zurück zur Übersicht der Rezensionen

 

Jürgen Wilbert über:
Savas Simsek: Sententias – Sentenzen und Aphorismen. Agora: Kindle Direct Publishing 2025

 

Der Autor wurde 1975 in Pinneberg als Kind türkischer Gastarbeiter geboren und wuchs in Schenefeld (im Kreis Pinneberg) auf. Nach Abschluss seines Studiums der Wirtschafts-wissenschaften mit Schwerpunkt Marketing, Betriebs- und Organisationspsychologie lebte und arbeitete er in Hamburg. 2009 zog er nach Berlin. Seit seiner Jugend beschäftigt er sich mit Psychologie, Kosmologie und Mystik. Diesen drei Bereichen widmet er auch sein Schreiben.

Seine Hauptintention ist die Suche nach existenziellen Antworten, um die Welt und ihr Inneres besser zu verstehen. Laut Klappentext des jüngsten Buches „Sententias“, das sage und schreibe über 4000 Sentenzen und Aphorismen umfasst, ist er: „Getrieben von dem unbändigen Drang, hinter den Vorhang der Wirklichkeit zu blicken.“ Er hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, neben einem Buch über Gleichnisse und Parabeln („Der Wanderer“) auch zwei spezielle Aphorismen-Sammlungen mit den Titeln „Contemplationes“ und „Reflexionen“. Dem aktuellen Band (im Umfang von 317 Seiten) ist zur besseren thematischen Orientierung ein ausführliches Inhaltsverzeichnis vorangestellt mit insgesamt über neunzig Kapitelüberschriften – „Von der Philosophie“ bis „Von der Stille“.

Der Anspruch des Buches ist vom Autor selbst recht hoch gesetzt. Exemplarisch soll im Folgenden anhand von drei Kapiteln gezeigt werden, inwieweit die Sentenzen und Aphorismen diesem selbstgesteckten Maßstab gerecht werden. Zu diesem Zwecke habe ich zuerst den Inhaltsbereich „Von Krieg und Frieden“ (S. 118) gewählt. Die zwölf Gedankenanstöße basieren durchweg auf der Grundprämisse, dass Krieg der natürliche Zustand des Kosmos ist. Vor diesem Hintergrund sind einige der Aphorismen redundant, denn sie beschreiben diesen Zustand bloß mit anderen Worten, zum Beispiel in diesen Sätzen: Nicht Krieg, sondern Frieden ist ein unnatürlicher Zustand … / Ferner: Frieden ist eine Illusion und künstlich. Andere Aphorismen zu diesem Thema sind zu selbsterklärend, um erhellend oder gar originell zu sein, u.a. Solange du Krieg führst, wird es keinen Frieden geben. Oder: Frieden ist die Abwesenheit von Krieg. Gleichermaßen kann man behaupten, Krieg sei die Abwesenheit von Frieden. Hier gilt wie in den anderen Rubriken auch: Weniger Sentenzen wären mehr, zumal trennschärfere. Eine solche Selektion würde auch die Lektüre des Buches lesefreundlicher gestalten.

Dies gilt auch für andere Themenabschnitte, zum Beispiel „Von der Philosophie“ (11/12). Hier wechseln sich durchaus tiefgründige Sentenzen mit eher vordergründigen, ja banalen Aussagen ab. Man betrachte nur Philosophieren bedeutet hinterfragen. Sowie diesen saloppe Vergleich: Wenn die Philosophie in dir zu werkeln beginnt, liegt die Zeit der vermeintlichen Klarheit hinter dir. Und vergleiche sie mit den folgenden auch aphoristisch ansprechenden Aussagen Philosophieren ist das Unterfangen, das zu ergründen, was unergründlich ist. / Wer nie seine Meinung wechselt, ist entweder ein großer Philosoph oder ein Narr. Ansonsten drehen sich auch hier viele Sentenzen um ein und dieselben antithetischen Prämissen des Ergründlichen / Unergründlichen bzw. des Absoluten / Relativen. Bisweilen geraten Simseks Aphorismen auch ins arg Pathetische: Wenn der philosophische Wind der Freiheit weht, hält kein Segeltuch des Wissens stand.

Ähnlich lesen sich auch diese Sentenzen in der Rubrik „Vom Lernen“: Wer immer das macht, was er gelernt hat, bleibt für immer eine Kopie, ohne Wahrhaftigkeit, Lebendigkeit und Seele. (153) Oder: Kinder wachsen an der Flamme der Inspiration, nicht am Gewicht des Wissens.(154) In einen logischen Widerspruch zu den eigenen Aussagen zuvor bringt sich der Autor mit diesem Satz: Es ist schon seltsam, dass der Mensch überhaupt etwas lernt, weiß er doch stets alles bereits. Denn zugleich behauptet er vorher: Nur ein guter Schüler lernt sein leben lang, ohne jemals zu wissen.(153) Zudem geht diese Sentenz meines Erachtens von einem falschen, eigens konstruierten Widerspruch aus. Stehen Lernen und Wissen nicht grundsätzlich in einem unauflösbaren, wechselseitigen Zusammenhang?

Alles in allem ist der Autor angesichts der Fülle der zu Papier gebrachten aphoristischen Gedankengänge zu bewundern. Zu empfehlen wäre für zukünftige Publikationen jedoch eine stringentere Durchdringung, Strukturierung und Reduzierung der Themenfelder und Stichworte. Wer bei der Lektüre der „Sententias“ Durchhaltevermögen besitzt und sich zu einem dosierten Lesen entschließt, wird mit Sicherheit auch die eine oder andere denk-würdige und originelle aphoristische Perle entdecken, wie es schließlich auch dem Internetforum www.aphorismen.de gelungen ist. Das mögen abschließend diese drei ausgewählten Textbeispiele belegen: Fragt Gott nach dem Sinn seines Daseins? / Nur wo Platz ist, können die Wurzeln der Erkenntnis wachsen. / Der Glaube ist ein anderes Gesicht der Hoffnung.

 

zurück zur Übersicht der Rezensionen