Rezensionen


Zu dieser Rubrik

Der Aphorismus hat es – wem sagen wir das? – auch in der kritischen Berichterstattung schwer. Dem wollen wir mit einer neuen Rubrik auf unserer Website entgegenwirken. Sie soll zugleich der kritischen Information unserer Mitglieder dienen. In unregelmäßigen Abständen werden Sie an dieser Stellen mal kurze Anzeigen, mal größere Rezensionen zu dem, was sich in der Welt an Aphoristischem tut, lesen.

Wir vom Vorstand stellen hier das eine oder andere ein. Wir laden aber besonders alle Mitglieder ein, sich an dieser Seite zu beteiligen. Was wir uns allerdings dabei wünschen: keine Gefälligkeitsrezensionen, keine sachlich verbrämten Animositäten.


Übersicht der Rezensionen

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Jürgen Wilbert über:
Felix Renner: Das unerträgliche Schwinden der Reflexion. Bucher Verlag: München, Zürich 2020

Der Schweizer Aphoristiker Felix Renner, geboren 1935 in Zug, hat soeben (Juni 2020) seine 8. Aphorismensammlung veröffentlicht. Sie trägt den bedeutungsschweren, assoziativen Titel „Das unerträgliche Schwinden der Reflexion“, der den Rezensenten sogleich an das Erfolgsbuch von Milan Kundera denken ließ: „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Renners jüngstes „Aphoristisches Kaleidoskop“ – so lautet der Untertitel – versammelt in 19 Kapiteln – von A wie „Allzu Helvetisches“ bis Z wie „Zeitverknappung“ Kurztexte aus jüngerer und jüngster Zeit. Der Schwerpunkt seines Schreibens liegt bei zeit – und gesellschaftkritischen Kommentaren, was sich nicht zuletzt aus seinem biographischen Hintergrund erklärt: er war bis zu seiner Pensionierung 1999 als Jurist tätig und arbeitete in den 1970er Jahren als Journalist, bevor er ab 1975 begann, Aphorismen zu schreiben.

In der Nachfolge berühmter Schweizer Aphoristiker wie u.a. Moser und Rychner beherrscht er die gesamte Bandbreite aphoristischer Stilmittel und setzt sie auch in seinem neuesten Werk in Verbindung mit seinem aufklärerischen Impetus versiert ein. Dies belegen die folgenden Textbeispiele (auf den Seiten 8 und 9): „Reflexionsverzicht ist Souveränitätsverzicht.“ / „ Wer quälenden Gedanken aus dem Weg geht, versinkt in die grössere Qual der Gedankenlosigkeit.“

Dieser zeitgeistkritische Aphorismus könnte ein passender Kommentar auf den Ausbruch der Corona-Pandemie sein: „ Stets haben wir uns an Denkmögliches gehalten – und jetzt überfällt uns auf einmal das Undenkbare.“ (10) Im Kapitel 2 „Lebensrätsel“ kommt Renners bisweilen pessimistisch-defätistische Weltsicht zum Ausdruck: „Unser Leben ist ein Lavieren zwischen optimistischen Impulsen und nackter Verzweiflung.“ (12) Zu seinen bevorzugten Stilmitteln zählen das Kontrapunktische und scheinbar Paradoxe: „Sein Leben war ein >strukturiertes Produkt<, komponiert im Laufe einer jahrzehntelangen, eher strukturlosen Produktivität.“ (15) >Positives Denken< nennt er „verlogen, weil es sich wider besseren Wissens über die Ambivalenz alles Menschlichen hinwegsetzt.“ (34)

Der Autor setzt sich an vielen Stellen des Buches mit modernen (Fehl-)Formen der Digitalisierung auseinander, so auch hier (Seite 17): „Worin unterscheiden sich Junge, die an digitaler Demenz, und Bejahrte, die an Altersdemenz erkrankt sind?“ An anderer Stelle – unter der Rubrik „Mediale Demenz“ – stellt er diesen gereimten, aphorismus-unüblichen Vergleich an: „Je vernetzter, desto verletzter.“ (70) Zum Thema des Sterbens hat er als Überschrift diese originelle Wortkombination geprägt: „Techtelmechtel mit dem Tod“. Seine aphoristische Definition der Intelligenz fällt überraschend und sehr eigenwillig aus: „(…) Intelligenz besteht im Wesentlichen aus der Unfähigkeit, die menschliche Dummheit zu unterschätzen.“ (36)

Eher schwächere, da allzu nahe liegende und kalauernde Wortspiele finden sich im Abschnitt über „Geschlechterkonfusion“ (37): „Könnte es sein, dass mindestens so häufig wie Not am Mann auch Not an der Frau ist?“ / „Sie kam so aufgedonnert daher, dass nur ein Blitzschlag hätte Abhilfe schaffen können.“ Die Zunahme der Gewalttätigkeiten gegenüber Frauen führt er geballt und überspitzt zurück auf die „zunehmende und schwer zu durchschauende (…) Brutalisierung, Kretinisierung und Bastardisierung unserer Gesellschaft.“ (39) Mitunter erschwert die Häufung abstrakter Termini die Lektüre, so in diesem Textbeispiel (39): „Er war adipös – und auch sonst in jeder Hinsicht generös. Sie anorektisch – und in puncto Empathie im Übermass eklektisch.“

Im Kernkapitel „Zwischen Moral und Moralin“ beschreibt er unter anderem den Typus des „Moralin-Allergikers“ und unterstreicht wiederholt seine skeptische Perspektive, wie z.B. in dieser paradoxen Begriffserklärung: „Bodenlosigkeit ist jetzt die neue Tiefe.“ (48) Und mit Blick in die Zukunft gerichtet: „Wahrscheinlich werden wir immer mehr Dinge tun müssen, die wir nie gewollt haben. Weil wir so frei waren, immer mehr Dinge zu tun, die wir nie hätten tun dürfen.“ In dieser vielsagenden Sentenz fühlt sich der Rezensent an Lichtenbergsche Sprachkunst erinnert. Auch dessen „Naserümpfen“ taucht bei Renner auf, und zwar in diesem Kontext: „Es könnte nicht schaden, jedes reflexartige Naserümpfen der Nachkontrolle eines bedächtigen Stirnrunzelns zu unterziehen.“ (47) Auch der „Weltbewegenden Dummheit“ ist ein Unterkapitel gewidmet (50 & 51), seine nicht gerade ermutigende Einsicht lautet: „ Dummheit wäre zu verkraften, wäre sie nicht fast ausnahmslos mit Verantwortungslosigkeit verbunden.“

In manchen seiner Aphorismen spürt der / die Lesende zu deutlich den ab und zu auch noch abwertenden moralischen Zeigefinger, wie auf S. 57 mit einer drastischen Zuschreibung: „Fast schon ein halber Held: das Schrumpfhirn auf halbmast, die Schlotterhose auf halbarsch.“ Des Öfteren stößt man auch auf die Verwendung der effektvollen Kreuzfigur (den Chiasmus), so wie in diesem Kommentar zur Bildung: „>Bildung< im Internet oder Internetisierung der Unbildung (…)“ (63) Doch nicht immer führt dieses Stilmittel auch zu einer tiefergehenden, inhaltlichen Pointierung. Besser gelungen ist das in diesem Aphorismus in Form einer abgewandelten Redensart im Kapitel „Von der Lüge zum Trumpismus“ (77): „Die einen lügen wie gedruckt, die andern glauben jede gedruckte Lüge.“

Einen Neologismus der besonderen Art hat Renner in seinen Ausführungen zum Klimawandel eingebaut: „ (…) Die letzten großen Feste , die wir mit euphorischer Endzeitwut begehen sollten, werden Klimakatastrophenmoratoriumsfeste sein.“ (93) Eine gewagte, da politisch inkorrekte und brisante These stellt der Autor zum Themenkomplex FREMDE (107) auf: „Wir können nicht ganz Afrika in Europa aufnehmen, aber wir können in den Augen aller Afrikaner ganz Europa zur (zum?) No-go-Area degradieren.“ Der neue Band – das „Aphoristische Kaleidoskop“ endet mit dem Kapitel „Zeitverknappung“; darin lohnt sich die Lektüre insbesondere der philosophischen Betrachtungsweise unserer inneren Uhr (160): „Unsere innere Uhr ist ein innerer Lügenapparat, der uns an jedem erträglichen Tag vorgaukelt, wir seien ein unauflöslicher Bestandteil eines ewigen Zeitkontinuums, und es werde, solle, ja müsse nun selbstverständlich ad infinitum alles so weiterlaufen wie bisher.“ Der Rezensent rät den an Aphorismen Interessierten, sich für die Lektüre dieser neuen Sammlung, um mit Renners eigenen Worten zu reden: „…alle Zeit der Welt (zu) nehmen…, um unserer Zeitgebundenheit zumindest zeitweise ein Schnippchen zu schlagen.“ Und schlussendlich sich an zeitgeistkritischer Sprachkunst zu erfreuen.
JWD, Düsseldorf (5.8.2020)

 

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Friedemann Spicker über:
Marcus Steinweg: Metaphysik der Leere. Berlin: Matthes und Seitz 2020.

Marcus Steinweg, Professor für Kunst und Theorie an der Kunstakademie Karlsruhe, gehört neben Martin Seel, Jürgen Große, Johann Hofbauer, Malte Oppermann und Rolf Friedrich Schütt zu den Autoren, die man gegenwärtig für den philosophischen Aphorismus in Anspruch nehmen kann. Nach „Inkonsistenzen“ und „Evidenzterror“ (beide 2015) legt er jetzt einen gleichartigen Band mit dem Titel „Metaphysik der Leere“ vor, 194 Stücke, die wiederum von einem Satz bis zum Kurzessay reichen und damit formal an Benjamin und Adorno erinnern. Ich habe dem früheren Band im Lichtenberg-Jahrbuch 2015 (S. 263-265) eine Rezension gewidmet, die auch auf grundsätzliche Fragen dieses Untergenres eingeht, und kann mich in Teilen nur wiederholen. Gerade hier kann und soll Steinwegs philosophischer Standort nicht erörtert werden, dazu nur ein Zitat aus dem Klappentext, aus dem für uns die „bestechenden Aphorismen“ herausstechen: „Marcus Steinweg umzirkelt in bestechenden Aphorismen das Phänomen oder Nicht-Phänomen der Leere. […] Die Leere erweist sich als konstanter, wenn auch unbezüglicher Bezugspunkt allen Denkens, das sich die Frage nach der ontologischen Konsistenz seiner Realitäten stellt.“ Leitthesen sind etwa Sätze wie „Der Zielpunkt des Schreibens ist die Leere, das Chaos, das Nichts. […]“ (29) oder „[…] Nichts legitimiert das Schreiben als das Schreiben selbst. […]“ (38). Voran stellt er sieben Aspekte der Leere, es folgen der „1. Teil Beckett“ (S. 15-63) und der „2. Teil Von Nichts zu Nichts“ (S. 65-222) nebst den zahlreichen Anmerkungen. Sätze wie „Die Null existiert als Index der Inexistenz“ oder „Ihre Präsenz ist nicht von der Ordnung des Präsentischen“ (S. 17) im ersten Stück „Null“ werden nicht für jeden Leser einladend wirken. Neben seinen theoretischen Referenzautoren von Nietzsche und Heidegger bis Badiou, Foucault, Lacan, Derrida, Barthes und Deleuze bezieht sich der Steinweg regelmäßig auf Autoren wie Kafka, Heiner Müller, Pessoa, Valéry, Robert Walser, Canetti und Handke.
Um den aphoristischen Aspekt herauszustellen, bietet es sich an, mit ihm bei Martin Seel anzuknüpfen, dem er in der Grundeinsicht zustimmt, dass man das vagabundierende und das systematische Denken nicht gegeneinander ausspielen könne (S. 81; Martin Seel: Nichtrechthaben wollen. Gedankenspiele. 2018, S. 13). Dementsprechend „vagabundiert“ er in erster Linie als kommentierender Leser, aber auf der Linie seiner Grundthese; Intertextualität ist Trumph: Steinweg über Canetti über Kafka, Steinweg über Barthes über Flaubert. Der vom Aphorismus herkommende und auf diese Weise geübte Leser wird sich mit Zustimmung und Kritik eher bei Steinwegs Einsatzkürze wiederfinden. Ich stelle in dieser kurzen Anzeige nur einige dieser Sätze an den Schluss. Inhaltlich sind Leserin oder Leser etwa bei Sprache und Denken, Wissen oder Wahrheit und Lüge auf vertrautem Gebiet:

„Sprache. Verheerender als ihr Verlust ist ihr Gebrauch.“ (S. 84)
„Tricky. Denken ist der zum Scheitern verurteilte Versuch, mit dem Denken aufzuhören.“ 97
„Wissen ist nicht alles, aber ohne Wissen alles nichts.“ (S. 177)
„Wahrheit. Der Abgrund, der dich von der Wahrheit trennt, ist sie selbst.“ (S. 94)
„Opfer. Du verlierst die Wahrheit nicht an die Lüge, du opferst sie dem Glück.“ (S. 190),

formal knüpfen sie zum Beispiel bei Wortspiel, Definition, Paradoxon, Chiasmus und, ausnahmsweise, auch dem Bild an, das nach Aufschluss und also energisch nach Mitarbeit verlangt:

„Denken. Wenn der Sinn dir ans Fell trommelt, bis es zu zerreißen droht.“ (S. 161)
„Narzissmus. Die in sich gekallte Leere, die die Psychoanalyse hoffnungslos nennt.“ (S. 134)
„Kein Widerspruch. Erotik der Schwäche: Sie greift nur als Kraft.“ (S. 146)
„Nichtpolitische Korrektur. Nicht die Wirklichkeit setzt den Träumen zu. Es sind die Träume, die die Wirklichkeit korrigieren.“ (S. 158)
„Einfache Wahrheit. Kein Kind ohne Gräten.“ (S. 167)

 

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Jürgen Wilbert über: „Mohr and More – Ausgewählte Hinterschaffenslasten“, erschienen im Heureka! Verlag der Ostwestfalen-Akademie, Borgentreich, 2. Auflage 2019. Mit einem Vorwort von Prof. Kurt Guss.

 

Der Autor Rolf Mohr ist Diplom-Psychologe mit den Schwerpunkten in Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie. Nach zahlreichen Fachpublikationen veröffentlicht er in diesem Band zum ersten Mal eine Auswahl von Aphorismen, die laut Klappentext „Liebeserklärungen an die Sprache“ darstellen. Mohrs Aphorismen sind diesen Themenfeldern zugeordnet: Mensch und Mitmensch / Sprache und Wissenschaft / Irrtum, Irrweg und Krieg / Glaube und Zukunft. Weitere Kapitel beziehen sich auf die eher wortspielerischen und kalauernden Kurztexte: u.a. „Mohrs Fug und Unfug“ und „Mohrs Bosheiten“. Im Folgenden beschäftige ich mich vorzugsweise mit  dem aphoristischen Kernstück (auf den Seiten 20 bis 51).

Die Stilmittel des aphoristischen Schreibens werden von Mohr versiert eingesetzt: so z.B. der Chiasmus in „Trauschein macht scheintreu“ und „Volk rechtlos? Recht folgenlos!“, ferner die Kontradiktion in „Das Bleibende in aller Schönheit ist ihre Vergänglichkeit.“ Als Variante von Redensarten überzeugen diese Texte: „Der Stein der Weisen ist der des Anstoßes.“ / „Lügen haben lange Beine – sie holen dich ein!“ / „Unter den Blinden gibt es keinen Einäugigen.“ Weitere Kennzeichen sind Übertreibung, Zuspitzung und Überraschung, wie in n Beispielen: „Nie ist morgen!“ / „Leben ist tödlich.“ / „Seine Bestialität unterscheidet den Menschen vom Tier.“ In manchen Fällen sind die Aphorismen zu konstruiert und daher berechenbar: u.a. „Die auf dem Weg nach oben sollen schwindelfrei sein; sind sie´s nicht, sollen sie stürzen.“ Oder allzu bibelgetreu: „Wer gibt dem wird gegeben.“ Die Profession und langjährige Berufserfahrung des Autors kommt naturgemäß in vielen seiner Texte zum zwischenmenschlichen Umgang  gewinnbringend zum Ausdruck: „Wer´s Sagen hat, soll´s Fragen lernen.“ Und: „Selbstbewusstsein und Stil befreien (im Text auf S. 26 heißt es „befreit“) von Moden.“ Einige seiner Aphorismen kommen bisweilen zu moralisch-belehrend daher, vor allem wenn sie Sollensansprüche formulieren,  wie etwa der Text auf S. 25 „Statt nach geeigneten Worten zu suchen, empfiehlt sich, die passende Haltung einzunehmen – dann kommen ehrliche, überzeugende Worte.“

Mohr ist ein intensiver Sprachbeobachter, und seine besten Aphorismen finden sich unter der Rubrik „Sprache und Wissenschaft“. So lesen wir dort solche denk-würdigen, prägnanten Sätze: „Irren ist wissenschaftlich.“ / „Lehren ist die Intensivstation der Lernens.“ / „Wenn Sprache nicht mitwächst, verstummt das Denken.“ Ganz im Goetheschen Sinne ist diese Sentenz zu verstehen: „Wer umfassend begriffen hat, kann einfach darstellen.“  Auch Mohr kann als Aphoristiker nicht der Versuchung widerstehen, die Gattung selbst aphoristisch-metaphorisch zu definieren, er nennt den Aphorismus „die Karikaturvariante der Literatur.“

In einigen Fällen ist die Neigung zum hemmungslosen Wortspiel / Wortwitz mit ihm durchgegangen: etwa in diesen Wortneuschöpfungen bzw. –varianten: „Jenachdemiker“ – „Ist Demokratisierung Mediokrisierung“ –„Nach Zeiten der Orientierung wird´s Zeit zur Okzidentierung!“ Was den Untertitel des Buches betrifft: „Ausgewählte Hinterschaffenslasten“, so mag ich da nicht – wie Prof. Kurt Guss in seinem Vorwort – in sein Loblied mit einstimmen. Diese Wortschöpfung  mag zwar originell sein, kommt mir dann aber doch zu konstruiert vor. Da gefallen mir diese vieldeutigen Einwortsätze bzw. Wortneuschöpfungen schon besser: „Womanagement“ / „Mein Arzt hat mich medizynisch aufgeklärt.“ / „Beziehungswaise“ / „Offizierde“ / „AuslandSaufenthalt“.  Alles in allem ist das Buch ein Springbrunnen übersprudelnder Formulierungsfreude und vorzugsweise im 1. Kapitel eine Fundgrube aphoristischer Formulierungskunst. Dabei ist die gesamte Bandbreite von reinem, vordergründigem Wortwitz (vor allem in den Kapiteln „Mohr Fug und Unfug“ und „Mohrs Bosheiten“) bis zu philosophisch-satirischem Hintersinn abgedeckt.  Der Ansicht von Prof. Kurt Guss, die er in seinen Vorbemerkungen auf S. 16 äußert,  kann ich mich nur anschließen: Rolf Mohr bietet sämtliche Varianten einer „großen literarischen Kleinkunst“. „Meine Favoriten sind aber die aphoristischen Verdichtungen“. Mit zwei meines Erachtens besonders gelungenen Textbeispielen möchte ich meine Kurzbesprechung abschließen: „Wenn Gesetze nicht Menschen achten, achten Menschen nicht Gesetze.“ Und schlussendlich eine bedenkenswerte Frage (S. 38) an uns alle: „Ist es Stehvermögen, wenn jemand im Zug der Zeit einfach sitzen bleibt?“

Jürgen Wilbert, 5. Juni 2020

 

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Friedemann Spicker über:
Felix Philipp Ingold: Aus beliebiger Prosa. Ein Hundert Lesespäne. Mokolo 2020; Aus eigenem Anbau. Zwei Hundert Merksätze. Mokolo 2020.

 

Aphorismen sind kotextuell isoliert oder zumindest isolierbar; das Kriterium der Autorintention schließt von Herausgebern exzerpierte Texte – Sekundäraphorismen könnte man sie nennen –  aus. So darf man wohl die herrschende Forschungsmeinung zusammenfassen.[i] Was ist aber, wenn es eine doppelte Autorintention gibt? Wenn der Autor zunächst die Sätze in einem Kontext darbietet und  später ein eigenes Exzerpt daraus erstellt und sie so isoliert? Der Schweizer Schriftsteller und Übersetzer Felix Philipp Ingold legt, wie es in sei­ner Vorbemerkung heißt, „rund zweihundert solcher Einzelsätze und -verse aus zwei Dutzend ei­gener Buchwerke“ – „Aus eigenem Anbau“ – „als beiläufige Fundstücke“ vor, die ihm „beim Über­fliegen der vergessenen Texte nur einfach auf- und zugefallen“ seien (S. 7). Damit steht er nicht al­lein. Solche Sekundär- oder Brevieraphorismen haben vor ihm schon Aphorismusautor(inn)en  wie   Gertrud von Le Fort, Karl Heinrich Waggerl oder  Thomas Nie­derreuther veröffentlicht. Und das „Durchforsten“ eigener Aufzeichnungen ist auch hinlänglich be­kannt, etwa von Hugo von Hofmannsthal, Franz Kafka und zuletzt Martin Walser. Wie steht es nun mit der aphoris­tischen Qualität dieser von Ingold selbst herausgelösten Sätze?

Der Verfasser ist seit vielen Jahren und mehrfach mit der Gattung in Beziehung, primär wie sekundär. Der Schreibprozess selbst ist es, der für ihn dabei in jedem Fall im Fokus steht. So hat schon 1990 eine Dissertation „aphoristische Struktureffekte“ auch in seinem Werk („Haupts Werk“, 1984) untersucht,[ii] das „Freie Hand“ betitelte „Vade­mecum durch kritische, poetische und private Wälder“ (1996) steht für die Tendenz zu Mischfor­men.[iii] Ingold hat, gleichfalls von der Gattung her, Ludwig Hohl wie Hans Albrecht Moser, mehr noch Albrecht Fabri[iv] und Franz Josef Czernin rezipiert. Und erst jüngst konnte man sich mit seiner These auseinandersetzen, der Aphorismus, „eine letztlich elitäre Textsorte, die den aktuellen, eher nachlässigen literarischen Sprachgebrauch klar konterkariert, sich aber nicht dagegen zu behaupten vermag”, könnte „die optimale Lektüre für unsere Tage sein“, das sei  aber offenkundig nicht der Fall.[v]

Der erste („Ich als der, der das Gedicht aufschreibt, muss das erste Wort haben.“, S. 9) und der letzte Satz („Was ich geschrieben habe, habe ich nicht.“, S. 105), den Ingold „Aus eigenem An­bau“  exzerpiert, bezeichnen sein  Thema, wie es in diesen poetischen Kernen, zwischen Prosage­dicht und Aphorismus, erst recht klar zum Ausdruck kommt: Ich als Schreibender. Was es damit auf sich hat, dass er nicht „hat“, was er „geschrieben hat“, das erschließt sich, wenn man ein anderes Exzerpt als Leseanweisung versteht: Der Leser „hat vom Werk auszugehen, um ihm im Akt der Anschauung oder Lektüre eine eigene Sinndimension zu geben, statt wie üblich hermeneutisch auf das Werk ein­zugehen und es auf das hin abzufragen, was als Bedeutung hinter ihm steht und als wie immer geartete Aussage durch es hindurchscheint.“ (S. 105) „Eine eigene Sinndimension geben“: das geht über das hinaus, was dem Aphorismuskenner als die Forderung nach der spezifischen Aktivität des Rezipienten bekannt ist. Zwei Varianten der Gattung zeigt der Band, die klassische Form und eine, quantitativ bei weitem stärkere, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts und zumal in der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart zu beobachten ist.

„Das Leben kennt kein Gegenteil.“ (S. 41)

„Unsterblichkeit kommt immer zu spät.“ (S. 99)

„Frieden ist in Friedenszeiten nichts.“ (S. 61)

Die All-Aussage von generellem Anspruch (kein, immer, nichts), aus der Überspitzung zu verstehen oder als Anmaßung zu kritisieren, kennzeichnet die Gattung seit je. Die betonte Subjektivität, ver­bunden mit dem erweiterten Geltungsanspruch des Bildes, dringt in Deutschland mit Franz Kafka in die Gattung ein, später dann bei Elias Canetti, auch bei weniger bekannten Autoren wie Walter Hel­mut Fritz oder Dieter Leisegang, radikalisiert in Peter Handkes Journalen und dem vielfältigen aphoristischen Werk Martin Walsers.

Und mit Walser und Handke sind auch die beiden Auto­ren genannt, zu denen Ingolds „Aus eigenem Anbau“ die augenfälligsten Übereinstimmungen zeigt. Ich greife je drei Aspekte thematischer wie formaler Art heraus, die sich zum Teil überschneiden, Schmerz, Negation und Ich-Erkundung zu Walser, Selbstaussage, Natur, Schreibreflexion zu Hand­ke. Wenn sich das Thema des Schmerzes, eher psychischer als physischer Art, über dreißig Jahre und mit zunehmender Tendenz durch Walsers Aphorismenbände zieht, so wird man hier in auffälli­ger Weise daran erinnert:

„Wer ist der Schmerz, der uns eint?“ (S. 15)

„Der Irrtum, der Schrecken, der Schmerz waren immer auf meiner Seite.“ (S. 39)

Ein Satz wie der folgende liest sich geradezu wie einer aus dessen Meßmer-Sammlungen:  „Wort für Wort das ganze Leben in die Nadelspitze eingraviert – der schwärzeste Roman, der ich nun einmal bin.“ (S. 13) Auch an Ilse Aichinger ist zu denken, die nicht von ungefähr in dem zweiten Band zur Sprache kommt. Die schmerzliche Ich-Erkundung ist aber nicht so manisch gestaltet wie bei Walser, sondern sie gliedert sich eher in den für zwingend erachteten Zusammenhang von Leid und Erkenntnis ein, wie er bei den Aphoristikern oft, fast durchgehend zu beobachten ist: „Seltsam, dass der Schmerz um so viel näher bei der Wahrheit ist als das Glück.“ (S. 27) Wenn bei Walser die Negation stellenweise zur alles beherrschenden Figur wird, so nimmt sie auch hier eine bedeutende Rolle ein:

„Interessant ist vor allen Dingen das, was es nicht gibt.“ (S. 18)

„Wie da alles nicht zusammenpasst.“ (S. 29),

vermehrt in der Form der eigenwilligen doppelten Negation: „Der gute Grund ist das, was nie nicht beginnt.“ (S. 68 und 98; vgl. S. 11, 82, 84) Explizit und in dunkler Metaphorik erklärt der Autor von sich selbst: „Blödigkeit ist das, was ich noch erreichen möchte, die Hochform des Nichtwissens, die Nacht des Erkennens.“ (S. 53) In der Selbsterkundung lassen sich zu Walser wie vor allem zu Handke Parallelen erkennen:

„Ich darf eigentlich alles, solang ich‘s nur geschehen lasse.“ (S. 46)

„Der beste Arzt, den ich in meinen langen Krankheitsjahren hatte, war mein Körper; der zweitbeste – ich.“ (S. 36)

Sie geht einher mit vergleichbarer Naturverbundenheit, man könnte sagen: Naturreligiosität:

„Wer weiss, was der Regen in den Stein schreibt, wenn er ihn fegt und peitscht.“ (S. 53)

„Der Biss ins Gras ist Gebet.“ (S. 72)

Zur Schreibreflexion schließlich möchte ich neben den Texten des Rahmens, die sein Thema be­zeichnen, und dem Affekt gegen gegen die „verluderte Alltagssprache“ (S. 30) mit Bezug auf Handke nur die poetolo­gischen Selbstanweisungen zitieren:

„Dort! das Gesetz; worauf – schau! – gleich die Tat folgt; es zu brechen.“ (S. 17)

„Lies schon, mach schon, vielleicht ist es nichts, das Menschenmögliche.“ (S. 57)

Diese Parallelen – das ist hier nicht auszuführen – lassen sich bis zu überraschenden Gleichklängen verfolgen:

„Doch zurück zu den Gedanken, die ich noch immer intus habe … die ich habe, weil ich sie vergessen habe.“ (S. 22)

„Ich warte geduldig auf die Gedanken, die ich nicht willdie erst zählen”.[vi]

Nur auf zwei Aspekte in Ingolds „Aus eigenem Anbau“ will ich noch kurz aufmerksam machen: Paradoxie und Bildlichkeit. Eine neue Form von Paradoxie, wie sie hier begegnet, steht zum einen im Zusammenhang mit seiner Sprachreflexion, wie sie in einem seiner Axiome zum Ausdruck kommt: „Dieses Paradox ist darauf zurückzuführen, dass Authentizität nicht durch Sprache, sondern einzig als Sprache zu realisieren ist.“ (S. 45). Zum andern hängt sie mit seiner spezifischen Metaphorik zusammen:

„Und warten alle auf die Flamme, die das Feuer löscht.“ (S. 33)

„Es braucht den Dunst, damit man diese Klarheit hat.“ (S. 76)

„Aus eigenem Anbau“ erweist sich mit seinen poetischen Kernen je länger je mehr als eigenständi­ge, der Intention des Autors gemäße Aphorismensammlung jenseits der ursprünglichen Kontexte.

 

Anders steht es mit den hundert „Lesespänen“ „Aus beliebiger Prosa“. Der Band ist hetero­gen: Es finden sich Exzerpte aus Briefen, Tagebüchern, Romanen und auch aus wissenschaftlichen Werken, insbesondere zu Philosophie und Sprach- und Literaturwissenschaft. Das reicht von Kafka und Ernst Jünger bis Georges Bataille und Roman Ingarden. Er ist heteromorph: Er bietet (1) ursprüng­lich isolierte Sätze, so von Ilse  Aichinger („Kleist, Moos, Fasane“; Nr. 36 „So suchen, dass Finden nur ein Teil des Nichtfindens ist.“) oder Franz Kafka („Zürauer Aphorismen“; Nr. 29 „Wahr­heit ist unteilbar, kann sich also nicht selbst erkennen; wer sie erkennen will, muss Lüge sein.“). – Er bietet (2) Sätze von generellem Anspruch (Albrecht Fabri; Nr. 17 „Kunst, die etwas will, das heißt nicht schon selber die Sache ist, ist eben keine Kunst.“),[vii] zum Teil aus einem nicht-diskursi­ven Kontext neu isoliert (Ludwig Hohl, Nr. 76).[viii]  – Er bietet (3) isolierte Sätze, narrativen oder theo­retischen Ursprungs, von lediglich privater Bedeutung. Was folgert der Leser ohne den Kontext aus Fe­lix Hartlaubs Tagebuch-Auszug von 1941: Nr. 21 „Kohlkopf, Menschen­kopf, Melone – es kam gar nicht so genau darauf an.“?[ix] Was schließt ihm Undine Gruenters Schluss einer kurzen Traumsequenz auf  (Nr. 15 „Dann renne ich hinter dem Mann her, er verschwindet im Bahnhof, ich suche die Glei­se ab, und je­mand sagt, Othello hat den Zug genommen.“)?[x] Was entnimmt er – extremes Beispiel – aus dem Kür­zestexzerpt Gérard Genettes (Nr. 87 „Ich hätte lieber…“), das an Bartlebys „Ich möch­te lieber nicht“ erinnert? Der „Lesespan“ aus Roman Ingardens Werk (Nr. 100 „Es ist aber noch eine Schwierigkeit zu überwinden.“) wird nicht nur durch die Isolierung, auch durch die Finalstellung in neuem Sinne  aufgeladen. – Und der Band bietet (4) ausnahmsweise auch längere narrative Pasa­gen (Nr. 84 Her­mann Broch: „Vergil“). So aufschlussreich er damit aus  biographisch-poetologischer Perspektive ist, unter Gattungsgesichtspunkten bleibt es bei einer vielgestaltigen, kleinen, persönlichen Anthologie.

Wenn es in jüngerer Zeit vermehrt Anlass gibt, darüber nachzudenken, ob die Isolation des Aphorismus möglicherweise zu relativieren ist und das angemessene Gat­tungsverständnis eher ein funktionales als ein merkmal­haftes sein sollte,[xi] so befördert Ingold gerade durch das Nebeneinan­der beider Bände die Diskus­sion. Die Spannung von Funktion einerseits, Autorintention – und sei es eine doppelte – andererseits bedarf dabei weiterer Reflexion.

 

[i]      Vgl. Verf.: Der Aphorismus im Kontext. In: Lichtenberg-Jahrbuch 2015, S. 240-251.

[ii]     Ulrike Greiner-Kemptner: Der Diskurs des Anderen jenseits der Rede des Subjekts – Transgression als Liquidation des Subjekts: Aphoristische Struktureffekte als Praxis des Textes bei Felix Philipp Ingold und André Vladimir Heiz.  In: U. G.-K.: Subjekt und Fragment. Textpraxis in der (Post-)Moderne. Stuttgart 1990, S. 171-228),

[iii]   Vgl. Karl Riha: Rez. Ingold, Freie Hand. In: Lichtenberg-Jahrbuch 1996, S. 234-236.

[iv]    Fabri ist ihm ein besonders wichtiger Gewährsmann, wie auch aus dem Motto zu dem Band „Aus beliebiger Prosa“ erhell; vgl. Anm. 7. Vgl. Felix Philipp Ingold: Ohne Wozu und Wohin. Albrecht Fabris „Gesammelte Schriften“ zur Kunst und Literatur. In: Die ZEIT Nr. 38 v. 14. 9. 2000, S. 65.

[v]     Felix Philipp Ingold: Der Aphorismus wäre die ideale Lektüre für unsere Tage. Aber wo bleibt die spitze Feder? In: Neue Zürcher Zeitung 19. 12. 2019 (https://www.nzz.ch/feuilleton/der-aphorismus-waere-die-optimale-textsorte-fuer-unsere-tage-ld.1529000).

[vi]    Peter Handke:  Das Gewicht der Welt. Ein Journal (November 1975-März 1977). Salzburg 1977, S. 116

[vii]  Albrecht Fabri: Der schmutzige Daumen. Gesammelte Schriften. Hg. von Ingeborg Fabri und Martin Weinmann. Frankfurt 2000, S. 473.

[viii] Ludwig Hohl: Die Notizen oder von der unvoreiligen Versöhnung. Frankfurt 1981, S. 22 („Vom Arbeiten“, Nr. 17).

[ix]    Es handelt sich um eine Marktszene aus dem Krieg in Rumänien, die der Soldat Hartlaub beobachtet (F. H.: Das Gesamtwerk. Frankfurt 1959, S. 126).

[x]     Undine Gruenter: Der Autor als Souffleur. Journal 1986-1992. Frankfurt 1995, S. 388.

[xi]    Verf.: Kotext und Kontext. Der Aphorismus in seinem Umfeld. In: Sprachkunst 50, 2019, S. 23-51.

 

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Alexander Eilers über:
Thomas Stölzel: Aus den Notizbüchern eines Menschforschers. Prosa. Aachen: Rimbaud 2017.
Thomas Stölzel: Zur Sprache gebracht. Aufzeichnungen, Notate und eine historische Phantasie. Würzburg: Königshausen & Neumann 2018.

 

Eine Frage der Gattung – Thomas Stölzels Kurzprosa

Ist der Aphorismus unberührbar geworden? Hat er einen dermaßen schlechten Ruf, dass namhafte Schriftsteller befürchten müssen, nicht mehr gelesen zu werden, wenn sie ihre Bücher mit diesem Etikett versehen? Und wird der Begriff kaum noch für längere, persönliche und weltzugewandte Reflexionen, sondern vor allem für pointierte Ein- bis Dreizeiler mit wortspielerischer Tendenz verwendet? Diese Fragen drängen sich beim Blick auf jüngere Publikationen auf, die – obwohl sie Leitsprüche, Lebensweisheiten sowie Sentenzen enthalten – bewusst auf die Gattungsbezeichnung ‚Aphorismus‘ verzichten. Dass sie stattdessen die Nähe zum Diarium (Peter Sloterdijk: Zeilen und Tage, Bd. 1 & 2, 2012/2018; Frank Witzel: Uneigentliche Verzweiflung. Metaphysisches Tagebuch, 2019), zur Notiz (H. M. Enzensberger: Fallobst. Nur ein Notizbuch, 2019; Henning Ritter: Notizhefte, 2010), zum Notat (Ulrich Schacht: Über Schnee und Geschichte. Notate, 2012), zur Aufzeichnung (Norbert Wokart: Schattenträume. Aufzeichnungen, 2018), zum Prosagedicht (Martin Walser: Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung, 2018) oder zum analytischen Gedankenspiel (Martin Seel: Nichtrechthabenwollen. Gedankenspiele, 2018) suchen, mag – wie Friedemann Spicker vermutet – mit der Hoffnung auf Markterfolg verbunden sein. Vielleicht gibt es in einzelnen Fällen sogar sachliche Gründe für die Distanzierung vom Sinnspruch. Eine klare Genrezuordnung könnte nämlich dem inhaltlichen Konzept eines Buches zuwiderlaufen (H. M. Enzensberger: Album, 2011) oder falsche Erwartungen an die Form wecken (Volker Braun: Handstreiche, 2019). Was aber, wenn ein ausgewiesener Experte und Liebhaber der Gattung die eigene Kurzprosa nicht als aphoristisch kennzeichnet?
Gemeint ist der Philosophische Praktiker Thomas Stölzel (Jg. 1964), der sich nicht nur mit seiner literaturwissenschaftlichen Dissertation Rohe und polierte Gedanken (1998) um den Denkspruch verdient gemacht hat. Vielmehr ist er auch als Essayist zu E. M. Cioran (1998) sowie als Ko-Editor bzw. Herausgeber von W. Somerset Maughams A Writer’s Notebook (2009) und Paul Valérys verborgenen Cahiers (2011) in Erscheinung getreten. Kein Wunder also, dass er nun – nach dreißigjähriger Beschäftigung mit aphoristischen Texten – selbst zwei Kollektionen mit ‚Reflexionsscherben‘ zusammengestellt hat. Bei der ersten handelt es sich um den 2017 im Aachener Kleinverlag Rimbaud erschienenen „Prosa“-Band Aus den Notizbüchern eines Menschenforschers (zit. als ANM), bei der zweiten um die „Notate“-Sammlung Zur Sprache gebracht (zit. als ZSG), die im Folgejahr von Königshausen & Neumann in Druck gegeben wurde. Beide Bücher – das eine 90, das andere 300 Seiten stark – behandeln anthropologisch-poetische Gesichtspunkte, insbesondere das Verhältnis zwischen Bewusstsein und Sprache, Gedanke und Wort sowie zwischen Bild und Schrift. Erwartungsgemäß spielen ‚Fragen der Gattung‘ eine gewichtige Rolle, weshalb sowohl die „Notizen“, von denen einige schon 2015 unter dem Titel „Aus den Milchstraßentropfen“ im „Jahrheft für Literatur und Kritik“ Zeno abgedruckt wurden, als auch die „Notate“ bzw. „Aufzeichnungen“ ein Kapitel mit Meta-Aphorismen beinhalten. Dort wird die ‚heikle Form‘ unter Verweis auf das griechische Verb ἀφορίζειν als eine ‚Abgrenzung‘ bestimmt, die im wirkungsvollsten Fall mit der ‚Erweiterung des persönlichen Horizonts‘ einhergeht (vgl. ZSG, S. 71). Doch stilisiert Stölzel die Spruchweisheit gleichfalls zum „Denktelegram[m]“ (ebd., S. 72) bzw. zum „Mosaikstei[n] des geistigen Lebens“ (ebd., S. 73) und stellt Bezüge zu verwandten Genres wie dem Essay – „Essays sind Aphorismen, die noch nicht zu ihrer Kürze gefunden haben“ (ANM, S. 10) –, dem Sprichwort – „Aphoristiker sind diejenigen, die dazu neigen, sich ihre Sprichwörter selbst zu schreiben“ (ebd.) – oder dem Fragment her: „Aphorismen: künstliche Ruinen?“ (ebd., S. 11). Dass man sich hier an Begriffsbestimmungen von Klassikern erinnert fühlt, scheint Absicht zu sein, zumal sie auch explizit zu Wort kommen. So etwa Friedrich Nietzsche, der den Gedankensplitter zur „kammermusikalische[n] Form der Literatur“ (ebd., S. 9) erhoben hat, so der zwischen „systematischem“ und „assoziierendem Geist“ (ZSG, S. 73) differenzierende Ernst Jünger sowie Robert Musil mit seiner berühmten Definition „Aphorismus = das kleinste mögliche Ganze“ (ANM, S. 10). Wenn Stölzel dann aber noch Peter Sloterdijk zitiert (vgl. ZSG, S. 73) und gemeinsam mit Elazar Benyoëtz vor der Gefahr warnt, den „Gedanke[n]“ durch Überspitzung „an der Pointe [zu] erhängen“ (ebd., S. 72), wird klar, dass er in seinen gattungsreflexiven Beiträgen weniger Eigenes als ‚Erlesenes‘ zum Besten gibt. Um also die Frage zu beantworten, warum er die vorliegenden Bücher nicht als Aphorismenbände ausgewiesen hat, muss man weitere Stellen zu Rate ziehen.
Dabei stößt man unvermittelt auf einen längeren Text mit dem Titel „Blitze und Tropfen“. In Zur Sprache gebracht bildet er einen separaten Abschnitt und geht metaphorisch-übertragend auf zwei verschiedene Spielarten der ‚Verkürzung‘ ein – zum einen auf „elektrostatische Gebilde aus Wörtern und Gedanken“ (ebd., S. 66), wie sie in Lichtenbergs Sudelbüchern ‚aufblitzen‘, zum anderen auf „kleinste Flüssigkeitsmengen von kugeliger oder länglich-runder, ovaloider Form“ (ebd.), ohne deren Aufladung kein Gewitter entstehen könnte. Wiewohl ‚Tröpfchen’ hochenergetische Zustände überhaupt erst ermöglichen, sind sie außerstande, selbst Funken zu schlagen. So mögen „heftig auftretende, oft ungewöhnliche Einfälle“ zwar ‚Steine höhlen‘ oder ‚das Fass zum Überlaufen bringen‘, doch wäre es verfehlt, sie bereits als ‚Geistesblitze‘ zu begreifen. Das ist insofern relevant, als die Mehrzahl von Stölzels „Notizen“ neologistische Komposita („Selbstentwicklungsspekulanten“), elliptische Devisen („Den Schrei schreiben“), rhetorische Fragen („Wo fängt die Vergangenheit an?“), Er-Sentenzen („Er lebte, lachte, liebte mit Fragezeichen“) sowie Stimmungsbilder („Windwege im Gras“) sind. Als „Ideenbüffet“ (ANM, S. 25) stehen sie geballt am Anfang des Buches und werden erst sukzessive mit anderen Formen durchmischt – darunter die Anekdote, das Aperçu, das letzte Wort, das Zitat, die kommentierte Lesefrucht oder der Kurzaufsatz. Was Letzteren betrifft, hat der Verfasser schon in seiner Doktorarbeit Abgrenzungsbedarf vom Aphorismus angemahnt. Indem er nun aber ausdrücklich Differenzen der beiden Textsorten thematisiert – „zugespitzt, verkürzt, pointiert, überpoliert bisweilen [die eine], mal länger, ichbezogen und weltoffen, protokollaffin, tagebuchnah und doch von einem Diarium unterschieden [die andere]“ (ZSG, S. 72) –, lässt er erahnen, weshalb Aus den Notizbüchern eines Menschenforschers nicht den Zusatz ‚Aphorismen‘, sondern „Prosa“ trägt. Denn die enthaltenen Beiträge – mehrheitlich „tropfengroße Wörter“ (ebd., S. 22) – sind viel zu heterogen, um in einer einzigen Genrebezeichnung aufzugehen. Hinzu kommt, dass sich tatsächlich nur wenige „Gedankenblitze“ (ZSG, S. 66) unter den „Notizen“ befinden und dass sie häufig etwas konstruiert – „Der Augen-Blick zeigt, was im Augenblick möglich ist“ (ANM, S. 39) – oder verstiegen anmuten: „Prüfe dich: [W]illst du ein runder oder ein spitzer Stein des Anstoßes sein?“ (ebd., S. 40). Ganz selten findet man qualitativ überzeugende Sätze wie „Jeder sieht auf seine Weise gleich schlecht“ (ebd., S. 44), weshalb die Stärke des Autors eher bei essayistischen Texten als bei Spruchweisheiten zu suchen ist.
Insofern verwundert es nicht, dass sich Zur Sprache gebracht außer einer „historischen Phantasie“ (ZSG, S. 7) über die Entstehungsbedingungen von François de La Rochefoucaulds Maximes et réflexions morales ausschließlich aus Aufzeichnungen und Notaten, nicht aber aus Denksprüchen zusammensetzt. Gleichwohl bleibt die Aphoristik ein ständiger Bezugspunkt. Nicht nur, dass Stölzel in Lichtenbergs viel zitiertem Sudelbuch-Eintrag „Er las immer Agamemnon statt ‚angenommen‘, so sehr hatte er den Homer gelesen“ (G 187) erste Ansätze zu Sigmund Freuds Fehlleistungstheorie erblickt. Vielmehr schlägt er im einleitenden Kapitel, das die Entwicklung des Menschen vom homo sapiens über den ‚um die eigene Weisheit wissenden‘ homo sapiens sapiens zum schreibkundigen homo symbolicus anhand jungsteinzeitlicher Felsmalereien nachzeichnet, ebenfalls einen Bogen zur Moralistik:

„[Das Périgord] ist eine der Gegenden des späteren Europa mit der längsten Bildungskontinuität. Lebens- und Denkgegend auch der Moralisten Montaigne, Montesquieu, Maine de Biran und Joseph Joubert. Die berühmteste Höhle, Lascaux, befindet sich auf einem gleichnamigen Flurstück, das den Nachfahren des Duc de La Rochefoucauld gehörte“ (ebd., S. 16).

Vor diesem Hintergrund darf der Verfasser durchaus als gattungstreu gelten – und zwar in dem Sinne, dass er sich beständig mit der Spruchdichtung befasst und großen Wert auf terminologische Präzision legt. Mag es auch einzelne Kurzprosa-Autoren geben, die Abstand vom Gedankensplitter nehmen – „Aphorismen sind für mich Sätze, die so stolz sind auf sich selber, dass es auf das, was sie sagen, nicht mehr ankommt“ (Martin Walser) –, so trifft dies doch keinesfalls auf Stölzel zu. Seine beiden Veröffentlichungen enthalten substanzielle Beiträge zur Gattungstheorie und regen neben einer Neubewertung von Ernst Meister – „Hinter dem Lyriker und dem Hörspielautor ist der Aphoristiker […] noch nicht recht hervorgetreten“ (ANM, S. 42f.) – auch zur weiteren Beschäftigung mit der Menschenkunde an. Hierbei dürften sich Vergleiche mit Ulrich Sonnemanns Negativer Anthropologie (1969) sowie mit Andreas Steffens‘ Anthropoesie (2019) besonders lohnen: „Valérys Frage: Que peut l‘homme? (Was kann der Mensch?) eröffnet eine andere, eine aufs Potential weisende und wertschätzendere Perspektive als die Frage: Was ist der Mensch? (die überdies leicht ins Ideologische münden kann)“ (ANM, S. 77).

 

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Jürgen Wilbert zu:
Christian Uri Weber: „Gedanken auf Glatteis – Neue Aphorismen und Bilder, Notschriften Verlag, Radebeul 2019. ISBN 978-3-945481-75-2

Der Autor, geboren in Dresden, studierte 1964 bis 1970 Theologie und klinische Psychologie und war ab 1973 beim Aufbau und der Leitung einer Einrichtung des Gesundheitswesens in kirchlicher Trägerschaft tätig. Seit 1984 lebt und arbeitet Weber in Radebeul. Er ist freischaffend als Literat und bildender Künstler tätig und hat Kurzgeschichten, Gedichte und Aphorismen in verschiedenen Verlagen veröffentlicht. In seiner jüngsten Veröffentlichung sind wieder eigene Bilder, schwarz-weiß und farbig, abgedruckt. Das in den Kurztexten aphoristisch beackerte Themenfeld ist breit gefächert: von prinzipiellen Erziehungsfragen bis hin zu aktuellen Problemen des Weltgeschehens. So kritisiert er „Parteien, die gegen Flüchtlinge hetzen“ , denn sie sind für ihn „Trojanische Pferde im eigenen Land; weil sie Leute, die als Freunde kommen, zu Feinden machen.“ (S. 42) Zur Erziehung äußert er sich so: „Die Fehler der Erziehung des ersten Kindes versucht man beim zweiten durch andere zu korrigieren.“ (S. 32) Systemkritisch beklagt er den „Untergang des Abendlandes“: „- die Wegweiser der Kirchtürme werden von denen der Banken abgelöst.“ (S. 44) Die moderne Netzgesellschaft wird von ihm gleichermaßen realitätsnah wie wortwitzig aufs Korn genommen: „Es ist schon mancher verloren gegangen, weil er im Netz seine Heimat fand.“ (S. 44)
Zu seinem ureigenen Themenbereich KUNST / KÜNSTLER sind ihm solche prägnanten Aphorismen eingefallen: „Ein Künstler ist wie eine Kerze – Wachs und Docht sind sein Talent – Inspiration die Flammen.“ (S. 54) „Privatmuseen sind armselige Versuche, sich selbst heilig zu sprechen.“ (S. 56) Nicht immer passen jedoch das Bild und die Texte so gut zusammen wie auf den Seiten 62 und 63: „Das Überraschende am Alter ist, dass man sich selbst näher kommt, als man eigentlich wollte.“ (Beachte dazu die Abbildung „Die Kunst, Verborgenes zu sehen“)
Auch wer das Themenfeld der zwischenmenschlichen Beziehungen favorisiert, kommt mit Webers Aphorismen-Bändchen auf seine Kosten: „Es gibt so innige Liebesbriefe, als hätte sie der Absender an sich selbst geschrieben.“ (S. 4) Das Thema des Alterns wird ebenfalls selbstironisch, aber gleichsam mit Augenzwinkern kommentiert: „Kein Tag geht an uns vorüber, immer durch uns hindurch.“ (S. 6) Ein meines Erachtens eher gewöhnungsbedürftiges Bild wählt er im folgenden Notat: „Um nicht zu vergessen, wer wir sind, sollten wir die Nabelschnur ständig um den Hals tragen.“ (S. 16) Etwas vereinfachend kommt dieser Aphorismus daher: „Die Welt ist nicht krank – nur ihr Geist ist gestört.“ Und rein wortwitzig, ja kalauernd ist dieser Satz zu verstehen: „Für die einen sind es Gedankensprünge – für die anderen ein Sprung in der Schüssel.“
Was die Bildauswahl betrifft, so fallen manche S-W-Zeichnungen – etwa die auf den S. 9, 21, und 37 – doch ab im Vergleich zu den ausdrucksstarken farbigen Abbildungen z. B. auf den S. 7, 27 und vor allem zu dem Titelbild „Wirrwarr“ auf dem Cover. Für den Schreibenden wie Lesenden besonders wohltuend, da entlastend, ist diese aphoristische Definition: „Perfektion ist der Versuch, Anerkennung zu erzwingen.“ (S. 16) Am Ende des Buches auf S. 58 finden wir diverse denkwürdige Sinnsprüche zum Thema RELIGION, hier nur zwei Beispiele: „Eine fehlende Religion ist wie eine Amputation – die meisten suchen sich Prothesen.“ / „ Im Zweifel – für den Glauben.“
Mit diesem Aphorismus (S. 32) wagt Weber einen eher düsteren Blick in die Zukunft: „Unsere Kinder sollten es in Zukunft besser haben – jetzt haben sie es besser, aber die Zukunft hat sich verabschiedet.“
Das ansprechend gestaltete Bändchen umfasst 65 Seiten und ist 2019 im Radebeuler Verlag „NOTschriften“ erschienen (www.notschriften.com).

JWD / 17.02.20

 

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Alexander Eilers über:
Späne von der Werkbank – Volker Brauns Handstreiche

Blühende Landschaften, wo einst Fabriken standen. Das ist die Welt, in die uns der schon zu DDR-Zeiten auf beiden Seiten der Mauer gelesene Dramatiker, Erzähler und Lyriker Volker Braun in seinen 2019 bei Suhrkamp erschienenen Handstreichen entführt. In drei Abschnitte aufgeteilt, dreht sich der 90 Seiten starke Band um den „Sinn und Unsinn der Arbeit“ sowie um das „Machwerk der Menschheit“, wobei die Kurzgeschichte „Die Flut in der Leidsestraat“ als Bindeglied zwischen den 2005–2007 und 2015–2017 entstandenen Hauptkapiteln dient.
Enthält das erste „Worte aus der Werkzeugtasche“, die zum zeitgleich verfassten Schelmenroman Machwerk. Oder: Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer (2008) gehören, so kommt es im zweiten zu „Ausschreitungen auf dem Papier“. Gemeinsam bilden sie eine Sammlung aphorismenartiger Kurztexte variierender Länge. Obwohl sie Vertrautheit mit der Form erkennen lassen, was die Bezugnahme auf klassische Gattungsvertreter wie Joubert, Rivarol, Kafka oder Benjamin beweist, handelt es sich bei ihnen nicht um „Maximen[, n]och weniger um Refexionen“ (S. 14). Stattdessen begreift sie der in fortwährendem Dialog mit seiner Romanfigur Flick stehende Autor mal als „Handgriffe, Fingerzeige, Rippenstöße“ (ebd.), mal – und hier darf man sich an einen fast gleichnamigen Band von Ulrich Erckenbrecht erinnert fühlen – als „Maximen und Moritzen“ (ebd.). Hinzu kommt, dass der bewusst auf die Genrebezeichnung ‚Aphorismen‘ verzichtende Buchtitel Peter Handke entlehnt wurde (vgl. S. 34), der sich in seinem Gedankentagebuch Am Felsfenster morgens (1997) in ähnlicher Weise von der moralistischen Tradition distanziert hat: „Maximen und Reflexionen? Nein, eher Reflexe; Reflexe, unwillkürliche, gleichwohl bedachtsame; Reflexe, die aus einer Bedachtsamkeit kommen, einer grundsätzlichen, und in deren Folgen hin und wieder ausschwingen, auch ausschwingen wollen, über den bloßen Reflex hinaus, soweit der Atem reicht.“
Was Braun vorlegt, sind also keine Gedankensplitter, sondern Späne von der Werkbank. In mehrfacher Hinsicht als ‚aufhebenswert‘ erachtet, dokumentieren sie zum einen die Arbeit an einem größeren literarischen Projekt, zum anderen die Suche nach neuem Erzählstoff: „Einen großen Satz machen, über das Ende der Zeile hinaus. In eine andere Geschichte“ (S. 25). So kommt es nicht von ungefähr, dass Meister Flick, ein umtriebiger, unfreiwillig in den Ruhestand versetzter Tagebau-Dispatcher aus der Niederlausitz, zu Brauns Alter ego avanciert: „Kohlevorkommen, Sprachvorkommen: die Ausbeute“ (S. 14). Denn wie dieses ‚Arbeitstier‘, das bei Havarien „ruhig Hand anlegt[e]“ (S. 10), um die Bagger, Eimerketten und Förderbänder wieder zum Laufen zu bringen, erträgt es der Georg-Büchner-Preisträger von 2000 nicht, wenn etwas stehen- oder liegenbleibt – sei es das eigene Werk, sei es der Umbau der Gesellschaft. Entsprechend gibt er in Handstreiche nicht nur eine Anekdote wieder, in der ihn sein Altersgenosse Handke – auf einer Treppe hockend – mit der rückhaltlos-doppelbödigen Frage „Was fangen wir nun an?“ (S. 58) konfrontiert. Vielmehr geht der Verfasser auch auf die Motive seiner „Unrast“ (S. 36) ein: „Das Verändernwollen! Damit dann Ruhe ist. Die bessere Welt. Das ganze Treiben aus Trägheit, Bequemlichkeit“ (S. 36).
Hatte er aber noch Mitte der siebziger Jahre, z.B. in der Notatesammlung Es genügt nicht die einfache Wahrheit (1975), von der ‚arbeitenden Geschichte‘ gesprochen, in der sich der „entfremdete Mensch“ (Marx) weniger als Produkt denn als Produzent der sozialen Umstände wähnen durfte, so ist nun – nach dem Fall der Mauer – Ernüchterung eingekehrt. In der von Stilllegung und Abriss beherrschten „Folgelandschaf[t], und -gesellschaf[t]“ (S. 14) fühlt er sich Braun ebenso nutzlos wie die Titelfigur seines Romans: „Wir stehen an der Abbruchkante der Geschichte. Unsere Erfahrung: die Verwerfung“ (S. 12). Obwohl die „Apparatur“ der beiden „soweit in Ordnung [ist]“, sind sie „moralisch verschlissen“ (S. 22), weshalb sie sich als „alt[e] Narren“ (ebd.) nach Zeiten zurücksehnen, in denen Widersprüche noch Hoffnungen und Utopien noch Oasen waren: „Wir kannten nützliche und schädliche Arbeit und wußten beizeiten, aber zu spät zu unterscheiden. Seit aber die Proteste verraucht sind wie der Staat und alle seine Zeichen, wird das Elend gewürdigt als Naturereignis. Man schuckt den Dreck und nimmt das Gift“ (S. 16). Doch bei allen Gemeinsamkeiten existieren auch Unterschiede zwischen ihnen. Nicht nur, dass der Autor um die unüberbrückbare Kluft von Hand- und Kopfarbeit weiß: „Flick bringt die Sache in Ordnung, ich bringe sie durcheinander. Er sucht die Teile zusammen, ich die Gegenteile. Paradox!“ Seiner Solidaritätsadresse an die Werktätigen ist ebenfalls das schlechte Gewissen beigemischt, als Schriftsteller nicht aktiv am Traum der „andere[n] Arbeit“ (S. 16) mitgewirkt zu haben: „Flick machte, wie wir wußten, nicht viel Worte. Darin war er Meister. Wir redeten natürlich zu viel, ganze Sätze. Wir Stifte“ (S. 62).
Ob jedoch der marode Arbeiter- und Bauernstaat zu erneuern gewesen wäre, wenn Braun die Feder gegen eine Werkzeugtasche eingetauscht hätte, ist zu bezweifeln. Schließlich herrschte im Osten kein Mangel an Produktivkräften, wohl aber ein Mangel an Produktionsmitteln, so dass alle Eingriffe in das System „Reparaturen, Flickwerk, Rettungsversuche der unheilen Welt“ (S. 15) geblieben wären. Zwar ehrt es Braun, dass er sich „in Wendezeiten“ als „Grader“ (S. 17 ) erwies – besonders, als er in seiner Elegie „Das Eigentum“ (1990) den Exodus aus den Neuen Bundesländern mit den vielzitierten Worten „Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen / KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN“ beklagte –, doch sind viele seiner Handstreiche keine „überlegte Handlungen“ (S. 34), sondern ‚ostalgische‘ Reminiszenzen: „Was denn für ein Hunger? Wir hatten andere Appetite, als man mit einer Banane abspeist“ (S. 17). Zu kritisieren ist ferner, dass er sich trotz seines hohen stilistischen Niveaus den einen oder anderen Kalauer erlaubt – „Was war meine Schuld? Ein Leben in Saus und Graus (S. 30) –, dass er zusammengehörige Reflexionen ohne Not typographisch auseinanderreißt – „In meinem ersten Raum war ich glaubenslos. Ich vertraute. Da war ich selig. // Als ich gläubig war, war ich gottverlassen“ (S. 67) – und dass er in Palimpsesten wie „Von einer Aufgabe träumen. Mitten im Unterricht“ (S. 82) deutlich hinter dem Beziehungsreichtum der Vorlage zurückbleibt: „Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit“ (Franz Kafka).
Aus aphoristischer Sicht bieten die Handstreiche daher wenig Bemerkenswertes. Zu sehr sind die enthaltenen Beiträge mit dem Machwerk-Roman verflochten, als dass sie ihren äußeren Zusammenhang vergessen machten. Im Zeitpolitischen verhaftet, erreichen sie nur selten die „Form der Ewigkeit“, die Friedrich Nietzsche zum Qualitätsmerkmal der Sentenz erhoben hat. Und so bleibt zu befürchten, dass selbst allgemeingültige Einzeiler aus dem vorliegenden Band dasselbe Schicksal ereilt wie die abgewickelten, von Flora und Fauna zurückeroberten DDR-Kombinate: „Natürlich bleibt nichts. Nichts bleibt natürlich“ (S. 89).

 

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Friedemann Spicker über:
Elazar Benyoëtz: Feindeutig. Eine Lesung. Würzburg: Königshausen und Neumann 2018, 239 S.
Gottik. Eine Lesung. Würzburg: Königshausen und Neumann 2019, 330 S.;
Nadelind. Prosamen. Würzburg: Königshausen und Neumann 2019, 190 S.;
Der eingeschlagene Umweg. Würzburg: Königshausen und Neumann 2020, 360 S.

Elazar Benyoëtz ist uns vom Deutschen Aphorismus-Archiv vielfach verbunden; zuletzt haben wir unsere Skizze über „Deutschsprachige jüdische Aphoristik“ man eine seiner Lesungen anschließen dürfen: „Auch Kürze hat ihre Maßlosigkeit“ (Brockmeyer 2015). Er hat in den letzten vier Jahren in seinem neuen Verlag Königshausen und Neumann eine rege Publikationstätigkeit entwickelt, und es ist höchste Zeit, dass wir seine jüngsten Arbeiten an dieser Stelle zumindest anzeigen. Zum Teil schließen sie an die Reihe der „Lesungen“ an, wie sie Benyoëtz seit 2012 vermehrt publizierte („Sandkronen“, 2012; „Am Anfang steht das Ziel und legt die Wege frei“, 2015; „Das Feuer ist nicht das ganze Licht“, 2015; „Beteuert und gebilligt“, 2016; „Das Kommende ist nicht in Eile“, 2017; „Was sich ereignet, findet nicht statt“, 2017; „Zitat und Zeugenschaft“, 2017; „Allsamkeit“, 2018), zum Teil sind sie ohne diese Grundlage konzipiert. Formal sind sie alle so gehalten, wie es der Benyoëtz-Leser in den letzten Jahren gewohnt ist: eine Mischung aus Lyrik, Aphorismus, Zitat, zusammen mit der Variation älterer Texte um die Mittelachse angeordnet, thematisch vertraut um Biblisch-Jüdisches, um Glaube und Zweifel, um Erinnerung, Wort und Sprache kreisend und immer wieder auch den Aphorismus selbstreferenziell bedenkend und auf den Weg des eigenen Werkes zurückblickend. Wiederaufbereitetes steht neben Lyrisch-Verrätseltem und großartigen aphoristischen Einsichten, bedingungsloses Wortspiel neben bemerkenswerten Selbstaussagen in einer Fülle, die ich im Detail nur exemplarisch an dem Letzterschienenen, „Der eingeschlagene Umweg“, zeigen kann. Der Band ist Vermächtnis und Altersrückblick, ist Impuls zur Reflexion und biblische Betrachtung, aphoristische Selbstreferenz und Poetologie, er ist von Wortgläubigkeit und Meditation wie auch von weiterführender Variation und Intertextualität geprägt und scheut auch mit Stichworten wie Islam, Judentum und Antisemitismus nicht den aktuellen Bezug; auch hier muss ich mich auf wenige Aspekte beschränken. Ich greife den autobiografischen, den intertextuellen, den poetologischen und nicht zuletzt natürlich den aphoristischen Aspekt heraus.
Für die Autobiographie, die der Autor ja bisher in sehr vielen Bruchstücken, aber nicht in einer zusammenhängenden epischen Form geboten hat, bietet der neue Band, schon durch seinen Rahmen von „Sprachlaub, urwüchsig“ (S. 7-12) bis zum „Nachwort“ (S. 334) akzentuiert, wertvolles neues Material. Stellenweise nimmt er mit seinen „Altersgedanken“ (S. 55) fast Vermächtnis-Charakter an (z. B. „Nachruf, Nachlass, Nachwelt“, S. 320). Durch die Emigration seiner Eltern auf diesen „Umweg“ gebracht (S. 7), sieht Benyoëtz sein „Schriftwerk, / in seinem Immer-von-vorn begründet“ (S. 8). Er ist mit seinem „Jerusalemdeutsch“ (S. 12) „froh, unter deutscher Dichtatur / nicht leben zu müssen“ (S. 28) und behauptet zu Recht seine singuläre Stellung zwischen den beiden Sprachen. Unaufhörlich umspielt der „Trohubadohu“, der „Buchstabelist“, ein „Dennochide“ (S. 328f.), seine dichterische Existenz, um deren Kern zu begreifen und zu vermitteln,
Der Autor stellt früheste Texte in einen neuen Zusammenhang, indem er einen herausgreift, z. B. „Sinn hat nur das Zwecklose“ (S. 187) aus „Einsätze“ (1975, S. 10), indem er zwei übernimmt (S. 196 aus „Einsätze“, 1975, S. 13) oder nur einen aus der frühen Anordnung streicht (S. 206 aus „Einsätze“, 1975, S. 20) oder auch, indem der Aphorismus jetzt gewissermaßen als Überschrift oder Thema einer Seite nicht nur grafisch mehr Gewicht bekommt, z. B. „Die Vernunft reicht nicht aus, sie genügt aber“ (S. 91) aus „Einsprüche“ (1973, S. 11) oder „Gehörig – mit Schweigen bedacht“ (S. 83) aus „Vielleicht – Vielschwer“ (1981, S. 20).Was das für die relative Isolierbarkeit des Aphorismus und eine zweite Lesung im neuen Ko-Text zu bedeuten hat, das zu analysieren, wird im Einzelnen späteren Arbeiten vorbehalten sein, hier nur ein Beispiel: „Rom wie Jerusalem / sind nur noch / über Auschwitz zu erreichen“ (S. 165), der Aphorismus, der mehrfach in seinem Werk verwendet ist („Einsprüche“, 1973, S. 60; „Einsätze“, 1975, S. 40; „Das Mehr ist gespalten“, 2007, S. 90), wird in dem Zusammenhang einer Seite, die Wilhelm Michel mit Georg Groszʼ „Christus mit der Gasmaske“ sowie die Apostelgeschichte 23, 11 zitiert, mit neuen Assoziationen angereichert. (Dort heißt es: „Wie du mich in Jerusalem bekannt hast, musst du mich auch in Rom bekennen.“; in der Übersetzung Luthers: „Denn wie du für mich Zeuge warst in Jerusalem, so mußt du auch in Rom Zeuge sein.“)
Der intertextuelle Aspekt bezieht sich natürlich in erster Linie auf fremde Texte. Mit der (variierenden) Wiederaufnahme eigener Texte kann der Autor ebenso ein Alleinstellungsmerkmal beanspruchen wie mit seiner Zitattechnik. Die Bedeutung des Zitats in der Literatur Benyoëtzʼ muss nicht eigens betont werden. (Vgl. Friedemann Spicker: „Das gerichtete Wort“ oder „Briefeschreiben als Passion und Schule“. Epistolographie und Aphoristik bei Elazar Benyoëtz. In: Elazar Benyoëtz – Korrespondenzen. Hg. von Bernhard Fetz, Michael Hansel und Gerhard Langer. Wien 2014, S. 213-227, hier S. 219-221) Zitate gehören nach eigener Aussage zu den „Eckpfeilern“ seiner Poetik („Allerwegsdahin“, 2001, S. 179). Den zahlreichen Zeugnissen für die besondere Bedeutung, die er seinem Zitieren gibt, fügt er hinzu: „Zitat – Ein Satz im Auftrag“ und reflektiert unter dieser Überschrift diverse Aspekte, so das Große im Kleinen und das Zeugnis (S. 138). Zitate beanspruchen hier nun nicht weniger als ganze Seiten-Einheiten, von einer Überschrift perspektiviert. So folgt dem Aphorismus „Meine Gedanken sind nicht meiner Meinung“ nichts als ein Zitat aus den Briefen Alexander von Villersʼ (S. 74), so steht ein Zitat des Dichters Gustav Schüler (1868-1938) ganz für sich auf einer Seite (S. 183). Schon diese beiden Namen beweisen, dass der Autor mit seinen Zitat-Zeugen höchst eigene Wege geht. Da sind Entdeckungen möglich (wenn man sich denn seine Kritik bewahrt). Richard von Schaukal (S. 269, 289, 293) etwa gehört gewiss nicht in die erste Reihe der deutschsprachigen Aphoristiker des 20. Jahrhunderts.
Für seine Poetologie, die wie stets in vielen Ansätzen Wort, Satz und Sprache, Sprechen und Schweigen reflektiert, kann ich in dem Rahmen einer kurzen Rezension nur auf den Johannes-Bezug („Im Anfang war das Wort“, Joh 1, 1-4) verweisen, der hier besonders deutlich wird und sich durch das ganze Buch zieht (S. 6-67, 82, 152, 158, 238, 274, 304).
Der aphoristische Aspekt sollte dagegen in unserem Rahmen zum Schluss betont werden. Auch mit ihm schließt der Autor an seine regelmäßigen selbstreferenziellen Texte seit den 70er Jahren an. ,Klassikerʻ der diesbezüglichen Benyoëtz-Interpetation wie „Der Aphorismus nimmt den Widerspruch vorweg, der Spruch setzt ihn voraus.“ (S. 81) etwa konnte man schon 1973 und 2000 lesen. Wieder sind das Verhältnis von „Sprachkürze und Denkweite“ (Jena Paul) („Der Aphorismus / weist den längsten Weg / und bahnt ihn mit wenigen Silben“, 86), die Ambivalenz der Genauigkeit („Alle Täuschung / beruht auf Genauigkeit“, S. 19) sowie das fraglich Apodiktische einerseits („Der Aphorismus hat alle Argumente für sich / und führt keinen einzigen an“, S. 287; „Thesen sind das Militär der Aphoristik“, S. 277) und das fraglos gefährliche Ungefähre andererseits („Am Vielleicht / verkommt die Aphoristik“, S. 259) die Aspekte, die ihn dabei unaufhörlich umtreiben: „Ein Aphorismus kann nicht / auf Biegen und Brechen stimmen, / er muss biegen und brechen“ (S. 27f.)
Dreierlei, zwei davon in schärfstem Widerspruchsverhältnis zueinander, wird künftige Interpretation dabei immer zusammenzudenken haben, Judentum, Poesie, Moralistik; in seinen eigenen Worten: „Mein Denken kommt aus der Synagoge“ (S. 56); „Es gibt kein Denken jenseits von Singen und Sagen“ (S. 51); „Das scharfe, argumentlose Denken heißt Moralistik“ (S. 51).

 

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Jürgen Wilbert über:
Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger „APHONITIONEN – Aphoristische Definitionen“ (Königshausen & Neumann: Würzburg 2019)

Der Autor, 1939 in Insterburg (Ostpreußen) geboren, ist Chemiker im Ruhestand und war in zahlreichen Wissenschaftsorganisationen tätig. Nach diversen Fachbüchern veröffentlicht er auch Aphorismenbände.
Darin kommt laut Vorwort in seinem jüngsten Buch „seine lebenslange Leidenschaft für Aphorismen“ zum Ausdruck. Nach „ Aphorismen & Zitate über Natur und Wissenschaft“ (WILEY-VCH Verlag 2013) und „K(l)eine Weisheiten“ (Brockmeyer-Verlag 2015) ist nun sein neues Buch „APHO-NITIONEN“ im Verlag Königshausen & Neumann erschienen. Fasziniert von den vielfältigen Möglichkeiten der deutschen Sprache, „der Vielfalt der Kombinationsmöglichkeiten der … Chemie nicht unähnlich“ (laut Vorwort S. 4), legt er hier eine üppige Auswahl von „Wort-Molekülen“ oder „WortSinnThesen“ vor. Nach einem solchen Prinzip entstand auch der originelle Titel „APHONITIONEN – Aphoristische Definitionen“. Damit knüpft er an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Aphorismus“ im Griechischen an: etwas auf den Punkt bringen, zusammenfassen, definieren“. So ist kein streng systematisches Lexikon entstanden, sondern eine Sammlung von Worten / Wortkombinationen, die der Intention folgt, „ aphoristisches Denken mit sprachspielerischer Experimentierfreude zu verbinden“. (S. 5) Darüber hinaus möge es „die Lesenden (…) zum kreativen Weiterdenken“ anregen. (Randnotiz: Auch der bekannte Aphoristiker und Essayist Erwin Chargaff war Chemiker und zeitlebens von der kurzen Gattung fasziniert. Von ihm stammt diese Notate: „Wir haben den Glauben verloren, weil wir Berge versetzen können.“ / „ Die Natur ist unerbittlich beiläufig.“)
In der Tat, die Lektüre des Buches bereitet immer wieder Lesevergnügen, wenn man z.B. über solche Wörter „stolpert“ wie „Fleißeslust“ (für „Arbeitsfreude“). Bei der Fülle der aphoristischen Definitionen – zumeist in der Form von Einwortsätzen – verweise ich im Folgenden lediglich exemplarisch auf einige besonders originelle Beispiele. So bezeichnet er die Aphoristik als „EinSatzKunst“ und Aphoristiker als „Verballistiker, die gern ins Schwarze treffen“. Weniger überzeugend hingegen ist die Variante „Wort-Spielzeug“. Gelungen, da wortwitzig und hintergründig zugleich, ist auch die Umschreibung der „Adipositas: die guten Vorsätze werden immer wieder untergebuttert“. Rein kalauernd kommt die Definition der „Agentin“ daher: „versucht zu lockvögeln“. Stellenweise erinnert mich das Buch an das bissige „Wörterbuch des Teufels“ von Ambrose Bierce, etwa bei diesen Begriffen: „Abendprogramm, Fernsehen: grenzt oft an Hausfriedensbruch“. Oder: „Abwesenheit: angenehmste Eigenschaft von Mitmenschen“. Beim Stichwort „Liebe“ und den entsprechenden Komposita finden wir eine Menge von Definitionen, von denen nicht alle überzeugen können, doch bei dieser Fülle von Wortkreationen ist das nicht weiter verwunderlich. (Vergleiche „Sexamen“ für „Liebesprüfung“.) Im Bierceschen Sinne geglückt ist diese Umschreibung für „Liebe: biologischer Ausnahmezustand wegen turbulenter Hormonlage“. Der prachtvolle Hardcover-Band mit vielen graphischen Auflockerungen ist zweifelsohne das Ergebnis langjähriger kreativer Wortschöpfungsarbeit. Zum Abschluss als „Appetithappen“ nur noch wenige prägnante Textbeispiele, mal ernsthaft – mal humorig: „Konsum: KaufKraftSport“ / „Vorsicht: ist geboten – wer bietet mehr?“ / „Zeit: Besitz, der sich nicht anhäufen lässt“. Fazit: Alles in allem stellt dieser Band eine wahre Fundgrube für WortSpielFreunde dar und bietet in üppiger Form Anlass für die Erprobung eigener aphoristischer Wortschöpfungen.

JWD, Düsseldorf, Januar 2020

 

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Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger über:
Jürgen Wilbert: SinnBilder, erschienen 2019 im Düsseldofer Verlag „edition virgines“

An den in jeder Hinsicht vielfältigen Aphorismen von Jürgen Wilbert haben die Freunde dieser Form von Literatur durch seine Bücher schon lange ihre Freude. Nun hat er wieder einen Band vorgelegt mit vielen neuen und einigen überarbeiteten Aphorismen. Der Titel „SinnBilder“ ist dabei in doppeltem Sinne programmatisch. Er bezieht sich sowohl auf die Aphorismen als auch auf die fotografischen Bilder von Rainald Hüwe, die diesen Band quasi kongenial schmücken und durchgehend begleiten. Ganz anders als die landläufigen Geschenkbücher und Kalender sind es keine idyllischen Blumen und Landschaften, sondern ehrliche, nicht nachbearbeitete Fotografien, in die die Aphorismen optisch und perspektivisch hineinragen. Die lockere Anordnung der Aphorismen lässt nicht nur räumlich, sondern auch gedanklich Spielraum für kontemplative Betrachtung und mitdenkendes Hineinfühlen. Die 40 Kapitel beginnen jeweils mit einem Leit-Aphorismus, dem ein assoziatives Foto zugeordnet ist. Dann folgt eine Doppelseite mit jeweils acht thematisch angeglichenen Aphorismen. Die Schrift ist lesefreundlich groß und dennoch kommen 300 Aphorismen zusammen. Für unsere von Bildern überflutete Zeit liegt hier ein ansprechendes Konzept vor, denn reine Textbücher werden zunehmend als „Wortwüsten“ empfunden. Da Aphorismen-Bücher ohnehin nicht durchgängig gelesen werden, sondern Lektüre für zwischendurch und immer mal wieder sind, ist die hier vorliegende Form durchaus zu empfehlen.

Das Niveau der Aphorismen ist, wie es bei dem Autor zu erwarten war, hoch, ohne jedoch abgehoben oder gar elitär zu sein. Es ist das normale Leben, sozusagen der Alltag, der stets hindurchscheint. Das gilt auch für die Sprache. Eine besondere Stärke des Autors besteht darin, mit einfachen Worten Interessantes, Nachdenkliches oder auch Pfiffiges zu sagen. Auf Modernismen und Fremdwörter verzichtet er geradezu asketisch. Der klare Stil lässt die langjährige Erfahrung in der Erwachsenenbildung erkennen.

Inhaltlich bleibt sich der Autor seiner kritisch distanzierten Betrachtungsweise der Gesellschaft und der Welt treu. Aber er ist kein Zyniker und kein Weltverbesserer, vielmehr bestimmen Ironie und Humor seine Betrachtungen und Gedanken. Hinzu kommen Kreativität und Freude am Wortspiel. So karikiert er die überbordende Bürokratisierung unserer Gesellschaft, wodurch alle Vorhaben nur noch kriechend vorankommen, knapp und präzise: „Der Dienstweg: Teststrecke für den aufrechten Gang“. Selbst an alte, semantisch abgeschliffene Sprichwörter wagt er sich kreativ und sprachspielerisch heran. Aus der Volksweisheit „Durch Schaden wird man klug“ macht er “Viele werden nur durch Scheitern gescheiter“.

Das erste Kapitel trägt den inhaltlich wegweisenden Titel “Aphorismen sind Stolpersteine für landläufige Meinungen“. Nach der Lektüre möchte man ergänzen: „…und gängige Betrachtungsweisen“. Jürgen Wilbert zeigt, dass der Aphoristiker anders denkt und auch Alltägliches anders sieht, wobei ihm Rainald Hüwe optische Hilfe leistet. So ist ein ansprechendes Buch entstanden, dem man weite Verbreitung wünscht. Es ist aus mehreren Gründen zu empfehlen: zum Lesen, zum Nach- und Mitdenken, zur Anregung und vor allem zum Verschenken, denn jeder wird etwas darin finden, was ihn anspricht und anregt, als auch worüber er nachdenken oder lachen wird.

Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger Januar 2020

 

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Alexander Eilers über:
Hans Magnus Enzensberger: Album. Berlin: Suhrkamp 2011
Hans Magnus Enzensberger: Fallobst. Nur ein Notizbuch. Berlin: Suhrkamp 2019.

„Poetik der Aneignung“ – H.M. Enzensbergers Aphorismen in Album und Fallobst

Der Ruhm hat sich zu den Klassikern ins Grab gelegt. Doch damit sind weder die Erwartungen der Leserschaft noch die Ansprüche der Autoren an sich selbst gesunken. Wer nämlich in dem fast unüberschaubaren Literaturbetrieb der Gegenwart zu den Großschriftstellern gehören will, muss gleich mehrere Genres bedienen.

Ein solcher ‚Hans Dampf in allen Gassen‘ ist zweifellos H. M. Enzensberger. Nicht nur, dass er sich schon früh mit seinen Radio-Essays, Gedichten und Bühnenwerken einen Namen gemacht hat. Vielmehr ist der Büchner-Preisträger von 1963, den sein Hausverlag Suhrkamp im 90. Lebensjahr zu „einem der einflussreichsten und weltweit bekannten deutschen Intellektuellen“ erklärt, ebenfalls als Biograph, Verfasser von Kinderbüchern, Hörspielen oder Filmskripten sowie als Übersetzer in Erscheinung getreten. Hinzu kommt, dass er viele Jahre das legendäre Kursbuch edierte, die Kulturzeitschrift TransAtlantik mitherausgab und zusammen mit Franz Greno die bibliophile Buchreihe Die Andere Bibliothek begründete. Gerade letztere, die ein buntes Spektrum an wiederentdeckten Klassikern, zu Unrecht in Vergessenheit geratenen literarischen Kostbarkeiten und Erstausgaben von im deutschen Sprachraum unbekannten Schriftstellern präsentiert, zeugt von seiner Vielseitigkeit.

Kein Wunder also, dass sich der Herausgeber von Chamforts Ein Wald voller Diebe (1987), Montaignes Essais (1998) oder Gómez Dávilas Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten (2006) seit einiger Zeit auch zunehmend der kürzeren Form annimmt. So versammelt etwa das 2011 bei Suhrkamp erschienene Album, das sich selbst als „scrap-book“ (S. 5) ausgibt, auf knapp 300 unpaginierten Seiten unzählige Aufsätze, Gedichte, Notate, Anekdoten, aber auch Sprichwörter, Zitate sowie Aphorismen. Diese stammen entweder als Trouvaillen von klassischen Gattungsvertretern (Lichtenberg, Novalis, Jean Paul, Goethe, Hebbel, Montesquieu, Rivarol, Bacon, Shaftesbury, Chesterton etc.) oder aus eigener Feder, wobei die Fremdproduktion zahlenmäßig eindeutig überwiegt. Wer nun aber glaubt, Enzensberger hätte das von Franz Greno meisterhaft gestaltete – oder besser ‚inszenierte‘ – Buch mit Gedankensplittern lediglich auffüllen wollen, irrt, da ihm ein klares Konzept zugrunde liegt. Es besteht in der produktiven Aufnahme fremden Gedankenguts, wie gleich zu Beginn deutlich wird, wo sich der Autor unter Berufung auf Wolfram von Eschenbach mit einer diebischen Elster vergleicht, die „mit allem, was sie findet, und sei es noch so unscheinbar, ihr Nest schmückt“ (ebd.). Gerne hole sie glitzernde Dinge hervor – gleichgültig, ob es sich um „Straß oder Diamant“ (ebd.) handle. Entsprechend sind in das „Sammelsurium“ (ebd.) Einfälle unterschiedlichster Natur (bzw. Güte) aufgenommen worden, wobei unter strenger Beachtung der alten Rechtschreibung Grüblerisches – „Die Mode ist die Schwester des Todes“ (Giacomo Leopardi) – neben Satirisch-Paradoxem – „Auch wenn Gott die Vergangenheit nicht ändern kann, die Historiker sind dazu imstande“ (Samuel Butler) – oder Moralistisch-Anthropologischem steht: „Geiz ist eines der verläßlichsten Anzeichen tiefen Unglücklichseins“ (Franz Kafka). Enzensbergers eigene Beiträge wirken dagegen oft epigonal, gelegentlich sogar so, als hätte man sie irgendwo schon einmal gelesen: „Daß Marx kein Marxist war, steht fest; er hat sich derart üble Nachrede verbeten. Ebensowenig waren Charles Darwin Darwinist und Freud Freudianer. Nur Dummköpfe sind Anhänger ihrer selbst“ (S. 31). Dies sei aber kein Mangel, wie der Autor betont, sondern ein Vorzug. Denn wenn er schreibt, dass sich, „[w]er beeindrucken will, […] mit fremden Federn schmücken [sollte, da einem] die eigenen […] allzu bekannt [vorkommen]“ (S. 88), formuliert er seine an T.S. Eliot geschulte Poetik: „Immature poets immitate, mature poets steal.“ Dichtung sei nämlich so sehr in den gesamtkulturellen Kontext eingebunden, dass Individualität letzten Endes auf Konformität hinauslaufe. Demzufolge komme es – um Eschenbachs Eingangsbild erneut aufzurufen – nicht darauf an, dem ‚finsteren, treulosen Schwarz der Elsternfarben nachzudenken‘, sondern ihrem ‚Weiß‘ (vgl. S. 5). Das ist insofern relevant, als diese Farbe auch für den gleißenden Einband gewählt wurde. Zudem schließt das Buch mit einer „Meditation über alles, was weiß ist“, in der Enzensberger unter Bezugnahme auf das von Malern benutzte Bleicarbonat – allegorisch verschlüsselt – vor einem Übermaß an Originalität warnt:

„So geht das schönste Weiß aus einem Metall hervor, das der Wirkung von Mist ausgesetzt wird, und das Resultat ist eine ebenso kostbare wie gefährliche Substanz. Bleiweiß gehört zu den giftigsten Farben, die wir kennen. Vorsicht ist geboten: Wer sich auf das weißeste Weiß einläßt, kann darin umkommen“ (S. 335).

Doch ergeben sich noch weitere Korrespondenzen zwischen Dichtungstheorie und Einband. Schließlich ist auf dessen Innenseite eine mit „Vorratskammer HME“ betitelte und schwarz unterlegte Computertomographie von Enzensbergers Gehirn abgedruckt. Sie liefert dahingehend Aufschluss über den Plan des in wildem Durcheinander gehaltenen Albums, dass unser Nervenzentrum „ein undiszipliniertes Organ ist, das sich an keine Reihenfolge hält, ohne Inhaltsverzeichnis auskommt und keine Chronologie kennt“ (S. 6). Folglich genüge es, wenn andere gescheit sind, so dass man kein Lichtenberg zu sein brauche, um sich an Sudelbüchern zu weiden (vgl. ebd.). Was hier vorliegt, versteht sich also nicht als ein eigenständiger Essay- oder Aphorismenband, sondern als eine randvoll gefüllte „Wundertüte“ (ebd.).

Dasselbe gilt für die kürzlich erschienene Sammlung Fallobst (Suhrkamp, 2019). In drei ‚Körbe‘ aufgeteilt, präsentiert sie – wie es im einleitenden Gedicht heißt – ‚Liegengelassenes‘, das „vielleicht […] als Dünger [taugt]“ (S. 6) und das man gerne aufsammelt, „solange es nicht verfault ist“ (ebd.). Hierbei handelt es sich um Texte verschiedenster Art. Sie reichen von Beobachtungen, Kurzessays, Erinnerungen über Dialoge und Verse bis zu Gedankensplittern. Allen gemein ist, dass sie dem Zeitgeist auf den Zahn fühlen und kritisch auf das Selbstbewusstsein der Finanzastrologen, das Kauderwelsch der Tageszeitungen oder die Mythenmodelle der modernen Kosmologie zu sprechen kommen. Was aber auf den ersten Blick wie eine Zusammenstellung älterer, bislang unveröffentlichter Beiträge aussieht, erweist sich bei genauerem Hinsehen als eine Fortsetzung des Albums. So ist Fallobst zwar nicht so reich bebildert wie das Vorläuferbuch, doch stellen die Vignetten von Bernd Bexte eine eindeutige Beziehung zwischen den beiden her. Schon auf dem Einband ist die stilisierte Darstellung eines Kopfes zu sehen, in dem sich ein Labyrinth von Nervensträngen befindet. Darüber hinaus sind die geistreich-verspielten Zeichnungen bestens zur Illustration von Enzensbergers Lieblingsthemen geeignet, zu denen Fragen der Ökonomie, des technischen Fortschritts, der Literatur und der Intelligenzforschung zählen. Parallel dazu kommt es zu inhaltlichen Überschneidungen – etwa, wenn der Autor erneut auf das lyrische Oeuvre von Diktatoren eingeht oder wenn er seinen im Feuilleton kontrovers diskutierten Vergleich zwischen Saddam Hussein und Adolf Hitler weiterspinnt. An manchen Stellen stößt man sogar auf altbekannte Texte, wie z. B. den Aufsatz „Über die unaufhaltsame Verbesserung der Welt“, der sowohl im Album als auch in Fallobst vertreten ist.

Doch damit nicht genug: Selbst in Punkto Aphorismus sind sich die beiden Bände ähnlich. Nicht nur, dass beim Abdruck von Lesefrüchten weitgehend aus denselben Quellen (Lichtenberg, Goethe, Kafka, Leopardi, Chesterton etc.) geschöpft wurde. Vielmehr befinden sich Enzensbergers eigene Sentenzen auch hier deutlich in der Unterzahl und wirken genauso nachahmend wie im vorigen ‚Sudelbuch‘. Als Beispiele seien das Marx-Echo „Fußball ist kein Opium, sondern Ecstasy, Amphetamin und Crack fürs Volk“ (S. 208) sowie der auf Samuel Becketts berühmtem Motto „Try again. Fail again. Fail better“ beruhende Satz „Unbefangen weiter straucheln, bis zum letzten Atemzug“ (S. 72) genannt. Dass sie qualitativ nicht mit den zahlreichen Zitaten aus Philosophie, Literatur und Wissenschaft mithalten können, wird spätestens dann klar, wenn sie einem direkten Vergleich unterzogen werden. Infolgedessen finden sich unter den eingegliederten – man möchte schon fast sagen ‚anthologisierten‘ – Einfällen und Aussprüchen wahre Schätze wie „Das Leben steckt in Begriffen wie ein ausgewachsenes Kind in zu kurzen Kleidern“ (Joseph Roth) oder „Es gibt nichts Schöneres, als einem dummen Menschen beim Schweigen zuzuhören“ (Helmut Qualtinger), während Enzensbergers eigene Aphorismen häufig banal – „Die wirksamsten Aphrodisiaka sind immer noch Liebe, Macht und Geld – in absteigender Reihenfolge“ – oder bemüht anmuten: „Man tut gut daran, alles abzusagen, was angesagt ist“ (S. 119). Nur selten erreichen seine Denksprüche die Qualität eines „Privilegiert sein heißt, niemanden über und niemanden unter sich zu haben“ (S. 132), weshalb man als Liebhaber der Gattung nicht beklagen sollte, dass Fallobst den Untertitel „Nur ein Notizbuch“ trägt. Denn die Tendenz von Großautoren, ihre Sammlungen nicht den Zusatz „Aphorismen“ zu geben, was man etwa bei Peter Handke, Martin Walser, Botho Strauß oder Günther Kunert beobachten kann, ist nicht unbedingt ein Hinweis auf den schlechten Leumund des Genres. Enzensbergers Entscheidung, seine neuste Publikation ‚Notizbuch‘ zu nennen, hat wohl eher damit zu tun, dass man die enthaltenen Beiträge tatsächlich nicht einer bestimmten Textsorte zuordnen kann. Wer also vom Album oder von Fallobst „eine ganze Milchstraße voller Einfälle“ (Lichtenberg) erwartet, wird enttäuscht. Ertragreich ist die Lektüre gleichwohl dann, wenn man sich auf Enzensbergers ‚Poetik der Aneignung‘ einlässt. Ob sie ihm das von T. S. Eliot beschworene Einrücken in den Überlieferungskontext gewährt, wird die Zukunft zeigen. Der Heinrich-Heine-, Ludwig Börne- und Frank-Schirrmacher-Preisträger scheint – wie er in seinem Album ausführt – diesbezüglich aber eher skeptisch zu sein: „Der Ruhm ist der Kondensstreifen, den ein Werk hinterläßt. Anfangs nimmt er zu, dann läßt er allmählich nach und verschwindet in der Atmosphäre“ (S. 209).

 

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Friedemann Spicker zu:
Ben Grant: The aphorism and other short forms.
London: Routledge 2016.

Mit Grants Buch, an der Universität von Kent entstanden, liegt eine höchst eigenwillige Einführung in die Gattung vor. Es hat weniger den Aphorismus im engen Sinne als das Aphoristische und Fragmentarische in vielerlei Form zum Thema.

Im Hintergrund stehen die französischen Theoretiker Maurice Blanchot, Jean Baudrillard, Roland Barthes („Der Tod des Autors“) und Jacques Derrida mit seiner aphoristischen Überspitzung „toute écriture est aphoristique”, die ein Maximum an Universalitätsanspruch mit einem Minimum an inhaltlicher Substanz erkauft. Der Autor will den Aphorismus doppelt verstanden wissen: „as a specific short form and as the general term for all short forms.“ (2) Er gibt im ersten Kapitel einen historischen Überblick; in den Kapiteln 2 bis 7 behandelt er verschiedene und verschiedenartige Aspekte wie Kürze, Weisheit oder Paradox, „The aphorism today“ schließt das Buch ab, vor Glossar, Bibliographie und Index.

Schon der historische Überblick birgt manche Überraschung, die sich allenfalls durch Grants übermäßig weites Begriffsverständnis erklären lässt. So werden im Abschnitt über The Medieval Anthology Chaucers „Canterbury Tales” abgehandelt, in The Age of whit, das für ihn von 1650-1750 reicht, nur zwei Autoren genannt: La Rochefoucauld und Pascal (La Bruyere, Vauvenargues und Chamfort nimmt er nicht zur Kenntnis), in The Romantic Fragment (1780-1850) erscheint als das berühmteste britische romantische Fragment Coleridges Gedicht „Kubla Khan”, während Schlegel und Novalis nur gestreift werden. In The Making of America lernt der verwunderte Leser den Dramatiker Royall Tyler (1757-1826) und Philip Stanhope, Earl of Chesterfield (1694-1773) mit den Briefen an seinen Sohn kennen. Ähnlich nach einem Abschnitt zu Friedrich Nietzsche das Unterkapitel Modernism, in dem Eliots berühmtes Gedicht „The Waste Land” und Wallace Stevens‘ Gedicht „Dreizehn Möglichkeiten, eine Amsel zu betrachten“ mit seinen haiku-artigen Strophen die Referenzwerke sind. Im letzten Abschnitt Postmodern Decentring sieht Grant die Transformation des Aphorismus verwirklicht: „the aphorism has become part of an important new critical idiom for thinking not just about writing and literature, but also about the nature of a decentred, fragmented world”. Exemplarisch behandelt er hier Margaret Atwoods Gedicht „Progressive insanities of a pioneer” und die Fraktal-Poesie Alice Fultons (geb. 1952).

Zu den systematisch orientierten Kapiteln nur einige exemplarische Beobachtungen, die alle in dieselbe Richtung führen. Der Leser erfährt (neben dem Vergleich Bacon – Joubert) etwas über Freud („Brevity“), über Buddha und Zhuangzi („Wisdom”), über Zitat und Definition, Bierce und Misogynie am Beispiel von Virginia Woolfs „Ein Zimmer für sich allein” („Authority”), über Matsuo Basho und das Haiku („ein exemplarischer Aphorismus) (in „Thoughts and impressions”), im Kapitel „Enigma and paradox” etwas über Borges, Eco, Lewis Carroll und das zenbuddhistische Koan (die Sammlung „Mumonkan”). Nicht nur große außer-englische Gattungsautoren wie Goethe, Lec, Renard, Kafka, Tuwim oder Gómez Dávila, auch wichtige englische Autoren wie Shaw, Swift oder Butler, für Kenner der wohl bedeutendste englische Aphoristiker des späten 19. Jahrhunderts: sie werden dagegen mit keinem Wort gewürdigt; Hazlitt, Canetti und Valéry werden gerade einmal erwähnt.

Man erinnert sich wehmütig an die ältere deutsche Einführung Harald Frickes („Aphorismus“, 1984): in kluger Beschränkung auf die deutsche Sprache, theoretisch innovativ, solide und fokussiert. Grant bietet durch seine weit ausgreifenden Referate breite Information, mag hier und da auch anregend sein, eine solide Einführung in die Gattung kann er aber mit diesem Überblick über Theorie und Erscheinungsformen der literarischen Kürze nicht bieten.

 

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Friedemann Spicker zu:
Alexander Eilers: Kiesel. Aphorismen. Nebst diverser Freundesgaben.
Mit einem Vorwort versehen von Klaus Steintal.

Der Aphorismus: eine Altherrengattung? Dass das nicht zur Gänze stimmt, daran ist Alexander Eilers (geb. 1976) maßgebend beteiligt. Immerhin publizierte er seinen „Aberwitz“ schon 2005, also im aphoristisch zarten Alter von „unter 30“. Und er ist dem Aphorismus treu geblieben nicht nur als Autor, sondern auch als Anthologist, Herausgeber und Rezensent, treu auch in dem engeren Sinne einer besonderen Gattungstreue.

Ist es eine Art Verschämtheit angesichts so vieler Kalendertexte voll banaler Lebenshilfe, ist es die (verständliche) Suche nach einem Markterfolg, die auffällig viele Autoren heute zu Mischtexten führt, in denen Aphorismen nur eingelagert sind, so zu Tagebüchern (Frank Witzel: Uneigentliche Verzweiflung. Metaphysisches Tagebuch, 2019), zu Notizbüchern (Hans Magnus Enzensberger: Fallobst. Nur ein Notizbuch, 2019), zu Notizen (Peter Sloterdijk: Neue Zeilen und Tage. Notizen 2011-2013, 2018) und Aufzeichnungen (Thomas Stölzel: Zur Sprache gebracht. Aufzeichnungen, Notate und eine historische Phantasie, 2018; Norbert Wokart: Schattenträume. Aufzeichnungen 2017-2018, 2019), wenn sie denn nicht überhaupt auf Gattungshinweise verzichten (unterschiedlichste Beispiele: Martin Walser: Spätdienst. Bekenntnis und Stimmung, 2018; Martin Seel: Nichtrechthabenwollen. Gedankenspiele, 2018; auch Volker Braun: Handstreiche, 2019, mit einem nicht-aphoristischen Mittelteil)?

Dass Eilers „gattungstreu“ geblieben ist, mag auch der Schule Ulrich Horstmanns geschuldet sein, der erst im verflossenen Jahr den gewichtigen Band „Das Gesamtwerk. Werke III. Gedichte und Aphorismen“ vorgelegt hat und dem vorliegenden Band unter Pseudonym ein metapherngesättigtes Vorwort mit auf den Weg gibt.

Für den schönen Titel bietet der Band gleich drei Assoziationsfelder von drei verschiedenen Autoren. Wenn Eilers selbst voransetzt „Aphorismen – Kiesel auf einem Reihengrab“ (13), hält er den Leser in der Ambivalenz zwischen dem Singulären und dem Nivellierenden, zwischen dem Stein, mit dem der Einzelne buchstäblich einen „Anteil“ nimmt zum Gedenken an diese(n) einzelnen Verstorbenen, und eben dem in keiner Weise herausgehobenen „Reihengrab“. In dem Motto „Zur Einstimmung“ aus dem Gedicht „Dover Beach“ (Matthew Arnold) erinnert „das Malmen der Kiesel“ in einem benachbarten Sinnfeld an „den ewigen Klang der Trauer“ (15). Mit dem versteckten Kommentar Michael Rumpfs „Kiesel bieten einen festen Untergrund, eignen sich jedoch nicht für Mauern.“ (60) dagegen sind wir wohl mit der Spannung zwischen einer (soliden?) Basis und einem (gewagten?) Gebäude im vertraut Aphoristischen.

Entscheidend ist hier unter anderem das Miteinander von Einfall und Gedanke. Die Kernfrage, die jeder Leser für sich im Einzelfall zu beantworten hat, lautet jeweils: nur Einfall oder auch Gedanke? Oft genug wird man da bei Eilers zufriedengestellt, ob er, ohne große Worte, große Worte („Zeichen“, „Sinn“) in Beziehung setzt („Wir feiern das Zeichen wie einen Sinn.“ (41), ob er mit minimalsten Abweichungen überraschend Neues erzeugt („Die Theorie in der Praxis überführen.“, 40) Dabei sind es weniger die Mittel, die überraschen, als die Art und Weise, wie sie der Autor auf einen neuen Gedanken hin anzuwenden versteht: die Umkehrung („Das Kostüm spielt die Rolle.“, 27; „Der Sphinx bleibt der Mensch ein Rätsel.“, 27); das Wortspiel („Manche halten Hochgestochenes für erhaben.“, 17) und die Sprichwortabwandlung („Bescheidenheit ziert sich.“, 34; „Mit Köpfchen durch die Wand.“, 36); die Definition („Geschichte: Kompass ohne Nadel.“, 26) und das Paradoxon, das es denkmöglich macht, zum Überbau zu erniedrigen (31).

Nicht verschwiegen sei, dass es – wie sollte es anders sein? – auch Leichtgewichte darunter gibt („Uns erleuchtet nur noch das Handy-Display.“, 37; „Eigentlich macht schon die Geburt alle gleich.“, 46). Man wird – natürlich – an Traditionen erinnert, an Lec („Seit Erfindung des Lots steht alles schief.“, 17), („Wie sicher ist noch das Amen in der Kirche?“, 25), im Einzelfall und zu nahe an Kraus („Jedes wahre Bild portätiert seinen Maler.“; Kraus: „An einem wahren Porträt muß man erkennen, welchen Maler es vorstellt.“) oder an Ebner-Eschenbach („Was wir könnten, können wir nicht.“; Ebner-Eschenbach: „Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.“). In jedem Fall bietet der Band aber anregend Weiterführendes genug, dass er den Ruf des Autors als eines der Bemerkenswerteren unter den gegenwärtigen Aphoristikern zu festigen vermag. Und wenn man weniger finden wird als die auf dem Rückumschlag versprochene „Bilanz zwischen erkalteten Verheißungen und verwunschenen Hoffnungen“, dann ist das der üblicherweise anpreiserischenTextsorte Klappentext geschuldet. Reicht es nicht auch schon, wenn man für das eigene Denken angeboten bekommt, was das Wesen der Zeit ist (20), woran man Lügen erkennt (21) und wohin eine Laufbahn führt (44)?

Nachtrag: Kurioserweise sind „Freundesgaben“ beigegeben. Sie machen den Band dann doch zu einer Mischung, nämlich von Eigenem und Fremdem. Da sie solcherart versteckt sind, hier für diejenige oder denjenigen, der gerade auch sie suchen möchte, die Namen: Tobias Grüterich, Franz Hodjak, Ulrich Horstmann, Vytautas Karalius, Hermann Rosenkranz, Michael Rumpf, Hans-Horst Skupy, Andreas Steffens, Elisabeth Turvold.

 

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Jürgen Wilbert zu:
Markus Mirwald: Mensch zu sein. Wesentliches in wenigen Worten, Band 3
Eigenverlag, Wölbling 2019

Markus Mirwald, 1982 in Vorarlberg geboren, legt hier den dritten Band in seiner Aphorismen-Reihe „Wesentliches in wenigen Worten“ vor. Angeregt durch viele weltweite Reiseerfahrungen begann er – eigener Aussage zufolge – „sich mit dem Wesen des Mensch-Seins und des sozialen Miteinanders zu beschäftigen“. Zudem wandte er sich dem Studium der Soziologie zu. Er lädt die Leser/innen zum „Perspektivenwechsel“ ein und möchte recht ambitioniert „die Grenzen des Denk- und Machbaren (…) verschieben.“ Sein Anliegen formuliert er ferner so: „(Mein) Schreiben folgt dem Gedanken: Verändern wir unseren Alltag, wandelt sich unser ganzes Leben.“

Das Buch ist sehr ansprechend, weil originell im Querformat gestaltet. Die individuelle Note kommt auch dadurch bestens zur Geltung, dass jeder Aphorismus auch handschriftlich abgedruckt ist. Erwähnenswert auch, dass der Band mit dickeren Seiten und einem Lesebändchen ausgestattet ist.

Die fünfzig Aphorismen, – ausgehend von den ersten beiden Bänden der Serie, folgerichtig durchnummeriert von 101 bis 150, berühren allgemein-existenzielle und konkret-lebenspraktische Themen des Menschen gleichermaßen – von der alltäglichen Gestaltung von Beziehungen und der Suche nach Glück und Erfolg bis hin zu übergreifenden ethischen Fragen der Freiheit und sozialen Verantwortung. Dazu sei auf zwei Textbeispiele verwiesen: „Manche werden scheinbar von allem verschont – auch vom Glück, sich dessen gewahr zu werden.“ / „Die Freiheit, die wir zu leben wagen, bringt jene Verantwortung mit sich, an der wir wachsen.“

Manchen dieser Gedankenanstöße haftet deutlich der moralische Appellcharakter an, wie etwa im Kurztext 120 über das Bewusstsein: „Erst das Bewusstsein, für die Folgen unseres Tuns Verantwortung zu tragen, macht uns zu mündigen Menschen.“ So ähnlich auch in Nr. 116: „Um gegenwärtige Chancen ergreifen zu können, gilt es zunächst, die Vergangenheit loszulassen.“ Hier und in anderen Fällen überwiegt des Selbstverständliche der Aussage, es fehlt der überraschende, pointierte Erkenntniszugewinn . Somit verbleiben viele seiner Aphorismen im Umkreis wohlwollender, ratgebender Kalendersprüche oder reiner Wortspielereien (so z.B. 106 / 109 / 111 / 150). Dies gilt auch für die Nr. 134: „Erst die Liebe schenkt der Berührung Inhalt – und bringt die Welt zum Leuchten.“ Der zweite Teil verdirbt durch sein Pathos den durchaus gelungenen ersten. Hier wäre also eine weitere Verknappung angeraten.

Wesentlich tiefgründiger sind dann solche kontradiktorischen Denkanzettelungen wie Nr. 148: „Es entspricht dem Paradox des Lebens, dass wir in der Leere die Fülle entdecken und in der Weite uns selbst finden.“ (Hier hätte ich gut auf das letzte Wort „finden“ verzichten können.) Wir stoßen auch auf einige anregende und denk-würdige Ratschläge, die aus eigener persönlicher Lebenserfahrung erwachsen sind, vorzugsweise zu den Themen „Erfolg“ und „Hoffnung“: „Manch einer berauscht sich an der Intensität seiner Bemühungen, ohne deren Erfolg nüchtern zu betrachten.“ (129) Und: „Es ist eine vergebliche Hoffnung, woanders hinzugehen, ohne etwas zurückzulassen – und ein anderer zu werden, ohne sich zu ändern.“ (128). Wir finden durchgängig verschiedene elementare Bauprinzipien des aphoristischen Schreibens: u.a. die (Schein-)Definition (z.B. 107 / 110 / 130) / die Übertreibung (125 / 142) / das (vermeintlich) Widersprüchliche (111 / 123 / 124 / 126 / 147). Der Autor zeigt eine Vorliebe für die syntaktischen Formen „Wer…, der…“ und „Manche…“ bzw. „Manch einer…“ Bisweilen gerät der Satz dann zum berechenbaren, reinen Wortwitz – wie in: „Wer sich allzu ernst nimmt, macht sich lächerlich.“ (126) / „Manch einer verliert aus Angst, das Gesicht zu verlieren, den Kopf.“

Am überzeugendsten sind meines Erachtens Mirwalds Aphorismen, wenn ihre Konstruktionsmerkmale nicht so offenkundig zutage treten. Dazu zählen diese Beispiele: „Ideen wachsen, indem wir sie teilen.“ (139) / „Unsere Ausreden entfalten in uns selbst die größte Wirkung.“ (112) Und schließlich: „Das Offensichtliche verstellt stets den Blick auf das Ungeahnte.“ In solchen Kürzesttexten wird er auch seinem eigenen Anspruch gerecht, der im „Klappentext“ wie folgt formuliert ist: „Seine Aphorismen werfen ein neues Licht auf Vertrautes und laden zum spielerischen Umgang mit den vermeintlichen Grenzen des Möglichen ein.“ Der Autor (Jahrgang 1982) zählt sicherlich noch zu den hoffnungsvollen Novizen in der Aphoristik; wie in anderen Aphorismen-Sammlungen sorgt insgesamt die Mischung der Texte für die Wirkung bei der Leserschaft, und diese Auswahl in Band 3 “Mensch zu sein“ gibt der Erwartung Nahrung, dass wir in Zukunft noch mit weiteren gelungenen, vielleicht noch raffinierteren Texten rechnen dürfen.

Weitere Informationen / Leseproben unter wesentliches.at (Klick)

JWD, Düsseldorf, 02.12.2019

 

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Jürgen Wilbert zu:
Gerd Meyer-Anaya: „Kurze Sätze – L a n g e Wirkung“
LATROS-Verlag & Services GmbH, Sonnefeld: 2019 (ISBN 978-3-86963-684-9)

Dieses kleine Buch – ungefähr im Reclam-Format mit ähnlich gelber Farbgebung – trägt den etwas länglichen, aber vielsagenden Untertitel: „Das Hand- und Hosentaschenbuch, nicht nur für Psychotherapeut*innen, Klient*innen und Paare in allen Lebens-, Liebes- und Sterbenslagen.“

Der Autor ist seit vierzig Jahren als Psychotherapeut und Weiterbildner tätig. Hier legt er eine Sammlung kurzer aphoristischer Sätze vor, – er nennt sie in seinem Nachwort „Interventionen“ , die, „häufig provokativ oder auch scheinbar komisch wirken“. Als Zielgruppe bezeichnet er den in obigem Untertitel genannten Personenkreis, namentlich wendet er sich an alle „an Veränderung Interessierten“. Er möchte „Denk- und mehr noch Fühlanstöße“ geben, um „Blickrichtungen zu verändern und neue Lösungen (…) aufzuspüren.“ In besonderer Weise fühlt er sich gedanklich dem Stoiker Epiktet verpflichtet; er verweist folglich auf dessen Kernaussage auf dem rückseitigen Cover: „ Es sind nicht die Dinge, die uns krank machen, sondern die Sicht der Dinge und für die sind wir selbst verantwortlich.“

Dieses „Handbüchlein“ umfasst 95 Seiten und ist in diese 5 Kapitel gegliedert: Psychologisches / Zwischenmenschliches / Sexuelles / Familiäres / Sterbliches. Insgesamt erwartet den Leser / die Leserin rund 800 aphoristische Kürzesttexte, wobei die Bandbreite der Gestaltung von selbsterklärenden, rein sprachspielerischen Sätzen bzw, Kommentaren bis zu tiefgründigen, bisweilen paradoxen Denkanstößen reicht. Man vergleiche bloß diese beiden Beispiele aus der ersten Rubrik „Psychologisches“: „Neurosen blühen deutlich länger als jede andere Rosenart.“ Und: „Sich verändern, heißt nicht, ein anderer zu werden.“ An manchen Stellen stößt man auf bereits bekannte Gedankensprünge, z.B. „Die Raupe von heute ist der Schmetterling von morgen.“ Oder das abgewandelte Sprichwort, den altbekannten Sponti-Spruch: „Was lange währt, wird endlich Wut.“ Laut Redensarten-Index (im Internet) soll dieser Satz von Hans-Hermann Kersten stammen.

Bei einer themengleichen Anhäufung von aphoristischen Anmerkungen / Anleitungen hätte ich mir eine qualitativ begründete Auswahl gewünscht, z.B. beim Thema „Angst“ auf den Seiten 18-20. So aber findet man neben erhellenden so manchen eher belanglosen, ja allzu naheliegenden Wortwitz, etwa: „Wer sich vor Angst in die Hose macht, muss mit dem Gestank leben lernen.“ Demgegenüber steht dann das durchaus überzeugende Sprachbild: „Die Mauern des Schweigens werden aus Angst gebaut.“ Der Autor verweist selber auf diese Gefahr aphoristischer Überladung, ja möglicherweise Überforderung oder gar Übersättigung: „Mit wenigen Worten sagt man mehr als mit vielen Sätzen“ (S. 29).

In der Rubrik „Zwischenmenschliches“ finden sich insbesondere zum Themenkreis „Liebe“ bedenkenswerte, mitunter paradoxe Denkanstöße: „Wer lieben will, muss auf das Verliebtsein verzichten.“ Und: „Liebe ist, das Undenkbare zu fühlen.“ Andererseits stößt man immer wieder auch auf banale Aussagen, die allein der Lust am Wortspiel geschuldet sind, wie: „Beziehung verlangt Bezug.“ (S. 32) Und: „Versprechen sind manchmal Versprecher.“ (S. 51).

Die wortwitzige, nicht selten arg kalauernde Note durchdringt vor allem die Texte im Kapitel „Sexualität“, was sicherlich mit der thematischen Zone „unterhalb der Gürtellinie“ zu tun hat. Hier nur zwei der originelleren Beispiele: „Schlafzimmer oder Schlaffzimmer?“ (S. 63) / „Tod beim Sex: Ein Kommen und Gehen.“ (S. 64). Und schließlich als Variante einer Redewendung oder als „Antisprichwort“ (nach Mieder): „Geil allein macht auch nicht glücklich.“ (S. 67)

Mein Fazit: Das anhaltende Gefühl, sich mitten in einem therapeutischen Dialog zu befinden, wird durch die häufige Verwendung der Frageform, verstärkt, so auf S. 31: „Fühlen Sie sich wert, zu lieben und geliebt zu werden?“ / „Warum wollen Sie unbedingt, Ihre Ehe reanimieren?“ Außerdem auf S. 56: „Was ist der Ertrag einer guten Ehe?“.

Im Grunde beinhaltet das Buch eine Fülle von kurzen, lebenspraktischen Kommentaren, Ratschlägen, Empfehlungen und Fragestellungen, die aus der langjährigen therapeutischen Arbeit des Autors erwachsen sind. Die Bandbreite reicht von weitverbreiteten Meinungen und Ansichten bis zu durchaus ungewöhnlichen Erkenntnissen und Denkanzettelungen. Der Autor spricht hier im hinteren Klappentext von „…häufig provokativen oder auch komisch wirkenden Interventionen…“. Dem / der Lesenden sei in jedem Falle angeraten, diese geballte Ladung von Kurztexten mit anteiligem Rezeptcharakter nur dosiert zu sich zu nehmen.

JWD, Düsseldorf, 19.11.2019

 

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Heimito Nollé zu:
Heinrich Wiesner, insbesondere sein Buch „Lakonische Zeilen“. Mit Zeichnungen von Celestion Piatti
Lenos Verlag 2015, Basel

Zum Tod von Heinrich Wiesner reichte es in der Neuen Zürcher Zeitung immerhin zu einer Agenturmeldung. Der Schweizer Schriftsteller, der am 27. Februar diesen Jahres im Alter von 93 Jahren verstorben ist, begann in den 50er Jahren als Lyriker, bevor er sich der literarischen Kurzform zuwandte. Seine Bändchen «Lakonische Zeilen» (1965), «Lapidare Geschichten» (1967) und «Neue lakonische Zeilen» (1972) kursierten als «Kürzestgeschichten»; de facto handelte es sich um nichts anderes als Aphorismen (gab es damals schon eine Gattungsscham?).

Zwei dieser Publikationen, nämlich die beiden «Lakonischen Zeilen», hat der Lenos-Verlag zum neunzigsten Geburtstag des Autors vor vier Jahren als Taschenbuch neu herausgegeben. Das Bändchen ist von dem bekannten Grafiker Celestino Piatti illustriert und enthält vierzehn Kapitel mit insgesamt rund 600 Aphorismen. Wie liest es sich heute?

Wiesner gehörte zu den Schweizer Intellektuellen, die sich in den 60er und 70er Jahren vermehrt politischen Themen zuwandten und dabei aus einer dezidiert linken Position heraus schrieben. In den «Lakonischen Zeilen» nehmen Gedanken zu Krieg, Militarismus und Patriotismus einen verhältnismässig grossen Raum ein, ebenso wie die Kritik an den Institutionen Staat, Kirche und Kapital. Konkrete tagespolitische Bezüge sind häufig, etwa in Aphorismen über Vietnam, die atomare Aufrüstung oder die Jugendunruhen der 68er. Daneben findet Wiesner aber auch Platz für die traditionelleren Themen der Aphoristik: Ein Kapitel ist den menschlichen Beziehungen gewidmet, ein anderes stellt so etwas wie eine Typologie der Charaktere auf; zahlreich sind schliesslich die Aphorismen über die Conditio Humana im weitesten Sinn, über Leben und Sterben, Krankheit, Liebe, Religion und das Schreiben.

Formal löst Wiesner das Versprechen des Titels ein: Seine Aphorismen sind selten länger als ein bis zwei Sätze, manchmal auch auf wenige Wörter verdichtet. «Gott. Ist einsilbig» heisst es da zum Beispiel, eine Aussage, die gleichermassen auf Wiesner zutrifft. Solche Wortdefinitionen, in denen ein Begriff vorangestellt wird und dann die satirische Beschreibung folgt, sind häufig in dem Buch. In seiner Neigung zur Kürze, zur Zuspitzung und zur Wortspielerei ist Wiesner wie so viele neuere Aphoristiker ein Schüler von Stanislaw Jerzy Lec.

Aphoristiker wissen, wie es schwer es ist, ein Bändchen mit klugen Sätzen zu füllen. Da ist die Versuchung, einen Einfall für einen Gedanken auszugeben, nicht fern. Das allzu naheliegende Wortspiel ist auch bei Wiesner anzutreffen, und das leider nicht zu selten. Sätze wie «Was zutage tritt, tritt nicht zutage», «Als sie sich nicht mehr trauten, trauten sie sich» oder «Was ihm zufiel, war ihm bald zuviel» möchte man eigentlich nicht lesen; genauso wenig wie bemüht wirkende Konstruktionen von der Art: «Um die Ungleichheit aller gleich zu behandeln, ist die Ungleichheit aller ungleich zu behandeln».

Vor Kalauern ist Wiesner ebenfalls nicht gefeit; einiges ist schlicht veraltet und wirkt heute nur noch befremdlich. «Zwei schwitzende Neger nehmen einander den Geruch nicht übel» kann kommentarlos übergangen werden; ebenso wie dieser Altherren-Witz: «Er teilte mit ihr Bett und Tisch. Den Nachtisch nahm er woanders».

Ärgerlich sind schliesslich jene Aphorismen, in denen das Vorbild Lec zu deutlich spürbar wird. Manches bei Wiesner wirkt arg epigonal, sei es thematisch oder bis in die Formulierung hinein. Der Satz «Sein Gewissen war ruhig. Da es schlief» kennen wir in der Version von Stanislaw Lec «Sein Gewissen war rein. Er benutzt es nie». Nicht viel mehr als eine Lec-Variation ist auch der Aphorismus «Ich schreibe nur noch längere Sachen, sagte der Schriftsteller X., für kürzere fehlt mir der lange Atem.»

Doch genug der Nörgelei, schliesslich findet sich in dem Bändchen auch viel Gelungenes. Witz und satirischen Biss beweist Wiesner in seinen Aphorismen über den Krieg. Der folgende Satz über den Vietnamkrieg bezieht seine Stärke aus dem Kontrast zwischen einem ernsten Thema und seiner wortspielerischen Behandlung: «Da Nang. Na Palm. Vietnamesische Orte.» Die Absurditäten der Geopolitik zeigt ein weiter Vietnam-Aphorismus auf: «Vietnam. Nord und Süd geteilt in Ost und West.» Bei beiden Beispielen verblüfft die Leichtigkeit, mit der Wiesner Worte für ein komplexes Geschehen findet. Sarkasmus ist ihm dabei ein probates Mittel, um die Wahrheit ans Licht zu heben: «Krieg. Der Soldat erweist sich als blutiger Laie.», oder: «Der Krieg erschliesst brachliegendes Heldentum.»

Zur Zielscheibe werden Wiesner Kriegstreiber jeder Couleur, ob sie nun Staat, Kirche oder Kapital heissen. Der patriotische Festredner («Festredner sind Männer mit Kopf. Mit Kehlkopf.») kriegt sein Fett dabei ebenso weg wie der politische Mitläufer («Der Opportunist besitzt eine reiche Garderobe.») oder die unheilige Allianz von Politik und Religion («Sonntagmorgen. Glocken und Schüsse bezeugen die friedliche Ehe zwischen Kirche und Staat.»).

Lesenswert sind schliesslich jene Aphorismen, die Wiesners Herkunft aus der Lyrik bezeugen. Wiesner hat ein feines Händchen für überraschende Bilder und poetische Momentaufnahmen. «Hagel. Der Regen bekam Gänsehaut» ist ein Beispiel für diese Texte im Grenzbereich von Aphorismus und Lyrik. Sie bewegen sich zwischen Naturbetrachtung («Schilf unter Schnee. Das Schlanke ist das Zähe.») und Selbstbeobachtung («Im Spiegel. Dein Komplize, seitenverkehrt.»). Schön in seiner Schlichtheit ist dieser Satz: «Winter. Mein Atem beschlägt das Fenster. Ich lebe.»

 

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Friedemann Spicker zu:
Michael Rumpf: Was nützt es, wenn ein Chamäleon Farbe bekennt?,
Mödling: Bellaprint 2019

Das neue Buch von Michael Rumpf erscheint nicht bei Manutius, sondern im österreichischen Bellaprint Verlag, mit dem wir auch in bestem Kontakt sind, es trägt eine für diesen Autor eher ungewöhnliche sprachspielerische Frage im Titel, und es sind auch nicht alles neue Texte: „444 Aphorismen, viele bisher unveröffentlicht“.

Um mit dem Äußeren zu beginnen: Das Format, die Typographie, insbesondere die übergroß gesetzten linken Seiten mit je einem Aphorismus (so leicht kann man „Größe“ nicht herstellen!), die diversen floralen graphischen Elemente zwischen den je fünf Aphorismen auf den rechten Seiten, all das will nicht recht zu der gedanklichen Klarheit passen, die Rumpfs Texte in seinem zehnten Aphorismenband (von Essays, Gedichten, Übersetzungen abgesehen) wieder auszeichnet.

Kennt man einen Aphorismenband, in dessen Wein nicht auch Wasser wäre? Es kommt auf die Anteile an. Der relativ kleine Anteil Wasser, das sind die Texte, in denen das Wortspiel im Vordergrund steht. Wer unter unseren Autor(inn)en-Mitgliedern kennte diese Versuchung nicht? Nicht nur „Geflügelte Worter müssen oft notlanden. In Kalau“ (47). Da erscheint die Pointe als „Spitzfindling“ (85), da steckt jemand „in Launenhaft“ (59), da ist der„Flirt: ein Charme-mützel“ (131) und Neige – Neide (33) oder Marotte – Marionette (139) scheinen eher von der Freude am Klangspiel gesteuert. Die herkömmlichen syntaktischen Muster sind auch bei Rumpf erkennbar oft verbraucht, so „Wer…, der…“ („Wer selber denkt, hat Heimvorteil“, 31,vgl. 19, 27, 57, 75, 81, 135) oder „Lieber x als y“ („Lieber zwischen den Stühlen sitzen als zwischen den Fronten stehen“, 97) oder „Wenn…, dann…“. Aber da trägt der Gedanke das alte Muster noch einmal, da sind wir schon beim reinen Wein: „Wenn die Konventionen sterben, treten Launen die Erbschaft an“ (27).

Wir bekommen bei Rumpf Gedanken und nicht nur Einfälle. Aphoristische Grundkategorien wie die Selbst- und Menschenbeobachtung („Um sich zu erkennen, muss man die anderen beobachten“, 92) und das Ineinander von Gedanke und Gefühl werden neu bedacht: „Ein Gedanke wird nicht gern daran erinnert, dass ihn ein Gefühl erzeugte“ (11), „Gedanken seien frei? Sie zappeln im Netz der Gefühle“ (66), die großen alten Themen: Glück, Liebe („Die Ehe bewahrt die Liebe, indem sie sie verwandelt“ 49), Hoffnung, Traum werden, mit Goethe zu sprechen, ,angefrischtʻ. Das recht eigentlich Bezeichnende ist darüber hinaus – bei durchgehendem Bilddenken („Hoffnungen sind Wünsche in Ausgehkleidung“, 79) – die Art, wie er rhetorisch schmucklos und in einfachster Syntax entfernteste Kategorien zusammenspannt:

„Das Unnütze ist der Widerschein des Vergeblichen“ (39)
„Im Beifall hallt die Kraft des Segnens nach“ (72)
„Wie viel Langeweile wohnt der Sehnsucht inne?“ (83)
„Schönheit erlöst von der Vielfalt“ (87)
„Maßstäbe kann man zum Prügeln benutzen“ (45)

Wenn der Leser zustimmt, dann nicht mit einem platten „genau!“, sondern mit Erkenntnisgewinn, so bei dieser auf Erleben beruhenden Einsicht: „Stille gibt Weite“ (145), dieser von empathischer Menschenkenntnis geprägten Aussage: „Die tiefste Einsicht in einen Menschen ist die in seine Notwendigkeit“ (121) oder dieser Grundsatzkritik, die ihre Wirkung gerade aus ihrer thetischen Kürze gewinnt: „Spaß ist Surrogat für Sinn“ (51).

Auch im Widerspruch, und da erst recht, bleibt der Leser nicht ohne Gewinn: Gibt es, „wo nichts heilig ist, […] keine Gemeinschaft“ (23)? Ist es nicht unstatthafte Vereinseitigung zu sagen: „Gesellschaftskritik schützt vor Selbstkritik“ (21)? Ist Liebe wirklich „das wertvollste Naherholungsgebiet“ (62) oder nicht auch genauso oft das Gegenteil? „Verstehen heißt einverstanden sein“ (101). (Ich habe während meiner langen Auslandsjahre angesichts kultureller Differenzen gerade darin einen Unterschied zu machen gelernt und würde es gern mit dem Autor diskutieren.)

Erkenntniszugewinn statt mechanischer Anwendung in der Regel auch dort, wo die bewährten Mittel zu erkennen sind, die Antithese („Sinnlos, sich über die Welt aufzuregen. Schamlos, es nicht zu tun“, 137) oder die Umkehrung („Nicht, wenn dir jemand fehlt, vereinsamst du, sondern wenn du niemandem fehlst“, 9). Im eher schwachen Gegenbeispiel wird erst recht klar, wie die Einfachheit dort aus Substanz geschöpft ist: „Geduld ist das Schlüsselwort der Erziehung“ (35).

Genug der Beispiele: Anders als beim Wein steht es hier jedem Leser frei, die kleinen Wasser-Anteile zu eliminieren. Und für jeden wird ein denkbar ertragreiches Tröpfchen übrigbleiben!

 

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Jürgen Wilbert zu:
Rainer Kohlmayer: „Schnakenstiche, Kichererbsen, bittere Pillen“,
in: „Schnake – Zeitschrift für Sprachkritik, Satire, Literatur“, Nr. 49+50 (Germersheim – Oktober 2019)

Der Autor Rainer Kohlmayer, geboren 1942 in der Nähe von Kaiserslautern, ist für uns von DAphA kein Unbekannter, nahm er doch bereits an zwei der vergangenen Aphoristikertreffen als Referent teil, so 2010 mit einem Vortrag über „Sprachspiele als Übersetzungsprobleme“. Kurz zu seiner Vita: Er war von 2001 bis 2013 als Professor der Universität Mainz im Fachbereich „Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft“ am Germanistischen Institut in Germersheim tätig. Als Autor und Übersetzer von Theaterstücken gibt er seit 1982 die Zeitschrift „Die Schnake“ heraus und veröffentlicht darin in unregelmäßiger Folge eigene aphoristische Kurztexte. Dieser Doppelband der „Schnake“ (von Oktober 2019) umfasst laut Vorwort des Autors „fast alle bisherigen Schnakenstiche, es handelt sich um rund 500 Kurztexte, die „kaum unter dem strengen Gattungsnamen APHORISMUS“ gefasst werden können.

Alle Texte kennzeichnet nach eigener Aussage „die kritische und ironische Einstellung“. Er selbst bezeichnet sich als „eigensinniger Einzelkämpfer“. Diese Note kommt in sehr vielen seiner „Schnakenstiche bestens zum Ausdruck. Sie sind in XIII. Kapitel eingeteilt, darunter solche Überschriften wie „Sprache und Sprachspielereien“, „ Bildung und Bildungswesen“, „Philosophie und Erkenntnisse“ und „Soziales und Politik“. Auf die letztgenannte Rubrik werde ich mich im Folgenden vor allem konzentrieren – nicht zuletzt auch im Hinblick auf das Leitthema unseres nächsten Aphoristikertreffens: „Streitbar und umstritten“.

Viele seiner Kurztexte sind nach Nietzsche-Manier mit einer Überschrift versehen, z.B. in dieser seiner Definition des „Pluralismus. – Im Land herrscht Demokratie, in der Gesellschaft Darwinismus, im Betrieb Oligarchie, im Bewusstsein Konformismus, im Unterbewusstsein Anarchie.“ Bisweilen spürt man in seinen Texten überdeutlich den moralischen Zeigefinger, wie etwa in einer längeren Passage mit dem Titel „Übliche Widersprüche“. Darin finden wir diese Zeilen: „Parteien, deren Kampf für die freie Marktwirtschaft durch Bestechungsgelder motiviert wird. (…)“

In manchen Texten dominiert zweifelsohne die Sprachspielerei, mitunter als Kalauer: „Sieg nach Punkten. – Nach einem Gespräch unter vier Augen war er wieder k.o.operationsbereit.“ In einigen Notaten gelingt es ihm, Tiefgründigkeit, Prägnanz und Originalität optimal zu verknüpfen, wie in diesem Einzelsatz: „Schule der Nationalisten.- Uniformiert und uninformiert.“ An anderer Stelle folgen die „Schnakenstiche“ dem Schema des Chiasmus, wie etwa hier: „Die Arbeitsteilung geht so weit, dass diejenigen, die das Sagen haben, nichts mitteilen, und diejenigen, die etwas mitzuteilen haben, nichts zu sagen haben.“ Oder sie unterliegen dem Bauplan als Kontradiktion: „Bürgerlicher Gehorsam. – Druck von unten erzeugt Druck von oben.“

Am überzeugendsten gelingen Kohlmayers „Schnakenstiche“ als „bittere Pillen“, wenn sie mit originellem Wortwitz und reichlich Sarkasmus gewürzt sind, wie in: „Vorübergehende Beziehung.- Als sich die Liebe nicht einstellte, wurde sie eingestellt.“ Auch unser „Verband der Aphoristiker e.V.“, den er ja persönlich kennenlernen konnte, bekommt sein Fett weg und wird m.E. arg hinkend mit „Trappistenklöstern, Suizid-Chats, Selbstmordanschlags-Organisationen, Junggesellentreffs usw.“ verglichen. Kohlmayers etwas abseitige Quintessenz lautet hier: „Der Mensch verlässt die Herde immer nur um einer anderen Herde willen.“ Manches Mal erliegt der Autor seinem stark ausgeprägten Hang zu , ja zynischen Wortspielereien – vor allem in solchen „Kichererbsen“: „Tragik des Alters: Man wird zum Dunstgreis.“ / „Der Tod läuft mit. – In „leichtfüßig“ steckt bereits „leichfüßig“.

Insgesamt betrachtet, bietet diese Doppelausgabe der „Schnake“ eine Fülle von gleichermaßen humor- und geistvollen aphoristischen Kurztexten und stellt somit für sprachbewusste und gesellschaftskritische Zeitgenossen eine unterhaltsame wie anregende Lektüre dar. Dem / der Lesenden sei zudem das Kapitel 1 „Sprache und Sprachspielereien“ empfohlen, da hier ganz besonders die professionelle und profunde Lehr- und Lebenserfahrung des Autors zum Ausdruck kommt. Zum Abschluss meiner Zeilen daher hier ein Text aus dieser Rubrik: „Entsprechend dem Wort REDEWENDUNGEN für direkte, anschauliche Ausdrücke könnte man das Wort REDEWINDUNGEN für verlogene Umschreibungen verwenden.“

JWD, Düsseldorf, 27.10.2019

 

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Friedemann Spicker zu:
Rolf Friedrich Schuett: „Philosophischer Gehalt in literarischer Gestalt. Sentenzenschleifer: Dichter und Denker in Personalunion.“,
Norderstedt: Books on demand 2019.

Rolf Friedrich Schuett hat sich in den letzten Jahren primär wie sekundär vielfach in Sachen Aphorismus zu Wort gemeldet. (Die Neuerscheinungen in der dapha-depesche verzeichnen die Titel.) Er ist derzeit einer der produktivsten Aphoristiker überhaupt.

Hier legt der Philosoph Schuett in einem stattlichen Band von 324 Seiten eine Sammlung älterer Arbeiten vor, eine veritable Summe von nicht weniger als 26 längeren und kürzeren Beiträgen. Bei der Fülle der Ansätze ist es nicht anders denkbar, als dass es auch zu manchen Wiederholungen kommt. „Frag-Mentalität“ (165): das bezeichnet nicht nur seine Gegenstände, sondern auch die eigene Vorgehensweise in unzusammenhängenden, aber nicht unverbundenen Reflexionen auf der Grundlage stupender Belesenheit. Sie alle sind von der Grundüberzeugung getragen: „Für mich war der Aphorismus von Anfang an keine randständige Literaturgattung.“ (35) Was für ihn im Fokus steht, ist, mit dem Titel einer seiner Aufsätze, der „philosophische Gehalt in literarischer Gestalt (111): „Ich verstand immer den Aphorismus als philosophischen Gehalt in poetischer Gestalt, als Gegensatz-Einheit von existenziellem „Bild“ und essentiellem „Begriff“ (36). Die Stoßrichtung, auf dem Buchrücken dokumentiert: „gegen den zu lustiger Blödelei oder seichtem Gesinnungsspruch heruntergekommenen Aphorismus“. In der Diktion wechseln der Philosoph, in dessen Terminologie man sich einlesen muss („Der Aphorismus ist die paradoxe Einheit von produktiver Setzung und distanzierender Absetzung“, 128) und der überraschend-verknappende, antithetisch zuspitzende Aphoristiker miteinander ab („Bei Hippokrates wird die Medizin zum Aphorismus, bei Kant der Witz zur Medizin.“ 131); der Philosoph behält aber hier eindeutig die Oberhand.

Schon in seiner „Kurzgeschichte des Aphorismus. Subjektiver Lesebericht“ zeigt sich Schuett auf wenig mehr als 20 Seiten als der überlegene Gattungskenner, der anregende, betont subjektive kurze Notizen zu Autoren von Hippokrates über Chamfort und Lichtenberg bis Czernin festhält (etwa zu Kraus: auch Aphorismen, „die schlechter sind als sein Ruf“; zu Deschner: „linke Gesinnung ersetzt nicht immer das aphoristische Können“), mit Angabe der „Trefferquote“ und mit Beispielen. Die „Fragmente der Nachsokratiker in der europäischen Philosophie“ (145) nehmen diese Tour dʼhorizon unter Einbeziehung der Sekundärliteratur (z. B. Schalk, Wehe, Fedler, besonders oft Neumann) auf.

Ich greife einige weitere Beiträge heraus. Hinter der „Phänomenologie des Geistreichen“ (31) verbirgt sich eine kleine aphoristische Autobiographie. Schuett geht von der Wirkung aus und macht keinen Unterschied zwischen isoliert gedachten Aphorismen und Exzerpten; er lernt den genuinen Aphorismus, den Feind aller Systeme, recht eigentlich über dessen Gegner, Hegel, kennen. Der unerreichte Höhepunkt liegt für ihn in den Jahrzehnten um 1800. Der Essay „Aphoristische Existenz oder existenzphilosophische Aphoristik?“ (50) gipfelt in der Frage: „Sind Aphoristiker also die wahren Existenzphilosophen, ohne dass die Existenzialisten nun die wahren Aphoristiker sein müssten?“

„Dichter und Denker“ in Personalunion?“ geht von der These aus: „Die Philosophie hat noch lange nicht ausgeschöpft, was sie von europäischer Moralistik profitieren könnte.“ (242) Der Aufsatz „Gnomologisches Denken“ (58) diskutiert in der für ihn typischen Form unverbundener Absätze (Fragmente?) das Denken in kurzen Sprüchen, vor allem auf der Grundlage der Arbeiten des „Kieler Neophänomenologen“ Hermann Schmitz, besonders seines Begriffes „Witzverhalt“, der leider an der spezifisch aphoristischen Sache vorbeiargumentiere (83).

„Geistreicher Witz und Geisteswissenschaft“ (177) hält ein Plädoyer für Esprit und lakonische Prägnanz. „Moralistik oder „moral sciences“? (188) plädiert zum wiederholten Male für das aphoristische Philosophieren in seinem Sinne: „Aber hat Hegel den bösen Schlegel jemals widerlegt?“ (198) „Dichter und Denker“ in Personalunion?“ (242-320) legt ausgehend von der These: „Die Philosophie hat noch lange nicht ausgeschöpft, was sie von europäischer Moralistik profitieren könnte.“ (242) seinen Ansatz im Durchgang von Heraklit über Kant, die Frühromantiker und Hegel („Hegel war die Regel, Schlegel war der Flegel“) bis zu „Lichtenberg, Schlegel, Nietzsche und Adorno, den vier vielleicht bedeutendsten aphoristischen Philosophen“ (307), mit vielen Zitaten aus der Sekundärliteratur noch einmal breit dar, was hier nur anzuzeigen, aber nicht eigentlich zu rezensieren ist.

Der Band fordert dem Leser und der Leserin einiges ab. Es ist Arbeitsbuch, auch geistiger Steinbruch. Aber jeder, der sich darauf einlässt, wird von den Überlegungen, Zitaten und Kommentaren Schuetts, auch im produktiven Widerspruch, profitieren können, der eine vielleicht durch die ausführliche Diskussion mit dem Gattungstheoretiker Fricke (222-228), der andere durch die Statistik über Alter, Auskommen, Beruf und politischen Standort unterschiedlichster Aphoristiker (234), wie sie sich in dem zunächst rätselhaften Abschnitt „Rätselhafte Zwerg-Satiren“ (200) verstecken (um nur zwei Beispiele zu nennen).

Wir würden gern eine Diskussion über das Buch oder Einzelheiten daraus eröffnen und laden ausdrücklich zu einer Zweitrezension von betont philosophischer Warte aus ein.

 

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Jürgen Wilbert zu: „Die schönsten deutschen Aphorismen“,
hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Philip Kovce, 2019 im Insel Verlag Berlin erschienen (Insel-Bücherei Nr. 1461)

Vor einigen Wochen ist im Insel Verlag eine neue Aphorismen-Anthologie erschienen; sie trägt den vollmundigen Titel „Die schönsten deutschen Aphorismen“. Herausgeber ist Philip Kovce (geboren 1986), der am Basler Philosophicum und an der Universität Witten-Herdecke tätig ist. Er schreibt selbst Aphorismen und ist den Verantwortlichen von DAphA kein Unbekannter, hat er doch vor Jahren auch an einem unserer Aphoristikertreffen teilgenommen. Es sind bereits zwei Aphorismenbände von ihm erschienen: „Der freie Fall des Menschen ist der Einzelfall“ (2015) und „Ich setze Ich-Sätze“ (2016).

Der Titel des neuen Bändchens trägt mit dem Superlativ „…schönsten…“ eher den merkantilen Zielen der Marketingabteilung des Verlags Rechnung als der satirisch-kritischen Note der kurzen Gattung. Der Herausgeber bezeichnet seine Sammlung im Nachwort selbst als „Blütenlese“; und dieser Charakter wird durch das mit Merian-Blumen verzierte Cover gleichsam untermalt. Es handelt sich um eine recht „eigenwillige Auswahl“ (Nachwort auf S. 82). Durch diese Texte von 36 Autoren hat sich Kovce „auf diese oder jene Weise getroffen“ gefühlt. (S. 82) Diese Weisen für seine subjektive Auswahl werden jedoch nicht weiter erläutert. Waghalsig finde ich diese Behauptung von ihm, „dass damit zugleich ein historischer Längs- und thematischer Querschnitt vorliegt“ (S. 82). Wie soll / kann so etwas Strukturiertes aus einer derart subjektiven, beliebigen und zudem noch schmalen Auswahl überhaupt entstehen? Es findet sich übrigens kein Hinweis auf andere, systematisch angelegte Anthologien wie etwa die von Fieguth „Deutsche Aphorismen“ (Stuttgart: Reclam 1994) und die 2012 bei Reclam erschienene Auswahl „Deutsche Aphorismen“, die von F. Spicker herausgegeben wurde.

Durchweg bleibt bei der Lektüre der rhapsodische Eindruck der willkürlichen, Auswahl erhalten. Dies betrifft auch die Auswahl der jeweiligen „schönsten“ Einzelaphorismen. So vermisse ich beispielsweise bei Jean Paul dessen prägnante Definition des Aphorismus: „Sprachkürze gibt Denkweite“.

Was man dem Bändchen keineswegs absprechen kann, ist seine „motivische und stilistische Vielfalt.“ (S. 82) Für den Leser jedoch ist ärgerlich, dass der Herausgeber kein Wort über das hochtrabende Auswahlkriterum im Titel, den Begriff „schön“ verliert. Was soll denn die „schönsten Aphorismen“ auszeichnen? Handelt es sich eher um gedanklich-inhaltliche oder sprachlich-stilistische Qualitäten? Es geht hier wohl in erster Linie um die Verlockung eines ungetrübten Verschenk- und / oder Lesevergnügens wie bei anderen solchen Spruch- und Weisheitsbändchen auch, vgl. etwa das Reclam-Bändchen „Für alle Lebenslagen. Kleine Weisheiten (Stuttgart 2008), hrsg. von Evelyne Polt-und Christine Schmidjell.

Wozu dient eigentlich vorab der themenbezogene Mottoaphorismus von Peter Handke über die Liebe? Hier wäre m. E. zur gattungsspezifischen Einstimmung eher die Auswahl der „Aphorismen über Aphorismen“ angebracht.

Bei der Auswahl der Autoren / Autorinnen hat sich Kovce weitestgehend vom bestehenden Kanon der Aphoristik leiten lassen; keine Frage, Lichtenberg, Goethe, Seume, Jean Paul, Schlegel, Novalis, Hebbel, Nietzsche, Schnitzler, Morgenstern, Hofmannsthal, Kraus, Kafka, Tucholsky, Jünger und Canetti sind hier unbestritten. Doch wieso fehlen Börne, Brecht und Adorno? Für mich nicht nachzuvollziehen ist auch die Entscheidung für Gabriel Laub. Hier hätte eher Stanislaw Jerzy Lec einen Platz verdient. Was macht beispielsweise diesen tautologischen Satz von Laub zu einem der „schönsten Aphorismen“? „Wer etwas verstehen will, muss verstehen wollen.“

Erfreulich hervorzuheben ist, dass der Herausgeber mit Varnhagen, von Ebner-Eschenbach, Mayreder drei bedeutende Aphoristikerinnen aufgenommen hat.

Besonders heikel und umstritten stellt sich naturgemäß die Begründung bei der Auswahl der Gegenwartsaphoristiker dar. Hier sei nur auf die Anthologie von Eilers und Grüterich „Neue Deutsche Aphorismen“ (Edition Azur: Dresden) verwiesen. Und ob sich einige der aufgenommenen eher gesellschaftskritisch und philosophisch ausgerichteten Autoren wie Benyoetz, Seel, Sloterdijk und Steffens (hier kommt übrigens keine Frau mehr vor) darüber freuen, dass ihre ausgewählten Aphorismen zu den „schönsten“ gezählt werden, möchte ich bezweifeln.

Kurzum: ein weiteres Bändchen mit mehr oder minder erbaulichen Lebensweisheiten / Gedankensplittern ist in der Welt, das wieder mal mehr Fragen aufwirft als es beantwortet. Aber das ist schließlich ja auch ein Wesensmerkmal des Aphorismus.

JWD, Düsseldorf, 15.10.2019

 

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Jürgen Wilbert zu:
Volker W. Degener: „Lichtung und Wahrheit“, Hundert denkwürdige Aphorismen. edition virgines, Düsseldorf 2019

Dieses Bändchen mit Illustrationen von H.-D. Gölzenleuchter aus Bochum umfasst, locker gesetzt, auf 77 Seiten 100 neue Aphorismen des Herner Schriftstellers Volker W. Degener. Bekannt geworden ist der Autor insbesondere durch seine KInder- und Jugendbücher. (Sein literarischer Werdegang ist am Ende des Buches gleich zweimal abgedruckt worden.)

Laut Vorwort von Hannes Krauss (emeritierter Literaturwissenschaftler der Universität Duisburg-Essen) „hat dieser Autor (…) im Alter Spaß an der literarischen Kurzform gefunden.“ Dies habe „nichts mit Konditionsschwäche zu tun. Es ist eher ein Zeichen der Reife.“ Um mein Fazit vorwegzunehmen: Nach eingehender Lektüre bin ich nur selten auf reife Aphorismen gestoßen bin.

Gleich der erste Aphorismus auf Seite 15 weist eine verblüffende Nähe zu einem der klassischen Aphorismen von Marie von Ebner-Eschenbach auf: „Menschen, denen ich eine Stütze bin, verleihen mir Haltung.“ Das Original lautet: „Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, die geben uns den Halt im Leben.“ Auf Seite 36 stößt der aphorismenversierte Leser auf eine weitere erstaunliche Affinität: „Wer mich bewundert, kann kein Dummkopf sein.“ (so die verknappte Fassung bei Degener.) Bei Ebner-Eschenbach lesen wir: „Es ist nicht leicht, den, der uns bewundert, für einen Dummkopf zu halten.“ Nach dem gleichen Strickmuster ist hier in Degeners Kurzfassung das „wir“ durch „ich“ ersetzt worden. Derartige Parallelen trüben dann doch das Lesevergnügen erheblich.

Ist bei diesen „inspirierten Aphorismen“ noch gedanklicher Tiefgang zu erkennen, so fällt es bei der überwiegenden Mehrzahl der anderen Kürzesttexte schwer, eine überzeugende inhaltliche wie sprachlich-stilistische Pointierung zu finden. Stattdessen stößt man auf eine Fülle banaler, ja abgedroschener Aussagen wie z.B.: „Ein fleißiger Schriftsteller kann nicht anders als vielseitig sein.“ / „Schriftsteller tragen nicht nur Verantwortung für Wortwahl und Satzbau.“ Oder: „Nur der Mensch kann lesen. Aber nicht alle wissen das zu schätzen.“ Degener schreckt auch nicht vor einem solchen Allgemeinplatz zurück: „Gesundheit ist ein Privileg, dessen man sich erst in schlechten Tagen bewusst ist.“ Bei solchen Kalendersprüchen bleibt der/dem Lesenden nur das selbstredende Abnicken. Den meisten Texten fehlen halt die gattungsspezifischen Merkmale der Zuspitzung und des Sprachwitzes. Kurzum: Ich vermisse durchgehend den aphoristischen Biss.

Auch die folgende Wortneuschöpfung erscheint mir reichlich konstruiert (Rach für Rache?): „Was trägt mehr zur Sicherheit bei, der Rauchmelder oder der Rachmelder?“ Bestenfalls gut gemeint ist ferner dieser moralische Appell mit Blick auf den Umgang mit Flüchtlingen: „Für jeden Menschen die richtigen Worte finden, egal in welcher Sprache.“

Zu häufig spürt man das schematische Bauprinzip der Kontradiktion: „Mit Grenzkontrollen geraten wir unkontrolliert an unsere eigenen Grenzen.“ / „In der Diktatur gibt es einfache Regeln. In der Demokratie schwierige Lösungen.“ / „Das Wort Tugend klingt ziemlich tot. Wie soll es dann gelebt werden?“

Bei weiteren Textbeispielen ergeben sich – wie bereits in einem Vorgängerbändchen, das 2008 im Brockmeyer-Verlag Bochum erschienen ist – frappante Ähnlichkeiten zu bereits veröffentlichten Aphorismen der Recklinghäuser Autorin Edith Linvers. Hier seien nur zwei der markantesten Beispiele erwähnt: „Wenn jemand aus dem Rahmen fällt, sind wir im Bilde.“ (Degener, S. 15) Bei Linvers heißt es: „Als er aus dem Rahmen fiel, war ich im Bilde.“ / „Für jeden Menschen die richtigen Worte finden, egal in welcher Sprache.“ (Degener, S. 60) Vgl. Linvers: „Eigene Worte finden, egal in welcher Sprache.“

Mein Resümee: Entgegen der äußerst positiven Einschätzung von Hannes Krauss im Vorwort „befördert“ das Buch keine „überraschenden, betörenden und erschreckenden Einsichten“. Insgesamt unterbietet Degener mit diesem neuen Aphorismenband sein bisher auf anderen literarischen Feldern unter Beweis gestelltes Niveau. Die Gattung der Aphoristik ist offensichtlich nicht sein genuines Betätigungsfeld.

JWD, Düsseldorf, 27.9.2019

 

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Friedemann Spicker zu:
Arndt-Michael Meyer: Die Macht der Kürze. Das 1×1 der Realität. Norderstedt: BoD 2004.

Ein anmaßendes Buch. Es ist nach eigenem Bekunden „Meilenstein“ und „Revolution“ (6). Meyer reklamiert die „Realität“ in diesem kleinen „1×1“ ganz allein für sich und beruft sich dabei auf die Funktionsweise des Gehirns, die er allein mit seiner GUToP (Great Unified Theory of Philosophy) versteht. „Die einzige Absicht des Buches ist der Erklärung der GUToP.“ (7)

Und was hat dieses Sektierertum mit dem Aphorismus und mit DAphA zu tun? Das Buch, im Übrigen voller Fehler in Interpunktion, Grammatik usf., „interpretiert“ „circa 300 Zitate von bekannten Denkern“ in Kapiteln von „Natur“ bis „Humor“. Und dieses „Interpretieren“ geht zum Beispiel so:

„Wer sich ständig von Vernunft leiten lässt, ist nicht vernünftig.“
Charles Tschopp, schweizerischer Aphoristiker, 1899-1982
Wahrheitsgehalt: 0%
Fehler: Das Zitat fordert zum Nachdenken über unser Handeln nach. Allerdings ist das Zitat in sich falsch.
Man sollte seinen Gefühlen nachgehen. Allerdings nur wenn das dann nicht zu einer Situation führt welche ins Unglück führt. […] (21)

Oder so:
„Die Schönheit brauchen wir Frauen, damit die Männer uns lieben, die Dummheit, damit wir die Männer lieben.“
Coco Chanel, französische Modeschöpferin, 1883-1971
Wahrheitsgehalt: 95%
Fehler: keiner [es folgt ein Kommentar] (22)
Der Ansatz, sich Zitat und Aphorismus kritisch zu nähern, ist nicht zu kritisieren. Die Umsetzung: mathematisch-oberlehrerhaft nach fein differenzierten, exakten „Wahrheits“-Prozenten und „Fehler“haftigkeit ist indiskutabel. Wie ergeht es beispielsweise Lichtenberg unter solchem Regiment?

„Es gibt wirklich sehr viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht zu denken brauchen.“
Wahrheitsgehalt: 95%
Fehler: keiner.
Perfekt. [es folgt ein Kommentar] (94)
Andererseits:
„Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten, mäßig entstellt.“
Wahrheitsgehalt: 50%
Fehler: Die weitaus größere Gefahr für die Wahrheit geht vom emotionalen Wunsch nach einer bestimmten „Wahrheit“ aus. Hierbei ist es aber praktisch unbedeutend, ob diese Unwahrheit eine große Lüge ist, oder nur schlecht recherchiert ist. […] (115)

Stichproben bei den Großen:

Kraus: drei Aphorismen, Wahrheitsgehalt: 0%, 95%, 99%. Natürlich interessiert der 0%-Totalversager besonders: „Das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung hat versagt.“ Kraus; Meyer: „Fehler: Alles ist in perfekter Harmonie. […]“ (120)

Ebner-Eschenbach: neun Aphorismen, Wahrheitsgehalt: zweimal 50%, sonst 95-99%!

Nietzsche: sechs Aphorismen, Wahrheitsgehalt: dreimal 95%, des Weiteren 80%, 75%, 10%.

Goethe: fünf Aphorismen, Wahrheitsgehalt: 99%, 90%, 70% (zweimal), 50%. Dass den Autor Gattungsfragen überhaupt nicht interessieren, versteht sich. Also muss sich der ungeneigte Leser auch darauf gefasst machen, ein solches Zitat verarbeitet zu sehen: „Du gleichst dem Geist, den du begreifst – nicht mir!“ (96)

Das Verfahren ist, wie die Beipiele zeigen, mehr als anfechtbar. Trotzdem ist das Buch nicht nur oft ärgerlich, zuweilen dabei nicht ohne Unterhaltungswert, es kann im Einzelnen in der Auseinandersetzung mit den Kommentaren auch anregend sein (es gibt ein Autorenverzeichnis). – Zum Schluss zitiert der Autor drei eigene Zitate: Wahrheitsgehalt 95%, Fehler: keiner“ (164f.). Wer hätte das gedacht?

 

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Friedemann Spicker zu:
Franz Kafka: „Du bist die Aufgabe.“ Aphorismen. Hrsg., kommentiert und mit einem Nachwort von Reiner Stach. Göttingen: Wallstein 2019.

Kafkas Aphorismen haben wie sein gesamtes Werk vielfältigstes Interesse gefunden. Reiner Stach, durch seine dreibändige Kafka-Biographie auf das Beste ausgewiesen, legt jetzt „die erste kommentierte Ausgabe“ dazu vor, wie es zurückhaltend auf dem Rückumschlag heißt. (Trotzdem steht er auch auf den Schultern früherer Interpreten von Felix Weltsch 1954 bis zu Gray, Robertson, Dietzfelbinger, Hoffmann, Binder und anderen.)

In seinem Nachwort geht der Autor nach einem Seitenblick zur „Sonderstellung“ dieser „Aphorismen“, einer „definitorischen Verlegenheit“, auf Kafkas „Doppel- und Dreifachleben“ im Jahre 1917 in Zürau nach dem Ausbruch der Tuberkulose sowie auf ihre Entstehungsgeschichte ein: die beiden dort entstandenen Oktavhefte und die daraus exzerpierten 105 nummerierten Zettel. Er erläutert deren Rezeption seit 1931 durch Brod und die Nachfolgenden, als die Texte zu „Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den wahren Weg“ werden.

Stach befreit die Texte mit ihren unscharfen Begriffen wie „das Gute“ oder „die Wahrheit“ von jedem Bezug zu überlieferten Religionskonzepten; stattdessen gehe es um ein „ehrfurchtsfreies Hantieren mit mythischen Bausteinen“ (248). Seine Interpretation entwickelt von zwei Kernfragen her ihr Konzept: „Lässt sich hier so etwas wie ein Kern herausschälen? Ein systematischer Gedanke?“ (248) Es gebe keine konsistente Theorie, die Bilder seien seine Argumente. „Diese Fallhöhe zwischen extremer Abstraktion und fortwährend bezwingender Bildhaftigkeit zählt zu den wesentlichen intellektuellen Reizen der Aphorismen.“ (250)

Am Schluss arbeitet er den Zusammenhang der Aphorismen mit dem Spätwerk, besonders dem „Schloss“, heraus: „Am Ende also versucht Kafka die beiden losen Enden wieder miteinander zu verknüpfen, begriffliches und bildliches Denken mit literarischen Mitteln und in eindringlichen Denkbildern zu synthetisieren.“ (251)

Stachs Kommenter ist so angelegt, dass sich links die Nummern 1-109 des Textes finden (es gibt Unregelmäßigkeiten in Kafkas Zählung) und jeweils rechts Kommentar und Materialien: Datierung, Querverbindungen untereinander sowie zum übrigen Werk und den Briefen. (Die – vielfach spekulative – Sekundärliteratur arbeitet er zu Recht nicht explizit ein.) So zieht er zum Beispiel zu dem bekannten Aphorismus Nr. 22 „Du bist die Aufgabe. Kein Schüler weit und breit.“ nach einer Reflexion über „Du bist“ statt „Du hast“ einen Brief an Max Brod aus dem gleichen Zeitraum, die Briefe an Felice, eine weitere Notiz in dem Oktavheft und einen Tagebucheintrag von 1922 heran und verweist auf Beziehungen zu Aphorismus Nr. 94. Das ist wohltuend knapp, aber so faktengesättigt wie kernfragengeleitet.

Damit ist dieser Kommentar in jedem Fall die Grundlage für jede neuerliche Beschäftigung mit Kafkas Aphoristik.

 

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