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Bernhard von Hindenburg: Gedankensplitter, Gedichte, Märchen.
Hamburg: Sonnenschein 1923.
Fundstück, vorgestellt von Friedemann Spicker
Das Bändchen, das aus der Sammlung Pauly ins Deutsche Aphorismus-Archiv gelangt ist, ist in mehrfacher Hinsicht ein Beispiel für den durchschnittlichen Aphorismus der Jahrhundertwende. Mit dem Titel greift der Autor auf den witzigen Gedankensplitter der Zeit zurück, der sich in der Nachfolge der 1881 bis 1901 in vier Bänden erschienenen „Gedankensplitter“ außerordentlicher Beliebtheit erfreute. Inhaltlich ordnet er sich passgenau einer anderen Tendenz dieser Zeit, dem Aphorismus der Innerlichkeit, ein. Beides ist allein kein Grund, ihn hier als „Fundstück“ herauszuheben. Der Name des Autors aber wohl schon. Nein, es ist nicht der Generalfeldmarschall und nachmalige Reichspräsident. Es ist nur sein Bruder (1859-1932), preußischer Offizier auch er, aber daneben Verfasser von Romanen und Schauspielen; auch eine Biographie seines Bruders hat er geschrieben. Mit der Verbindung von preußisch-militärischer Manneszucht und rührseliger Innerlichkeit steht er nicht allein. Der preußische Generalstabsoffizier und Erzähler Dagobert von Gerhardt(-Amyntor) (1831-1910) geht ihm da mit seinen „unmittelbar aus der Seele geflossenen“ Aphorismen „Aus der Mappe eines Idealisten“ (1885) voran.
Die einzelnen Kapitel mit wenigen Beispielen daraus, den Elementen dieser Weltanschauung: Bezeichnend ist das naturwüchsig Organische, mit dem der Begriff des Aphorismus verbunden ist; es richtet sich gegen den Intellekt. Hier ist für jede Art von Witz und Pointe kein Raum. Die Seele ist in allen Varianten allgegenwärtig. Das Irrationale verwirklicht sich in der „Schau“. Entsagung führt zur Reife. Frauen und Männer haben ihren festen Platz wie Körper und Geist. Kriege werden nicht vom Zaun gebrochen, sie reinigen und befruchten.
Einleitung
Aphorismen werden nicht erdacht, sie wachsen mit den Tautropfen auf dem Grashalm, man sammelt sie wie das Wasser in der Regentonne. (6)
Jenseitiges und Dieseitiges
Auch die Seele bedarf eines täglichen Staubwischens. (16)
Tugend ist Gesundheit der Seele. (19)
Im Regen der Tränen sprießen die Saaten der Seele. (19)
Religion
Religion ist das Atmen der Seele. (28)
Die Großen schauen, die Kleinen sehen. (16)
Der Mann ist verkörperter Geist, das Weib vergeistigter Körper. (22)
Geschichte
Kriege sind Bluthochzeiten der Völker miteinander. (30)
Kriege fließen durch die Weltgeschichte wie Wasser, die Lande befruchten. (31)
Leben
Entsagung ist der größte Reichtum. (40)
Der Zweck des Lebens ist nicht, glücklich zu werden, sondern reif werden. (45)
Nur der besitzt, der innerlich besitzt. (54)
Kunst
Dichten heißt schauen. (58)
Der Dichter taucht seinen Pinsel in Seelenfarben. (63)
Liebe
Ziehe deine Schuhe aus, das Land der Liebe ist heiliges Land. (72)
Frauliches
Die Hauptsünde der Seele ist, nicht zu lieben. (75)
Eine schöne Frau hat das Vorrecht, unbedeutend sein zu dürfen. (78)
Insofern die Seele mehr ist als Geist, sind Frauen mehr als Männer. (80)
Die Frauenseele hört andere Melodien als die Männerseele. (84)
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