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Walter Jakoby über:
Jürgen Wilbert: Unschlüssig oder Die Tragweite des Bedenkens – Aphorismen und Notate. Düsseldorf: edition virgines 2025.

 

Mit „Unschlüssig oder Die Tragweite des Bedenkens“ hat Jürgen Wilbert seine neue Sammlung von Aphorismen und Notaten bei edition virgines vorgelegt. Der Autor ist seit vielen Jahren als DAphA- Vorsitzender ein ebenso rastloser wie wirkungsvoller Förderer des Aphorismus. In sehr lesenswerter Weise gelingt es Friedemann Spicker im Vorwort, seinen Freund Wilbert nicht nur als Fachmann zu würdigen, sondern ihn uns Lesern auch als Menschen ein wenig näherzubringen. Dieser Würdigung an dieser Stelle noch etwas hinzuzufügen, hieße einem gebürtigen Düsseldorfer die Vorzüge des Altbiers erklären zu wollen.

Die 145 Aphorismen und Notate des Buchs sind in 8 Kapitel ein- und auf 64 Seiten aufgeteilt. Diese großzügige Gestaltung kommt der Lesbarkeit zugute und drückt den unaufgeregten gedanklichen Fluss auch optisch sehr gut aus. Jedes Kapitel wird jeweils durch ein Foto von Rainald Hüwe eingeleitet, das die Kapitelthematik einprägsam visualisiert. Die Texte „ZUM APHORISMUS UND ZUM SCHREIBEN (1)“ offenbaren einiges von der Motivation und dem Selbstverständnis des Autors. Wer die aphoristische Werkstatt als „reinste Denkzettelwirtschaft“ bezeichnet, lässt eine gute Portion Humor erkennen und schafft mit Hilfe seiner „Wortschöpfungen“ spielend den Spagat zwischen „tiefschürfenden und hochtrabenden“ Gedanken. Die Tragweite des Be-Denkens bei den „LEBENS- UND LIEBESERFAHRUNGEN (2)“ reicht von Beziehungen und Erotik über Gesundheit und Krankheit bis zum Älterwerden: „Tragischer Verlauf langjähriger Beziehungen: vom Besorgen zum Versorgen.“ Im umfangreichsten Kapitel des Buchs fördert der Autor aktuelle und originelle Einsichten aus „GESELLSCHAFT UND POLITIK (3)“ zu Tage, die zusammengenommen eine kritische, mich ein wenig an Karl Kraus erinnernde Haltung erkennen lassen, mit der er komplexe gesellschaftliche Vorgänge gekonnt seziert: „Kein Wunder, dass wir in unserer Gesellschaft über Stillstand klagen: die Politiker liefern nur noch Anhaltspunkte.“ Bei den Texten über „MODERNE KOMMUNIKATION (4)“ beweist Wilbert, dass er sich locker auf der Höhe der Zeit bewegt. Vom Handy über die Cloud bis zu Streaming und KI legt er viele – fast schon zu viele – Facetten der Nebenwirkungen moderner Technologien frei: „Ohne Handy ist der Mensch inzwischen gehandycapt.“ Dies gilt in gleicher Weise für die wie zum Grillen aufgespießten „ZEITGEISTPHÄNOMENE (6)“, in denen es ausführlich um so krasse Errungenschaften, wie Tattoos und Piercing oder Ultras und Hooligans geht. Angesichts des Themas „ZWISCHEN- UND ÜBERMENSCHLICHES (5)“ wähnt man Nietzsches Übermenschen hinter dem Vorhang des fünften Kapitels, aber auf Wilberts Bühne treten erfreulich lebensnahe Texte zu alltäglichen menschlichen Schwächen auf: „Optimale Steigerung der Selbstverliebtheit: die Selbstheirat. Anstelle der Scheidung reicht später eine Persönlichkeitsspaltung.“ Während in den vorangegangenen Kapiteln das Spiel mit Worten immer im Dienst der prägnanten und pointierten Formulierung der Gedanken steht, gibt „NEUES – AUS DER REDENSART GESCHLAGEN (7)“ dem Wortspieltrieb freien Lauf, was zu wunderbaren, einprägsamen Ergebnissen führt: „Mir sind Achtsame lieber als Neunmalkluge.“ „UND SONST NOCH (8)“ fasst schließlich Einzelthemen zusammen, unter denen sich wahre Schmuckstücke finden: „Wer selber in Gold gefasst ist, erblickt um sich herum nur Blech.“

Die vorliegenden Texte zeigen (erneut) Wilberts Fähigkeit als genialer Sprachspieler, der in unverwechselbarer Weise in geläufigen Redewendungen schlummernde Bedeutungen weckt und durch originelle Zusammensetzung viele Einsichten in einem einzigen Wort auszudrücken versteht: „Debilmachung“, „Kritikasteramt“, „Rollatorheit“, aber auch „entgleisende Gesichtszüge“ und „Verscherbeln bringt Glück“ sind neben den bereits zitierten sehr gelungene Beispiele. Schade, dass es für Sprachspieler noch keine Elozahl wie bei Schachspielern gibt – der Autor würde hier ganz weit oben rangieren. Einen Punktabzug würde ich nur bei den sperrigen „Minister/innen“ erwarten, der aber durch deren „Amt und Bürden“ noch im gleichen Satz wieder wettgemacht wird. Die zur Sprache gebrachten Überlegungen sind wohltuend sachlich und als Texte entspannt anregend lesbar. Sie haben vorwiegend beobachtenden, manchmal behauptenden, gelegentlich mahnenden, aber nie belehrenden Charakter. Das Schreiben von Aphorismen ist eine Gratwanderung, bei dem zu wenig sagen Leser und zu viel sagen Esprit verlieren lässt. Wilbert verliert weder die einen noch den anderen, da er seinen sachlichen Blick und seine unprätentiöse Sprache gekonnt als Balancierstange einsetzt. Dem „inflationären Klopfen von Sprüchen“ setzt er das unermüdliche Schleifen und Polieren seiner Aphorismen entgegen. Er liefert auserlesene „literarische Happen“, die intellektuell sättigen, ohne dass man sie je satt würde.

Thematisch am überzeugendsten finde ich die zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Themen, die durch die vielfältigen Erfahrungen des Autors geprägt sind. Sehr stark sind auch die Texte der beiden letzten Kapitel, in denen der Autor sein Sprachspiel und seine Themen frei entfaltet. Durch thematische Häufungen allerdings, so z. B. bei Handys oder Tattoos, büßen die vorhandenen Prachtstücke durch die enge Nachbarschaft ein wenig an Glanz ein. Unschlüssig bin ich als Rezensent bei der richtigen Interpretation des Titels. Der Verfasser gibt hier keinen offensichtlichen Hinweis. Eine unlogische Gestaltung der Gedankengänge kann definitiv nicht gemeint sein. Vielmehr sehe ich mein verlorenes Tappen im Dunkeln als Indiz für eine gewollte Verunsicherung, die dem Leser nicht nur einen, sondern mehrere Wege für schlüssige Folgerungen aus den Texten offenlässt.

Seine in Spickers Vorwort so treffend gewürdigte Vielseitigkeit bestätigt Jürgen Wilbert auch in seiner neuen Veröffentlichung als gleichermaßen origineller Denker und gewitzter Formulierer. Gerade die Kombination geistreicher Einsichten und sprachlicher Finesse macht die Lektüre zu einem inspirierenden Vergnügen. Unschlüssig wäre nur, sich dieses Vergnügen entgehen zu lassen.

 

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