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Friedemann Spicker über:
Mechthilde Lichnowsky: Der Kampf mit dem Fachmann. Hg. von Hiltrud und Günter Häntzschel. Göttingen: Wallstein 2024.

 

Mechthilde Lichnowsky (1879-1958) gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen der 20er Jahre. Sie war vielseitig künstlerisch talentiert und mit vielen Literaten und Künstlern von Rilke und Hofmannsthal bis Sternheim und Becher befreundet. In den 30er Jahren konnte die entschiedene Gegnerin des Nationalsozialismus (mit englischem Pass) nicht ausreisen, 1946 ging sie nach England. Heute ist sie weitgehend vergessen. Eva Menasse hat ihr in der vierbändigen Werkausgabe einen schönen Essay gewidmet.

„Ich will Ihnen doch nur von einem Aphorismus erzählen, den ich einmal machen werde.“ (19) Diesen Satz einer ‚aphoristischen Vorschule‘ könnte man als Motto über ihr Buch „Der Kampf mit dem Fachmann“ stellen. Als „Anekdoten- und Aphorismensammlung“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 7. 5. 2024) bezeichnet die Rezensentin Katharina Teutsch es unzutreffenderweise. Auch wenn im Nachwort von „Berichten, Essays, Anekdoten, Reflexionen, Dialogen, Aphorismen, Gleichnissen“ (265) die Rede ist, muss man das, was den Aphorismus betrifft, korrigieren. Sonderbarerweise fällt auch hier der Begriff des Feuilletons nicht, der die anekdotisch oder dialogisch wiedergegebenen kleinsten Begebenheiten, die geistreich und mit viel Sprachgefühl zergliedert werden, am ehesten trifft. Auf die Dauer freilich wirkt das Ganze auch mitunter allzu weitschweifig.

Unter der Perspektive des Gegensatzes von Laie, der es es nicht wissen darf, und Fachmann, der es nicht nicht wissen darf (75), wird alles und jedes abgehandelt: „Die einen nennen sich Fachmann und sind Laien, die Anderen wären wohl Fachmänner, müssen aber den Laien spielen.“ (9) Das reicht von Alltagsszenen bei Schneider, Schuster oder Fotograf über den Fachmann Lehrer bis zu „Fachmännern des Glücks“ und „Fachmännern der bürgerlichen Moral“ (93). Das „Missionargebaren des Fachmanns“ (63) ist allgegenwärtig: Noch die Ehe wird witzig unter der Fachmann-Laie-Perspektive betrachtet. Zwei Mittel stehen dem Fachmann dafür zu Gebote, zum einen eine tückische Dialektik: „Ist es denkbar, dass man ein Lamm so lange prügelt, bis ein Metzger daraus wird?“ „Der Fachmann bringt es ohne Prügel durch Dialektik zustande.“ (130) Zum andern ist er „im Besitz aller Redensarten, aller Fertigware an Sätzen über Politik, Kunst, Ethik“ (137). In beiden Fällen geht es also vornehmlich um Sprache, in beiden Fällen sehen wir uns in einer Vorschule des Aphorismus. Es handelt sich beim „Kampf mit dem Fachmann“ eigentlich um einen Kampf um die Sprache. In einer Sprach- und Sprechlehre werden Phrasen und Floskeln auseinandergenommen, die in Sprache sedimentierten Vorurteile analysiert. Damit kündigt sich 1924 schon Lichnowskys schärfste Kritik an der Sprache des Nationalsozialismus an: „Worte über Wörter“ konnte erst 1949 erscheinen. Das Buch ist leider neben Victor Klemperers „Lingua tertii imperii“ (1947) und Sternbergers, Storz’, Süskinds „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ (1957) nicht recht zur Geltung gekommen und verdiente nach 1964 eine wiederholte Neuauflage.

Ihre Sprachkritik beglaubigt die Autorin durch ihre eigene Sprache in jeder Hinsicht. Und es bringt Gewinn und macht Freude, ihr Gefühl für die Sprache bis hin zur Aussprache nachzuvollziehen und ihre Kreativität und Sensiblität in dieser Hinsicht reichlich zu illustrieren, ob sie angesichts (richtiger: -hörs) dessen, was sie vernimmt, aus den Ohren weinen möchte (31) und dann „nichts auf der Zunge [hat] als das Bedürfnis, sie herauszustrecken“ (52), ob eine Person „zischt vor Lächeln“ (97) oder eine andere ein „Gutachten oder Schlechtachten“ (65) verfasst. Die aphoristische Vorschule im Sinne meines Mottos zeigt sich auch in Porträts à la La Bruyère (97ff., 169ff.) und Typen wie dem Parteiergreifer (28, 31), dem Standpunktvertreter (31), der Gattenbesitzerin (40) oder der stehenden Figur des Herrn Einwender; sie zeigt sich in der Verwendung von Redensarten („zu weit gehe ich nicht, aber ich gehe“, 113), im Wörtlichnehmen, bei dem „Gipfel der Frechheit“ (111), dem „hinkenden Vergleich“ (40) oder dort, wo sie „auf künftige Unbekanntschaft trinkt“ (100); sie zeigt sich gleicherweise in dem weiten Bereich der Metaphorik („Ohrfeigengesicht“, 99; „wo ein Märzwind die Blüten ohrfeigt“, 95) und des Vergleichs: „Die Ehe könnte eine wunderbare mathematische Größe darstellen, sie ist gewöhnlich eine kleine Schneider- oder Metzgerrechnung, die mit den schönen Worten „Mit Gott“ beginnt und der Teufel weiß wie endet.“ (161) Und sie ist heute wenn auch nicht hautnah, so doch alles andere als überholt: „Der Bödsinn von hautnah ist unermesslich.“ (156)

Mit dem Kampf gegen die Phrase, mit Einzelheiten wie dem brillanten Spiel von Können, Wollen und Wissen und deren Konjunktiven (43) hier, der bedingungslosen Berufung auf das eigene Ich und der stilistischen Auseinandersetzung mit einer Kritikerin (151ff.) dort sind wir natürlich längst bei Karl Kraus, der „entscheidenden Geistesfreundschaft ihres Lebens“. (1) (Auch – kein Wunder – an den von ihm verehrten Karl Valentin werden wir übrigens erinnert; man vergleiche nur das vertrackte Spiel mit Öse und Haken, 25). 1918 sind sich beide das erste Mal in Berlin begegnet; es wird eine lebenslange Freundschaft daraus. Trotz gelegentlicher Spannungen – Kraus hat sich mehrfach plagiatsnahe ihrer Ideen für „Fackel“-Texte bedient – reicht sie über seinen Tod hinaus: Die Widmung von „Worte über Wörter“ lautet: „In Freundschaft dem damals lebenden Karl Kraus gewidmet, und heute dem unsterblichen“.

Im Vorfeld des Aphorismus sind wir aber nicht nur dort, wo die Autorin auf vielfältige Weise ‚von einem Aphorismus erzählt, den sie einmal machen wird‘, sondern auch in aphoristischen Texten selbst, die sich vielfach herauslösen lassen. Mit der gattungsgemäßen Apodiktik: „Nichts ist leichter zu erlernen als die Kunst des Ungefähr.“ (44); „Nichts besteht aus mehr Licht als die Wahrheit, nichts ist lichtbedürftiger als der Effekt.“ (43); mit der den Essay eröffnenden überraschenden Behauptung „Zu einer guten Ohrfeige gehört Kälte.“ (96); mit dem antithetisch angelegten doppelten Relativsatz: „Wer nie ein Kind war, ist kein Mann; wer n u r ein Mann ist, dem gnade Gott!“ (134) Die aphoristische Rätselfrage „Wer ist der unerbittlichste Fachmann? Das Schicksal“ (224) ist geeignet, für den „Kampf mit dem Fachmann“ als kleiner Vorschule der Aphoristik den Bogen zu schlagen.

 

(1) Jens Malte Fischer: Karl Kraus. Der Widersprecher. 3. Aufl. Wien 2020, S. 163-169, hier S. 163.

 

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