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Georg Christoph Lichtenberg:
Die Bibliogenie oder Die Entstehung der Bücherwelt.
Eine Textzusammenstellung als Jahresgabe 1966 im Winkler-Verlag München erschienen.
Fundstück von Jürgen Wilbert

 

Dieses Büchlein mit ausgewählten Aphorismen von Lichtenberg umfasst gerade mal 40 Seiten; die Texte sind der 1942 im Verlag der Gesellschaft der Bibliophilen erschienenen Publikation mit gleichnamigem Titel entnommen. Darin hat Ernst Volkmann erstmals die Lichtenbergschen Aphorismen nach der Idee des vom Autor geplanten Werkes zusammengestellt. Ich bin in der antiquarischen Abteilung einer Düsseldorfer Buchhandlung darauf aufmerksam gemacht worden.

Der Inhalt ist in folgende Kapitel unterteilt:

1) Vom Schriftsteller und vom Schreiben
2) Von Vorreden und Titeln
3) Vom Büchermachen
4) Vom Buchhandel und Bibliothek
5) Vom Lesen
6) Von den Rezensenten
7) Von der Wirkung des Buchs
8) Von Bücherschicksalen.

So erhält der Leser / die Leserin einen schnellen themenorientierten und -strukturierten Einblick in die Aphorismen von Lichtenberg zu Aspekten der „Bücherwelt“. Der schon etwas erprobte Kenner des Lichtenbergschen Werks findet eine Fülle von bereits häufig zitierten Kurztexten, wie zum Beispiel in der Rubrik 1): Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl, ist das allemal im Buch?“ (S. 5) Oder: „Heutzutage machen drei Pointen und eine Lüge einen Schriftsteller.“ (6) Wir finden aber auch solche weniger bekannten Notate: „Ja kein Buch geschrieben, wo eine Seite hinreicht, und kein Kapitel, wo ein Wort eben die Dienste tut.“ (10) / „Passabel auszudrücken, was andere Leute gedacht hatten, war seine Stärke.“ (13) Wir lesen dort auch diesen Ein-Wort-Aphorismus: „Ein Alphabets-Verwandter“. (6) Dazu passt Lichtenbergs eigener Kommentar: „Er liebte hauptsächlich die Wörter, die nicht in Wörterbüchern vorzukommen pflegen.“ (12)

Zahlreiche Aphorismen beinhaltet auch das 5. Kapitel „Vom Lesen“, u. a. diese persönliche Aussage: „Ich lese gar keine Bücher, wo ich noch beim dritten oder vierten Bogen sagen kann: das kann ich auch.“ (23) / „Das viele Lesen hat uns eine gelehrte Barbarei zugezogen.“ (23) Zu den weitverbreiteten Zitaten zählen hier: „Bei manchem Werk eines berühmten Mannes möchte ich lieber lesen, was er weggestrichen hat, als was er hat stehen lassen.“ (25) „Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen.“ (26) Weniger geläufig ist meines Erachtens nach dieser Ratschlag: „Lass dich deine Lektüre nicht beherrschen, sondern herrsche über sie.“ (27) Ebenso dieses Eingeständnis: „Eine desultorische (d. i. eine sprunghafte, unbeständige, also nicht systematische) Lektüre ist jederzeit mein größtes Vergnügen gewesen.“ (27)

Überschaubar sind die Texte im Kapitel über „Rezensenten“; nach wie vor gern rezipiert wird dieses vernichtende Urteil: „Unter die größten Entdeckungen, auf die der menschliche Verstand in den neuesten Zeiten gefallen ist, gehört meiner Meinung nach wohl die Kunst, Bücher zu beurteilen, ohne sie gelesen zu haben.“ (29) Dürfte auch heutzutage durchaus zutreffen.

Umfangreicher fällt das vorletzte Kapitel „Von der Wirkung des Buches“ aus. Darin beklagt Lichtenberg diesen Zustand: „Heutzutage haben wir schon Bücher von Büchern und Beschreibungen von Beschreibungen, Himmel, lass mich nur kein Buch von Büchern schreiben.“ (30) In der Tat scheint sich dieser Trend in der Gegenwart noch verstärkt zu haben.

Die letzte Abteilung, die „Von Bücherschicksalen“ handelt, umfasst gerade 13 Texte; der kürzeste lautet „Grabsteine für Bücher“ (35). In einem längeren geht Lichtenberg ganz konkret auf profane Verwendungsmöglichkeiten von Büchern im Haushalt ein: „Schreibt man denn Bücher bloß zum Lesen? Oder nicht auch zum Unterlegen in der Haushaltung? Gegen eins, das durchgelesen wird, werden Tausende durchgeblättert, andere tausend liegen stille, andere werden auf Mauslöcher gepresst, nach Ratzen geworfen, auf anderen wird gestanden, gesessen, getrommelt, Pfefferkuchen gebacken, mit anderen werden Pfeifen an gesteckt …“ (35) Bemerkenswerterweise macht sich der Autor bereits ökologische Gedanken über die Zukunft des Waldes: „Die Wälder werden immer kleiner, das Holz nimmt ab, was wollen wir anfangen? Oh, zu der Zeit, wenn die Wälder aufhören, können wir sicherlich so lange Bücher brennen, bis wieder neue aufgewachsen sind.“ (36)

Im Nachwort weist Jost Perfahl darauf hin, dass Aphorismen, die die Welt des Buches und des Schriftstellers betreffen, „im Brennpunkt seiner Lebensprobleme und seiner intimsten Bestrebungen“ liegen. (39) Den Plan, eine solche Textzusammenstellung in Buchform herauszugeben, hat Lichtenberg laut Perfahl nicht realisiert, um so erfreulicher, dass Volkmann dann wesentlich später im Jahr 1942 eine solche „Bibliogenie“ veröffentlicht hat. Die vorliegende Ausgabe des Winkler-Verlags aus dem Jahr 1966 folgt dieser ersten Publikation. Sie gliedert die Aphorismen nach den Themen, wie es Lichtenbergs Vorstellung seinerzeit entsprochen haben dürfte.

Dies macht nicht zuletzt den Reiz dieses bemerkenswerten Büchleins aus. Der Leser / die Leserin wird des Öfteren staunen, zu welchen scharfsinnigen und überzeitlichen Einsichten Lichtenberg bereits vor über 200 Jahren im Hinblick auf das Buch und seine vielfältigen Facetten von der Produktion bis zur Rezeption gelangt ist. Man beachte nur diesen Aphorismus (aus S. 33) über die seltsame Ware Bücher: „Von Leuten gedruckt, die sie nicht verstehen; von Leuten verkauft, die sie nicht verstehen; gebunden, rezensiert und gelesen von Leuten, die sie nicht verstehen; und nun gar geschrieben von Leuten, die sie nicht verstehen.“

 

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