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Friedemann Spicker über:
Peter Sloterdijk: Polyloquien. Ein Brevier. Zusammengestellt und mit einer Gebrauchsanweisung versehen von Raimund Fellinger. Frankfurt: Suhrkamp 2018.

 

Zur Grenzbestimmung gehört es auch, die jenseitigen Nachbarn zu verorten. Zu dieser Überlegung im Umfeld des 10. Aphoristikertreffens führt Peter Sloterdijks schmales „Brevier“ mit dem Titel „Polyloquien“. Unter diesem aktuellen Aspekt mag die harsche Kritik von Alexander Eilers an Sloterdijks Kurzformen in dieser Reihe eine Ergänzung finden. (Eilers streift die „Polyloquien“ überdies ja nur; mittlerweile liegt ein ein dritter Band der „Zeilen und Tage“ vor. Er bleibt „der polythematischen, sprunghaften, weitwinkligen und mit dem Zufall sympathisierenden Grundhaltung treu.“)

Breviere, Kurzexzerpte aus den Werken eines Schriftstellers, sind in der Veröffentlichungspraxis relativ weit verbreitet. Falls sie auf Entscheidungen fremder Herausgeber beruhen, „jene Sätze auszuwählen, die aphoristischen Charakter haben“, wie einer von ihnen erklärend schreibt, so etwa bei Robert Walser, Hermann Hesse oder Max Frisch, kann man sie unter dem Gesichtspunkt der Autorintention unschwer aus der Gattung ausschließen, auch wenn sie zum Teil expressis verbis unter dem verkaufsfördernden Rubrum „Aphorismen“ firmieren. Die Motivation reicht dabei vom postumen Freundesdienst über den billigen Digest zum Kaufanreiz des größeren Ganzen. Schwieriger wird die Argumentation, wenn die Autorin oder der Autor selbst sie ausgewählt haben, wie zum Beispiel Karl Heinrich Waggerl (1979) oder Gertrud von Le Fort (1962). Unter funktionalen Aspekten ist der Ausschluss im einen wie im anderen Fall ohnehin kaum möglich. Diese Texte sind zum Teil als Aphorismen rezipiert worden und nehmen mitunter sogar einen bedeutenden Platz in der Gattungsgeschichte ein. (1)

In diese Forschungsdiskussion sind Sloterdijks „Polyloquien“ zu stellen. Der Titel ist eine Neuprägung analog zu Kolloquien und wird erläutert als „das Gespräch in einem Kopf, der sich unterschiedlichsten Aktivitäten gleichzeitig widmet und sie [..] miteinander verquirlt.“ (83) Auch wenn der Klappentext mit der „größtmöglichen Zuspitzung“ und „aufblitzenden Maximen“ Gattungsnähe suggeriert, stellt der Herausgeber im kurzen Nachwort unmissverständlich fest: „Es geht nicht um die Entdeckung eines Aphoristikers“ (82).

Vier Figuren, einem Makrohistoriker, einem Literaturhistoriker, einem Theologen und einem „Opiniater“, einem „Facharzt für Erkrankungen des Meinungsapparates“, werden in vier Szenen unterschiedlichste Texte zugeordnet. Vorangestellt sind vier unterschiedlichste „Impulsreferate“, die von Thesen im Gestus des unabbaubaren Überschusses („mehr als“, z. B. „Es werden überall mehr Ausnahmen in Anspruch genommen, als durch Modernisierungen der Regel wieder einzufangen waren.“, 10) ) über eine kurze Geschichte der Ironie (sokratische, romantische, kybernetische Ironie) bis zu einem Kurzessay zur päpstlichen Tiara reichen.

In den Szenen kommen unter aphoristischem Gesichtspunkt besonders die „Fragmente über Gott und die Welt“ (55-60) sowie die „fingerspitzenphilosophischen Anmerkungen“ (75-77) in Frage. Zugespitzte Definitionen („Konsument ist, wer einen nicht mehr vom Glauben an bleibenden [!] Wert geprägten Umgang mit dem Gegebenen pflegt.“, 17), der Perspektivwechsel („Das aufrührerische Korn denkt, es verändert die Mühle, wenn es sich von ihr zermahlen lässt.“, 57), das Bonmot (der Philosoph als „Experte für die Rückformulierung von Witzen in Probleme“, 60) und die Paradoxie („Das Unglaubliche ist der einzige Maßstab, an den zu glauben immer richtig ist.“, 75) stehen für die Nähe zur Gattung. Hinzu kommen die überschäumende Neologismenfreude („Deliriumsbereitschaft“, 11; „Metakeramik“, 72); „Kugelvergessenheit“, 80) und der Reichtum an innovativer Metaphorik. Wenn der Mensch in seiner Hohlheit (72) gedacht wird, der verurteilt ist, stets am Rande der Erdkugel zu agieren, nie innen (76), ist ein gewissermaßen umstülpendes anregendes Denken zu beobachten, das sich allerdings auch zu mehr als gewagten Thesen versteigt („Die Moderne hat den Verlierer erfunden.“ (55) Diese wenige Beobachtungen können freilich nichts daran ändern, dass Sloterdijks Brevier unter dem Aspekt der Gattungsgrenzen allemal ein Nachbar von jenseits des Zaunes bleibt.

 

(1) Im Nachwort zu meiner Anthologie „Aphorismen der Weltliteratur“ habe ich mich mit dem Problem konkret an Beispielen auseinandergesetzt (2. Aufl. Stuttgart: Reclam 1999, S. 324–326).

 

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