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Otto Jägersberg als Aphoristiker
(Fundstück von Jürgen Wilbert)
Zufällig stieß ich über den Klappentext eines Buches mit dem Titel „Kegeljunge“, erschienen 2026 im Diogenes Verlag Zürich, auf den „Philosophen, Dichter und Aphoristiker“ Otto Jägersberg. Er wurde 1942 in Hiltrup (Westfalen) geboren und arbeitete in Münster als Buchhändler, später als Antiquar und Drucker in Berlin. Er lebt jetzt als freier Autor und Filmemacher in Baden-Baden.
Im Hardcover-Buch (mit 169 Seiten) finden wir neben Prosa-Miniaturen (Kurzprosa in der Regel nicht länger als eine Seite) auch einige Kürzesttexte, die (im weitesten Sinne) als Aphorismen gelten können. Im Klappentext heißt es vollmundig: „… für den scharfsinnigen Denker und Aphoristiker ist alles Anlass zur Äußerung, zur literarischen Positionierung oder zum hellsichtigen Philosophieren. Die über 150 kurzen Texte, Aphorismen und philosophischen Gedanken sind ein literarischer Hochgenuss.“
In der Tat, es gibt bei ihm allerlei Anlässe, Anstöße, um solche aphoristischen Kurzreflexionen zu schreiben:
„Ich schniefte, war ich krank? Ich fieberte, war ich normal? Ich starb, war ich tot?“ (10)
„Wurde heute fotografiert im neuen Morgenmantel vor dem Heidegger-Regal. Mit dem Band 34 in der Hand: Vom Wesen der Wahrheit.“ (11)
An anderer Stelle reicht auch eine Kartoffelsorte: „Unsere Kartoffelsorte 2024 ist Talent. Festfleischig. Gelb.“ (19) Jägerbergs Sprache ist zumeist recht salopp, nur selten ist philosophischer oder gesellschaftskritischer Tiefgang zu erkennen, bestenfalls hier: „Schadenregulierung heißt das Wort, das früher Gerechtigkeit hieß.“ (28) Es sind in der Mehrzahl situationskomische Kommentare: „Wie war das Essen? Es ging grad so rein, Ich war froh, dass es drinblieb. Morgen esse ich woanders.“ (45) Bisweilen sind es auch reine Naturbeschreibungen, wenn auch verfremdet: „Krähe fliegen mit Handfeger und Blech. Viel Saharastaub in der Luft.“ (78)
Zu den gehaltvollsten und denk-würdigsten Ein-Satz-Aphorismen zählen meines Erachtens diese beiden: „Wenn Gott doch nur mit ein bisschen gesundem Menschenverstand ausgestattet wär.“ (97)
Und der letzte im Band, der den Titel des Buches aufgreift: „Neue Weltordnung. Bums, da liegt sie, die alte Welt. In Trümmern. Der Kegeljunge richtet sie wieder auf.“ (160)
Nach Lektüre dieses jüngsten Buches fällt es mir schwer, Otto Jägersberg als „scharfsinnigen Aphoristiker“ (so der Klappentext) zu bezeichnen. Seine aphoristischen Kurztexte bereiten mir auch keinen „literarischen Hochgenuss“. Zugegeben: Vor allem in seinen etwas längeren Situationsbeschreibungen ist er durchaus originell, bisweilen provokant, in jedem Falle wortverspielt, wie in diesem meinem letzten Textbeispiel, in dem eine Redensart wörtlich genommen wird: „Weg vom Fenster. Da saßen sie am Fenster, die frühen Rentner, und kontrollierten das Leben auf der Straße. Wenn sie dann starben, waren sie weg vom Fenster.“ (147)
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