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Gustav Radbruch: Politische Aphorismen
(Fundstück von Jürgen Wilbert)

 

in: „Die Wandlung“ – Eine Monatszeitschrift. Hrsg. von Dolf Sternberger, Universitätsverlag Carl Winter in Heidelberg. Jahrgang II, Heft 5, Juni 1947.

 

In dieser Zeitschrift, Heft 5 aus dem Jahr 1947, sind auf den Seiten 390 bis 397 Politische Aphorismen von Gustav Radbruch abgedruckt, bezogen auf drei Zeiträume. Radbruch (1878 – 1949) war ein deutscher Politiker (SPD) und Rechtswissenschaftler, der auch als Biograph und Essayist hervorgetreten ist. In der Zeit der Weimarer Republik war er zweimal Reichsminister der Justiz. In den „Deutschen Aphorismen“ Hindermanns und Heinsers wird ihm mehr Platz eingeräumt als Novalis, Schnitzler oder Kafka und ebenso viel wie Kraus, und auch in Fieguths Anthologie ist er vertreten. Seine „Aphorismen zur Rechtsweisheit“ (Gesammelt, eingeleitet und herausgegeben von Arthur Kaufmann. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1963) sind aber allein das Werk des Herausgebers, der hier 622 „Kernsprüche“ aus Radbruchs Werk exzerpiert und, wenn nötig, auch mit grammatischen Eingriffen, nach Stichworten wie Demokratie und Nation, aber auch Wissen und Weisheit, Gnade und Ungeduld zusammenstellt.
„Die Wandlung“ erschien von November 1945 bis Herbst 1949 in Heidelberg und sollte zur geistigen Erneuerung der Deutschen beitragen. Im Folgenden sind drei Aphorismen Radbruchs aus dieser Zeitschrift zitiert, die auch heute noch bedenkenswert sind:

 

Bildquelle: Wikipedia – Von unb. – Gustav Radbruch: Der innere Weg – Abriß meines Lebens, Vandenhoeck & Rupprecht in Göttingen, 1955, PD-alt-100, Link

Zum Verfassungstag 1931

In der deutschen Politik geschieht das Vernünftige, nicht weil es vernünftig ist, sondern erst, wenn gar nichts anderes mehr übrig bleibt als das Vernünftige zu tun. Man pflegt bei uns so lange zu warten, bis die Not mit ihrem heiligen Donnerschlage uns zwingt, vernünftig zu sein.

1933 – 1945

Die Deutschen sind gewissenhafter als andere Völker. Um nicht lügen zu müssen, belügen sie zunächst sich selbst, bewahren sich vor der Heuchelei durch den Selbstbetrug. Deshalb wird sie die Rückkehr zur Wahrheit um so größere Mühe und um so längere Zeit kosten.

1945 – 1946

Demokratie heißt nicht: Warten auf den großen Mann. Demokratie ist vielmehr eine Staatsform, die auch ohne Genies, mit guten Durchschnittsmenschen als Führern, funktioniert. Große Männer dagegen sind oft zum geschichtlichen Unglück ihres Volkes geworden, weil sie den Staatsapparat so einrichteten, dass er ohne ihre Führung nicht mehr funktionieren konnte.

 

 

 

 

 

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