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Friedemann Spicker über:
Angelika Meier: Feierabend eines Fauns. Berlin: Diaphanes 2026.
Leicht kommt man nicht in Angelika Meiers „Feierabend eines Fauns“ hinein, aber die Lektüre lohnt sich je länger, desto mehr. Einen Gattungshinweis gibt uns die 1968 geborene Autorin, promovierte Literaturwissenschaftlerin („Die monströse Kleinheit des Denkens“, 2008) und Verfasserin mehrerer Romane (2012 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis vertreten), nicht.
Das Buch stellt diverse kurze Formen konnexionslos zusammen; aus heteromorphen Elementen, narrativen, reflexiven, poetologischen, autobiographisch erinnernden und parodistischen, bildet es eine Einheit. Da findet sich der Ansatz zu einem Romananfang à la „Buddenbrooks“ (10)
neben Naturimpressionen (95), aktuellen politischen Bemerkungen (zu Gaza, zur Ukraine), kleinen Szenen („Im Gartenrestaurant“, 33) und Aphorismen. In der narrativen Schicht ziehen sich drei Erzählstränge durch, die sich fortlaufend stärker verschränken: um den Herrenausstatter Adam, seinen Neffen Friedrich, dessen Mutter von ihrem Freund erstochen wird, und die Hauptkommissarin Schnuppe, die sich seiner annimmt. Bemerkenswerte Reflexionen zu Filmen und Literatur bilden eine weitere Schicht; unter den Autoren stehen Nietzsche („Ecce homo“) und Kafka allen voran. Besonders bemerkenswert in unserem Kontext ist dabei die Reflexion über einen der Sätze „in der Kafka doch eigentlich ganz fremden großdichterischen Atmosphäre der Maximen und halbgöttlichen Aphorismen“ (107; vgl. 100f.): „Im Kampf zwischen Dir und der Welt sekundiere der Welt.“ (106, „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg“, Nr. 52).
Des Weiteren hält ein Netz von Korrespondenzen den Text zusammen, der dadurch seinem etymologischen Ursprung eines Gewebes besonders nahekommt, etwa mythologische Figuren (Syrinx, das bucklicht Männlein), Einzelheiten wie der Fußabdruck (7, 135) oder die Regentage (182, 187) oder konkret „Eine neue Hose ist wie ein neues Leben.“ (11, 24), Werbeslogan des Herrenausstatters und schließlich parodistisch verfremdet: „Ein neues Kopfkissen ist wie eine neue Liebe.“ (50)
Zwei davon will ich herausheben, zum einen aus naheliegenden Gründen das poetologische Statement zur Dichte: „Was ich will ist Dichte. Absolute Dichte. Ich weiß, hab ich aber nicht da. Und krieg ich auch nicht wieder rein.“ (37), das später schnoddrig unterlaufen wird: „Ich hätte jetzt wieder Dichte für Sie, grad gestern neu reingekriegt. [..]“ (119), zum andern diese drei ins Grundsätzliche zielenden generellen Aussagen, die allein hineichend Stoff zum Nachdenken bieten:
„Literatur heißt Geschmack finden am schlechten Verlauf des Lebens. […]“ (17)
„Literatur heißt Freude empfinden am unwahrscheinlich geglückten Verlauf des Lebens, […]“ (23)
„Literatur heißt, der Text interessiert sich nicht für den schlechten oder doch noch geglückten Verlauf eines Lebens. […] (217)
Der genauere Blick soll hier (in den dapha-Rezensionen kaum überraschend) dem aphoristischen Element gelten. Immerhin heben die Rezensionen speziell auch darauf ab: Für Katharina Teutsch ist das Buch zutreffenderweise zwar „keine Aphorismensammlung“[1], aber ein „zwischen Aphorismus, True Crime und Journal Intime“ vagabundierender Text“, für Maximilian Mengeringhaus „gleichzeitig eine Aphorismensammlung und eine komplexe, dreigliedrige Erzählung“[2]. Der exemplarische Überblick wird von zwei Gesichtspunkten geleitet.
Zum einen ist innerhalb der vertrauten Gattungsmittel -und formen überraschenderweise noch einmal Innovation möglich. Die Variationsbreite reicht hier von der bewusst eingesetzten Platitüde nach der Devise „Auch der kleinste Satz kann zu Gerede werden.“ (9):
„Das hängt immer so’n bisschen von ganz vielem ab.“ (20)
„Manchmal muss es eben Mumm sein. Meistens aber nicht. Ist so.“ (59)
„In einer Welt ohne Dingsbums möchte ich nicht leben.“ (130)
über das Spiel mit Homonymen: „Gestern beim Bäcker an der Angebotstafel: „Higgs-Teilchen vom Vortag zum halben Preis!“ (87), das abgewandelte Zitat (hier auf einen Song von Cat Stevens): „Der zwölfte Cut is the deepest.“ (127), den Phraseologismus, gedanklich-syntaktisch originell („Himmel macht blau.“, 159), dialogisch verfremdet („Komm, lass uns mal durch die Lappen gehen!“, 160) oder derb abgewandelt („Nur du und ich: der Himmel voller Arschgeigen.“, 22), das Wörtlichnehmen der anderen Art („An der Grenze zum Wahnsinn: Keine Angst, niemand will hier deine Papiere sehen.“, 84), den überraschenden Doppelsinn („Wie verschlossen alles in einem ist! Nicht mal die Pickel trauen sich noch raus.“, 93), den Perspektivenwechsel („Die Möwen haben Mittagspause und packen ihre Fischbrötchen aus.“ (95) verbunden mit dem Spiel mit Klischees („Das Geld ist verzweifelt. Es weiß nicht wohin. Nirgends ist des Bleibens sicher in dieser kalten Welt.“, 112), die Gesellschaftskritik, aber nicht bis zum Abwinken erwartbar, sondern skurril verfremdet („An den Universitäten heute: Süßer Vogel Judenhass.“, 27), und die Ellipse („Die Feinheiten der Ödnis.“, 31) bis zur onomatopoetischen Phantasie („Ein Landschaftsmaler, der den Lindenduft malen könnte.“, 164) und zum gehaltvollsten Aphorismus mit unabdingbarem Anspruch: „Die Freiheit, an die Literatur nicht glauben zu müssen, hat man nur, solange es die andern schon tun werden.“ (230)
Damit ist die Gattungsvariabiltät in „Feierabend eines Fauns“ nicht erschöpft. Zum andern nämlich erinnern Meiers Aphorismen an eine Tradition, die in Deutschland nur im frühen 20. Jahrhundert in Spurenelementen im Dadaismus zu beobachten ist, dafür aber in Spanien und in Frankreich bedeutende Autoren verzeichnet. Die Ähnlichkeiten können im Rahmen einer Rezension nur exemplarisch an wenigen Beispielen vorgeführt werden. Die Rede ist von der von Ramón Gomez de la Serna (1888–1963) entwickelten Greguería, einer zwischen Humor, Metapher und Wortspiel changierenden Kurzform („Der Mond ist eine verkrachte Bank für Metaphern.“; „Fällt ein Stern, läuft eine Masche am Strumpf der Nacht.“) und dem französischen Surrealismus, wie er etwa in Max Jacobs (1876-1944) „Der Würfelbecher“, (1968; „Le Cornet à Dés“, 1917) ausgeprägt ist: „Eine Feuersbrunst ist eine Rose auf dem aufgeschlagenen Pfauenschweif.“; „Wenn du dein Ohr an das Ticktack deines Ohres hältst, wirst du etwas in dir hören, das nicht du selber bist, und das ein oder der Teufel ist.“
Zum Teil sind die oben aufgeführten Gattungsmittel -und formen bei Meier ins Extrem weitergeführt, so die surreal verfremdete Redewendung („Dreimal schwarzer Kater. Sehr gerne, die Herrschaften, mit Kroketten oder mit Reis?“, 194), so die groteske Perspektiveränderung: („Ein Rollmops packt aus: Gurke, Zwiebel, Holzstäbchen, alles da!“, 60), so das Spiel mit dem doppelten Sinn (‚hereinlegen’: „Komm Halunke, leg uns rein!“, 64; bei Serna ‚einlaufen’: „Erinnerungen laufen ein wie Unterhemden.“). Die Pointe ergibt sich hier durch die extreme Erwartungsstörung, sei es die von dem einen zum andern Satz: „Erheben Sie sich! Das Gericht möchte Sie umarmen!“, 22), sei es die von der liebevollen Anrede zum verstörenden Inhalt des Satzes („Liebling, ich habe die Kinder gegessen!“ , 79). Die Aufforderung ist so absurd
(„Das Video schnellstmöglich ans Teelicht senden.“, 171; „Entgiften mit Frankfurter Kranz.“, 18) wie die Metaphorik grotesk: „Eine Kugel Schwimmbad, bitte!“, 25; „Nur herein, hier wohnt die Gläschenwelt!“,19). Bei Jacob heißt es da zum Beispiel: „Ein fahlblauer Dornstrauch – es ist ein Kirchturm im Mondlicht.“, bei Serna: „Der Traum ist ein Depot für verlegte Gegenstände.“ Auch die Dialogsituation wird grotesk verzerrt: „Ja siehste: Wenn du schreibst, steigt der Dax.“ (35);
„Maiglöckchen, du Schlampe, willst du etwa so nach draußen?“ (140) Entsprechend Jacob: „Manchmal, wenn du schnarchst, weckt die materielle Welt die andere auf.“ Schließlich die logische Entgrenzung wie bei den Vorgängern (hier im Spiel mit der logischen Identität Nacht – Dunkelheit): „Die Nacht hat Angst vor der Dunkelheit.“ (218) Dazu Jacob: „Im Gegenlicht betrachtet oder auch anders, gibt es mich nicht, und doch bin ich ein Baum.“; Serna: „Fällt der Sonntag auf den Montag, hat das Leben den Kopf verloren.“
Dem Band insgesamt wird diese Analyse eines seiner Bestandteile aber nicht vollumfänglich gerecht. Denn er bietet ja, wie eingangs skizziert, auch vieles andere. Er ist damit an den Grenzen der Gattung anzuordnen, und er steht mit den diversen Versuchen, das Genre fortschreiben statt es zu ‚pflegen’, beileibe nicht allein. Ich habe (mir) schon mehrfach die Frage gestellt, so aus Anlass von so verschiedenen Büchern wie Michael Roes’ Roman „Die fünf Farben Schwarz“ (2010), Martin Seels „Nichtwahrhabenwollen“ (2018), Ilja Trojanows „Nach der Flucht“ (2017) und Martin Walsers „Spätdienst“ (2018) und anderen[3], ob man an solchen Bänden so etwas wie einen ,Trendʻ der Gattung ausmachen kann, der einer gewissen Gattungsermüdung entgegenwirkt, vielleicht auf dem Weg zu einer neuen Integration von Großform und kurzen Formen,[4] zu einer noch näher zu bestimmenden „Aufzeichnung“ oder zu dem, was Göttsche mit seinem Begriff der „Kleinen Prosa“[5] als einer neuen Hybridform vorgeschlagen hat. In diese fruchtbaren und innovativen Grenzphänomene reiht sich Meiers „Feierabend eines Fauns“ als eine eigene ausdrucksstarke Farbe ein.
[1] Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 152, 4. Juli 2026, S. 12.
[2] Deutschlandfunk, 25. 4. 2025, https://bilder.deutschlandfunk.de/97/d9/a8/12/97d9a812-f8c5-4d53-91d9-f307d7a80d6f/angelika-meier-feierabend-eines-fauns-102.pdf
[3] Lichtenberg-Jahrbuch 2011, S. 206-215; Lichtenberg-Jahrbuch 2018, S. 331-337.
[4] So vor Zeiten schon Hans Albrecht Moser mit seinen zahlreichen Bänden. In „Auf der Suche“ (1975) beispielsweise ist er so lange auf der Suche nach einem „Baum“, bis diese Suche selbst der Baum geworden ist, der dem Efeu der Aphorismen Halt gibt. Damit nimmt er im Übrigen eine kleine Tradition im Roman ‚versteckter’ Aphorismen auf, die in der deutschen Literaturgeschichte von Jean Paul und Goethe bis zu Martin Walser reicht. Die verschiedenen Arten dieser Integration verdienten eine eigene Untersuchung.
[5] Thomas Althaus, Wolfgang Bunzel, Dirk Göttsche (Hg.): Kleine Prosa. Theorie und Geschichte eines Textfeldes im Literatursystem der Moderne. Tübingen: Niemeyer 2007; Dirk Göttsche: Kleine Prosa in Moderne und Gegenwart. Münster: Aschendorff 2006 (Literaturwissenschaft. Theorie und Beispiele 8).
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