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Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger über:
Erwin Chargaff: Was wir nicht mehr vermissen, haben wir verloren. Herausgegeben von Friedemann Spicker. Düsseldorf: Edition Virgines 2026.
Es muss eine Herkulesaufgabe gewesen sein, die sich Friedemann Spicker und seine Frau Angelika gestellt haben. Es ging darum, einen literarischen Schatz zu heben. Sie wollten der kritischen Stimme von Erwin Chargaff noch einmal Gehör verschaffen. Soviel vorweg: es ist ihnen wunderbar gelungen.
Erwin Chargaff, 1905 in Czernowitz in der damaligen Bukowina geboren, wuchs in Wien auf. Dort studierte er Chemie und gehörte zum Schülerkreis von Karl Kraus. Beides bestimmte seinen Lebenslauf. Vor den Nazis geflohen, verbrachte er sein ganzes erfolgreiches akademisches Leben an der Columbia University. Den Naturwissenschaftlern ist er aus zwei Gründen bekannt. Er erkannte als erster, dass die vier Basen in der DNA als Paare vorkommen. Das war eine wesentliche Voraussetzung für die Entschlüsselung der räumlichen Struktur, für die Watson und Crick sowie Wilkins den Nobelpreis erhielten. Chargaff fiel dem Diktum von Alfred Nobel zum Opfer, dass der Nobelpreis jeweils nur für höchstens drei Personen vergeben werden soll. Das hat Chargaff zwar geschmerzt, aber er ist nicht verbittert. Diese Ungerechtigkeit machte ihn aber in der Scientific Community erst recht bekannt.
Nach seiner Emeritierung begann er sein zweites, literarisches Leben. 1981 erschien sein Aphorismen-Buch „Bemerkungen“. Es enthielt Aphorismen, die er sein Leben lang „so nebenher“ geschrieben hatte. Auf sich aufmerksam machte er sich jedoch noch mehr durch zahlreiche und vielfältige Essays. Dabei ging es ihm vor allem um drei Besorgnisse. Nach der Atombombe war er überzeugt, dass die mit dem Fortschritt zunehmenden Möglichkeiten zum Missbrauch auch irgendwann realisiert werden. So warnte er eindringlich vor der gentechnischen Manipulation von Menschen. Seine zweite Sorge war noch grundsätzlicher. Die naturwissenschaftliche Forschung setzt eine streng rationale Denkweise voraus. Er fürchtete, dass diese Haltung zunehmend das Weltbild und schließlich auch das Menschenbild beeinflussen könnte. Er war überzeugt, dass der Mensch und sein Wesen mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht erfasst werden könnte. Seine dritte Sorge war, dass sich der hemmungslose amerikanische Kapitalismus weltweit ausbreiten könnte. („Die ganze Welt krankt an der Gesundheit Amerikas.“)
Bei seinen Aphorismen folgte Chargaff der Lichtenberg-Kraus-Lec’schen Form der chaotischen Anordnung. Diese fördert den Leseanreiz, erschwert jedoch das Wiederfinden. Spickers haben eine Zwischenform gewählt. In vier Kapiteln (Natur und Wissenschaft, Zeit und Gesellschaft, Selbst- und Menschenkenntnis, Kunst und Literatur) wurden die Aphorismen aus seinen Büchern und Essays thematisch locker zusammengefasst. Vor jedem Abschnitt leitet eine gute und kluge Einführung in das Thema ein. Dann folgen jeweils 3-5 Abschnitte mit einem Aphorismus als Überschrift. Das gibt dem Buch eine Struktur, die das Denken von Erwin Chargaff besser nachvollziehbar macht. Die Zuordnung erfolgte sehr gewissenhaft und war sicher nicht einfach, weil Chargaff sich der gesamten Klaviatur aphoristischer Gattungen bediente. Aber selbst Eigentümlichkeiten wie seine Liebe zu Paradoxien finden in der Sammlung Berücksichtigung. („Eine neue Wahrheit muss paradox sein.“) Besonders ist noch zu erwähnen, dass eine ganze Reihe von Aphorismen als Einzelsätze aus seinen Essays extrahiert wurden.
Nach der Lektüre dieses Buches kann man sich Erwin Chargaff und sein Denken lebhaft vorstellen. Wenngleich es schwierig ist, wenn man ihn einmal erlebt hat, wie er mit charmantem Wienerisch energisch seine apokalyptischen Thesen vertrat. Seine Meinung artikulierte er stets mit Leidenschaft und einer gewissen Radikalität. Die hielt er für notwendig, um gehört zu werden. Damit machte er sich nicht nur Freunde. Er fühlte sich als Rufer in der Wüste, während seine Kontrahenten in ihm eher einen wüsten Rufer sahen. Heute wissen wir, wie richtig Erwin Chargaff mit seinen Prognosen lag. Deshalb ist es wichtig, seine Stimme nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Dafür gebührt den Spickers besonderer Dank vor allem auch deswegen, weil es noch keine Biografie des großen Naturwissenschaftlers und bedeutenden kritischen Denkers gibt.
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