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Theodor Fontane: Sentenzen
Fundstück von Rolf Schuett
Der große Roman- und Reiseschriftsteller Theodor Fontane ist gewiss nicht ohne Weiteres auch für den Aphorismus zu reklamieren. Und trotzdem finden sich auf dem Buchmarkt „Aphorismen“ von ihm („Das Herz lässt sich nicht zwingen“, 2017), und trotzdem haben Literaturwissenschaftler sein Werk eingehend unter dieser Perspektive erörtert. 1935 erschien eine Dissertation von Karl Adolf Sauer: „Das aphoristische Element bei Theodor Fontane“, 1989 ein Aufsatz „Über aphoristische Sätze Fontanes und ihre epische Integration“ (Eberhard Wilhelm Schulz: „Das Literarische macht frei…“. In: Literaturwiss. Jahrbuch 30, 1989, S. 141-161), mit der pointierten These: „Im Romancier Fontane treibt ein Aphoristiker sein Spiel.“ (Schulz, S. 144) Von Fontanes Konversationsaphorismen in der Figurenrede her kommt der Autor zu einer solchen These. Die Aphorismen „lösen sich sogar von den Sprechern ab“, und „wenn Dubslav von Stechlin spricht, ist es so gut, als spräche der Autor selbst.“ (S. 159)
Das weite Feld des kontextgebundenen aphoristischen Sprechens in einem epischen (oder auch dramatischen) Kontext ist damit eröffnet, mit dem sentenziös zugespitzten Sprechen im Drama (Nestroy, Schnitzler), aber auch mit dem „aphoristischen Satz“ (Schulz, S. 143) im Bereich der Erzählliteratur (und darüber hinaus in der diskursiven Prosa, dem Essay, ohnehin). Der (oder die) fiktive Aphoristiker(in), der/die seine Texte vorlegt oder vorliest, vom Hofmeister in Adolph von Knigges „Roman meines Lebens, in Briefen herausgegeben“ (2 Teile; 1781) über den Höhepunkt, den Goethes „Wahlverwandtschaften“ mit „Ottiliens Tagebuch“ markieren, bis zu Martin Walsers Figur Hans Lach („Tod eines Kritikers“, 2002), stellt hier nur den leicht aus- und in die klassische Aphoristik einzugliedernden Sonderfall dar. Zu fragen ist bei dieser Binnenaphoristik, was den Aphorismus speziell ausmacht, wieso und wodurch er aus der Textverknüpfung herausragt und wie die relative Isolation vor sich geht. Das Axiom der scheinbar unantastbaren strengen kotextuellen Isolation des Aphorismus wird vollends in Frage gestellt, wenn man in Definitionsfragen die Wende von einem merkmalhaften zu einem funktionalen Gattungsverständnis vollzieht.
Neuerlich Anlass für diese kleine Reflexion bietet das vorliegende Fundstück, aphoristische Exzerpte, die Rolf Schuett aus den Werken Fontanes ausgehoben hat.
FS
Feigheit ist der Menschheit bestes Teil.
Der gebildete Mensch gehört in die Stube.
Wer gern tanzt, dem ist leicht gepfiffen.
Wenn der Mensch zu gar nichts mehr zu gebrauchen ist, dichtet er und schreibt Novellen.
Wenn man alt ist, ist alles zu jung.
Moral ist gut, Erbschaft ist besser.
Genie ist gut, Ausdauer ist besser.
Die trivialsten Sätze sind immer die richtigsten.
Die höchste Dummheit entzieht sich ebenso der Berechnung wie die höchste Klugheit.
Darwin ist gut, aber Throne stützt er nicht.
Misere ist schlimmer als Verbrechen.
Frankreich verändert – auch das Gute; England konserviert – auch das Schlechte.
Mit der Zeit kommt alles – Orden, Titel, Tod.
Ich bin Monogamist auch der Fremde gegenüber.
Eine Passion ist immer besser noch als eine Fakultät.
Hinter allem Ernst klingelt ein Clown her.
Liebe ist gut, aber sie lässt sich nach Minuten berechnen.
Eigentlich ist es ein Glück, lebenslang an einer Sehnsucht zu lutschen.
Bei Lichte besehen, sind Ruhe und Glück überhaupt dasselbe.
Die Menschheit fängt nicht beim Baron an, sondern, nach unten zu, beim 4. Stand; die 3 andern können sich begraben lassen.
Glanz ist zum Ansehen, aber nicht zum Mitmachen.
Es gibt wenig Menschen, die über eine Stunde hinaus noch etwas Neues sagen können.
In Kursfragen sind nur die bewandert, die Wertpapiere haben.
Nichts ist seltener als eine Kritik, die nicht mit der Linken wieder nimmt, was sie mit der Rechten gab.
Kritiker müssen allemal Einsiedler sein.
Jeder Hochstapler ist novellistisch angesehen ein Gott.
In Kunst und Leben immer dasselbe: Gefühllosigkeiten stehen höher als falsche Gefühle.
Wer gar nicht startet, hat überwunden.
Wo der Tod nicht trennt, trennt das Leben.
Spazieren zu sitzen, ist ein Genuss.
Ich hasse, wenn einem eine gebratene Taube ins Maul fliegt, beim Schicksal auch noch auf Kompott zu bestehen.
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