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Jürgen Wilbert über:
Martin Liechti: Fernab und nebenbei – Aphorismen und Notate. Düsseldorf: Edition Virgines 2026.
Es handelt sich hier um den 12. Band des namhaften Zürcher ‚Altmeisters’ Martin Liechti, geboren 1937 in Jegenstorf (im Kanton Bern). Damit gehört er zweifelsohne zu den produktivsten Autoren der kurzen Gattung. Nach einem abwechslungsreichen beruflichen Werdegang (u. a. als Hotelsekretär, Korrespondent und Werber) ließ er sich 1964 als Texter in Zürich nieder, wo er heute noch lebt (laut seinem Wikipedia-Artikel). Neben fünf Romanen wandte er sich ab dem Jahr 2000 verstärkt der Gattung der Aphorismen zu, die dann seine neue Domäne werden sollte.
Die jüngste Publikation umfasst 128 Seiten und bietet den Lesenden vorab als Inhaltsverzeichnis eine thematische Strukturierungshilfe – in Gestalt von über sechzig Kernbegriffen (von Ablenkungen über Entzücken und Maßnahmen bis Zuversicht), wobei die inhaltliche Zuordnung der Aphorismen bisweilen doch recht willkürlich ausfällt. So findet sich unter „Ablenkungen“ ein Notat über die Zeit, das meines Erachtens besser in die Rubrik „Zeiten“ gepasst hätte.
Unter „Aphoristisches“ warnt der Autor sogleich: „Der Aphoristiker übt keine Nachsicht; sie verschwindet bei ihm wie in einem schwarzen Loch.“ (19) In der Tat, Liechti macht es – wie in den Vorgängerbänden „Kurzum“ (2022) und „Wege und Nebenwege“ (2024) – der Leserin / dem Leser nicht immer leicht, seine aphoristisch-lyrischen Momentaufnahmen, Mutmaßungen und Kurzreflexionen nachzuvollziehen, wie etwa hier: „Jeder wartet irgendwo und wird nicht abgeholt. Staunt, wie wenig er über sich weiss und wie vieles auch anders sein könnte … Alles bleibt zufällig.“(35) Friedemann Spicker verortete seinen Stil bereits „Zwischen Poesie und Dialektik“, und Peter K. Wehrli gelangte zu dieser Einschätzung: „Liechti fügt einzelne seiner aphoristischen Sentenzen zu einem Gefüge zusammen, das man durchaus als Lyrik erlebt …“ (im Nachwort zum Band „Kurzum“, BUCHER Verlag: Zürich 2022, S. 163). Mit dem Ergebnis, dass der/die Aphorismus-erprobte Lesende tiefere Zusammenhänge und Folgerungen selbst erschließen muss.
Am scharfsinnigsten und prägnantesten sind die knappen Ein-Satz-Aphorismen, so in den folgenden Beispielen: „Das Staunen braucht immer mehr Effekte.“ (15) / Der Mensch macht sich immer mehr zur Prothese.“ (35) / „Wer denkt, belastet sich.“ (115) / „Flotte Werte finden reißenden Absatz.“ (126) Das gilt auch für diese beiden markanten Aphorismen zum Thema „Alter“: „Die Verwirrung nahm zu – im Kleinen. Im Großen hielt er noch dagegen.“ (16) / „Wenn das Leben umständlich wird, dann bist du alt.“ (17)
In einigen seiner Notate liefert er selbst schon die Interpretationen / Erläuterungen: „Der Anteil des uneigentlichen Lebens nahm im Laufe der Jahre zu, fand er. Doch rette sich, wer kann! Noch bleiben ein paar Lebensinseln.“ (17) Viele seiner Aphorismen sind selbstbezüglich; im Grunde ist das Buch eine Übung in Selbstreflexion bzw. der Versuch einer Selbstvergewisserung. So sind viele Sentenzen in der Form eines inneren Monologs verfasst: „Dir geht es gut, raunte er sich zu, bis er es glaubte.“ (44) / „So viele Überzeugungen habe ich gar nicht, fand er, um meinen Handlungen eine andere Richtung zu geben.“ (33) Häufig finden wir auch die Frageform: „Wenn du meinst, dass dir etwas zusteht, bist du dann weniger dankbar, wenn es dir zufällt?“ (42) / „Die Frage ist, wie soll man von da herausfinden, worin man steckt – ohne sich abzustreifen?“ (66) Und als fragwürdige Kritik der herrschenden Sprachpraxis: „Warum sollten wir die Fülle der Sprache, warum den Überfluss des Deutschen verleugnen oder abwürgen?“ (91)
Bei allem versierten Umgang mit aphoristisch-rhetorischen Stilmitteln (z. B. Kontradiktion / Paradoxie / Neologismus / Variation von Redensarten) geraten manche seiner Notate zu sehr in die Nähe spirituell-appellativer Trostsprüche: „Verweist nicht das Licht allein schon auf die Herrlichkeit der Welt? Und vielleicht fällt etwas Erleuchtung für dich ab?“ (55) Oder als Motivationssentenz: „Betrete den neuen Tag wie eine Bühne – beherzt und siegesgewiss, selbst von dir überzeugt.“ (45) Schließlich stoßen wir auch auf diesen naturlyrischen Ratschlag: „Nicht klagen über das Grau des anbrechenden Tages. Setze dich in den Baumwipfel wie jener Vogel dort und pfeife.“ (128)
Auffällig ist ferner die Anzahl der Er-Aphorismen, vergleiche etwa S. 102: „Warten gehört dazu, warten stärkt den Charakter … So verwartete (sic!) er sein Leben.“ An anderer Stelle: „Mancher verliert den Charakter, indem er sich anbiedert.“ (66) / Und unter „Fromme Wünsche“: Die Leere zieht die Sprache an, hoffte er, und hielt sich offen.“ (53) Auf der anderen Seite scheut Liechti aber auch nicht vor trivialen Wortspielen zurück: „Alles ist gut, aber einiges ist besser.“ (83) / „Er gebe sich keine Blöße, dachte der Blitzgescheite – und blitzte ab.“ (95) / „Manche haben mit Lügen Glück. Andere schon.“ (118)
Insgesamt ist das inhaltliche Gefüge des Buches meines Erachtens von einer eher kulturpessimistischen, ja misanthropischen Weltsicht durchdrungen: „Das Gute ist Vermutung, das Böse gibt es.“ / „Er strafte sich selbst, indem er allein blieb.“ (100) Es werden etliche Grundsatzfragen menschlicher Existenz angesprochen bzw. eher angerissen oder in Frage gestellt, aber die Antworten bleiben durchweg zu abstrakt oder diffus – und hinterlassen so beim Lesenden Ratlosigkeit, wie in diesen Textbeispielen: „Braucht die Freiheit einen Rahmen? Wer sollte ihn bestimmen? Wage es!“ (117) / „Oft macht man weiter. Wo Halt gefordert wäre. Aus Pflicht, Gewohnheit, Stur- oder Dummheit. Ein Neuanfang ist hart, lieber verpasst man ihn.“ (119)
Und ausgerechnet auf der letzten Seite lesen wir unter der Überschrift „Zuversicht“ diesen wohl kaum aufbauenden Kommentar: „Das Leben zieht an uns vorbei, auf schwer einsichtigen Bahnen, die wir vermuten, auf eine Verschränkung hoffend, auf eine Sinnspur wenigstens.“ Es fällt somit schwer, jemandem, der in der kurzen Gattung Trost sucht, diesen Band zu empfehlen, wenngleich dieser eine Reihe von Ratschlägen bereithält, so diesen: „Auch wenn dir kein Stern vor die Füße fällt, bleibe hoffnungsfroh.“ (47)
Dennoch abschließend: Wer dieses „Brevier als Stundenbuch für Besonnene, für Trostsuchende im Irrsinn des Alltags“ (so Michael Rumpf im vorderen Klappentext) intensiv durchforstet, wird auf ausgefeilte aphoristische Miniaturen stoßen, wie diese beiden Aphorismen: „Ein Stück Sprache fiel ihm aus der Hand, zerbarst und ließ sich nicht wieder fügen.“ (27) / „Das Hochtrabende versteckt sich auch im Verknappten.“ (18)
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