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Friedemann Spicker über:
Jürgen Große: Die Werke der Meister. Kritische Konfessionen. Berlin: Parodos 2026.
Der 1963 geborene Historiker und Philosoph Jürgen Große, hat sich seit 1990 in annähernd 20 Aphorismusbänden und unzähligen entsprechenden Zeitschriftenbeiträgen, so in „Zeno“, in „der blaue reiter“ und „TUMULT“, als ein Autor erwiesen, der die Auseinandersetzung auch speziell unter Gattungsgesichtspunkten besonders lohnt, und das nicht nur in quantitativer Hinsicht. Seit 1998 lebt er als freier Autor. In der Reihe der dapha-Rezensionen ist er bisher nicht vertreten. Das heißt nicht, dass wir ihn nicht regelmäßig zur Kenntnis genommen hätten. Alexander Eilers hat ihn im Zusammenhang mit unserer Tagung 2021 gewürdigt[1]; ich habe mich schon vor etlichen Jahren in Rezensionen an anderer Stelle mit ihm beschäftigt.[2]
Sein jüngstes Buch „Die Werke der Meister“ ist in vier Kapitel gegliedert: „Dichten“ (7), „Danken“ (51), „Deuten“ (63), „Denken“ (91). Die Kapitelbezeichnungen mögen von klanglichem Reiz sein, inhaltlich tragen sie kaum: „Dichten“ und „Denken“ beherrschen die Notizen durchweg; im Kapitel „Danken“ wird keineswegs viel gedankt, hier geht es mehrheitlich um religiöse Fragen; das „Deuten“ sollte wohl – bei aller Allgemeingültigkeit – in erster Linie dem Rezipienten überlassen sein. Mit der Genrebezeichnung „Aphorismus“ sieht sich Große vielfach in ungeliebter Nachbarschaft. Folgerichtig nennt er die Texte, die sich schon beim Durchblättern vom Druckbild her als solche zu erkennen geben, im Untertitel „Konfessionen“. (Das wohlfeile Attribut „kritisch“ wollen wir hingehen lassen.) Wenn man davon absieht, dass jeder literarische Text etwas von einer „Konfession“ hat (und das gilt hier gleichermaßen), so trifft die Bezeichnung im engeren Sinne auf die Texte in der ersten Person Singular zu. Dort kommt man dem Autor tatsächlich in der Selbstinterpretation („Es ist nicht mehr zu leugnen: Ich bin skeptisch und fromm.“, 62) besonders nahe, seinen „schriftstellerischen Anfängen“ (38), seinen früheren Veröffentlichungen („Hätte ich nur drei Bücher veröffentlicht statt dreißig […]“, 39). Sein Grundverständnis und seine Sicht der Welt, der Blick auf das „deutsche Bescheidwissensleid“ (27), die „Weltverschmutzungsscheu“ (20) und die „Verkommenheit ringsum“ (13), werden explizit gemacht. Dafni Tokas fasst sie schon 2014 in Bezug auf „Philosophendämmerung“ in literaturkritik.de[3] treffend zusammen als „liebevolle Hasspredigt gegen die Selbstgenügsamkeit und konstitutive Heuchelei der ihn umgebenden Welt“ und „aphoristische Provokationen […] neben tiefgreifenden Thesen zu verfehlter Existenz im Streben, zum Unglück im Ich und zu erfüllender Verzweiflung im gebrochenen menschlichen Selbstverständnis.“ Der Gefahr der an Koketterie grenzenden Selbststilisierung entgeht der Autor dabei nicht immer: „Ich ertrage mein Naturtalent nur als Lebensunglück.“ (49) und, auf dem Rückendeckel herausgehoben: „Ich bin nicht auf der Seite des Irrsinns gegenüber der Vernunft, ich bin auf der Seite der Irren gegenüber den Ärzten.“ (8)
Man kann seine „Konfessionen“ mit einigem Recht als camouflierte Aphorismen ansehen, auch wenn sie im rhetorischen Sinne wenig aufwendig daherkommen. Der Begriff lässt ihn jedenfalls auch inhaltlich nicht los. Sein Verhältnis zu dieser „reduzierten Form“ ist höchst ambivalent: „Gnome, Sentenz, Maxime: Die reduzierte Form ist der Notausgang jener bedrängten Geister, die für ihre rezeptive Fülle nicht die rechte Schleuse gefunden haben.“ (85) Das Verhältnis zu dessen Autoren, den „Putzmunteren“, die sich Decknamen zulegen, ist von Abgrenzung geprägt: „Ein Ärgernis bleiben die Putzmunteren, die Bücher nur lesen, um Bücher zu schreiben – die zur ‚Aphoristik‘ emporstreben, um nicht als Belletristik durchzufallen.“ (16) „Sie nennen sich vorsorglich Essayisten oder Aphoristiker, weil sie begriffen haben, dass sie keine Schriftsteller sein können.“ (28) Dass er demgegenüber derjenige ist, dem Aphorismen „entfallen oder entsteigen“, jemand, der in ihnen „seine Lebenszeit verströmt“ – dabei pathosnahe, wie man hört –, versteht sich: „Man merkt es der ‚kleinen Form‘ sogleich an, ob da jemand seine Freizeit gefüllt oder seine Lebenszeit verströmt hat.“ (9) „Aphorismen sollten ihrem Autor entfallen oder entsteigen. Was ich sehe, sind Leute, die „Aphorismen“ entringen, um sich als Autoren zu enthüllen.“ (35, vgl. 17)
Neben solchen Feierabendaphoristikern sind die verbeamteten Philosophen im Gegensatz zu Denkern (wie ihm) seine Gegner. Es mangelt bei ihm nicht an unfähigen Kritikern, Schmeichlern, Blendern, Schwätzern. „Nicht Gegnerschaft zu aller Welt, sondern Gleichgültigkeit gegen eine Zeit verurteilt zu geistiger Unabhängigkeit.“ (57) Dementsprechend ist das Buch thematisch eng gefasst. Es gibt wenig Welt außerhalb der von Kunst und Künstlern, außer Themen wie Ruhm oder Dummheit. Dabei fallen zunächst einzelne Anklänge an die Tradition auf: „Stößt ein belesener Kopf auf eine Buchmesse, klingen ihm erst einmal alle Bücher hohl.“, 37) kennt man so ähnlich von Lichtenberg („Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“, D 399), „Bücher, die nur einmal zu lesen lohnt – das sind die Bücher, die man einmal gelesen haben muss.“ (69) erinnert an Jean Paul: „Wenn ein Buch nicht wert ist, zweimal gelesen zu werden, so ists auch nicht wert, einmal gelesen zu werden.“ Dass Große prinzipiell begründungslos konstatiert, ist im Sinne der Gattung nicht fremd, verlangt aber doch exemplarisch nach Differenzierung. Dieses Vorgehen kann von nachhaltiger Wirkung sein: „Wer keinen Angriff auf deinen Geist wagt, erhält kein Anrecht auf dein Herz.“ (7) Auch der entschiedene Widerspruch ist gattungskonstitutiv, der Rezensent möchte im folgenden Zitat eher das Gegenteil behaupten: „Am leichtesten fällt es uns, diese Welt zu verlassen, wenn wir an irgendetwas in ihr glauben.“ (104)
Wenn der Autor hier aktive Rezeption im Sinne des Weiterdenkens erzeugt, so bleibt diese andererseits in nicht wenigen Fällen unangeregt. „Das Mindere drängt sich auf Büchertischen, das Erlesene vergilbt einsam im Regal.“ (82) Diese alltägliche Beobachtung erhebt sich kaum über die Trivialität, eine Erkenntnis wie die folgende kaum über ein ungerechtfertigtes Generalisieren: „Die Berühmtheit eilt dem übersetzten Weltliteraten voraus, und die Langeweile trifft pünktlich mit ihm ein.“ (41)
Andere Fragen treffen die Substanz des Aphorismus. „Der Kritiker, der mich liest, hat aufgehört, ein Kritiker zu sein.“ (7, vgl. 65) Der Kritiker fragt sich schlicht, ob er beim Lesen in eine Aporie gezwungen wird: entweder seinen Status zu verlieren oder öffentlich zu schweigen. „Kein Text kann so wichtig sein, dass sein Anfang nicht wichtiger wäre.“ (63) Mit anderen Worten: ‚Der Einstieg in einen Text ist von besonderer Bedeutung.‘ Aber dann wäre die Schlichtheit der Aussage allzu ersichtlich. „Irrtümer weichen Aufklärungen, alte Irrtümer weichen neuen Irrtümern.“ (101) In welchem Verhältnis stehen „Irrtümer“ und „alte Irrtümer“: im kontradiktorischen? Oder ist das eine nicht die Teilmenge des anderen? Und sind die ersteren logischerweise (da sie immerhin „Aufklärungen“ weichen) vorzuziehen? „Denken ist Verlust von Lebenszeit, aber auch Leben ist Verlust von Lebenszeit.“ (95) Wie soll man das tautologische Verhältnis von „Leben“ und „Lebenszeit“ sinnvoll erklären? Was ist der Gewinn der „Lebenszeit“? „Was ein Ende hat, braucht keinen Zweck.“ (105) Diese Rezension hat ein „Ende“. Hätte sie allein deshalb keinen „Zweck“ nötig? Was bedeutete das für ihren Verfasser? Ist der Autor dieser „Konfessionen “ kein „anständiger“ Autor: „Ein anständiger Autor verdient soviel Geld, dass er nicht mehr schreiben muss.“ (14)?
Und schließlich (und jetzt ist der Rezensent seinerseits zur Konfession gezwungen) sind da die „Konfessionen“, bei denen er keinen Ansatzpunkt zur Auseinandersetzung findet, sei es, dass sie ihm Blendwerk scheinen: „Wenn die Blender versagen, teilen sich die Geblendeten in Blender und Geblendete.“ (82), sei es, dass er hilflos vor einem terminologischen Feuerwerk steht („Ekstase, das ist Indifferenz dank Engagiertheit.“ (58), sei es, dass ihm jedes Mittel fehlt, das sie aufschließen könnte: „Ein Gott muss für den Menschen sterben, der ans ewige Leben in einem Gott glaubt.“ (59) oder konkret jede Idee, wie das ‚Sein zu richten‘ wäre: „Die Sprache wird schief, wenn sie das Sein richtet.“ (66)
„Nichts ermüdet rascher als jene Sentenzenbücher, wo ein Bonmot das nächste jagt, wo kein Gedanke, auch kein Mensch zu sehen ist, weil alles blitzt und glänzt. […]“ (86) Nun sind Großes „Werke der Meister“ alles andere als ein Buch, in dem „alles blitzt und glänzt“ und „ein Bonmot das nächste jagt“. Aber die Gegenprobe geht fehl: Ermüdung stellt sich auch dort ein, wo – um mit Tokas zu sprechen – „der Leser […] mit radikalen Standpunkten überschüttet“ wird. Dass Große vor dem Hintergrund der (wenn man so sagen darf) Gattungsdurchschnittsware einer der interessantesten Aphoristiker gegenwärtig ist, bestätigt der Band wohl. In jedem Fall ist allerdings die differenzierende Rezeption mit seinen „Konfessionen“ und in sehr vielen Fällen auch die detaillierte, kritisch abweisende inhaltliche Auseinandersetzung erforderlich.
[1] Alexander Eilers: ‚Vater, Sohn und unheiliger Geist‘. In: Friedemann Spicker, Jürgen Wilbert (Hg.): Streitbar und umstritten. Der Aphorismus in Literatur und Gesellschaft. Fachbeiträge • Aphorismen • Illustrationen. Dokumentation zum 9. Internationalen Aphoristikertreffen am 5. und 6. November 2021 in Hattingen/Ruhr. Düsseldorf: Virgines 2022, S. 172-183.
[2] Friedemann Spicker: Allesamt Nachfolger – in den Spuren Lichtenbergs? Zu einigen aphoristischen Neuerscheinungen (Rez. „Die graue Stunde“). In: Lichtenberg-Jahrbuch 2011, S. 206-215, hier S. 208-210; Rez. Große, „Der beglückte Mann“, in: Lichtenberg-Jahrbuch 2015, S. 265-268.
[3] Dafni Tokas: „Hör mal, was da dämmert“, https://literaturkritik.de/id/22278.
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