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Michael Wollmann über:
Alexander Eilers: Dornen. Aphorismen & ein Essay. Würzburg: Königshausen und Neumann 2026.

 

Der Rezensent Wolfgang Luley behauptet in seiner vorangegangenen Rezension zu Eilers’ neuem Aphorismenband „Dornen“, dass in diesem „die Formulierung mitunter schneller als der Gedanke“ sei. Diesen gewagten Befund halte ich angesichts des jahrzehntelang beibehaltenen durchgängig komprimierten und minimalistischen Eilers’schen Stils für wenig überzeugend. Bei der überschaubaren Anzahl an Aphorismen, die Eilers mit jeder neuen aphoristischen Veröffentlichung vorlegt, ist vielmehr davon auszugehen, dass jede einzelne Formulierung mehrfach durchgesehen und solange komprimiert und poliert wurde, bis der Autor diese für veröffentlichungswürdig hielt. Aus dieser angenommenen Arbeitsweise ergeben sich freilich andere Probleme, die ich in meiner Grundsatzkritik zum Aphorismenband „Hungerrationen“ schon einmal dargelegt habe: Denn die oftmals gnomologische Kürze seiner Aphorismen (z. B. in „Leuchtende Liebe brennt.“, S. 62) verlangen dem Leser einiges an eigener Denkarbeit ab, während gleichzeitig die Gefahr immer größer wird, dass die Aphorismen selbst zu reinen Phrasen, unbewussten Plagiaten oder beliebig austauschbaren Versatzstücken verkommen.

Mit dem Zweiwortsatz „Unverbesserlicher Perfektionist.“ (S. 57) lässt sich das folgendermaßen illustrieren: Hierbei handelt es sich um eine weitverbreitete Phrase, die bereits von Dutzenden Autoren verwendet wurde und sich beispielsweise in Leni Riefenstahls „Memoiren“ (1990) nachweisen lässt. Auch der Zweiwortsatz „Eigentümlichkeit verpflichtet.“ (S. 44) stellt kein Novum dar: Er wurde von Eilers selbst in den Bänden „Kätzereien“ (2008) sowie „Kätzereien & Underdogmen“ (2011) verwendet, nachweisen lässt er sich in nicht-aphoristischer Form bereits seit dem Jahr 1924. In neuerer Zeit hat der Aphoristikerkollege Rolf Friedrich Schuett diese Phrase folgendermaßen ergänzt: „Eigentum berechtigt, Eigentümlichkeit verpflichtet.“ („Fertig machen dich deine Fertigkeiten“, 2017).

Peinlicher wird es für den Autor, wenn vermeintlich eigene Aphorismen sich bereits bei anderen Aphoristikern nachweisen lassen: „Der Apfel fault nicht weit vom Stamm.“ (S. 28). Auf diese naheliegende Sprichwortvariation (dt. Sprichwort: „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“) sind natürlich auch schon andere Aphoristiker wie Werner Mitsch (1979) oder André Brie (1992) – die dem Autor wohlbekannt sind – gekommen, weshalb es sich in diesem Fall vermutlich um ein unbewusstes Plagiat handelt. (Die witzige Wendung wurde in neuerer Zeit auch für eine CSI-Folge verwendet.)

Der Satz „Hunger frisst einen auf.“ (S. 49) lässt sich als Teilsatz bereits in einem Smoothie-Rezeptbuch aus dem Jahr 2020 nachweisen. Einer ungewollt aphoristischen Perle war sich die Autorin hier aber offensichtlich nicht bewusst. Des Weiteren lässt sich auch der Satz „Liebe drückt beide Augen zu.“ (S. 56) innerhalb des Romans „Venus in Indien“ von Charles Devereux aus dem Jahr 1920 nachweisen: „Wäre bloß ihre Eigenliebe verletzt worden, sie hätte mir vielleicht nie verziehen, aber wahre Liebe drückt beide Augen zu.“ (S. 267).

Anhand dieser ausgewählten Beispiele zeigt sich, dass die bei Aphoristikern beliebte gnomologische Kürze ihre Tücken hat und leicht zu unbewussten Plagiaten führen kann.

Abseits meiner eigenen Grundsatzkritik kann ich den von Luley erhobenen Einwand durchaus nachvollziehen, der in seiner Rezension bemängelt, dass die auf Witz oder Schlagfertigkeit zielenden Aphorismen bei Eilers gelegentlich die Präzision vermissen lassen. Als anschauliches Beispiel ließe sich hier der folgende Aphorismus von Eilers anführen: „In der Kindheit lernt man ‚bitte’ zu sagen, im Alter ‚danke’.“ (S. 42). Auch wenn ich die Grundaussage nachvollziehen kann, dass ein Mensch im Alter vermutlich öfter in die Verlegenheit kommt, seinen Dank für erbrachte Leistungen zum Ausdruck zu bringen, so muss doch bemängelt werden, dass in der Kindheit sehr wohl auch gelernt wird, ‚danke’ zu sagen. Hier wird von Eilers also eine falsche Dichotomie aufgemacht, um eine pointierte Gegenüberstellung herauszuarbeiten, für die es in der Realität keinerlei Anhaltspunkte gibt.

Unter dem Titel „Dornen“ hätte ich mir von Eilers tatsächlich noch etwas kritischere Sätze gewünscht, die etwas mehr ins Fleisch gehen, um im Bild zu bleiben. Einige Sätze wirken etwas behäbig und figurativ abgegriffen: „Auf dem Weg begleitet uns das Ziel.“ (S. 36); „Auf Berechnende kann man nicht zählen.“ (S. 39); „Hochmut geht auf Stelzen.“ (S. 43, erinnert sei hier an das Sprichwort: „Hochmut kommt vor dem Fall.“, das wohl als Vorlage diente und in seiner Bildhaftigkeit erweitert wurde); „Das Böse liegt in seiner Faszination.“ (S. 50); „Nicht die Couch ist bequem.“ (S. 52).

Einige Sätze haben einen offenkundig humorigen Anstrich, wie z. B. „Misanthrop: Menschenscheuche.“ (S. 23); „Essen mit der Verflossenen: zusammen oder getrennt?“ (S. 41); „Sperrt man verrückte Nomaden in ein Zelt?“ (S. 45); „Blauäugig davonkommen.“ (S. 54); „Zwei Stelzen sind schon eine Karriereleiter.“ (S. 60).

Daneben gibt es immer wieder auch Sätze mit einfachen antithetischen Figuren: „Kaum arriviert, schon verkommen.“ (S. 22); „Optimismus ist angeboren, Pessimismus erworben.“ (S. 23); „Je freigiebiger, desto dankbarer.“ (S. 26); „Wer sich Liebe verdient, verdient sie nicht.“ (S. 43); „Selbstlob stinkt, Selbstkritik müffelt.“ (S. 54); „Paarung entblößt, Liebe verhüllt.“ (S. 55). Vereinzelt auch rein Sprachspielerisches: „Beziehungen sind Gezerre.“ (S. 35, lies: Be-ziehungen); „In seinen Gewohnheiten hausen.“ (S. 51, lies: Ge-wohn-heiten).

Erfreulicherweise lassen sich auch in dieser Sammlung etwas dornenreichere Sätze finden, die die Aufmerksamkeit des Lesers bzw. Mitdenkers verdienen: „Enttäuschte Liebe hält ein ganzes Leben.“ (S. 27); „Die unerfüllten Träume der Eltern sind die Alpträume der Kinder.“ (S. 44); „Die Dinge sind nun das Maß aller Menschen.“ (S. 54); „Gute Menschenkenntnis ist nicht zu beneiden.“ (S. 56); „Gäste gehen, Fremde bleiben.“ (S. 62).

Im Großen und Ganzen gestaltet sich die Lektüre von Eilers’ neuem Aphorismenband nicht allzu dornenreich. Es handelt sich um einen weiteren aufs Wesentliche komprimierten und polierten Aphorismenband (Turvold: „Jedes Wort ist präzise angebracht, keines entbehrlich“, S. 10), der sich fast nahtlos an die vorangegangenen aphoristischen Veröffentlichungen anschließt. Im Gegensatz zu diesen Bänden wartet er allerdings mit einer größeren Überraschung auf, denn mit dem 26seitigen Essay „‚Über dem Dorn’ – jenseits von Sünde und Erlösung“ bietet er den Lesern einen äußerst bemerkenswerten kulturhistorischen Essay über die Rose bzw. ihre Dornen. Wer an dieser Thematik interessiert ist, sollte sich Eilers’ neues Buch nicht entgehen lassen.

Beigefügt sind dem Band diesmal Freundesgaben der Aphoristikerkollegen Giuseppe Corbino, Tobias Grüterich, Franz Hodjak (†), Ulrich Horstmann, Hans Norbert Janowski, Rupert Schützbach, André Shabestari, Hans-Horst Skupy, Andreas Steffens und Elisabeth Turvold.

 

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