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Hans Norbert Janowski über:
Hans-Horst Skupy: Stille Reserve. Aphorismen. Würzburg: Königshausen und Neumann 2026. 136 S., € 14,80.

 

Das ausgesprochen schöne Buch präsentiert „Aphorismen – Nebst einer Handvoll Memorabilien und Freundesgaben, ausgewählt und bevorwortet von Alexander Eilers“, zudem mit Collagen von Elisabeth Turvold und Cartoons von Miroslav Barták. Freunde haben sich um Hans-Horst Skupy geschart, um die späten Aphorismen dieses bekannten, besonnen scharf denkenden Autors aus einer Textvorlage zu publizieren.

Die Überschriften der kurzen zehn Kapitel zeigen deutlich die thematische Spannweite und das klare Profil dieses von journalistischer Erfahrung geprägten Autors: Vom Privileg Denken, dem Sündenpfuhl Moral, der Reibfläche Charakter, der Mördergrube Gesellschaft, dem Spiegelkabinett Diktatur ist da die Rede, aber auch die Erbmasse Hass wird angesprochen und die Literatur auf die Waagschale gelegt.

Denken und Glauben beschäftigen den bekennenden Atheisten stark: „Theologen denken kreuz, Philosophen quer“ – „Bibel: Lehrbuch der Rhetorik“ – „Der siebte Schöpfungstag: Nachdenken über den Menschen“. Schließlich bleibt man auch als Atheist katholisch: „Das Sakrament der Ehe gilt auch in der Hölle.“

Und was die Ökonomie des Verhaltens angeht: „Auch bei Selbstfindung ist Finderlohn zu entrichten“. Aber: „Doppelt zählen die guten Taten der Gottlosen.“ Und im Blick auf deren Moral gilt für Skupy: „Das elfte Gebot ist immer das Gebot der Stunde.“ Mit der Moral betritt man freilich ein rutschiges Gelände. Zwar: „Gewissen ist Macht“, aber: „Sogar das macht man jemandem zum Vorwurf: Es mangele ihm an Fehlern“ – „Eigenliebe: platonischer Inzest.“ Fazit: „Moral verdirbt den Charakter“; der aber äußert sich als ein selbstständiges, robustes Wesen, z. B. als „Autodidakt: Er lernt aus eigenen Fehlern“ und beherrscht sich besonnen: „Idioten widerspricht man nicht:“

Solche Eigenschaften bewähren sich auch in der ‚Mördergrube Gesellschaft‘ sowie im ‚Spiegelkabinett Diktatur‘: „Gegen den Strom. So lernt man schwimmen“ – „Das Regime entnahm ihm Proben des Rückgrats“ – „Gewalt verbreitet sich nach den Gesetzen der Ballistik“, und dazu: „Den Gewissensbissen wird ein Maulkorb angelegt.“

Unter dem Diktat des Hasses verkehren sich die Verhältnisse: „Politiker entscheiden über Krieg, Militärs über Frieden.“ Und wie werden Friedensgespräche geführt? „Als verabredete man sich im Labyrinth.“ – So manches erinnert an die Verhältnisse in den düsteren Tagen, die wir gerade erleben: „Welch ein Terror: Die Anhänger der Gewaltlosigkeit müssen sich rechtfertigen“, als trügen sie die Schuld. Man kann es aber auch so machen: „Man kann Probleme auch unter den Bombenteppich kehren.“

Dennoch wirft Skupy sein Vertrauen in die ‚Waagschale Literatur‘ und besingt deren Vitalität: „Zeit ist die zehnte Muse.“ Sie löst die Zunge und die „Schreibblockade. Mit einem guten Wort zu lösen.“ Dazu tragen auch die guten Worte der Freundesgaben namhafter Aphoristiker bei. Zu ihnen gehören Elazar Benyoetz, Friedemann Spicker, Jürgen Wilbert, Alexander Eilers, Klaus D. Koch, Elisabeth Turvold, Gunter Preuß und andere. In dem vielstimmigen Chor steuert Benyoetz zwei Sätze bei, die zu Skupys aphoristischer Stimmlage trefflich passen: „Aphorismus – Stimmgabel der Prosa“ und „Ausharren im Zweifel ist Glaube“.

Der Herausgeber Eilers hat das Profil des Aphoristikers, Journalisten und Essayisten Skupy im Vorwort sowie in einer Reihe bewegender biographischer Notizen gezeichnet und zudem ein Portrait der „Renaissance des Aphorismus“ nach dem Auftreten von Stanislaw Jerzy Lec aufgenommen. Dieser substanzielle Bericht aus Skupys Feder war 1977 in der Zürcher ‚Weltwoche‘ erschienen.

Wer diesen Text nach fünfzig Jahren liest, wird sich dessen gewärtig, dass wir uns heute in einer ähnlichen Lage befinden, welche diese Literaturgattung an ihre Ursprünge erinnert: „Aphorismus – ein Kind, das aus dem Bedürfnis nach Freiheit und individueller Gleichheit geboren wurde.“ Die darin steckende Herausforderung macht mehr als nur nachdenklich.

 

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