dabei vielleicht doch etwas zu sehr ins zu Große versteigt: „Nicht zu viele Metaphern strapazieren. Die Sprache selbst ist eine Metapher. Worauf? Auf die Art des Existierens.“ (50) Andererseits wird, wer aufmerksam „ausliest“, viel Substantielles über den künstlerischen Prozess erfahren und auch im Übrigen sachlich pointiert das finden, was man „Perlen“ zu nennen sich nicht mehr traut: „Die Götter werden die Menschen nicht überleben.“ (27)
Das Kapitel „Selbst“ findet als unsystematisches Erlebnisdenken im Sinne der Gattung prinzipiell Sympathie und Achtung: Selbsterkenntnis, geleitet von Montaigne, Nietzsche und anderen. Bezeichnend die abgewandelte Kant-Anspielung „Der gestirnte Himmel über mir und das pulsierende Herz in mir.“ (73) Wenig Konkretes findet sich hier: Geldnöte, Hüftleiden, Vaterschaft, Rauschmittel. Thema werden eher die Ambivalenz von Einsamkeit und Gesellschaft, die Jahreszeiten, immer auch einmal mehr das Schreiben selbst („Wie man zugleich härter, klarer und zarter wird.“, 88) und die Befindlichkeiten in symbolisch aufgeladenen Handlungen: „Wie ich in meinem Zimmer die Jalousie justiere, ist offenbar ein Maß für meine Bereitschaft, der Welt draußen gegenüberzutreten.“ (74) Den Generalbass dazu bildet das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit.
Auch in den „Beobachtungen und Bemerkungen“ spielt der Autor seine stärksten Mittel dort aus, wo er alle Sinne subtil einsetzt, das Sehen („An ganz guten Tagen gelingt mir der Blick durch jedes Fenster wie auf ein Kunstwerk.“, 113), das Hören („Das Knirschen der Baumstämme im eiskalten Wind.“, 118), und statt dem großen Weltgeschehen das ganz Kleine beobachtet: „Ein pfefferkorngroßer Käfer krabbelt über die Wand.“ (111), plötzliche unerwartete Erkenntnis, im besten Fall eine „Epiphanie“ (105). Seine Beobachtungen, die in eine Pointe münden („[…] Manchen Gesichtern läuft ihre Bestimmung voraus“, 122), überzeugen dabei mehr als Bemerkungen, die im rein Deklarativen bleiben: „Die Demokratie kann leider zur Herrschaft der Dummen führen.“ (142) Festzuhalten bleibt aber das für den Gesamteindruck günstige Mengenverhältnis.
Differenziertes Lesen erfordert auch das letzte Kapitel, in dem Rumpl leider zu oft so apodiktisch wie ungreifbar agiert: „Es gibt nur ein Wunder: Dass überhaupt etwas ist.“, 177); „Im Anfang war die Lüge.“, 181), enigmatisch wirkt („Die Eiweiß-Kausalität.“, 180; „Den kosmischen Schwindel aushalten.“, 176) und in der Spekulation bleibt, die den Leser durch höchste Abstraktion (Nichts, Sein) nur schwer zur gedanklichen Mitarbeit bewegen kann: „Nichts ist möglicherweise auch nur ein Wort für Etwas.“ (184); „Träumt das Sein sich selbst?“ (189). Das erreicht er hingegen dort, wo er zwischen Gegensätzen so interpoliert, dass klare Kategorien erkenntnisweckend verschwimmen: „Es müsste doch am Gutsein etwas dran sein, was die Guten weniger schief nach dem Bösen schielen ließe.“ (155) Die Österreich-Kritik könnte man nach Jelinek und Bernhard schulterzuckend als Mainstream-Gebaren der schriftstellernden Minderheit zur Kenntnis nehmen, wenn sie nicht auch aphoristisch überzeugend geboten würde: „Wie leicht und schnell dem Kreuz hierorts Haken wachsen.“ (160)
Mit Rumpls „Stundenbuch“ liegt mithin ein Aphorismenbuch vor, das nicht in jedem Einzelfall überzeugt, mit dem sich aber durch die Weite des Horizonts und die Originalität des Blicks die gedankliche Auseinandersetzung im Ganzen in jedem Fall und im Einzelnen oft genug lohnt. Dadurch hebt sich es über den pointenverliebten Durchschnitt der gegenwärtigen Aphorismenproduktion weit hinaus.
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