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Jürgen Wilbert über:
Erwin Grosche / Gennadi Isaak: Ich bin nicht mehr wie du! Einfranksätze und Ebenbilder. Berlin: Verlag Akademie der Abenteuer 2025.

 

Vor kurzem fand ich in unserem Aphorismus-Archiv eine etwas dickere Buchsendung
aus Paderborn von einem gewissen Erwin Grosche. Da er mir schon seit Längerem als Wortkünstler auf Kleinkunstbühnen vor allem in Ostwestfalen ein Begriff war und ich ihn vor Jahren selbst schon auf einer Bühne erlebt habe (in Erinnerung ist mir noch seine komödiantische Spannbett-Tuch-Nummer), öffnete ich mit Spannung den Umschlag und fand neben einem wohlformulierten Brief ein umfangreiches, aufwendig gestaltetes Hardcover-Buch – mit mit mehr oder minder kurzen Texten und den anspielungsreichen Illustrationen bzw. grotesken „Ebenbildern“ von Gennadi Isaak. Das Inhaltsverzeichnis zeigt das umfangreiche Spektrum der Themen; es umfasst acht Kapitel mit rund 600 Stichworten – von Aldi über Heiligenschein und Schokoladeneis bis Zeitverluste. Warnung vorab: Bei nicht wenigen seiner „Einfranksätze“ wird der Groschen später fallen, – wenn überhaupt… Da ist im Einzelfall ein ganz besonderes, bisweilen auch lautsprachliches Einfühlungsvermögen oder Fingerspitzengefühl gefragt, wie hier: ZEITENWENDE Günter heißt im Winter Walter. (12) / FINGERSPITZENGEFÜHL Er spürte, dass das Telefon klingeln wollte. (121)

Schon beim ersten Durchblättern war mir klar, dass es sich bei diesen wortspielerischen Einfällen und Äußerungen weitestgehend nicht um Aphorismen im engeren Sinne handelt. Die witzigen, zumeist possenhaften, ja absurden Kurztexte gehören aber in jedem Falle zum Genre der literarischen Kleinformen, und da gibt es an einigen Stellen durchaus Überlappungen mit Aphorismen im engeren Sinne, denn in ihnen finden die gleichen rhetorischen Stilmittel Anwendung (z.B. Kürze, Zuspitzung, Paradoxien, Antithese, Wortneuschöpfung und nicht zu vergessen Humor). Und genau solche Überschneidungen möchte ich im Folgenden exemplarisch herausheben und betrachten.

Deutlich in der Überzahl sind bei Grosche skurrile Einfälle und Wortfindungen, in denen er das Verrückte im normalen Alltag durchscheinen lässt; dabei scheut er auch nicht vor noch so banalen Werbesprüchen zurück – wie in diesem „Einfranksatz“ (wie er es nennt): DER VOLLKOMMENE SATZ Bonduelle ist das famose Zartgemüse aus der Dose“. An ihm musste sich alles andere messen lassen. (S. 99) Oder unter der Überschrift PORSCHE: Auch ein Porschefahrer findet keinen Parkplatz, nur schneller. (S. 28)

In seinen „Vorsätzen“ (auf S. 7) zeigt der Kabarettist Wilfried Schmickler anhand von Alltagssituationen auf, wie Grosche, der Paderborner Großmeister der Kleinkunst, zu seinen ebenso verwirrenden wie beglückenden „Franksätzen“ gelangt: etwa in der Herrenabteilung von P & C: Es ist schon erstaunlich, wie viele Hosen es gibt, die einem nicht passen. (S. 7) Wie bei gelungenen Aphorismen ist hier auch der/ die Lesende zur gedanklichen Weiterarbeit aufgerufen, und sei es, um den passenden situativen Kontext oder Sinnzusammenhang zu finden. Man beachte diese beiden Textbeispiele: BUMERANG Wer einen Hund hat, braucht keinen Bumerang, außer man will ihn ärgern. / VORSPIEL Er hätte ihr gerne noch etwas ausgezogen, aber sie war schon nackt. (S. 37)

Wie in vielen Aphorismen schafft er originelle Abwandlungen von Redensarten, wie in dieser TRAURIGEN FRAGE – Können Pferde stehlen? (S. 40) Hier wird die gängige Redewendung kreativ verfremdet. Desgleichen: GLASER – Komisch“, sagte der Glaser, „meine besten Freunde sind Elefanten.“ (S. 71) Auch das Stilmittel des Widersinnigen, ja Paradoxen, findet bei ihm häufig Anwendung: BESONDERE FÄHIGKEITEN Er konnte sich beim Verzehr eines Rollmops den Geschmack einer Kirsche vorstellen. (S. 42) / EINFRANKKLARSTELLUNGEN Nicht sagen, was ich sagen will, kann ich auch woanders. (S. 49) Oder: DAS LETZTE WORT Auch beim Schweigen hat meine Frau das letzte Wort. (S. 147)

Die folgenden Ein-Satz-Beobachtungen haben durchaus aphoristische, also auch hintersinnige Qualität und übersteigen das ansonsten bei ihm vorherrschende gehobene Nonsense-Niveau: WAHRSCHEINLICHKEITSRECHNUNGEN Dass etwas oft gut gegangen ist, merkt man manchmal erst, wenn es schief gegangen ist. (S. 48) / AN DER SEITE Ohne seine Frau hätte ich ihn nicht erkannt. (S. 48) Viele seiner lapidaren Sätze wirken durch eine überraschende Schlusspointe: Wenn die Geher plötzlich laufen, bleibe ich stehen. So wird der Rhythmus der Welt gewahrt. (S. 59) / LEBENSUMSTÄNDE Was für die einen die Hölle ist, ist für andere das Wohnzimmer. (S. 62)

Grosche gelingt es in einigen seiner Kurztexte wesentliche Fragen des menschlichen Daseins anzusprechen, wie hier zum Thema des Glücks unter der Überschrift DIE BEDROHUNG DURCH DAS GLÜCK: Alle wunderten sich, als er anfing sich zu ohrfeigen, aber nur so konnte er der Bedrohung durch das Glück entgehen. (S. 63) / Und als ENTSCHEIDENDE FRAGE: Wie können wir mit dem, was wir nicht wissen, glücklich werden? (S. 62)

Durchgängig wechseln sich in den acht Kapiteln rein witzige Sätze, Bonmots oder Kalauer ab mit durchaus hintergründigen, philosophisch-aphoristisch ausgerichteten Kurztexten; man vergleiche nur diese beiden: Er roch so deutlich nach Schwein, dass man froh war keines zu sein. (S. 70) / Frieden, um den man kämpfen muss, ist kein Frieden. (S. 68) Oder nebeneinander: SUCHE – warum kann ich nicht dort sein, wo ich hingehöre? / TORTEN – Manche Torten vergisst man nicht. (S. 149) Gleichermaßen erhellend wie originell ist es, wie der Autor einen Fachbegriff, den wir in einem speziellen Lebensbereich kennen, in einem anderen völlig banalen benutzt und so hinterlistig Sprachanalyse und -kritik betreibt: Der Staubsauger weigerte sich, die Einzugsermächtigung für das Stromkabel zu unterschreiben. So machte er sich keine Freunde. (S. 70)

Die meisten seiner Texte, insbesondere die längeren, sind Miniaturen des alltäglichen Un- oder Wahnsinns, gewürzt mit Sprachwitz und Schalk, man könnte auch von sprachlichen „Eugenspiegeleien“ sprechen, wie etwa hier im Kalauer: Wohin wollen eigentlich die Hamster? Nach Hamsterdam. (S. 186) Hier ein bezeichnendes Beispiel für entwaffnende Logik, verfasst nach der Devise „lapidar, aber wahr“: Ohne meine Frau hätte ich diesen Schwangerschaftskursus nicht besucht. (S. 194) Ferner: Manchmal sieht man auf dem Rückweg älter aus als auf dem Hinweg. (S. 146) Manche der Sätze erhalten ihren Reiz erst durch die Überschrift und/oder die Frageform: TROTZIGE REIHENFOLGE – Wenn die 1 wegfällt, kommt dann gleich die 2? (S. 203) / ALTERSWEISHEIT – Zum Glück ist es mit den Jahren egal, ob man mit zwanzig mal schön gewesen ist. (S. 179) / TREUEDRAMA – Treu sein können, aber keinen Partner haben, dem man das beweisen kann. (S. 152)

Im Folgenden nimmt Grosche den Versuch des Menschen, alles genau definieren zu müssen, buchstäblich auf die Schippe: VORNE: Vorne ist da, wo auf der Badehose das Freischwimmerabzeichen genäht ist. (167) Ein weiteres, probates Merkmal des aphoristischen Schreibens ist in den „Einfranksätzen“ zu finden: der Neologismus, also die Neigung, neue Wortschöpfungen zu finden: DIE RAUSKOMMSCHWÄCHE Fliegen die reinkommen, kommen nicht unbedingt wieder raus. Man spricht da von einer Reinkommstärke und einer Rauskommschwäche. (131)

Hier noch drei Texte, die meines Erachtens besondere Nähe zum Aphorismus aufweisen. Im ersten Beispiel steht am Anfang eine gute Beobachtungsgabe im Hinblick auf Reaktionen des Menschen mit bestimmten Momenten der STILLE: Es war so still, dass man sich räusperte. (S. 179) Im zweiten bezieht sich Grosche auf einen fatalen, nicht selten übersehenen Aspekt in der menschlichen Kommunikation: Wer als jemand gilt, der gut zuhören kann, muss sich einiges anhören. (S. 172) Im dritten Satz offenbart sich eine grundsätzliche Dimension in der menschlichen Wahrnehmung: Im Undeutlichen liegt eine Chance. Im kaum Sichtbaren eine Erkenntnis. (S. 169) Kurzum: Im vermeintlich Lapidaren steckt doch viel mehr Weisheit, als auf den ersten Blick angenommen. Wenn sich Grosche auch weitestgehend virtuos auf der Wortspielwiese austobt: All diejenigen, die Freude an Sprachwitz, Skurrilität und Situationskomik haben, werden in jedem Falle auf ihre Kosten kommen und hier und da auch einen aphoristischen Schatz heben können und dabei entdecken, wie klein der Schritt vom bloßen Kalauer, der skurrilen Idee, bis zur Lebensweisheit sein kann. Als letzter Beleg (hier aus dem Cartoon-Projekt „KulturLieferservice“ zusammen mit dem Potsdamer Künstler Peter Menne): Alt werden: Alt werden ist was für Kinder.

 

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