zurück zur Übersicht der Rezensionen
Wolfgang Luley über:
Alexander Eilers: Dornen. Aphorismen & ein Essay. Würzburg: Königshausen und Neumann 2026.
Wie offen darf ein Aphorismus sein, ohne unbestimmt zu werden? Offenheit lässt dem Leser Raum und setzt zugleich eine Denkbewegung in Gang. Unbestimmtheit überlässt ihm dagegen die Aufgabe, den Zusammenhang erst herzustellen. Die Grenze ist nicht immer leicht zu ziehen.
Alexander Eilers, promovierter Literaturwissenschaftler, Gymnasiallehrer, Übersetzer und Herausgeber, gibt mit seinem neuen Aphorismenband Dornen Anlass, diese Grenze zu prüfen. Elisabeth Turvold, selbst Aphoristikerin, schreibt im Vorwort, bei Eilers sei „jedes Wort präzise angebracht“. Ein hoher Anspruch. Präzision heißt nicht nur, dass ein Wort bewusst gewählt wurde. Es muss im Satz notwendig sein, eine bestimmte Beziehung tragen und die Deutung lenken, ohne sie vollständig festzulegen. Fehlt diese Notwendigkeit, entsteht keine Offenheit, sondern Unbestimmtheit.
Am stärksten ist Eilers, wenn der Einfall sich nicht aufplustert. „Idole: Wegwerfgötter“ (S. 27) verbindet moderne Verehrung mit moderner Verbrauchslogik. Der Satz ist knapp, witzig und einprägsam. Er muss keine philosophische Untersuchung entfalten, um als Bonmot zu bestehen. Der schnelle Wechsel von Anbetung zu Entsorgung ist in der Wortbildung selbst enthalten.
Nicht immer trägt die sprachliche Schnelligkeit den Inhalt des Satzes. „Feige zu bleiben ist mutig“ (S. 31) wirkt durch die Gleichsetzung der Gegensätze. So schlagfertig der Satz ist, so begrifflich ungenau bleibt er. Mutig kann es sein, die eigene Feigheit einzugestehen oder sich dem gesellschaftlichen Zwang zur Heldenpose zu widersetzen. Das ist jedoch etwas anderes, als feige zu bleiben. Der interessante Gedanke muss vom Leser ergänzt werden.
Noch deutlicher zeigt sich das Problem bei „Das Ich ist unsere Paraderolle“ (S. 21). Die Verbindung von Ich und Rolle eröffnet mehrere Möglichkeiten: Ist das Ich eine gesellschaftliche Darstellung, ein Selbstbild oder eine Maske, die wir sogar vor uns selbst tragen? Der Aphorismus entscheidet nicht zwischen diesen Beziehungen. Auch lenkt er die Deutung nicht so weit, dass sich ein bestimmter Denkweg öffnet. Das große Bedeutungsfeld der Wörter erzeugt den Eindruck von Offenheit; erneut muss der Leser ergänzen, was der Text selbst bieten müsste.
„Gibt es vulgäre Tiere?“ (S. 22) arbeitet mit einer anderen Form der Überraschung. Eine menschlich-kulturelle Eigenschaft wird auf Tiere übertragen. Das lässt stutzen. Ist das Verfahren jedoch erkannt, bleibt wenig gedanklicher Rest. Die Verbindung erscheint nicht notwendig; nach demselben Muster ließe sich ebenso fragen, ob es loyale Pflanzen, eitle Insekten oder taktlose Bäume gebe. Die Begriffe erzeugen Befremdung, ohne den Blick auf einen bestimmten Gegenstand nachhaltig zu verändern.
In diesen Beispielen zeichnet sich ein wiederkehrendes Verfahren ab. Häufig handelt es sich um witzige oder auf Witz zielende Einfälle. Wo der Witz nicht trägt, bleibt oft die Schlagfertigkeit. Das ist nicht geringzuschätzen. Ein Aphorismus muss weder eine philosophische Abhandlung ersetzen noch in jedem Satz Tiefsinn beanspruchen. Auch Leichtigkeit, Wortwitz und der rasche Perspektivwechsel gehören zu seinen Möglichkeiten. Gerade der kurze Aphorismus ist jedoch auf Präzision angewiesen. Er besitzt keinen Raum, eine ungenaue Beziehung später zu klären. Entweder die Wörter tragen einander, oder der Leser muss den interessanteren Gedanken nachträglich für sie erfinden. Bei Eilers ist die Formulierung mitunter schneller als der Gedanke.
Das fällt umso stärker auf, weil Eilers als Kritiker für solche Schwächen ein scharfes Auge besitzt. In Besprechungen anderer Aphoristiker unterscheidet er zwischen Pfiffigkeit und eigenständigen Gedanken [1] und kritisiert wiederholte Gedankenfiguren [1], Platitüden [1], gravitätische Behauptungen [2] und Leerformeln [2]
.
Ein Teil der Aphorismen in Dornen besteht vor diesem Maßstab nicht. Wer schlagfertige Einfälle schätzt, wird in Dornen fündig. Wer vom Aphorismus eine gelenkte Denkbewegung erwartet, muss sie jedoch häufig selbst fortsetzen – und mitunter erst herstellen.
[1] Alexander Eilers: Leserbrief zu: Friedemann Spicker über: Marcus Steinweg
[2] Alexander Eilers: Leserbrief zu: Heimito Nollés Rezension von Klaus von Matts „Geschliffenen Gedanken“
zurück zur Übersicht der Rezensionen
