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Rolf Friedrich Schuett über:
Heinrich Scholz: „Von großen Menschen und Dingen – Aphorismen und Fragmente“. Mit einem einleitenden Essay herausgegeben von Friedemann Spicker. Düsseldorf: Virgines 2025.

 

Als junger Mann las ich Heinrich Scholz’ „Metaphysik als strenge Wissenschaft“ (1941) in logistischer Notation und war enttäuscht. Carnaps „Einführung in die Symbolische Logik“ (1962) aus dem „Wiener Kreis“ brachte fruchtbarere Anwendungen der mathematischen Neologik auf Kernthemen der Philosophie. Sei es drum.

Scholz war ein visionärer Pionier dieses weltlogizistischen Desiderats gewesen, aber hat sein eigenes Programm erst in Ansätzen in Angriff nehmen können. Niemand ist ihm darin bisher gefolgt als Rudolph Carnap, und niemand ist dann Carnap mehr gefolgt… . Das Projekt stockt oder ist für heutige Geister undurchführbar ehrgeizig. Scholz und der Jesuit J. M. Bocheński waren beide hochkarätige Logiker und gläubige Religionsphilosophen (der eine evangelisch, der andere katholisch), aber Bocheński schrieb keine neuen „Sprüche der Väter“ wie Scholz (oder Benyoëtz). Ich kenne Theologen (wie z. B. die Protestanten Kurt Marti und Norbert Janowski), aber keine Formallogiker, die auch bündige Maximen schrieben und dann noch auf dem Boden einer wissenschaftlichen Gotteshypothese.

Friedemann Spickers Essay erwähnt schon, dass Scholz-Sprüche nicht vor pointiertem Esprit funkeln, sondern eher von ernsterer Selbstbesinnung zeugen. Manche wiederholen auch nur humanistische Selbstverständlichkeiten und etwas wohlfeil altbackene Lebensweisheiten (die von traditionellen Sentenzen gern auf die gattungsspezifisch satirische Schippe genommen werden): „Man wird nicht dadurch ein großer Mensch, indem man die großen Worte strapaziert.“ – „Kein Artist drückt sich ungestraft um den heiligen Ernst in der Kunst.“ (Sogar gute aphoristische Witze macht man aber nur über todernste Dinge wie Ehe und Tod, schrieb der orthodox-katholische Gnomen-Schreiber G. K. Chesterton.) – „Übertreibung im Ausdruck verdirbt den Charakter.“ Dann aber verdirbt schon Aphorismenschreiben den Charakter, denn überrumpelnde Übertreibung, deren Scholz sich selten schuldig macht, gehört laut Harald Fricke zu den Wesensmerkmalen dieser hyperbolischen Gattung. Ganz kurz und „einfach zu schreiben kostet Zeit“, die der höfliche Autor sich nehmen sollte, um sie dem Leser zu ersparen.

Scholz klopft Sprüche, oft aphodikt(ator)ische Patentrezepte, als gegenaufklärerischer Protestant gegen elterlichen Pietismus und als preußischer Monarchist wider demokratische Pöbelwirtschaft, aber auch wohl gegen Volksgemeinschaftsbombast. Seine gnomische Lebens(hilfs)philosophie ist anders als die Existenzphilosophie von Karl Jaspers nicht korrigierend (oder kompensierend wie in der Ritter-Schule) gegen die Folgeschäden der neuzeitlichen mathematisch-naturwissenschaftlich-technisch-industriellen Erzrationalisierungswelt gerichtet, sondern will die (von ihm logistisch fundierten) wertfreien MINT-Welten normativ wohnlich machen. Scholzens reaktionäre Spruchproduktion, weniger dialektisch als didaktisch, ist beeinflusst von Lebenslehrer Goethes „Maximen und Reflexionen“, Lichtenbergs aufgeklärten „Sudelbüchern“, Novalis’ „Blüthenstaub“ und auch Schopenhauers „Lebensweisheiten“.

Seine christkonservative Aphoristik war auch in der Nachkriegszeit gefragt. Sie will Erkenntnis ohne Erkenntnisspiel, die Sprache bleibt Magd der Sache, also nur Alltagskleid und „Leib des Gedankens“ (Hegel) statt leichtfertigem Wortspiel. Ernst sei die Kunst, ernst wie das Leben. Hier hütet sich Denken nicht mehr wie beim Preußen Hegel davor, erbaulich sein zu wollen oder sogar nur humanistische Gemeinplätze zu variieren. Oft sind es keine sonderlich originellen Gedanken, sondern nicht viel mehr als variierte Evergreens aus konservativen Dauerkonserven, hypothetische Imperativnormen. Und der Kult der wahren und falschen „Größe“ über den vielen Zwergen kann da fast unkultiviert werden.

Zum Schluss exemplarisch einige Einzelkommentare; ihre Zahl lässt sich beliebig erweitern. (Die Nummerierung folgt der Ausgabe Spickers.)

11. „Es ist schön gewesen, weil es schwer gewesen ist.“ So spricht man nicht, wenn man es sich leicht gemacht hat.

Werden manche Geniestreiche nicht in neun Stunden geführt, und dauern manche Werkarbeiten nicht mit Horaz neun Jahre lang und sind dann trotzdem mittelmäßig?

19. Ethos ist etwas Hohes in jeder Gestalt, Pathos nur dann, wenn ein Ethos dahinter steht.

Ethos ist nur Gesinnungsethik, nicht Verantwortungsethik Kants und meint Haltung, die nur dem strammen Halter nützt, nicht seiner Sache, die nicht mal gut sein muss.

58. Wo ein starker Glaube zerstört worden ist, pflegt ein um so stärkerer Unglaube nachzurücken.

Dogmatischer Skeptizismus ist tatsächlich unglaubwürdiger als verzweifelter Glaube.

75. Die Menschen können auf eine erhellende Art an ihrer Haltung gegen das Große gespiegelt werden.

Zwerge sehen auf Riesen herab, und Riesen schauen auf zu Zwergen. Manche Große verheben sich an zu Geringem.

93. Die Anwendung auf das Unheil, in das wir geraten sind, ergibt sich von selbst. Wir haften alle für dieses Unheil; denn es konnte vorausgesehen werden. Dies genügt.

Auch Scholz-Gegner Jaspers sah keine deutsche Kollektivschuld, die nur Schuldige salviert, aber Kollektivhaftung.

100. Man spricht von der guten alten Zeit, und man meint einen Zustand der Dinge, der dringendster Überholung bedarf.

Die Zeit vor jeder guten alten Zeit war die allerbeste und wird die Utopie von morgen sein.

105. Bedenke, wie gut du selbst erzogen sein musst, wenn du andere gut erziehen willst!

Bedenke lieber, dass alle Erziehung auf Gewalt beruht, denn niemand wird mit einer Liebe zu lateinischen Vokabeln geboren.

150. Es gibt ein philosophisches Schweigen. Es sollte für jeden verbindlich sein, der nicht reden will, wo er uns nichts zu sagen hat.

Gerade Arbeitssklaven, die nichts zu sagen haben, sollten den Mund aufmachen vor Fortschrittsideologen wie Scholz.

200. Gehalt ohne Form ist amorph. Form ohne Gehalt ist nichssagend und leer.

Der Aphorismus ist philosophischer Gehalt in poetischer Gestalt, nur nicht bei Scholz.

Fazit: Ein solider Logiker und evangelischer Religionsphilosoph,als christkonservativer Aphoristiker ein wenig origineller, oft langweiliger (Para)phrasendrescher mit normativ überzogenem Anspruch.

 

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