zurück zur Übersicht der Rezensionen
Hans Norbert Janowski über:
Rudolf Kamp: Sprüchemenü. Aphorismen und Sprachspiele zu Facetten unseres Daseins. Mit Cartoons von Pol Leurs. Düsseldorf: Virgines 2026.
Der Autor von „Sprüchewirbel“ (2013) und „Schnappsprüche“ (2014), Rudolf Kamp, serviert diesmal ein „Sprüchemenü“ – wie es sich gehört, mit drei Gängen: eine Vorspeise mit leichter, verspielter Kost, den Hauptgang mit aphoristischen Spotlights auf das persönliche, soziale und politische Leben sowie ein leckeres Dessert von Sprich- und Schachtelwörtern sowie Wortspielen.
Zum Einstieg appetitanregend: „Das Yin und Yang der Sehnsucht: Fernweh und Heimweh“, wobei die Heimat doch schon ambivalente Züge zeigt: „Heimat: wo nicht alle Ränder rund sind, aber die Mitte beherzt“. Die himmlische Heimat wird dabei eher irdisch betrachtet: „Heruntergekommen ist Gott uns näher“. Das ist leicht gesagt, aber handfeste Theologie; so auch im Gegenzug: „Essenz des Menschseins: aufrecht stehen und den Himmel sehen.“ – Das sportliche Hors d‘oeuvre gibt sich demgegenüber eher im Wortspiel: „Eishockey-Taktik: das Spiel scheibchenweise gewinnen“, oder: „Schwarz: früher Farbe der Trauer, heute der Trainer – schon vor der Entlassung.“
Im umfangreichen Hauptgang bekommen die Leser*innen etwas zu kauen: „Es gibt Menschen, die geben Umgangsformen den Vorzug vor Prinzipien.“ Und: „Wird die Diskussion durch Sachkenntnis getrübt, verliert der Fanatiker den Durchblick.“ Im Blick auf die conditio humana bietet Kamp eine Vielfalt von treffenden Beobachtungen: „Erlebtes prägt tiefer als Erlerntes“, oder: „Mehr als kleiner Unterschied: beliebt oder geliebt:“ – „Wird Erziehung zur Wissenschaft, macht sie aus Subjekten Objekte.“ Hier spricht der erfahrene Pädagoge – mit geübt verhaltenem Biss.
In diesem Rahmen gibt sich auch die Lebensweisheit und -erfahrung zu erkennen: „Der Zukunft Rede und Antwort stehen: Verantwortlichkeit“. – „Das Janusgesicht der Scham: zu wenig macht dreist, zu viel verklemmt.“ – „Wertvolles Nahrungsergänzungsmittel im Alter: Erinnerungen:“ – Eindringlich und wiederholt stellt Kamp das nackte Dass vor dem Wie ins Zentrum der Betrachtung: „Das tiefste Wunder des Seins: nicht wie die Dinge sind, sondern dass sie sind:“ – „Was wir vor allen Dingen lernen können: am Dasein ein Genüge haben.“ – „Vielleicht die schlimmste Verformung unseres Daseins: wenn uns hat, was wir haben.“ – Haben und Sein: „Haben kann das Sein nicht ersetzen, aber Sein ist nicht leicht zu haben.“
Vor diesem Hintergrund gewinnen auch die Aperçus zur politischen Welt ihre Kontur: „Wörterbuch 2525: Mensch: Vorläufer der KI.“ – „Digitalis und Digitalisierung: wortverwandt und wirkverwandt?“ – „Radio heute: ein unerhörter Augenschoner.“ – „Große Koalition: Konkubinat von Konkurrenten.“ – „Gemein: wenn das Gemeinwohl als Ausrede für politische Gemeinheiten herhalten muss.“
Da erleichtern zum Dessert Wortspiele und Redensarten die Verdauung: „Erst schien er kein Wässerchen trüben zu können, dann musste er untertauchen.“ – „Brillante Art, von sich reden zu machen: durch Abwesenheit glänzen.“ – Dazu auch das Vergnügen von Schachtelwörtern und Wortspielen wie: „Sprechblasenentzündung: grassierendes Politikerleiden.“ – „Geisterfahrerflucht: Kehrtwende.“ – „Theaterkritiker: Gibt dem Leser eine Vorstellung seiner Vorstellung von der Vorstellung.“ – „Lieblings-Fastfood für Kleinkarierte: Spießburger“. – „Beim Reden umgekehrt wie beim Schreinern: besser locker als geschraubt.“
Rudolf Kamps Themenspektrum verrät den ausgebildeten Philosophen. Er bedient sich dennoch der eingängigen, klaren Sprache des Andragogen und bevorzugt die kurze Form des Ein-Satz-Aphorismus. Seine Formenpalette nutzt alle Varianten des Spruchs und des Wortspiels. Zuweilen verschenkt er die Pointe, wenn er sie aufschreibt, statt sie dem Verständnis der Leser*innen zu überlassen; Beispiele: „Verbaldreistigkeit: wozu etwas belegen, wenn’s schon das Behaupten tut?“ oder: „Idealfall von Täuschung: wenn andere auf das hereinfallen, was du dir selbst vormachst.“
Die Cartoons des Luxemburgers Pol Leurs, mit dem Kamp gerne zusammenarbeitet, sind zeichnerisch und thematisch eine besondere Kostbarkeit.
zurück zur Übersicht der Rezensionen
