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Elisabeth Turvold über:
Rolf Friedrich Schuett: Mit einem Satz ins Freie. Reflexionen, Urteile und Sentenzen. Überarbeitete Auflage. Norderstedt: Books on Demand 2018, 192 S.

 

Rolf Friedrich Schuett (geb. 1941) hat seit 1995 insgesamt achtundachtzig aphoristische oder aphorismenhaltige Bücher in die Welt gesetzt, eine unfassbare Produktivität, die an sich schon zu würdigen ist. Der Band „Mit einem Satz ins Freie“ von 2018 (Erstauflage 2016) ist eine Publikation, deren Edition bereits einige Jahre zurückliegt. Man könnte fragen: Warum erst jetzt diese Rezension?

Der Klappentext verspricht „rationale Vernunftkritik in konzisen Gedankenexperimenten“; dies „in der Tradition europäischer Moralisten seit dem 17. Jahrhundert“. Ja, man begegnet ihr, der spitzen Feder, die die Sentenzen der Moralisten kennzeichnet: „Liebe an deinem Nächsten, daß er sich mehr liebt als dich!“ (S. 89) – „Wir tadeln den, der uns nicht dafür lobt, daß wir ihn loben.“ (S. 105) – „Heute entlasten die Pflichten von der Verpflichtung, sich zu amüsieren.“ (S. 131) Hierzu gesellt sich eine intensive Beschäftigung mit dem ‚Genre der Genrelosen’, deren Frucht die Infragestellung der eigenen Obsession ist: „Nur Aphoristiker lesen gern schlechte Aphorismen. Sie studieren Konkurrenten.“ (S. 44) Schuett arbeitet zudem gerne mit Sprichwörtern: „Wer sich keine Grube gräbt, fällt in die der anderen.“ (S. 17) Oder: „Asche zu Asche. Staub zu Staub. Nur nicht aufwirbeln.“ (S. 49)

Ironie ist ein Stilmittel: „Ob Psychiater überflüssig sind, hängt davon ab, ob Menschen ihren Realismus für eine Depression halten oder ihre Lebensfreude für eine manische Phase.“ (S. 96) – „So recht diskutieren läßt sich nur mit Leuten, die Unrecht haben.“ (S. 154)

Im Kern aber sind es – hier wie in anderen Büchern – die philosophischen Aphorismen, Sätze mit tiefem Gehalt, die Schuetts Format offenlegen: „Die Freiheit der Gedanken ist ein schöner Gedanke.“ (S. 142) – „Lebensweisheit ist ein Gedankengang nach Canossa.“ (S. 144) Religion spielt eine Rolle, was sich in Sätzen offenbart wie: „Gott ist tot? Du sollst nicht töten.“ (S. 36) Ein wiederkehrendes Thema ist der Materialismus: „Idealisten fragen, wozu Materialisten leben. Diese fragen, wovon jene leben.“ (S. 137) – „Werden Marktforscher zu Musen, entstehen Bestseller.“ (S. 90) – „Daß die Menschen nicht glücklich werden mit dem, was sie haben, beweist nicht ihre Unersättlichkeit, sondern daß sie eigentlich etwas ganz anderes wollen.“ (S. 129) Ein feinsinniger Pazifismus kommt in nachfolgendem Satz zum Tragen: „Man muß das Eisen kühlen, das andere nicht schmieden sollen.“ (S. 52) Dabei weiß Schuett, der sich – themenbezogene Bände zusammenstellend – auch den erneuten Abdruck bereits veröffentlichter Denksprüche erlaubt: „Die Welt ist erst einmal dahin zu ändern, daß sie sich überhaupt ändern läßt.“ (S. 186, zuerst in „Aphorismen zur Binsenweisheit von morgen“, 1995, S. 52)

Am vorliegenden Band fällt auf, dass er von Sprachspielen und verschachtelten Sätzen durchsetzt ist, die durchaus nicht der philosophischen Ader Schuetts widersprechen müssen: „Wahrnehmungen geben nur die Wahrheit von Wahrgebern wieder.“ (S. 24) – „Optimisten sind Pessimisten, die die Zukunft des Pessimismus eher trübe sehen.“ (S. 75) – „Erfindungen bringen Erfinder in Not, die erfinderisch macht.“ (S. 149) Die Reihe solcher Aussagesätze ließe sich fortsetzen. Selbst wenn manche der Sprachspiele entbehrlich gewesen wären, kann man sie als Auflockerungen begreifen, die das Gesamtwerk verdaulicher machen.

Alles in allem hat Rolf Friedrich Schuett, der als Systemanalytiker in der Atom- und Raumfahrtindustrie gearbeitet hat, mit diesem Buch ein Teilstück in einem aphoristischen Universum geschaffen, das für sich besteht, aber auch Neugier auf die Lektüre der neueren Veröffentlichungen – zuletzt „Ohne Fortschritte kämen wir überall hin. Geschwind verschwindet am schnellsten“ (2026) – weckt. Darum jetzt diese Rezension.

 

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