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Hans Norbert Janowski über:
Erwin Chargaff: Was wir nicht mehr vermissen, haben wir verloren. Hg. von Friedemann Spicker. Düsseldorf: Edition Virgines 2026. 154 S., € 19,80.

 

Der bedeutende New Yorker Biochemiker Erwin Chargaff (1905 – 2002) ist in seinen späten Jahren auch als Wissenschaftskritiker und als Aphoristiker hervorgetreten. Chargaff, in Czernowitz geboren und in Wien aufgewachsen, hat mit seiner naturwissenschaftlichen Arbeit wesentlich zur Entschlüsselung der DNA-Struktur beigetragen. In seinem zweiten Lebensabschnitt hat er mit Essays und prägnanten Aphorismen seiner Zeit die Leviten gelesen. Friedemann Spicker hat unter Mitwirkung von Angelika Spicker-Wendt aus den aphoristischen „Bemerkungen“ (1981) und den Essaybänden Aphorismen ausgewählt und kommentiert. Ein Vorwort zur Biographie sowie eine eingehende Würdigung von Chargaffs Profil als Aphoristiker geben der umfangreichen Auswahl eine hilfreich orientierende Kontur.

Der Herausgeber strukturiert den Band durch vier Themenkreise: Natur und Naturwissenschaft; Zeit und Gesellschaft, Selbst- und Menschenkenntnis, sowie Kunst und Literatur. Zudem werden die ausgewählten „Bemerkungen“ von den aphoristischen Texten aus den Essays ergänzt.

Für den Biochemiker Chargaff leitet der naturwissenschaftliche Blickwinkel auch die (kritische) Beschäftigung mit anderen Problemen des gesellschaftlichen und persönlichen Lebens und gibt seiner Aphoristik ihre besondere Prägung und Bedeutung: „Die Naturwissenschaften sind ein imperialistischer Angriff auf die Natur.“ – „Der Naturforscher zerbricht die Perle, um den Sand zu analysieren.“ – „Die Forschung findet immer ihren Weg, auch wenn sie nicht weiß, wohin er geht.“

Wissenschaftliche Spurensicherung zeichnet für Chargaff eine gewisse Blindheit aus; sie ist für ihn „ein Auge ohne Kopf“. An dieser Aporie entzündet sich seine pointierte Kritik am Wissen: „Spezialwissen ist überhaupt kein Wissen, sondern eine Lizenz zum Geldverdienen.“ – „Das Erkennenswerte wird daran erkannt, dass es nicht erkannt werden kann.“ – „Alles Bedeutende geschieht in Zwischenräumen.“ – „Die Welt scheint sich der Maxime unterworfen zu haben: Was getan werden kann, muss getan werden.“ – „Das Wissen der Seele ist uns verloren gegangen.“

Hier meldet sich eine konservative, fortschrittskeptische Weltsicht zu Wort, die sich auch gesellschafts- und zeitkritisch – sogar mit apokalyptischen Anklängen – äußert: „Die Ethik des 20. Jahrhunderts ist auf Ekel gegründet.“ – „Wir leben in einer Zeit ohne Alternativen.“ – „Je mehr sich die Welt vereinheitlicht, umso fragmentarischer wird sie.“ – „Wir werden auf dieser Welt von radioaktiven Ameisen abgelöst werden.“ – „Ohne das Geheimnisvolle, ohne das Rätselhafte hört das Menschsein auf in seiner fruchtbaren Schwäche.“

Der Czernowitz/Wiener Jude hat dem Verhältnis zwischen Deutschen und Juden einige sehr nachdenkliche Sätze gewidmet. „Der Engel der Vernichtung trägt die Züge seines Opfers.“ – „Die Zeiten waren so, dass er sein Haus bauen musste zwischen Witz und Auschwitz.“ – „Auswanderung ist immer eine Amputation; sie mag lebensrettend sein, aber man bleibt ein Krüppel.“ – „Das gebrannte Kind schürt das Feuer.“ Wie aktuell und verzweifelt! Und doch schreibt Chargaff seine Aphorismen auf Deutsch; zugleich brandmarkt er die amerikanische Lebensart mit einer gewissen Verachtung: „Amerika hat immer geglaubt, dass, solange man das Ziel nicht kennt, man dort schneller ankommt.“ – „Die ganze Welt krankt an der Gesundheit Amerikas.“

Die schönsten Aphorismen finden sich zum Thema „Selbst- und Menschenkenntnis“: „Die Weisheit besteht darin, das eine zu erhoffen und das Gegenteil zu erwarten.“ – „Erst die Vertreibung machte das Paradies.“ – „Überall war er fremd auf der Welt: er dachte mit einem Akzent.“ – „Es gibt Dinge, die nicht zu verstehen einem Menschen Ehre macht.“ – „Die Freiheit, zwischen zwei Übeln zu wählen, ist das größte von den dreien.“ – „Das Herz wächst, indem es bricht.“ – Über den Teufel wusste Chargaff gut Bescheid: „Der Teufel ist die Verkörperung des Glaubens an den Menschen.“ – „Der Teufel ist der Meister der kleinen Schritte.“

Zum Schluss ein kurzer Blick auf das Kapitel „Sprache und Literatur“: „Der Dichter befähigt uns zu sehen, was wir sehen, nicht was er sieht.“ – „Die Worte, die nicht weh tun, tun auch nicht wohl.“ Und ein Wahrwort zur kurzen Form: „Aphorismen sind die Lyrik der Vernunft.“

Friedemann Spicker hat durch die Gliederung seiner Sammlung Chargaffs aphoristisches Werk mit wegweisender Klarheit charakterisiert: Bei der „Vermittlung zwischen Wissenschaft und Literatur, die weit über die Wendung zur Subjektivierung hinausgeht, […]…nimmt Chargaff eine bedeutende Position ein. […] Seine eigene Signatur gewinnt er, indem er durch Kraus und die naturwissenschaftliche Schulung hindurchgegangen ist.“

Dieser „Anachronist seiner Zeit“, wie der berühmte fast Nobelpreisträger und Zeitkritiker sich selbst bezeichnet, ist von einer packenden Aktualität. Seine prophetisch-prognostischen Aussagen zu Ökologie, Sozialpsychologie und Weltpolitik in der wissenschaftlich-technischen Welt sind frappierend genau. Es ist Friedemann Spicker und Angelika Spicker-Wendt zu danken, dass sie diesen Schatz gehoben, überaus sorgfältig arrangiert und kommentiert haben. Er ist nicht nur ein Abgesang; denn: „Ein wahrer Skeptiker zweifelt auch an seiner Skepsis.“ Unter dieser Perspektive ermutigt und inspiriert Chargaff uns mit leiser Emphase zu neuen Schritten: „Ist nicht die Hoffnung das wahre Hormon des Lebens?“

 

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