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Rolf Schütt stellt vor:
Henryk Elzenberg: „Kummer mit dem Sein. Tagebuch eines Philosophen“
Henryk Elzenberg, 1887-1967, unterrichtete an den Universitäten Warschau, Wilna und Thorn Philosophie. Zu seinen Schülern zählte der Dichter Zbigniew Herbert (1924-1998). Als Zwanzigjähriger, noch während seines Studiums in Paris, beginnt Henryk Elzenberg, sich und die Welt zu kommentieren im aphoristischen „Tagebuch eines Philosophen“ (1907-1963): „Wenn ich denke, existiere ich nicht, bin ich mir meiner nicht bewusst; es existiert nur das, woran ich denke.“ Sechs Jahrzehnte lang beobachtet er mit Skepsis und Scharfsinn die intellektuellen Verwerfungen seiner Zeit. Als Resonanzkörper dient ihm die Geistesgeschichte nicht nur des Westens – Sokrates, Russell und Goethe finden sich hier ebenso wie Buddha, Mickiewicz und Brzozowski. Am Ende seines Lebens notiert der Philosoph: „Wer intelligenter ist, hat mehr dumme Einfälle. Sein Geist ist ruhelos, in ständiger Bewegung, also stolpert er ständig. Dummköpfe haben wenig dumme Einfälle.“
Sein Opus magnum „Kummer mit dem Sein“ versammelt „Gedanken und Aphorismen“ über Philosophie, Literatur und Geschichte, über Architektur, Kunst, Politik und Religion. Die Eintragungen zeichnen sich durch einen „präzis-nüchternen Stil“ aus. Elzenberg bevorzugte die „idealistische Version des wertphilosophischen Objektivismus“, dass die ethischen und ästhetischen Werte unabhängig vom Geschmack und den Bedürfnissen eines Individuums oder einer Gesellschaftsschicht seien.
16. 1. 1909
Sag das Allerdümmste, es findet sich immer jemand, der noch dümmer ist und der davon eine Karikatur macht.
Jan. 1910
Was ist gut? Eine schöne Tragödie.
8. 1. 1911
Der Ruhm ist der Köder, mit dem die Größe uns l0ckt.
23. 1. 1913
Künstler sein, eine eigene kreative Welt haben, bedeutet: Auf hoher See der Ereignisse
seinen Hafen mit sich tragen.
28. 12. 1913
Geliebt werden eigentlich nur die Glücklichen. Die Unglücklichen werden bloß ausgebeutet.
20. 1. 1916
Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er lebt auch von den Täuschungen seiner Seele.
Die reine Kunst und die reine Wissenschaft sind die einzigen reinen Dinge dieser Welt.
Es gibt nichts Schöneres als einen Tatmenschen, der des Denkens und Fühlens fähig ist.
25. 2. 1916
Die Kunst ist der einzige Lebensbereich, wo wir ohne Kompromisse tätig werden können.
21. 3. 1916
Die Sache des Grandseigneurs ist das Schöpfertum. Die Sache von uns Plebejern – die
Theorie.
13. 7. 1916
Es gibt auf der Welt soviel Gutes, wie böse Mächte als Köder für edle Menschen benötigen.
24. 10. 1919
Es gibt eine Schönheit, die wir verschlingen, es gibt eine Schönheit, die uns verschlingt: die von der Aura der Unendlichkeit umwehte.
23. 8. 1922
Der Wert strebt nicht nach Existenz.
6. 2. 1933
Unbewusste List: Wenn einer Unerreichbares wagt, um nicht gezwungen zu sein, es zu
verwirklichen.
7. 5. 1942
Es gibt in der Welt Banditen und Heilige. Nur bewegen sich die Heiligen in Bahnen, die von den Banditen abgesteckt sind.
31. 12. 1944
Die Vorzüge eines verhassten Menschen hasst man stärker als seine Fehler.
5. 3. 1945
Es gibt ein Heldentum des Egoismus, und sein Name ist: Selbstgenügsamkeit.
6. 12. 1948
Mystik: das entgesellschaftete Revolutionäre.
22. 12. 1948
Unglück grenzt besser ab als Feindseligkeit.
17. 5. 1950
Philosophie ist Dynamit gegen die Empirie.
28. 4. 1951
Kleines Anti-Hegelianum : „Alles, was wirklich ist, ist sinnlos, und alles, was sinnvoll – ist unwirklich.“
5. 5. 1955
Das Schöne ist gleichzeitig die Gestalt und die Hülle von etwas, der Weg und das Abirren vom Weg.
11. 8. 1956
Ein Mensch ist besser als zwei, zwei sind besser als eine Gruppe, eine Gruppe ist besser als
eine Gesellschaft.
17. 10. 1956
In der Geschichte war immer nur das sinnvoll, was aus ihr herausführte.
14. 1. 1957
Die Kultur ist der Versuch, die Geschichte dazu zu bringen, den Werten dienstbar zu sein.
Lüge ist Selbstmord.
17. 11. 1961
Wer intelligenter ist, hat mehr dumme Einfälle.
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