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Heimito Nollé über:
Alexander Eilers: Schlieren. Aphorismen. Königshausen und Neumann 2023.

 

Aphorismen haben – es ist hinlänglich bekannt – im zeitgenössischen Literaturbetrieb einen schweren Stand. Von der Kritik werden sie kaum wahrgenommen, schlimmer noch: kaum ernst genommen. Das mag mit Vorurteilen gegenüber der Gattung zusammenhängen, dürfte aber auch mit der literarisch unambitionierten Form zu tun haben, in der Aphorismensammlungen von den Verlagen und teilweise auch von den Autoren selbst präsentiert werden.

Eine Ausnahme stellen die Publikationen des Giessener Literaturwissenschaftlers und Aphoristikers Alexander Eilers dar. Seine in rascher Folge im Verlag Königshausen & Neumann erschienenen Aphorismensammlungen verraten schon auf den ersten Blick einen ausgeprägten Gestaltungswillen: Durchgängig gleich komponiert, enthalten die (inzwischen vier) Bändchen jeweils ein längeres Vorwort, eine Auswahl von Zitaten (leitmotivisch vorangestellt), den Hauptteil mit etwas über 200 eigenen Aphorismen sowie eine kleinere Sammlung von Aphorismen befreundeter Autorinnen und Autoren.

Auch formal und „weltanschaulich“ schließt sich der neueste Band „Schlieren“ den bisherigen Publikationen nahtlos an. Das hervorstechendste Merkmal ist dabei die äußerste Lakonik der Aphorismen, die selten über eine Zeile hinauskommen. Zur stilistischen Knappheit gesellt sich eine pessimistische Grundierung, die bereits im Eingangsaphorismus („Die Welt ist alles, was Verfall ist“) deutlich wird und zum Schluss in einer resignativen Bilanz endet („Resigniert kehrt der Pessimist zur Melancholie zurück“).

Thematisch eröffnen die Aphorismen ein breites Feld mit einem Schwerpunkt auf erkenntnistheoretischen Fragen wie dem Verhältnis von Glauben, Wissen und Zweifel. Mit Vorliebe bedient sich Eilers dabei der aphoristischen Stilmittel des Paradoxons und der Umkehrung. Das dialektische Spiel mit Gegensätzen durchbricht im Idealfall Denkgewohnheiten und kann so „die Augen für Seitenblicke, Schräg- und Quersichten öffnen“, wie Hans Norbert Janowski im Vorwort festhält.

Es sind diese Überraschungsmomente, die die Stärke von Eilers‘ Aphorismen ausmachen. Im Aphorismus „Ewigkeit hat keine Dauer“ ist es die Negation, die unsere Vorstellung von Ewigkeit in ein neues Licht rückt: Zwar existiert der Begriff Ewigkeit weiter, sein Inhalt ist aber obsolet geworden. Wenige Seiten später geht Eilers noch weiter, wenn er schreibt: „Nicht einmal Dauer hat Bestand“ – eine paradoxe Behauptung, die angesichts von Krisen und Kriegen aber eine düstere Plausibilität hat.

Mit großem Gewinn sind Eilers’ Aphorismen zu lesen, wo sie gängige Gewissheiten oder vermeintliche Wahrheiten hinterfragen. „Was sich bewahrheitet, ist noch nicht die Wahrheit“, heißt es einmal. Der Wahrheitsbegriff selbst wird in Frage gestellt: „Der Zweifel ist über jede Wahrheit erhaben“. Als Skeptiker weiß Eilers aber auch, dass der Zweifel keine letzte Zuflucht und kein Ruhepol des Denkens sein kann, denn: „Wer alles bezweifelt, ist unkritisch“, oder: „Zweifel verdient Misstrauen“. Neben diesen philosophischen Gedankengängen gelingen Eilers auch einige bitterböse Wortspiele, etwa in den Aphorismen „Zukunftsmusik – ein Retrostil“ oder „Unsere Ziele nehmen kein Ende“.

Nicht zu verschweigen ist allerdings auch das qualitative Gefälle, das zwischen den einzelnen Aphorismen besteht. Bisweilen erscheint der inflationäre Gebrauch desselben Stilmittels fast ein wenig als Marotte. Das allzu bemühte Spiel mit Gegensätzen kann dabei leicht zu scheinbar originellen Aussagen führen, die sich bei näherem Hinsehen als banal erweisen. So ist der Erkenntnisgewinn von Aphorismen wie „Die erste Wiederholung ist einmalig“, „Kein Echo kehrt wieder“ oder „Auch Zeitgewinn vergeht“ eher marginal. Wenn es heißt „Die Entgrenzung ist in sich selbst gefangen“, so ließe sich dasselbe mit gleicher Berechtigung für die Eingrenzung oder Beschränkung sagen. Lassen sich Qualifikationen aber so umstandslos austauschen, fällt das Denken der Beliebigkeit anheim. Was bleibt, ist rauschende Leere. Besonders groß ist diese Gefahr, wo mit abstrakten oder allgemeinen Begriffen hantiert wird. Kann man der Frage „Wie tief reicht die Oberfläche?“ noch halbwegs Sinn abgewinnen, klingt der Aphorismus „Die Höhe hat sich von der Tiefe losgesagt“ wie ein raunendes Spruchrätsel. Ähnliche Aussagen lassen sich leider öfter finden, so etwa die Sätze „Selbst Werden ist immer nur Sein“ oder „Dasselbe ist dem Gleichen unähnlich“. Bei solchen Sätzen drängt sich schließlich der Verdacht auf, dass es nicht nur am Kopf liegt, wenn es hohl klingt.

Insgesamt sind die „Schlieren“ aber gleichwohl eine anregende Lektüre, die das eigene Nachdenken herausfordert. Mit seiner lakonischen Kleinkunst trägt Eilers unzweifelhaft dazu bei, die Aphoristik als literarisch ernst zu nehmende Gattung zu rehabilitieren.

 

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