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Alexander Eilers über:
Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger: Im Labyrinth der Gedanken. Aphorismen. Würzburg: Königshausen & Neumann 2026.

 

Neuer Wein im alten Schlauch

Darf man eine Publikation zur Novität erklären, die – wenn auch nur als book on demand – schon vor über 20 Jahren unter demselben Titel und äußerlich fast unverändert herauskam? Ist es zulässig, sie vor dem Hintergrund zwischenzeitlich entstandener Werke neu zu bewerten? Kann man sie als Summe lebenslanger Beschäftigung mit dem Aphorismus und zugleich als in Ausführung befindliche Arbeit begreifen?
Solche Fragen sind im Falle des unlängst bei Königshausen & Neumann erschienenen Hardcover-Bandes Im Labyrinth der Gedanken mit einem klaren Ja zu beantworten. Denn das, was sein Verfasser, der 1939 in Insterburg (Ostpreußen) geborene Chemiker, Erfinder und Sachbuchautor Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger, auf 221 Seiten präsentiert, deckt sich trotz Beibehaltung des Vorworts, der alphabetischen Ordnung nach Schlagwörtern, der Illustration durch schematisierte Irrgärten aus der Historie sowie des Klappentextes inhaltlich bloß zu einem geringen Anteil mit der Vorläufer-Veröffentlichung von 2005. So hat der ehemalige BASF-Forschungsvorstand nicht allein bestehende Einzelabschnitte erweitert, sondern gleichzeitig die Themen variiert, wobei ältere Beiträge wegfielen und so viele neue hinzukamen, dass die Sammlung nichtsdestominder von 3.000 auf ungefähr 4.000 Stück anwuchs. Der großformatigen, mit einer Leselitze ausgestatteten Neuedition liegt also eine erkleckliche Menge an bisher unveröffentlichtem Material zugrunde.

Umso verwunderlicher daher, dass der Honorarprofessor der Universität Heidelberg und Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse daraus keine eigenständige, überschneidungsfreie Kollektion konzipiert hat. Doch gibt es hierfür gleich mehrere Gründe: Zum einen möchte Quadbeck-Seeger, der als Sprüchesammler auch mit Anthologien wie Zwischen den Zeichen: Aphorismen über und aus Natur und Wissenschaft (1988) oder „Der Wechsel allein ist das Beständige“: Zitate und Gedanken für innovative Führungskräfte (2002) hervorgetreten ist, gerade die Ausgabe in Erinnerung halten, für die er zum ersten Mal ausschließlich eigene Reflexionsscherben vorsah, zum anderen ist sein ansprechend gestaltetes Labyrinth 2.0 – wie er in einer E-Mail an Friedemann Spicker (23.6.2026) ausführt – einem langjährigen Wegbegleiter gewidmet:

„Wichtig war die grafische Gestaltung, die […] Gunther Schulz mit mir erarbeitet hat. Da ich keinerlei Werbung gemacht habe, war der Absatz entsprechend klein. Mit dem nun vorliegenden letzten Buch wollte ich einen grafischen Neuanfang starten. Leider erlitt mein Freund Gunther einen schweren Schlaganfall, der ihn arbeitsunfähig gemacht hat. Dann habe ich mich entschlossen, die Grafik zu übernehmen und den Text in Zusammenarbeit mit seiner Frau Martina, die ebenfalls Grafikerin ist, einzufügen.“

Diese Erklärung mag ausreichen, wird aber der Motivation, den Band in neuer Zusammenstellung herauszubringen, nur ansatzweise gerecht – und zwar insofern, als er aufs Engste mit vorangegangenen Werken zusammenhängt. Wenn nämlich sein Untertitel nicht mehr Aphorismen und Definitionen, sondern schlicht Aphorismen lautet, beabsichtigt Quadbeck-Seeger, ihn von den lediglich Begriffsbestimmungen enthaltenden Aphonitionen 1 & 2 (2019/2021) abzugrenzen. Entsprechend wurden sämtliche Einfälle mit der grammatischen Struktur ‚x:y‘, die vorher noch jedes der 26 Großkapitel von A bis Z abschlossen, aus der Neuauflage herausgenommen. Außerdem markiert die bloße, aber offene Gattungsbezeichnung eine deutliche Differenz zu den formal geschlossenen, einzig aus unauflöslichen Widersprüchen bestehenden Paraphorismen (2024). Nimmt man dann noch das Stichwort-ABC hinzu, das in all diesen Handbüchern zur Anwendung kommt, liegt der Schluss nahe, dass der Verfasser neben dem Wunsch, dem Leser das Wiederauffinden einzelner Gedanken zu erleichtern (vgl. S. 218), auch Ordnung ins eigene Oeuvre bringen möchte. Damit führt er – systematischer Naturwissenschaftler, der er ist und ungeachtet seiner Begeisterung für das „Gesudel“ eines Georg Christoph Lichtenberg (vgl. S. 217) – allerdings weniger in das ‚Labyrinth seiner Gedanken‘ hinein als aus ihm heraus. Denn das, was einen Aphorismenband von Nachschlagewerken wie dem gemeinsam mit Harald Böck herausgebrachten Kompendium „Das hat noch nie funktioniert“: die besten Killerphrasen von A wie „Aber“ bis Z wie „Zielgruppe“ (2005) unterscheidet, besteht darin, dass man erst gezielt nach einem Merksatz sucht, wenn man bereits alle gelesen hat. Schließlich möchte man das Buch nicht häppchenweise rezipieren, sondern Schritt für Schritt in die Gedankenwelt des Urhebers eintauchen. Eine allzu starre Systematik erweist sich dabei als hinderlich und macht ferner das der progressiven Lektüre dienende Lesebändchen überflüssig.

Eine derartige Kritik soll jedoch keinesfalls verhehlen, dass sich unter den neuen Texten hervorragende Aphorismen befinden. Das gilt sowohl für seneszenzbedingte Einsichten – „Das Alter vereinfacht die Weltsicht, erschwert aber den Alltag“ (S. 12) –, ironische Kommentare zum Zwischenmenschlichen – „Freunde sind immer da, wenn sie uns brauchen“ (S. 57) – oder erfahrungssatte Weisheiten – „Traue keinem Gedanken, der dich ungefragt verfolgt“ (S. 60) – als auch für Erkenntnisse aus der beruflichen Praxis, in der sich Quadbeck-Seeger, von 1984 bis 1987 Mitglied der Enquete-Kommission „Chancen und Risiken der Gentechnologie“, vor allem auf das Zusammenspiel der Chemie mit der Biologie konzentriert hat: „Forschung fängt dort an, wo die Wissenschaft aufhört“ (S. 55). So kann man zwar monieren, dass der gläubige Protestant trotz seines Wissens um die in der Deszendenztheorie propagierte Sinn- und Zwecklosigkeit des Lebens (vgl. S. 104) dazu tendiert, die Entwicklung der Arten zu hypostasieren – „Hat die Evolution das Land erobert oder ist sie an Land geflüchtet?“ (S. 50) – und sie anthropisch zum Demiurgen-Geschenk zu verklären – „Gott schickte Darwin, damit die Wahrheit über die Schöpfung herauskommt“ (S. 49) –, doch ist es ratsam, solche Stellen mit einem Augenzwinkern zu lesen. Denn im Labyrinth der Gedanken stößt man außer nachdenklich-ernsten – „Der Fortschritt bestimmt zunehmend seine Richtung selbst“ (S. 56) – oder moralistischen Sentenzen – „Misserfolg demaskiert“ (S. 121) – ebenfalls auf zahlreiche Wortspiele, Antisprichwörter, Witze sowie Kalauer. Sie sorgen für einen comic relief, der den von der schieren Anzahl der Denksprüche überforderten Rezipienten entlastet.

Da also die Schwächen der vorliegenden Kollektion nicht inhaltlicher Natur sind, sondern teils aus starkem Ordnungsbedürfnis, teils aus materieller Überfülle resultieren, wäre ein lockerer Auswahlband zu repräsentativen Sujets anzuregen. Dem Rang Quadbeck-Seegers als einem der produktivsten wie scharfsinnigsten Gegenwartsaphoristiker täte dies keinen Abbruch – im Gegenteil. Speziell Erstleser würden es ihm danken: „Ordnung erleichtert das Finden, Chaos bereitet Freude über das Gefundene“ (S. 133).

 

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