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Jürgen Wilbert über:
F. Christoph Schiermeyer: „99 Aphorismen“. Norderstedt: Books on Demand 2025.

 

F. Christoph Schiermeyer hat im Februar 2025 ein neues, schmales, aber gehaltvolles Aphorismen-Bändchen veröffentlicht. Es beinhaltet „99 Aphorismen“ (so auch der Titel) auf 40 kleinformatigen Seiten. Erschienen ist es im Verlag „BoD – Books on Demand“, Norderstedt. Es handelt sich um Aphorismen aus den vergriffenen Veröffentlichungen „Aphorismen“ (Selignow, 2000), „Bitte wenden“ (Nachttischbuch, 2008) und „Verwünschtes Schweigen“ (BoD, 2022).

 

Schiermeyer ist unter den deutschsprachigen Aphoristikern kein Unbekannter. Eine Auswahl seiner Texte ist bereits 2014 in der Anthologie „Neue Deutsche Aphorismen“, herausgegeben von A. Eilers / T. Grüterich (im Dresdener Verlag AZUR), abgedruckt worden, desgleichen im Jahr 2023 in der Anthologie „Deutsche Aphoristik der Gegenwart“, herausgegeben von F. Spicker / J. Wilbert (im Düsseldorfer Verlag „Edition Virgines“).

Stichworte zur Biografie: Geboren 1952 in Höxter. Gymnasialzeit in einem Internat der Augustiner. Danach drei Jahre Mitglied des Dominikaner-Ordens. Von 1977 bis 1992 Filmvorführer in verschiedenen Bonner Kinos. Anschließend vornehmlich Hausmann in einer fünfköpfigen Familie. Der Autor lebt in Windhagen / Westerwald.

Die Texte sind zumeist Ein-Satz-Aphorismen. Bisweilen handelt es auch um zwei Sätze und in Frageform. Auf jeder Seite sind drei Aphorismen abgedruckt, das Bändchen ist also formal sehr übersichtlich gegliedert, allerdings ohne eine thematische Strukturierung. Zu den Inhaltsbereichen zählen: Schreiben / Aphorismus – Sprache / Lesen – Wahrnehmung – Zwischenmenschliche Beziehungen – Gesellschaft / Politik / Umwelt. Häufig setzt sich Schiermeyer wortspielerisch mit geläufigen Redewendungen auseinander, um ihnen einen anderen, tieferen Sinn abzugewinnen: Man sollte nur Leute zur Rede stellen, die auch eine halten können. (10); Fragen, die sich stellen, muss man nur noch festnehmen. (11) Die Gattung selbst definiert er aphoristisch so: Der Aphorismus ist das, was ein Gedanke von einem anderen Gedanken übrig lässt. (10) Im folgenden Aphorismus beschreibt er ähnlich wie Karl Kraus die Profession des Aphoristikers; heißt es bei Kraus: Einer, der Aphorismen schreiben kann, sollte sich nicht in Aufsätzen zersplittern, so lesen wir bei Schiermeyer: Aphoristiker fassen sich kurz, weil sie wissen, wie umständlich sie erzählen würden. (31)

Ein zentrales Merkmal seiner Aphorismen stellt die entlarvende Bildhaftigkeit dar: Karriereleiter. Die unten festhalten, geraten schnell aus dem Blick. (12) Und in einem aktuell gesellschaftskritischen Zusammenhang: Das Totenhemd der Menschheit wird aus Rohstoffen geschneidert. (29)

Mitunter wird das Motiv des Widersprüchlichen, der Gegensatzpaare, ja des Paradoxen etwas überstrapaziert: Gibt es etwas, das trauriger anzusehen wäre als ein Akrobat, der versucht, sein Leben vom Kopf auf die Füße zu stellen? (19) Oder: Die vorgeben, bei den Menschen zu sein, sind nicht immer bei der Sache. (18) Wesentlich stimmiger und überzeugender sind da schon diese Aphorismen: Die schweigende Mehrheit macht den größten Lärm. (14) Und: Wer sich für die unten einsetzt, ist schnell oben durch. (13)

Vereinzelt stößt man auch auf Sentenzen, die vor allem durch ihre überraschende, originelle Pointe Wirkung erzielen: Es genügt, das Wort dann zu ergreifen, wenn man sprachlos ist. (8) Er begreift sein Leben als ein Geschenk. Hat es aber noch nicht ausgepackt. (22); Bei uns wird niemand verfolgt, nicht einmal ein Gedanke. (24) Hier und da stolpert der/die Lesende über allzu selbstverständliche Aussagen, wie etwa: Wer seinen eigenen Weg gehen will, muss lange hin- und herlaufen. (27) Oder: Im Frühling begeistern die ersten Blumen. Im Herbst die letzten. (32)

Resümee: So schmal das Büchlein auch ist, wer an geistreichen und wortwitzigen Aphorismen interessiert ist, wird auf den gerade mal vierzig Seiten eine Vielzahl von originellen, zugespitzten Denkanstößen erhalten.

Es fällt übrigens auf, dass fast alle Aphorismen, die in der Anthologie „Deutsche Aphoristik der Gegenwart“ (2023) aufgenommen worden sind, auch in dieser jüngsten Veröffentlichung auftauchen. Kurzum, ganz im Sinne der Anregung des Autors auf S. 7 – Gedanken lesen? Nur eine Frage geeigneter Lektüre. – seien denjenigen, die Vergnügen daran haben, Gedanken zu lesen und weiterzuentwickeln, diese 99 Aphorismen von F. C. Schiermeyer zur Lektüre empfohlen. Doch Vorsicht, der Autor weist pointiert auf Nebenwirkungen hin (S. 30): Jedes Gedankengebäude hat seinen Makler. Und seine Nebenkosten.

 

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