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Rolf Friedrich Schuett über:
Marcus Steinweg: Sprachlöcher. Berlin: Matthes & Seitz 2023.

 

Es sind eher fragmentierte Aufzeichnungen und Reflexionsnotate als pointierte Aphorismen, die neuesten rund 350 „Sprachlöcher“ Marcus Steinwegs. Sind sie nun Startloch, Schlüsselloch, Schlupfloch, „Wurmloch“, Schlagloch, Nasenloch, Luftloch, Knopfloch, Guckloch, Mauseloch oder – Arschloch? Diese Buchbesprechung könnte sich gleich vorweg zusammenfassen in die Formel: Nichts davon und doch alles zugleich!

Sieht der Autor die „Zukunft der Psychoanalyse“ mit Lacan in der schwachsinnigen zeitgenössischen „Spaßgesellschaft“? Wer mit vielen seiner Denkmotive sympathisiert, den muss irritieren, was ihn von Steinweg trennt, der Dichter und Denker, Literatur und Philosophie zusammendenkt, ohne doch einem „luxuriösen Anti-Akademismus“ huldigen zu wollen. Dieser Spross einer Juristenfamilie, Jahrgang 1971, brilliert vor laufender Kamera als freihändig philosophierender Performancekünstler vor einem Saalpublikum, das seinen fieberhaften Präzisierungsimprovisationen voller virtuos gehandhabter Kunstsprache seit langem begeistert folgt. Einer der Grundgedanken dieses deutschsprachigen Dekonstruktivisten besagt, dass unsere konventionellen Realitätsbegriffe uneinlösbare „Konsistenzversprechen“ seien, nur imaginäre Sozialkonstrukte, die es zu de(kon)struieren gelte, also von der metaphysischen Höhe auf den Pisspott und Teppich zurückzuholen.

Steinweg führt seine Heiligen oft in Zitaten vor: Kafka, Beckett, Duras, Weil, Brecht, Cioran, Adorno, „Schriftsteller-philosoph“ Sartre und dann vor allem „poststrukturalistische“ französische Dekonstruktivisten wie Lyotard, Baudrillard, Bataille, Deleuze, Derrida, Foucault, Nancy u. a. Laut Sartre (1943) ist jedes menschliche „Für-sich-sein“ ein wohltuend freies „Loch im Seinsgewebe“. Sartre wird als Meister des poesie-philosophischen Essays gepriesen, der die Moralisten des 17./18. Jahrhunderts als Höhepunkt der französischen Literatur rühmte (obwohl er selber kein Aphoristiker war und z. B. Jules Renard signifikant verkannte).

Steinweg will sich mit Unbekanntem bekannt machen, um seine Bekannten wieder als große Unbekannte erleben zu können, um endlich vom unkonstruiert Realen hinter unseren bloßen Realitätskonstrukten und simulierten „Simulakren“ (Baudrillard) sich wieder verführen zu lassen. Der Autor will wie Adorno mit Verstand den Verstand verlieren, das ganz Besondere und konkret Individuelle vor abstrakten Allgemeinbegriffen retten, mit Begriffen die sich am Greifbaren vergreifenden Allgemeinbegriffe angreifen und rationale Rationalisierungskritik betreiben. Wahrheit, die nicht unwahrscheinlich scheine, sei lediglich verkleidete Lüge oder kompletter Irrsinn. Philosophie ist eine Kunst und keine Wissenschaft, wusste Schopenhauer.

So weit, so gut und schön. Aber Steinwegs Ansatz teilt die Schwächen aller „postmodernen“ Dekonstruktivisten. Dieses kontrolliert „delirierende Denken“ spielt verrückt, um nicht wahnsinnig zu werden, sondern denken zu lernen, und mit Wittgenstein immer wieder „ins uralte Chaos zurückzusteigen“, um ein bisschen ordentlichen Kosmos heimzuholen. Aber „nicht als Ideologiekritik“, sondern als „ganz andere“ Ideologie und fabrikneue Videologie?
„Wahres Denken korreliert mit dem Zufall“ (S. 39) des aphoristischen Einfalls, aber auch mit dem Zufallsgenerator der Künstlichen Intelligenz? So wenig wie Adorno oder Sartre haben die postmodernen Dekonstruktivisten selber pointierte Aphorismen verfasst, obschon Derrida schrieb: „Toute écriture est aphoristique.“ Alles zerläuft hier eher redselig weitschweifig, oft tautologisch in endlosen Synonymen und wird auch geschwätzig unter den Teppich zerredet wie nicht selten beim pastoralen Nietzsche (der daneben aber konzis gekonnte Sentenzen feilte). Alle wollen im weitesten Sinne politisch Linke sein und berufen sich doch auf so demokratiefeindliche Erzreaktionäre wie Nietzsche und Heidegger. „Unzeitgemäß“? Man darf lachen.

Mir erscheint die ganze metaphysikde(kon)struktive Veranstaltung wie ein burlesk inszenierter Theaterdonner mit zu wenigen Geistesblitzen. Zu Beginn elektrisierend originell, dann zunehmend langweiliger, wenn man die Machart und Stoßrichtung einmal kapiert. Man will Fortschritt, aber ums Verrecken nicht, dass das ewige Undsofortschreiten in alle Richtungen ein Ziel erreicht, also dessen einzigen vernünftigen Sinn. Es ist gleichsam eine Fastphilosophie ohne Fasten: Nur fast trifft das Wort die Welt, aber fast getroffen ist auch daneben. Das Sprachloch bleibt ein Sach- und Fachloch. Steinweg ist wie alle Postmodernen, wie auch Nietzsche und Wittgenstein, ein verspäteter Nachfahre der frühromantischen Universalpoesie von Fr. Schlegel und Novalis und deren „entfremdeter Subjektivität“ (H. Schmitz). Ironie sagt etwas Endliches und meint etwas Unendliches. Die Postmoderne postuliert, alles Wesentliche sei schon gedacht und die Traditionsbestände der Philosophie könnten nur noch als fertige Versatzstücke immer neu montiert und collagiert werden. Genau das passiert auch bei Steinweg: Wie unsere konventionellen Realitätsbegriffe nur Sozialkonfektionen und „unhaltbare Konsistenzversprechen“ seien, so fordern und versprechen auch die „Sprachlöcher“ immer wieder brandneue Gedanken, die aber dann kaum geliefert werden. Das Ganze bleibt ein bloßes Desiderat und immer neu beschworenes Programm, das jedoch nicht konkret ausgeführt wird im gepriesenen Einzelnen. Der Venusberg kreißt, und ein Mauseloch wird geboren.

Steinweg preist mit Valéry „Aufklärung ohne Wahrheit (ohne Gott, ohne Absolutes“ (S. 75). Sein dogmatischer Anti-dogmatismus versteht nicht mehr viel von jener „ontotheologischen“ Metaphysik, die er dekonstruiert. Sein Denken ist mainstream und zeitgemäßer, als er glaubt. Er „ist im Kommen, aber um nicht zu kommen“ (S. 65). Er glaubt, dass „jede Religion einen gewissen Atheismus transportiert.“ „Gott fällt mit seiner Inexistenz zusammen.“ (S. 62) So what?

Unter Dialektik scheint Steinweg zu verstehen, dass jeder Satz auch seinen Gegensatz meint, dass alles Positive auch etwas Negatives und jedes Minus auch sein bisschen Plus habe. Jedes Fast-Urteil, das alles und nichts verurteilt, lässt sich auch mechanisch umkehren. Sinn ist Unsinn, Nonsens ist der Sinn des Sinns etc. etc.

Mehr als etwa einhundert Leseseiten hat der Rezensent nicht geschafft, dann fiel er in ein Schwarzes Loch auf Nimmerweiterlesen und tauchte durch ein „Wurmloch“ am anderen Ende der Milchstraße wieder heil auf.

(Wenn die Leserin oder der Leser Zitate als Beleg vermissen sollte: Sie finden sich in den älteren Rezensionen Spickers und Eilers’ auf www.dapha.de reichlich und können hier wie dort als Belege gelten.)

 

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