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Lateinische Sentenzen. Exzerpte aus dem Oberstufenunterricht des Jahres 1965
oder
„Hinlänglicher Stoff zum Stillschweigen“ (Lichtenberg, Sudelbücher, J 438) und Nachdenken.
Mitgeteilt von Friedemann Spicker

 

In einem Taschenbuch-Büchmann (Fischer, 126.-137. Tsd. 1964) fand ich, in verblassender Schreibmaschinenschrift auf einem DIN-A 5-Blatt eingelegt, eine kleine Sammlung lateinischer Sentenzen, die die Römer (oder ihre Sprachnachfolger ebenso wie ihren Schüler) als frühe Zeugen der Faszination durch die sprachliche Brevitas erweisen. Sie mögen, hier nach einer freundlichen Anregung von außen als Fundstück präsentiert, für die Freunde der Aphoristik, ältere wie jüngere, die verschiedenartigsten Gefühle wecken und Gedanken erzeugen, die im besten Falle von einem einschlägigen Motto ausgehen: „Tempora mutantur…“. (Ich gebe eine Auswahl und stelle überflüssigerweise die Übersetzungen dazu.). Ansonsten ein Beispiel für Sprachkürze im Zwischenraum von Sprichwort, Zitat, Sentenz.

 

Cuis regio, eius religio.
Wer über das Land herrscht, der bestimmt die Religion.

Accidit in puncto, quod non speratur in anno.
In einem (einzigen) Augenblick kann geschehen, was man jahrelang erhofft hat.

Multos timere debit, quem multi tement.
Viele muss der fürchten, den viele fürchten.

Quae nocent docent.
Was schadet, lehrt.

Tempora mutantur nos et mutamur in illis.
Die Zeiten ändern sich, und wir mit ihnen.

Vilius argentum ’st auro, virtutibus aurum.
Geringer als Gold ist Silber, geringer als die Tugenden das Gold.

Quod differtur non aufertur.
Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

A bove maiore dicet arare minor.
Vom älteren Ochsen lerne der jüngere pflügen.

Quod sentimus loquamur; quod loquimur, sentamus; cum vita concordet sermo.
Wir sollten sprechen, wie wir denken, und denken, wie wir sprechen; Leben und Rede sollten übereinstimmen.

Vivant sequentes.
Die Nachfolgenden mögen leben!

Sapiens vir scit se esse natum oneri ferendo.
Der Weise weiß, dass er dazu geboren ist, Lasten zu tragen.

Nulla poena sine lege.
Keine Strafe ohne Gesetz.

Cum tacent clamant.
Indem sie schweigen, rufen sie (klagen sie an).

Mors certa hora incerta.
Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss.

Res non verba penduntur.
Taten, nicht Worte zählen.

In magnis et voluisse sat est.
In großen Dingen genügt es, gewollt zu haben.

Dum spiro spero.
Solange ich atme, hoffe ich.

Nunquam retrorsum.
Niemals zurück.

Homo homini lupus.
Der Mensch ist des Menschen Wolf.

Iustitia est fundamentum regnorum.
Das Recht ist das Fundament der Herrschaft.

Quod non est in actis non est in mundo.
Was nicht in den Akten ist (also schriftlich), ist nicht in der Welt.

Salus populi suprema lex.
Das Wohl des Volkes ist das oberste Gesetz.

Quod licet Iovi, non licet bovi.
Was Gott (dem Mächtigen) erlaubt ist, ist dem Ochsen (=jedermann) nicht erlaubt.

Caveat emptor.
Der Käufer hüte sich (sehe sich vor).

Qualis rex, talis grex.
Wie der Hirte, so die Herde.

Eram quod eris; eris quod sum.
Ich war, was du bist (lebendig); du wirst sein,was ich bin (tot).

Littera scripta manet.
Das Geschriebene bleibt (bestehen).

Bona causa triumphat.
Die gute Sache triumphiert.

Sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant.
Knaben sind Knaben, und Knaben machen Knabenhaftes (benehmen sich wie Kinder).

Medicus curat, natura sanat.
Der Arzt behandelt, die Natur heilt.

Virum bonum naturae, non ordo facit.
Den guten Mann bestimmt sein Wesen, nicht die gesellschaftliche Ordnung.

Concordia domi, foris pax.
Einigkeit zu Hause, Frieden außerhalb.

Di pia facta vident.
Die Götter sehen fromme Taten.

Alter frenis egat, alter calcaribus.
Der eine braucht Zügel, der andere Sporen.

Omne principium grave. Oder: Omne initium difficile est.
Aller Anfang ist schwer. (Goethe: „Aller Anfang ist leicht,… .“)

Vita somnium breve.
Das Leben ist ein kurzer Traum.

Non ut edam vivo, sed ut vivam edo.
Ich lebe nicht, um zu essen, sondern ich esse, um zu leben.

 

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