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Der Slawist Felix Philipp Ingold arbeitet als freier Autor, Übersetzer und Herausgeber in Zürich; er hat jüngst das Standardwerk zum russischen Aphorismus vorgelegt:

Der russische Aphorismus. Geschichte, Themen, Texte. Edition Virgines, Düsseldorf, ISBN 9783910246454, 574 S., 30 Euro.

Es sei allen Freundinnen und Freunden des Aphorismus ans Hirn gelegt. Der Autor ist auf seinem Spezialgebiet weiterhin unermüdlich tätig. Hier legen wir ein kurzes Fundstück aus seiner neuen Edition vor:

 

 

Boris Ostanin
Das Schreckgespenst des Lebens
Aphorismen
ausgewählt und aus dem Russischen übersetzt
von Felix Philipp Ingold

 

Boris Ostanin (1946-2023), geboren im Fernen Osten der UdSSR, lebte seit 1961 in Leningrad, wo er 1964 sein Universitätsstudium (Physik, Mathematik) aufnahm und bald auch inoffiziell zu publizieren begann. Auf eine akademische Karriere verzichtete er zu Gunsten eines langjährigen, behördlich permanent behinderten Engagements für den literarischen «Andergraund». Als Herausgeber, Redakteur, Mitautor und Übersetzer betreute er bis zur Wende von 1989/1991 diverse Veröffentlichungen des Leningrader Samisdat (Selbstverlag). Außerdem kuratierte Ostantin private kulturelle Klubs, Podien, Konferenzen, Lesungen, Wettbewerbe, vermied jedoch konsequent jegliche «dissidente» politische Provokation und pflegte statt dessen eine entschieden elitäre literarische Kultur.
Nebenher jobbte er, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, als Kesselwart, Schiffsaufseher, Liftboy, Briefträger oder Hausmeister. Dass er solch vielfachen Verpflichtungen zum Trotz auch noch ein eigenes, sehr umfangreiches literarisches Werk erarbeitete, ist eine singuläre, noch kaum gewürdigte Lebensleistung. Ostanin selbst hat sich um seine Texte – insgesamt wohl Tausende von Seiten – kaum gekümmert, er hielt sie für graphomanischen Müll, behielt sie lange Zeit unter Verschluss, und erst in den letzten Jahren vor seinem Tod begannen einige seiner jungen Kollegen mit deren sukzessiver Herausgabe. Rund ein Dutzend Auswahlbände (in der Hauptsache Kurzprosa, Mikroessayistik und Aphorismen) liegen seit 2017 in Kleinauflagen vor.
Als Aphoristiker verfügt Boris Ostanin über ein vielfältiges formales Register. Er beherrscht und verwendet nicht nur das klassische (klassisch «geschliffene» und zugespitzte) aphoristische Diktum mit Sprachwitz und Gedankenspiel, er setzt als Aphorismen auch banale Phrasen aus der Alltagssprache ein, mehrdeutige und missverständliche Redewendungen, eigens konstruierte Kofferwörter, dazu Lektürenotizen, wörtliche oder approximative Zitate anderer Autoren, kürzeste Essays, Szenen, Dialoge, tagebuchähnliche Aufzeichnungen, ironische Tageskommentare und apodiktische Meinungsäußerungen.
Die hier folgende Textauslese führt Aphorismen aus den Jahren 1988/1989 zusammen; sie beruht auf der Buchausgabe von Boris Ostanin, Belye flagi (Weisse Flaggen), Verlag Palmira, Moskau/Sankt-Petersburg 2020.

 

Was soll man nicht, wenn man alles kann?

Meint einer: «Die Sprache – das ist eine Furt durch den Fluss der Zeit, der uns in das Reich der Toten führt.»

Repression, Regression, Depression – eine sehr schmale Auswahl.

Nicht der Sprache widersprechen!

NN: «Ich bin dumm nicht von Natur, sondern aus Prinzip!»

Die Vernunft ist schwächer als die Leidenschaft, freilich nur dann, wenn sie nicht selbst zur Leidenschaft wird.

Wer nicht mit uns ist, ist hinter uns!

«Ehrlich gesagt … « – und er fuhr fort zu lügen.
«Hand aufs Herz … « – und er griff sich in den Schritt.

Man fordert die Freiheit des Wortes und hat die Freiheit des Schweigens vergessen.

Sagt einer (wörtlich kann ich’s nicht erinnern): «Der Egoist ist bereit, sich zum eigenen Vorteil aufzuopfern.»

Kariöse Vernunft.

Das, was in mir ist, zu beherrschen, ist ebenso schwierig wie das, was mich umgibt. Das «Innere» ist fiktiver Besitz.

Liebe ist keine Gegebenheit, sondern eine Tätigkeit, ist Dauer, Prozess, Arbeit: ein glitschiger kräftiger Fisch, den man angestrengt in Händen hält.

Aufersterblichkeit – noch ein Tod in der langen Reihe der Todesarten.

Das Leben des Menschen – allmähliche Verbrennung, und von daher vergleichbar mit dem Leben der Bäume: Der mörderische Waldbrand bringt Bekräftigung, Extremisierung des Lebens. – Krematorium des Lebens.

Die vollständigste Hoffnungslosigkeit einer Situation ist irgendwie beruhigend.

Physische Wendigkeit und ihre geistige Analogie – Einbildungskraft.

Wer bereit ist, für eine Idee zu sterben, der wird anstandslos für sie auch töten.

Interessant, mit einem zu reden, der schweigt; mit einem, der redet, kann man nur schweigen.

Sagt NN: «Alles, was ich bisher geleistet habe, ist miserabel und bleibt folgenlos; ich hoffe nur, dass ich diesen Zustand möglichst lang aufrecht erhalten kann. Darin besteht meine Pflicht.»

Man sagt, das Buch sei eine Welt; ich präzisiere: eine tote Welt. Von daher die prinzipielle Unvollständigkeit jedes Buches, von daher aber auch – seine Attraktivität und Gefährlichkeit.

«Offene Liebedienerei – ein Spiel; versteckte – Scheinheiligkeit.»

Staunenswert die Leidenschaft des Menschen, jemand anderes der Lüge zu überführen; staunenswert auch jedermanns Lust zu lügen (was nicht selten für unerlässlich erklärt wird).

Ich möchte sehen, was du gehört hast.

Man kann einen Menschen nicht für «Einzelheiten» lieben, denn das ist nicht Liebe, sondern Zergliederung; jedoch kann man solche «Einzelheiten» mit Begeisterung aufgreifen, mit der Einsicht, dass es ohne sie das Ganze nicht gäbe. Sie sind die Helfershelfer des Ganzen.

Was lieben wir am andern und an uns selbst? Den abbrechenden Atem. Den erstarrten Blick. Das erblasste Gesicht. «An der Grenze des Todes, doch auf Seiten der Lebenden.»

Der nazi-anale Charakter der Deutschen.

Der Tod bleckt die Zähne. Und der Sterbende bleckt sie, als Antwort darauf, ebenfalls. Ein doppeltes Fletschen.

Die Theorie der Kleinigkeiten bringt kleine Leute hervor: ohne Horizont, ohne Weite, «körnerpickende Hühner» … So ist – in mancher Hinsicht – das bourgeoise Europa.

Kultur – weniger als Fortführung von Kulten, vielmehr als Widerstand dagegen. «Die verlorene Tochter.»

Das Leben so einsam wie ein Axthieb.

Aus dieser Situation gibt es nur einen Ausweg: die Sackgasse.

 

 

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